Kreuzfahrt-Unglück"An eine Ölpest mag ich gar nicht denken"

Umweltschützer Mario Tozzi über die ökologischen Folgen des Unglücks und die machtvolle Lobby der Reeder von 

Ein Schild weist die Wanderpfade auf der Insel Giglio aus, im Hintergrund ist das Wrack der "Costa Concordia" zu sehen.

Ein Schild weist die Wanderpfade auf der Insel Giglio aus, im Hintergrund ist das Wrack der "Costa Concordia" zu sehen.  |  © Vincenzo Pinto/AFP/Getty Images)


DIE ZEIT: Der Toskanische Archipel ist einer der schönsten und größten Nationalparks Italiens . Jetzt ist er Schauplatz eines verheerenden Schiffsunglücks . Wie konnte das passieren?

Mario Tozzi: Es konnte geschehen, weil diese wunderbare Meereslandschaft rücksichtslos von riesigen Schiffen durchkreuzt wird. Ein paar Seemeilen weiter hätte die Concordia ein Manöver wie vor der Insel Giglio nicht fahren dürfen. Vor den Inseln Giannutri oder Montecristo etwa gilt ein Abstandsgebot von mindestens einer Seemeile. Auch Giglio hätte ein solches Gebot zum Schutz seiner Küste erlassen können. Aber die Gemeindeverwaltung war dagegen.

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ZEIT: Warum?

Tozzi: Es ist nicht nur für Giglio ein Problem, dass man sich vom Durchfahren der Kreuzfahrtschiffe mehr verspricht als von einem nachhaltigen Tourismus . Dabei bringen diese Riesenschiffe wirtschaftlich überhaupt nichts ein. Die 3.200 Passagiere der Concordia hätten ja keinen Fuß auf die Insel gesetzt. Sie wären wohl auch nicht später zurückgekehrt: Kreuzfahrttouristen besuchen keine abgelegenen Inseln mit nur einer Straße. Dabei ist Giglio wunderschön.

ZEIT: Nach der Havarie der Concordia müssen jetzt die Kreuzfahrtschiffe aber wohl doch ihren Kurs ändern. Umweltminister Corrado Clini will den Toskanischen Archipel für die Durchfahrt sperren, ebenso den Archipel von Ponza, die Meerenge von Messina, die Meerenengen vor Ischia und Capri und die Lagune von Venedig .

Tozzi: Hoffen wir, dass der Minister sich durchsetzen kann! Schon jetzt tönt ihm erbitterter Widerstand entgegen. Die Lobby der Reeder ist sehr stark in Italien. Dabei versteht man im Ausland sofort, welcher Wahnsinn es ist, Kreuzfahrtschiffe vor dem Markusplatz in Venedig auflaufen zu lassen! Aber nicht nur die großen Touristenschiffe sind ein Problem. Vor Venedig und im Umweltschutzgebiet Santuario dei Cetacei zwischen Genua , Korsika und Giglio verzeichnen wir einen regen Verkehr von Öltankern! Deren Reeder wollen keine Umwege in Kauf nehmen, nur weil ihnen ein Naturschutzgebiet in die Quere kommt.

ZEIT: Welche ökologische Konsequenzen hat der Untergang der Concordia?

Tozzi: Schon jetzt hat sie den Meeresboden vor der Insel Giglio in Mitleidenschaft gezogen. Sobald der Wellengang stärker wird, kann das Wrack in 70 Meter Tiefe abdriften, in diesem Fall würde das Ökosystem des Meeresbodens vollkommen zerstört. An eine Ölpest in der Toskana mag ich gar nicht denken. Die Concordia hat 2.400 Tonnen Treibstoff geladen, Spezialisten aus Rotterdam sind bereits auf der Insel eingetroffen, um den Tank leer zu pumpen. Ein schwieriges Unternehmen – auch wenn das Meer ruhig ist.

ZEIT: Was bedeutet das Schiffsunglück vor Giglio für die Toskana?

Tozzi: Es beweist, dass man sich endlich entscheiden muss zwischen einem Ex-und-hopp-Tourismus, der letztlich wenig einbringt, und einem nachhaltigen Tourismus, der besonders jene Reisenden anzieht, die immer schon gern in die Toskana kamen: Individualtouristen aus dem Norden, besonders Deutsche und Franzosen. Urlauber, die unser Archipel bereisen, weil sie unberührte Natur suchen. Und die diese Natur dann auch respektieren.

ZEIT: Solche Urlauber kamen bisher auch auf die Insel Giglio. Werden sie weiterhin kommen?

Tozzi: Ich sage Ihnen, das Wrack wird noch länger vor der Insel liegen. Und das wird einen neuen, rein italienischen Tourismus beflügeln. Italiener lieben die Trümmer ihrer eigenen Katastrophen.

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Leserkommentare
  1. Nachhaltiger Tourismus, auch so ein Unwort 2012 eine leere Worthuelse. Es gibt schon so viele Bio labels das es absolut unuebersichtlich ist. Bio is schon in Italien gefaelscht worden Olivenoel. Was passierte nicht viel. In aller Zeit die der Kasten da liegt warum ist der Riss nicht mit Platten geeschweisst worden, die Concordia so leergepumpt worden das sie geschleppt werden kann, alles etwas sehr nebuloes. Ich habe eine Freundin sie sitzt im Rollstuhl einem sportlichen aber kann kaum gehen. Die liebt Kreuzfahrten auch zum kleineren Preis, da kann sie sich mit Leuten unterhalten und hat es nie weit wo was los ist. Die kann nie auf so eine Insel....nachhaltiger Tourismus ist ja gut und schoen schliesst solche Leute sehr oft aus auch mit nur 35 Jahren.

  2. .. wird sich nichts ändern. Hauptsache "all inclusive" ist schon seit langer Zeit die Devise, auf die natürlich auch die Verantstalter aufspringen. Wer nur die Grundrechenarten beherrscht kann sich einfach berechnen wo gespart werden muss wenn jemand einen Hotel-Aufenthalt von 500 Euro inklusive Flug und "all inclusive" für eine Woche anbietet. Bei Kreuzfahrtschiffen ist das nicht anders. Warum beschweren sich dann bei einem Unglück alle?

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  3. Es gelten ueberall die selben internationalen Standarts. Ich kann 20% eines Flugtickets bezahlt haben ich sitz im selben Flieger und alle haben den selben technischen Standart, nicht die Sitzbreite, das Essen, die Getraenke, aber alle kommen gleich an.So ist das heute auch bei Hotels, Leerstand kostet mehr als am Kostenlimit zu vermieten, denn allein Ausgebucht sein schaftt die naechsten Buchungen. Das das hier keiner versteht wundert mich. Ein Flugzeug kann nicht zum Zusteigen halten, die Fixkosten sind immer gleich. Bei so einem Dampfer mit fester Route auch. Drum muss er ausgebucht werden auch bei 40% Abschlag. die kabine kann nicht die gleiche sein, aber alle anderen Angebote sind es. Was soll ich aufs Meer gucken kann ich vom Oberdeck auch, ich brauch keine Suite mit Balkon, ich hab ein Haus. Ist auch meine Kabine nur eine Innenkabine, meinem Outfit, Manieren, Benehmen sieht man es nicht an. Ich fahre einen schicken Umweltgerechten asiatischen Kleinwagen, in die Oper das Theater meist mit oeffentlichen Verkehrs Mittel. Erfordert es einen langen Rock, die grosse Robe, Taxe, denn parken ist in London in der City ein Unding und teuer.
    Auch wenn es sich noch nicht rumgeprochen hat, versagt hat hier der Kapitaen, die Linie will gerade auch in US ihre Sicherheitsregeln ueberpruefen, also lag da was im Argen, das hat nix mit dem Preis zu tun.

  4. Abstand zur Kuestenlinie, nautische Regeln hat mit Sicherheit zu tun nicht mit nachhaltigem Tourismus. So ein Schiff koennte man mit Halteseilen sichern und dann den Dreck abpumpen. Das kostet, das ist alles. ...

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  5. wenn 3000 (!) Passagiern die Insel überfluten?
    Diese Schiffe passen nicht in unsere Zeit.
    Die Zeit hat vor nicht alzu langer Zeit darüber berichtet. Sie fahren mit billigem Schweröl und verpessten die Meere.

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  • Schlagworte Tourismus | Naturschutzgebiet | Ölpest | Italien | Umweltminister | Toskana
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