Alexander SokurowUnglück bedeutet Gefahr

Warum nur wird die deutsche Kultur immer enger? Ein Gespräch mit dem russischen Regisseur Alexander Sokurow über seinen "Faust"-Film. von Thomas E. Schmidt

Der Regisseur Alexander Sokurow

Der Regisseur Alexander Sokurow  |  © 2007–2012 MFA+ Filmdistribution

DIE ZEIT: Herr Sokurow, Ihr Faust- Film ist der letzte Teil einer Tetralogie über das Böse. Hitler, Lenin und dem japanischen Kaiser Hirohito haben Sie bereits Filme gewidmet. Wie kam es zu diesem Projekt?

Alexander Sokurowr: Die Idee dazu habe ich im Dezember 1980 in mein Tagebuch notiert. Damals in der Sowjetunion dachte ich natürlich nicht im Traum daran, dass ich sie eines Tages tatsächlich würde verwirklichen können. Ich machte für mich Notizen und stellte mir die Bilder vor. Zu keinem Zeitpunkt ging es mir um eine "Verfilmung" des Faust. Das ist mit den Mitteln des Spielfilms auch gar nicht zu machen.

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ZEIT: Was verbindet Faust mit den anderen?

Sokurow: Hitler, Lenin und Hirohito verbindet das 20. Jahrhundert. Sie setzten die Kräfte der Moderne frei und bündelten sie, auf eine zerstörerische Weise, aber unter dem Anspruch, das Gute zu befördern. Lenin wollte den neuen Menschen erschaffen, Hirohito im Namen einer asiatischen Herrenrasse die Welt beherrschen, und Hitlers Taten kennen Sie besser als ich. Mit diesen Namen ist eine unendliche Zahl von Opfern verbunden. Aber mich interessierte nicht die Historie, mich interessierten vielmehr die Personen. Und über das Menschliche kann ich nicht richten. Für die Kunst ist das menschliche Schicksal wichtig. Alle waren extrem unglückliche Menschen, besonders Faust. Und Goethe hat sehr früh bemerkt: Die unglücklichen Menschen sind gefährlich.

ZEIT: Gibt es eine Linie von Faust zu Hitler?

Sokurow: Davon bin ich überzeugt. Faust ist ein Mensch, der ein enormes energetisches Potenzial entfaltet. Aus Fausts Energie können zehn Hitlers entstehen, seine Kraft kann zu allen denkbaren Taten verleiten. Goethe war der Erste, der die Idee zum Ausdruck brachte, man könne einen komplett neuen Menschen erschaffen, vollkommen neue Verhältnisse, eine neue Kultur – ohne Bindung an irgendetwas Vergangenes –, lange bevor die drei anderen begannen, dies in die Wirklichkeit umzusetzen. In Russland hat dann Dostojewski zum ersten Mal die Frage aufgeworfen, ob der Mensch nicht das Recht habe, einen anderen zu töten, ob das nicht erlaubt sei. Wir wissen heute, dass die Oberen des "Dritten Reiches" Dostojewski sehr aufmerksam lasen. Und auch Faust hatte einen Platz im Propagandasystem des Regimes, ebenso wie bei den Bolschewisten.

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ZEIT: Nun ist Faust in Deutschland niemals nur eine negative Figur gewesen. Mit ihm verbinden sich ja auch Neugier, Weltoffenheit, Vernunft, die Kräfte der Aufklärung. Was ist er für Sie?

Sokurow: Mich als Künstler interessiert das Individuum. Ich möchte wissen, warum ein Mensch so handelt, wie er handelt, beispielsweise warum genau Faust das Gretchen verrät. Nach dem Film weiß ich, wohin Faust streben muss, obwohl er etwas anderes will, und wieso er keines der Versprechen, die er sich und der Menschheit gab, einlösen kann. Ich weiß nun, warum ich ihm nicht traue.

ZEIT: Also sind Ihre Filme Erkundungen der menschlichen Natur, an der Sie immer wieder noch etwas Neues entdecken?

Sokurow: Genauso ist es. Ich bin nicht der liebe Gott der Geschichte, der schon alles weiß. Ich muss mir das Wissen schrittweise erobern. In der Tetralogie sind alle Figuren wie in einem Quadrat miteinander verbunden. Die Distanz ist jeweils die gleiche. Man kann nicht sagen, wer der Wichtigste ist. In der Geschichtsschreibung ist ein solches Quadrat nicht denkbar, sie verfährt anders. Mit den Mitteln der Kunst aber kann ich sagen: Egal, wohin wir uns historisch wenden, auf eine dieser Figuren werden wir treffen. Das ist ein unendlicher Prozess. So gesehen, ist Faust die Jugend der anderen drei. Und wenn wir diese drei als Menschen betrachten, werden wir finden, dass sich auch in ihrem Leben jeweils ein faustischer Bruch ereignet hat, dass sie irgendwann jemanden verraten haben. Da ist eine tiefe innere Aggression am Werk. Ich versuche mit meinen künstlerischen Mitteln dem 20. Jahrhundert auf die Spur zu kommen, meine Erklärung zu finden für zwei Weltkriege und die schlimmste Revolution aller Zeiten.

ZEIT: Es gibt in Deutschland ebenso wie in Russland die weitverbreitete Ansicht, das 20. Jahrhundert sei vorüber, endgültig Geschichte geworden, und wir hätten die Kraft, unbefangen neu zu beginnen. Wie ist Ihre Position?

Sokurow: Für mich ist nach der Untersuchung dieser vier Fälle vor allem wichtig, dass wir unsere Fehler nicht wiederholen, nicht sagen können: Das 20. ist genauso wie das 21. Jahrhundert. Denn alle Antworten, die das 20. gegeben hat, waren falsch. Aber Goethe hat das alles vorhergesehen, er hat die Fragen aufgeworfen, und er hat auch die falschen Antworten bereits vorweggenommen.

Leserkommentare
  1. Eine profunde Wahrheit.
    Es müsste unser aller Ansinnen und damit auch das Ansinnen eines Staates sein, alles nur Mögliche zu tun, damit möglichst viele Menschen so zufrieden und glücklich wie nur möglich sind.
    Aus Intelligenz. Aus Klugheit. Aus Weisheit.
    Das genaue Gegenteil ist der Fall:
    Durch immer mehr Wettbewerb werden immer mehr unglückliche Verlierer erzeugt. Fängt schon im Kindergarten an.
    Durch Diskriminierung von Minderheiten und Randgruppen werden viele Menschen unglücklich gemacht.
    Leider gibt es sehr viele bornierte Menschen, die diese Zusammenhänge nicht sehen wollen.
    Von Künstlern kann man oft sehr viel mehr lernen als von Philosphen, oder gar von Priestern.
    Wer sich zum Beispiel mit Goethes Faust auseinandergesetzt hat, weiß wesentlich mehr vom Leben als durch ein Philosophie- oder Psychologiestudium. Vom Theologiestudium ganz zu schweigen.
    Wie sagt Goethes Faust:
    "Habe nun, ach! Philosophie,
    Juristerei und Medizin,
    Und leider auch Theologie!
    Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
    Da steh ich nun, ich armer Tor!
    Und bin so klug als wie zuvor; ..."

    • kerle51
    • 20. Januar 2012 20:38 Uhr

    Faust ist nichts als ein Archetypus, eine Gestalt, die es womöglich gab oder nicht gab. Auf diese Gestalt, geschaffen von unbekannten Erzählern quasi als "Summe" aller Gestalten, die sie getroffen hatten oder gerne getroffen hätten, aufgeschrieben von einem unbekannten Autoren, haben Menschen ihre dunklen Eigenschaften projiziert. Goethe und alle Faust-Bearbeiter, die vor und nach ihm kamen, haben mit diesen Projektionen gespielt. Man bedenke, die Leute hatten keinen Fernseher, sie haben sich am Lagerfeuer oder Ofen/Herd Geschichten erzählt. Diese Geschichten waren ebenso übertrieben wie unsere heutigen Film-Geschichten. Wer findet Normalität auch unterhaltsam?
    Hitler war dagegen eine reale, gruselige Gestalt, ein geschulter Magier, dem Neue Medien wie Massen-Radio und Filmdramaturgie zur Verfügung stand. Er wurde von einem noch gruseligeren Kreis von etablierten Schwarzmagiern ("Thule-Kreis") und anderen eingesetzt, um die gegen Ende des 18. Jahrhunderts von interessierten Kreisen geplante Geschichte Europas und vor allem Deutschlands in Phase II zu vollstrecken. Vorher war Hitler ein Nichts, ein Soziopath.

  2. Versager, der heute H4 Empfänger wäre. Er hatte aber die Gabe, die Elenden um sich zu scharen. Und dies gelang ihm auch nur mit Hilfe der Stadt Braunschweig, die dem Staatenlosen zur deutschen Staatsbürgerschaft verhalf und letzlich zum Posten des Reichskanzlers.
    Den heutigen "Elenden" geht es viel besser als vor 80 Jahren, aber die Macher heute sollten Obacht geben: es knirscht bereits bedenklich im Getriebe!

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    Vielleicht was er eher ein Hochstapler der die Zeit für sich nutzen konnt.

    Die eigentliche Machtergreifung ist ihm ja nicht in den Schoß gefallen, da steckte schon vie Druck dahinter.
    Bis er Bismarck so weit hatte ist schon Zeit vergangen.

    Kristallnacht und der Wannseh waren noch weit weg und ein neuerlicher Krieg stan.d noch in den Kinderschuhen.

    Nur wer sich die Mühe machte seinen Kampf gründlich zu lesen konnte den Untergang spüren.

    • gojko
    • 21. Januar 2012 1:05 Uhr

    Hitler war also ein Versager, der heutzutage ein H4ler wäre?
    Das heißt letztlich, die überwiegende Mehrheit der Deutschen waren dümmer als ein Versager?

    Ha, das glaubst Du doch wohl selber nicht.
    Versuch' mal, Dich aus Deiner eigenen Propaganda zu befreien.

    Es ist schon etwas dran, dass die vom Leben oder von der Natur Benachteiligten mitunter am gefährlichsten sind. Denken Sie nur an Goebbels' Klumpfuß.

  3. Vielleicht was er eher ein Hochstapler der die Zeit für sich nutzen konnt.

    Die eigentliche Machtergreifung ist ihm ja nicht in den Schoß gefallen, da steckte schon vie Druck dahinter.
    Bis er Bismarck so weit hatte ist schon Zeit vergangen.

    Kristallnacht und der Wannseh waren noch weit weg und ein neuerlicher Krieg stan.d noch in den Kinderschuhen.

    Nur wer sich die Mühe machte seinen Kampf gründlich zu lesen konnte den Untergang spüren.

    Antwort auf "Hitler war ein"
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    als Bismarck starb war Hitler (Schicklgruber) gerade mal 10 oder 11 Jahre alt.

  4. Warum eine Verfilmung von Faust? Gibt es doch schon in bester Qualität:

    http://www.youtube.com/wa...

    @Weltenseher

    Ich glaub Bismarck hat sich eher einen Dreck um die Bauernfamile Hitler aus Österreich geschert...

  5. Goethe war der Erste, der die Idee zum Ausdruck brachte, man könne einen komplett neuen Menschen erschaffen, vollkommen neue Verhältnisse, eine neue Kultur – ohne Bindung an irgendetwas Vergangenes –, lange bevor die drei anderen begannen, dies in die Wirklichkeit umzusetzen.

    Hört sich an, wie die Verhältnisse, welche sich einige Wünschen. Der Weltbürger. Schön wie der Autor gnadenlos die Gedanken einiger bennent, welche sich auch noch für gute Menschen halten.

    • gojko
    • 21. Januar 2012 1:05 Uhr

    Hitler war also ein Versager, der heutzutage ein H4ler wäre?
    Das heißt letztlich, die überwiegende Mehrheit der Deutschen waren dümmer als ein Versager?

    Ha, das glaubst Du doch wohl selber nicht.
    Versuch' mal, Dich aus Deiner eigenen Propaganda zu befreien.

    Antwort auf "Hitler war ein"
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    sondern ein Versager, ein Psychopath von unbekannten Mächten getrieben, die letzlich 50 Mill. Tote forderten.
    Auch die heutigen Versager sind nicht alle dumm...Mit studierten kannst die "Straße pflastern"! Mangels Chancen fahren sie Taxi...besonders viele in Berlin.

  6. Das Faust-Thema ist elemetar und allgegenwärtig und man kann sich das in allen möglichen guten Versionen immer wieder reinziehen. Und ich glaube, dieser Film ist eine erlebniswerte Variation. Vielen Dank für den Hinweis!

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