Kreuzfahrt-Unglück "Eine tickende Bombe"

Sergio Ortelli, der Bürgermeister von Giglio, fürchtet um die Zukunft der Insel.

Mit schwimmenden Barrieren soll die Küste der Insel Giglio geschützt werden.

Mit schwimmenden Barrieren soll die Küste der Insel Giglio geschützt werden.

Wenn Bürgermeister Sergio Ortelli auf den Balkon seines Büros tritt und den Blick ein paar Hundert Meter hinaus aufs Meer schweifen lässt, sieht er dort das weiße, gestrauchelte Ungetüm im Wasser liegen. Es ist schuld daran, dass die ganze Welt von seiner Insel und ihren knapp 1.500 Bewohnern Notiz genommen hat. Gestern rief Italiens Premierminister Mario Monti bei Ortelli an. Selbst der Bürgermeister von New York hat vor Kurzem ein Telefonat angekündigt.

Der 55-jährige Ortelli von Berlusconis Popolo della Libertà trägt einen lila gestreiften Schal, ein goldenes Klunkerarmband, einen brillantenbesetzten Ring und eine Armani-Jeans. Zur Urlaubszeit betreibt er eine Firma, die Motorräder und Ferienwohnungen an Touristen vermittelt. Jetzt stapeln sich im Innern seines Büros fünf leere Pizzaschachteln, und auf seinem Schreibtisch liegen aktuelle Dokumente und diverse Zeitungen, deren Titelseiten noch immer den Bug der Costa Concordia zeigen. Draußen, auf der Promenade des kleinen Hafens, herrscht nach wie vor ein Gewusel wie sonst nur in der Sommersaison. Marinepolizisten, Journalisten und Taucher der Feuerwehr sind zu Hunderten auf Ortellis Insel geströmt.

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Mitunter scheint es, als genieße der Bürgermeister von Giglio die Aufmerksamkeit inmitten der Katastrophe. Dabei steht auch er selbst jetzt in der Kritik. Per E-Mail hatte er sich vor einer Weile bei einem Kapitän dafür bedankt, dass der zum Gruß recht nah an die Insel herangefahren war. »Eine schöne Tradition« werde damit fortgesetzt. Nun aber wollen es manche Inselbewohner schon immer gewusst haben, dass es sich dabei um einen recht gefährlichen Brauch handelte. Ortelli rechtfertigt sich: Weder er noch die Insel hätten von den Gästen der Kreuzfahrtschiffe profitiert. Es sei auch nur zweimal im Jahr vorgekommen, dass sich riesige Schiffe merklich näherten. Anwohner sind anderer Ansicht: Das hätte es häufiger gegeben.

Der Bürgermeister sorgt sich nun vor allem um das kristallklare Wasser, sein touristisches Juwel. Das Meer hier sei »das schönste der Welt«. Die 2.400 Tonnen Diesel aus dem Tank des Schiffes könnten die Insel auf Jahre um ihren Tourismus bringen. »Eine tickende Bombe«, sagt Ortelli. Nur wenn es sicher abgepumpt würde, glaubt er, bliebe Giglios Schönheit erhalten. »Das Schiff muss so schnell wie möglich weg – spätestens bis zum Sommer.«

Am Nachmittag muss Ortelli aufs Festland nach Grosseto zu einer Krisensitzung, er fliegt mit dem Hubschrauber. Am frühen Abend empfängt er einen Verantwortlichen der Reederei Costa, der sich bei ihm für die große Hilfsbereitschaft im Ort bedanken will. Abends um sechs steht Sergio Ortelli am Wasser direkt neben der Autofähre im Scheinwerferlicht, hinter ihm ragen die Umrisse der havarierten Costa Concordia auf, er gibt ein weiteres Interview.

Es ist frostig am Wasser, so frostig, wie es auch am vergangenen Freitag gewesen sein muss. Und es hilft nur wenig, dass Ortelli einen Mantel trägt. »Mir ist kalt, vor allem an den Beinen, lasst uns was Warmes trinken«, sagt er. Einer seiner Mitarbeiter steht im Caffè Ferraro an, dem einzigen geöffneten Café der Insel, und bringt anschließend einen warmen Likör mit Mandarinengeschmack nach draußen. Sergio Ortelli will sich jetzt kurz einmal ausruhen.

 
Leser-Kommentare
  1. So ein weltbekanntes Schiffswrack ist doch eine Sehenswürdigkeit, die vermarktet werden könnte...

    Eine Leser-Empfehlung
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    für viele Zeitgenossen scheint mir diese Ansicht zu sein.
    Am besten noch auf den sichtbaren Teil des Schiffes ein Spruchband: "In diesem Schiffswrack starben x Menschen, von denen sich einige noch im Inneren befinden".

    für viele Zeitgenossen scheint mir diese Ansicht zu sein.
    Am besten noch auf den sichtbaren Teil des Schiffes ein Spruchband: "In diesem Schiffswrack starben x Menschen, von denen sich einige noch im Inneren befinden".

  2. für viele Zeitgenossen scheint mir diese Ansicht zu sein.
    Am besten noch auf den sichtbaren Teil des Schiffes ein Spruchband: "In diesem Schiffswrack starben x Menschen, von denen sich einige noch im Inneren befinden".

    Antwort auf "Sehenswürdigkeit"
  3. hat im wahrsten Sinne des Wortes "noch einige Leichen im Keller". Wie wäre es denn, vor gefährlichen Hafeneinfahrten
    oder Stellen, an denen vorbeifahrende Kapitäne gerne protzen,
    eine Bojenkette als Abstandshalter zu verlegen.

  4. Wieso wird die Fähre nicht mit Stahlseilen an den Felsen fixiert???
    Stattdessen schaut man fast schon fatalistisch zu, wie sie peu à peu immer weiter abrutscht und die Taucher riskieren ihr Leben auf der Suche nach Überlebenden. Wie will man später, wenn die Fähre wirklich sinken sollte, das Öl da raus bekommen?

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    Ich bin wahrlich kein Experte, wenn es darum geht Schiffe zu bergen. Aber 114.000 Tonnen mit Stahlseilen fixieren? An einem Riff oder Sandbank? Also ich hab da meine Zweifel...
    Im übrigen ist die Costa Conordia keine Fähre sondern ein Kreuzfahrtschiff...

    Zum Artikel selbst möchte ich sagen: Die Sensationslust der Menschen ist nur durch ihre Geldgier zu übertreffen.

    Liebe Grüße

    ipadnutzer

    Ich bin wahrlich kein Experte, wenn es darum geht Schiffe zu bergen. Aber 114.000 Tonnen mit Stahlseilen fixieren? An einem Riff oder Sandbank? Also ich hab da meine Zweifel...
    Im übrigen ist die Costa Conordia keine Fähre sondern ein Kreuzfahrtschiff...

    Zum Artikel selbst möchte ich sagen: Die Sensationslust der Menschen ist nur durch ihre Geldgier zu übertreffen.

    Liebe Grüße

    ipadnutzer

  5. Ich bin wahrlich kein Experte, wenn es darum geht Schiffe zu bergen. Aber 114.000 Tonnen mit Stahlseilen fixieren? An einem Riff oder Sandbank? Also ich hab da meine Zweifel...
    Im übrigen ist die Costa Conordia keine Fähre sondern ein Kreuzfahrtschiff...

    Zum Artikel selbst möchte ich sagen: Die Sensationslust der Menschen ist nur durch ihre Geldgier zu übertreffen.

    Liebe Grüße

    ipadnutzer

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Festbinden!!"
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    Ich bin nicht der Erste, der diesen Gedanken hatte?
    http://www.guardian.co.uk...
    Ob Fähre oder Kreuzfahrtschiff ist doch vollkommen wurscht, z.B. wird die Costa auch im englischen als ferry bezeichnet.

    "Aber 114.000 Tonnen mit Stahlseilen fixieren? An einem Riff oder Sandbank? " Wie Karlos111 schon ganz richtig bemerkte, es geht doch nicht darum, den Koloss in die Luft zu heben, zudem sieht doch wirklich jeder auf den Fotos, dass die Costa nicht vor ner Sandbank liegt, sondern vor einem Felsen. Also Leinen los und festmachen!!! Wieso ist Greenpeace noch nicht unterwegs, die sind doch sonst bei jeder drohenden Katastrophe die Ersten am Ort?

    Ich bin nicht der Erste, der diesen Gedanken hatte?
    http://www.guardian.co.uk...
    Ob Fähre oder Kreuzfahrtschiff ist doch vollkommen wurscht, z.B. wird die Costa auch im englischen als ferry bezeichnet.

    "Aber 114.000 Tonnen mit Stahlseilen fixieren? An einem Riff oder Sandbank? " Wie Karlos111 schon ganz richtig bemerkte, es geht doch nicht darum, den Koloss in die Luft zu heben, zudem sieht doch wirklich jeder auf den Fotos, dass die Costa nicht vor ner Sandbank liegt, sondern vor einem Felsen. Also Leinen los und festmachen!!! Wieso ist Greenpeace noch nicht unterwegs, die sind doch sonst bei jeder drohenden Katastrophe die Ersten am Ort?

  6. Ich bin nicht der Erste, der diesen Gedanken hatte?
    http://www.guardian.co.uk...
    Ob Fähre oder Kreuzfahrtschiff ist doch vollkommen wurscht, z.B. wird die Costa auch im englischen als ferry bezeichnet.

    Antwort auf "Stahlseile?"
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    Ursache dafür sind zum einen der Untergrund - zu einem Teil liegt das Wrack auf Sand, zu einem anderen auf Fels - sowie das Eigengewicht des Schiffes. Auch die Schäden am Rumpf durch die Kollision mit dem Felsen sowie die zahlreichen Sprengungen tragen nicht sonderlich zur Stabilität des Wracks bei - hinzu kommt die bald fortschreitende Korrosion und Schäden, die durch Stürme und den damit verbundenen Wellenschlag entstehen.

    Was mit dem Wrack geschehen wird, konnte man am Wrack der "American Star" vor Fuerteventura eindrucksvoll beobachten.

    Ursache dafür sind zum einen der Untergrund - zu einem Teil liegt das Wrack auf Sand, zu einem anderen auf Fels - sowie das Eigengewicht des Schiffes. Auch die Schäden am Rumpf durch die Kollision mit dem Felsen sowie die zahlreichen Sprengungen tragen nicht sonderlich zur Stabilität des Wracks bei - hinzu kommt die bald fortschreitende Korrosion und Schäden, die durch Stürme und den damit verbundenen Wellenschlag entstehen.

    Was mit dem Wrack geschehen wird, konnte man am Wrack der "American Star" vor Fuerteventura eindrucksvoll beobachten.

  7. Ursache dafür sind zum einen der Untergrund - zu einem Teil liegt das Wrack auf Sand, zu einem anderen auf Fels - sowie das Eigengewicht des Schiffes. Auch die Schäden am Rumpf durch die Kollision mit dem Felsen sowie die zahlreichen Sprengungen tragen nicht sonderlich zur Stabilität des Wracks bei - hinzu kommt die bald fortschreitende Korrosion und Schäden, die durch Stürme und den damit verbundenen Wellenschlag entstehen.

    Was mit dem Wrack geschehen wird, konnte man am Wrack der "American Star" vor Fuerteventura eindrucksvoll beobachten.

    Antwort auf "Festbinden!!"
  8. Ich weiss nicht, woher die Rechengrösse von 114 000 Tonnen kommt, aber imho ist sie falsch. Der Kahn soll nicht hochgehoben werden. Das Teil liegt auf einer schiefen Ebene.
    Aufgefangen werden müssen also nur die Kräfte, die das Schiff gleiten lassen würden, also ein kleiner Bruchteil des Gesamtgewichts. Es gibt sehr dicke Schiffstaue aus Kunstfaser,
    die zudem elastisch sind und Bewegungen abfedern.

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