Es gibt deutsche Biografien, die exemplarisch sind für ihre Zeit und trotzdem aus dem Rahmen fallen. Wenn etwa die eigene Nazivergangenheit verleugnet wurde und so auch nicht zum Hindernis für gute Beziehungen zu den Opfern des Holocaust geraten konnte. Fast zwanzig Jahre nach dem Tod des evangelischen Theologen Otto Michel (1903 bis 1993) stellt sich heraus, dass das Leben des angesehenen Universitätsprofessors in diese Kategorie fällt.

In seiner zweiten Lebenshälfte hatte der Neutestamentler sich einen Namen als Brückenbauer zwischen Christen und Juden gemacht. In der jungen Bundesrepublik knüpfte er Kontakte zu Rabbinern und israelischen Gelehrten. Sie kamen als Gastdozenten in das 1957 von ihm gegründete Institutum Judaicum der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen , eines der ersten Institute, an denen überhaupt wieder Judaistik gelehrt wurde. Unter Otto Michels Ägide reifte mehr als eine Generation von deutschen Theologen heran, die sich für das geschichtlich-kulturelle Umfeld interessierten, aus dem das Christentum entstand. Allein der Ansatz, sich mit dem jüdischen Erbe von Jesus zu befassen, war damals ein wichtiger Fortschritt. Michel nannte es »Rückkehr zum hebräischen Denken«. Doch sein Beitrag zur Versöhnung ruhte auf einem Lügensockel.

Denn Michel hatte sowohl der NSDAP angehört (der er gleich zweimal beitrat, 1930 vorübergehend und 1933 endgültig) wie auch der SA (er trat ihr 1933 bei und schied 1936 aus gesundheitlichen Gründen aus). Doch öffentlich hat er das zeitlebens verschwiegen. Selbst in seiner 1989 erschienenen Autobiografie Anpassung oder Widerstand verliert er darüber kein einziges Wort. Schlimmer noch: Dieser joviale Prediger, der von der Kanzel herab gern polternd Aufrichtigkeit forderte, stilisierte sich bei Bedarf zum Widerständler – weil er seit 1933 der Bekennenden Kirche angehört hatte. Wie viele Protestanten damals sah er aber die Bekennende Kirche nicht als Alternative zum Nationalsozialismus, sondern zu den Deutschen Christen.

Den Anstoß dafür, dass jetzt sein guter Nachkriegsruf ruiniert ist, lieferte Michel ungewollt selbst posthum. In seinem Nachlass fand sich 1993 eine hölzerne Standscheibe von einer Thorarolle, die er sich wenige Monate vor seinem Tod in Sichtweite zum Bett aufgestellt hatte. Ohne genau zu wissen, worum es sich bei diesem Gegenstand mit hebräischer Inschrift handelte, gaben seine Töchter ihn ans Tübinger Stadtmuseum. Dort lagerte er, bis sich letztes Jahr herausstellte, dass er aus Polen stammt – und zwar aus Zgierz, unweit von Łódź. Der polnische Jude Josef Zwi Spiro hatte die Thorarolle nach dem Tod seiner Mutter 1922 der heimatlichen Synagoge gestiftet. Name, Ort und Datum sind bis heute gut lesbar in das mit Perlmutt besetzte Relikt eingraviert. Doch wie fand es den Weg zu Otto Michel nach Tübingen?

Diese Frage stellt nun hartnäckig der israelische Psychologe Avner Falk, der vom Schwäbischen Tagblatt als Enkel des Stifters und somit als einer der rechtmäßigen Erben ausgemacht wurde. Spiro wurde im Holocaust ermordet. Dem Enkel überreichte Ende November der Tübinger Bürgermeister in einer Rathauszeremonie das Relikt. Eine versöhnliche Geste, aber mit ihr beginnt die Suche nach der Wahrheit erst richtig.

Kurz vor Michels Tod habe sie diesen Gegenstand zum ersten Mal gesehen, erzählt dessen jüngste Tochter, Angela Müllenbach-Michel, heute 62, deren Wege sich nun mit denen Avner Falks im Streit um die Einsicht in Otto Michels Personalakte im Archiv der Universität Halle kreuzen. Dort war der Theologe in den dreißiger Jahren Dozent und später auch Standortpfarrer gewesen.

Der Zugang zu diesem Wissen ist allerdings ungleich geregelt. Während deutsche Forscher nach der Wende bei Recherchen zur Universitätsgeschichte unter anderen auch diese Akte einsehen durften, soll das nun nicht mehr für Avner Falk gelten. Nach dem endgültigen Bescheid der Universität Halle wollte man keine Daten über Michel preisgeben, die »unter dem Schutz des Gesetzes stehen und der ausdrücklichen Erklärung der Töchter des Verstorbenen widersprechen«. Dass die Hallenser ihre Aktensperre ausgerechnet auf den 9. November (den Jahrestag der Pogromnacht) datierten, mag Zufall sein, von besonderer Feinfühligkeit zeugt es nicht.