DIE ZEIT: Herr Sokurow, Ihr Faust- Film ist der letzte Teil einer Tetralogie über das Böse. Hitler, Lenin und dem japanischen Kaiser Hirohito haben Sie bereits Filme gewidmet. Wie kam es zu diesem Projekt?

Alexander Sokurowr: Die Idee dazu habe ich im Dezember 1980 in mein Tagebuch notiert. Damals in der Sowjetunion dachte ich natürlich nicht im Traum daran, dass ich sie eines Tages tatsächlich würde verwirklichen können. Ich machte für mich Notizen und stellte mir die Bilder vor. Zu keinem Zeitpunkt ging es mir um eine "Verfilmung" des Faust. Das ist mit den Mitteln des Spielfilms auch gar nicht zu machen.

ZEIT: Was verbindet Faust mit den anderen?

Sokurow: Hitler, Lenin und Hirohito verbindet das 20. Jahrhundert. Sie setzten die Kräfte der Moderne frei und bündelten sie, auf eine zerstörerische Weise, aber unter dem Anspruch, das Gute zu befördern. Lenin wollte den neuen Menschen erschaffen, Hirohito im Namen einer asiatischen Herrenrasse die Welt beherrschen, und Hitlers Taten kennen Sie besser als ich. Mit diesen Namen ist eine unendliche Zahl von Opfern verbunden. Aber mich interessierte nicht die Historie, mich interessierten vielmehr die Personen. Und über das Menschliche kann ich nicht richten. Für die Kunst ist das menschliche Schicksal wichtig. Alle waren extrem unglückliche Menschen, besonders Faust. Und Goethe hat sehr früh bemerkt: Die unglücklichen Menschen sind gefährlich.

ZEIT: Gibt es eine Linie von Faust zu Hitler?

Sokurow: Davon bin ich überzeugt. Faust ist ein Mensch, der ein enormes energetisches Potenzial entfaltet. Aus Fausts Energie können zehn Hitlers entstehen, seine Kraft kann zu allen denkbaren Taten verleiten. Goethe war der Erste, der die Idee zum Ausdruck brachte, man könne einen komplett neuen Menschen erschaffen, vollkommen neue Verhältnisse, eine neue Kultur – ohne Bindung an irgendetwas Vergangenes –, lange bevor die drei anderen begannen, dies in die Wirklichkeit umzusetzen. In Russland hat dann Dostojewski zum ersten Mal die Frage aufgeworfen, ob der Mensch nicht das Recht habe, einen anderen zu töten, ob das nicht erlaubt sei. Wir wissen heute, dass die Oberen des "Dritten Reiches" Dostojewski sehr aufmerksam lasen. Und auch Faust hatte einen Platz im Propagandasystem des Regimes, ebenso wie bei den Bolschewisten.

ZEIT: Nun ist Faust in Deutschland niemals nur eine negative Figur gewesen. Mit ihm verbinden sich ja auch Neugier, Weltoffenheit, Vernunft, die Kräfte der Aufklärung. Was ist er für Sie?

Sokurow: Mich als Künstler interessiert das Individuum. Ich möchte wissen, warum ein Mensch so handelt, wie er handelt, beispielsweise warum genau Faust das Gretchen verrät. Nach dem Film weiß ich, wohin Faust streben muss, obwohl er etwas anderes will, und wieso er keines der Versprechen, die er sich und der Menschheit gab, einlösen kann. Ich weiß nun, warum ich ihm nicht traue.

ZEIT: Also sind Ihre Filme Erkundungen der menschlichen Natur, an der Sie immer wieder noch etwas Neues entdecken?

Sokurow: Genauso ist es. Ich bin nicht der liebe Gott der Geschichte, der schon alles weiß. Ich muss mir das Wissen schrittweise erobern. In der Tetralogie sind alle Figuren wie in einem Quadrat miteinander verbunden. Die Distanz ist jeweils die gleiche. Man kann nicht sagen, wer der Wichtigste ist. In der Geschichtsschreibung ist ein solches Quadrat nicht denkbar, sie verfährt anders. Mit den Mitteln der Kunst aber kann ich sagen: Egal, wohin wir uns historisch wenden, auf eine dieser Figuren werden wir treffen. Das ist ein unendlicher Prozess. So gesehen, ist Faust die Jugend der anderen drei. Und wenn wir diese drei als Menschen betrachten, werden wir finden, dass sich auch in ihrem Leben jeweils ein faustischer Bruch ereignet hat, dass sie irgendwann jemanden verraten haben. Da ist eine tiefe innere Aggression am Werk. Ich versuche mit meinen künstlerischen Mitteln dem 20. Jahrhundert auf die Spur zu kommen, meine Erklärung zu finden für zwei Weltkriege und die schlimmste Revolution aller Zeiten.

ZEIT: Es gibt in Deutschland ebenso wie in Russland die weitverbreitete Ansicht, das 20. Jahrhundert sei vorüber, endgültig Geschichte geworden, und wir hätten die Kraft, unbefangen neu zu beginnen. Wie ist Ihre Position?

Sokurow: Für mich ist nach der Untersuchung dieser vier Fälle vor allem wichtig, dass wir unsere Fehler nicht wiederholen, nicht sagen können: Das 20. ist genauso wie das 21. Jahrhundert. Denn alle Antworten, die das 20. gegeben hat, waren falsch. Aber Goethe hat das alles vorhergesehen, er hat die Fragen aufgeworfen, und er hat auch die falschen Antworten bereits vorweggenommen.