Otto Michel Freund der Juden?

Der evangelische Theologe Otto Michel, der nach 1945 für eine neue deutsche Judaistik stand, verschwieg seine braune Herkunft.

Es gibt deutsche Biografien, die exemplarisch sind für ihre Zeit und trotzdem aus dem Rahmen fallen. Wenn etwa die eigene Nazivergangenheit verleugnet wurde und so auch nicht zum Hindernis für gute Beziehungen zu den Opfern des Holocaust geraten konnte. Fast zwanzig Jahre nach dem Tod des evangelischen Theologen Otto Michel (1903 bis 1993) stellt sich heraus, dass das Leben des angesehenen Universitätsprofessors in diese Kategorie fällt.

In seiner zweiten Lebenshälfte hatte der Neutestamentler sich einen Namen als Brückenbauer zwischen Christen und Juden gemacht. In der jungen Bundesrepublik knüpfte er Kontakte zu Rabbinern und israelischen Gelehrten. Sie kamen als Gastdozenten in das 1957 von ihm gegründete Institutum Judaicum der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen, eines der ersten Institute, an denen überhaupt wieder Judaistik gelehrt wurde. Unter Otto Michels Ägide reifte mehr als eine Generation von deutschen Theologen heran, die sich für das geschichtlich-kulturelle Umfeld interessierten, aus dem das Christentum entstand. Allein der Ansatz, sich mit dem jüdischen Erbe von Jesus zu befassen, war damals ein wichtiger Fortschritt. Michel nannte es »Rückkehr zum hebräischen Denken«. Doch sein Beitrag zur Versöhnung ruhte auf einem Lügensockel.

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Denn Michel hatte sowohl der NSDAP angehört (der er gleich zweimal beitrat, 1930 vorübergehend und 1933 endgültig) wie auch der SA (er trat ihr 1933 bei und schied 1936 aus gesundheitlichen Gründen aus). Doch öffentlich hat er das zeitlebens verschwiegen. Selbst in seiner 1989 erschienenen Autobiografie Anpassung oder Widerstand verliert er darüber kein einziges Wort. Schlimmer noch: Dieser joviale Prediger, der von der Kanzel herab gern polternd Aufrichtigkeit forderte, stilisierte sich bei Bedarf zum Widerständler – weil er seit 1933 der Bekennenden Kirche angehört hatte. Wie viele Protestanten damals sah er aber die Bekennende Kirche nicht als Alternative zum Nationalsozialismus, sondern zu den Deutschen Christen.

Den Anstoß dafür, dass jetzt sein guter Nachkriegsruf ruiniert ist, lieferte Michel ungewollt selbst posthum. In seinem Nachlass fand sich 1993 eine hölzerne Standscheibe von einer Thorarolle, die er sich wenige Monate vor seinem Tod in Sichtweite zum Bett aufgestellt hatte. Ohne genau zu wissen, worum es sich bei diesem Gegenstand mit hebräischer Inschrift handelte, gaben seine Töchter ihn ans Tübinger Stadtmuseum. Dort lagerte er, bis sich letztes Jahr herausstellte, dass er aus Polen stammt – und zwar aus Zgierz, unweit von Łódź. Der polnische Jude Josef Zwi Spiro hatte die Thorarolle nach dem Tod seiner Mutter 1922 der heimatlichen Synagoge gestiftet. Name, Ort und Datum sind bis heute gut lesbar in das mit Perlmutt besetzte Relikt eingraviert. Doch wie fand es den Weg zu Otto Michel nach Tübingen?

Diese Frage stellt nun hartnäckig der israelische Psychologe Avner Falk, der vom Schwäbischen Tagblatt als Enkel des Stifters und somit als einer der rechtmäßigen Erben ausgemacht wurde. Spiro wurde im Holocaust ermordet. Dem Enkel überreichte Ende November der Tübinger Bürgermeister in einer Rathauszeremonie das Relikt. Eine versöhnliche Geste, aber mit ihr beginnt die Suche nach der Wahrheit erst richtig.

Kurz vor Michels Tod habe sie diesen Gegenstand zum ersten Mal gesehen, erzählt dessen jüngste Tochter, Angela Müllenbach-Michel, heute 62, deren Wege sich nun mit denen Avner Falks im Streit um die Einsicht in Otto Michels Personalakte im Archiv der Universität Halle kreuzen. Dort war der Theologe in den dreißiger Jahren Dozent und später auch Standortpfarrer gewesen.

Der Zugang zu diesem Wissen ist allerdings ungleich geregelt. Während deutsche Forscher nach der Wende bei Recherchen zur Universitätsgeschichte unter anderen auch diese Akte einsehen durften, soll das nun nicht mehr für Avner Falk gelten. Nach dem endgültigen Bescheid der Universität Halle wollte man keine Daten über Michel preisgeben, die »unter dem Schutz des Gesetzes stehen und der ausdrücklichen Erklärung der Töchter des Verstorbenen widersprechen«. Dass die Hallenser ihre Aktensperre ausgerechnet auf den 9. November (den Jahrestag der Pogromnacht) datierten, mag Zufall sein, von besonderer Feinfühligkeit zeugt es nicht.

Michels Tochter Angela hingegen, die sich seit vielen Jahren in der Christlich-Jüdischen Gesellschaft engagiert, hat zwar für Falks Fragen Verständnis, konnte sich aber nicht gegen das Veto ihrer älteren Schwester durchsetzen. Beide wollen die Privatsphäre ihres Vaters geschützt sehen, zumal sich, wie Angela Michel sagt, in der Akte nichts zur Herkunft der Thorascheibe finde. Ihr Vater habe diesen Gegenstand übrigens als »ihm heilig« bezeichnet. Sie erinnert sich aber, dass ihr die Mutter nach dem Krieg erzählte, ihr Vater habe von einer Tübinger Bürgerin einen hölzernen Gegenstand erhalten, der aus der Asche der Tübinger Synagoge stammte. Doch das kann nicht stimmen, denn die Synagoge in Tübingen brannte bereits 1938 in der Pogromnacht nieder, während die Synagoge im 820 km entfernten Zgierz erst ein Jahr später, nach dem Einmarsch der Deutschen, zerstört wurde. Wie hätte ein sakraler Gegenstand, der für Zgierz gestiftet wurde, vor 1938 nach Tübingen gelangen sollen?

Nach dem Pogrom von Zgierz, also zwischen dem 7. und 10. September 1939, vergruben die wenigen überlebenden Juden die Überbleibsel aus ihrer Synagoge auf dem Friedhof. Die Deutschen gruben sie wieder aus und brachten sie ins nahe Łódź, später von ihnen Litzmannstadt genannt. Derartige Reliquien kamen dann als Raubgut nach Deutschland. Es ist durchaus denkbar, dass der Standortpfarrer Michel die Thorascheibe auf diesem Weg erwarb. Oder erhielt er sie erst viel später, als er sich in Tübingen einen Ruf als Judaist gemacht hatte? Sicher ist: Als Experte wusste er, dass solche jüdischen Relikte nach dem Krieg meist von ermordeten Juden stammten. Und: Er hütete das Geheimnis »seiner« Thorascheibe lebenslang.

Ohne die Wiedervereinigung wäre die Sache vermutlich nie ans Licht gekommen. Nach der Wende war die Personalakte Otto Michel Nr.11446 im Universitätsarchiv Halle zeitweise zugänglich. Einer, der Einsicht nahm, ist der Münchner Religionswissenschaftler Horst Junginger, der sich mit der braunen Vergangenheit deutscher Universitäten beschäftigt. Bei seinen Recherchen stieß er auf belastendes Material über Michel. »Politisch habe ich niemals einer anderen Partei angehört als der NSDAP«, schrieb dieser 1939. Und: »Ich habe 1933-1936 in drei verschiedenen aktiven Stürmen der SA Dienst getan, obwohl ich zeitlich ein nicht unbeträchtliches Opfer bringen musste. Aber ich war gern in der SA und verdanke ihr manche schöne Erinnerung.« Später, nach dem Krieg, wird Michel dann von sich behaupten: »Ich bin wohl der Hallenser Dozent und Assistent, der den stärksten Widerspruch, auch öffentlich, gegen den Nationalsozialismus geleistet hat.«

Dieses Image als Widerständler pflegte Michel auch in Israel. Einreisen konnte er dort – trotz seines Jahrgangs 1903 –, ohne wie andere dieser Altersgruppe über seine Vergangenheit Rechenschaft ablegen zu müssen, weil er ja Geistlicher war. In seiner Autobiografie erinnert sich Michel, wie ihn der deutsch-jüdische Gelehrte Gershom Scholem in Jerusalem nach seinem Umgang mit alten Nazis, die immer noch in Deutschland lehrten, und nach seiner eigenen Vergangenheit im »Dritten Reich« fragte. Als Antwort zog Michel seine abgegriffene Mitgliedskarte der Bekennenden Kirche als »Dokument des Widerstands« aus der Tasche. Zu seinen Kollegen an der Universität sagte er nur vage: »Es mögen manche Wissenschaftler wieder im Amt sein, die sich etwas vorzuwerfen haben. Über wen soll ich Nachforschungen anstellen? Mit wem soll ich brechen? Können Sie das in einem Volk überhaupt festlegen?«

In älteren Tübinger Theologenkreisen soll Michels Nazivergangenheit ein offenes Geheimnis gewesen sein. Michels (inzwischen verstorbene) Frau soll erleichtert gewesen sein, als 2003, zehn Jahre nach seinem Tod, in einem Gedenkband der dunkle Fleck in seiner Vergangenheit erstmals publik wurde. Seine Studenten wussten jedenfalls nichts davon. Auch nicht der Theologe Michael Krupp, der in den sechziger Jahren bei ihm promovierte. Er war fünf Jahre Michels Assistent und ist nun »erschüttert«, wenn auch »nicht verwundert«, weil »die Verdrängung ja symptomatisch« gewesen sei. Rückblickend bezeichnet er Michel als »merkwürdigen Mann – ängstlich, aber nicht antisemitisch«. »Er hatte ein schweres Leben im Kreis der alten Nazis, die an der Universität immer noch das Sagen hatten. Zugleich verfügte er über ein unwahrscheinliches Gespür für die alten Texte des Judentums; er konnte sie immer richtig einordnen.«

Was die Frage aufwirft, ob man Mitglied der SA gewesen sein konnte, ohne Antisemit zu sein? Der heutige Nahost-Korrespondent Johannes Gerloff, Jahrgang 1963, der in Tübingen Theologie studierte und Michel auf einer seiner letzten Studienfahrten nach Israel begleitete, ahnte von dessen brauner Vergangenheit nichts. Aber auch Gerloff ist von den Neuigkeiten nicht überrascht, weil er das Image der Universität kennt. Tübingen gehörte in der Nazizeit zu den schlimmsten Lehranstalten Deutschlands. Von 1940 bis 1943 übernahm Michel dort die Stellvertretung von Gerhard Kittel, Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament. Kittel gehörte zu jenen Akademikern, die den Antisemitismus und die »Endlösung« intellektuell legitimierten. In seiner Schrift Die Judenfrage fordert er bereits 1933 die Vernichtung der Juden, falls sich das »Judenproblem« nicht ausreichend lösen lassen würde. Kittel erwägt tatsächlich das »Totschlagen« der Juden, lehnt es dann aber doch ab, da dies der ethischen Gesinnung des Deutschtums widerspreche. Als Ehrengast des Führers nahm Kittel 1938 am Reichsparteitag teil, wo er in der Ausstellung Deutschlands Schicksalskampf im Osten einen eigenen Raum gestaltete und darstellte, wie die Juden das Römische Reich von innen zersetzten.

Zu Kittel, der 1945 entlassen wurde, hatte Michel – der ihm 1946 als Lehrstuhlinhaber nachfolgte – ein kompliziertes Verhältnis. Angeblich durfte er auf Wunsch von Kittels Familie nicht zu dessen Beerdigung kommen. Trotzdem verfasste er 1958, zehn Jahre nach Kittels Tod, eine Eloge auf den Amtsvorgänger. »Wir müssen mit der Vergangenheit so fertig werden, dass sie uns beim Bau der Zukunft nicht im Weg steht«, schrieb er im Deutschen Pfarrerblatt .

Michels Weigerung, öffentlich über seine Vergangenheit nachzudenken, war für ihn die Voraussetzung, auch nach 1945 zum Judentum zu forschen. So ist es nur folgerichtig, wenn der Religionswissenschaftler Junginger in seinem Buch Die Verwissenschaftlichung der »Judenfrage« im Nationalsozialismus dem Bemühen des Institutum Judaicum um eine Neubestimmung des christlich-jüdischen Verhältnisses die innere Wahrhaftigkeit abspricht.

Nach Jungingers Auffassung könnte Michels verbrecherischer Amtsvorgänger eine Antwort auf die Frage nach der Herkunft der Thorascheibe liefern. Akademiker wie Kittel sahen es als ihre Aufgabe, wissenschaftlich zu begründen, warum das jüdische Element aus dem deutschen Volk eliminiert werden sollte. Junginger glaubt, dass die Thorascheibe aus dem Bestand jener nationalsozialistischen »Judenforschung« stammen könnte, die in Tübingen besonders aktiv war. Man betrieb damals auch Feldforschung, und das Reichserziehungsministerium jubilierte über die »ungeahnten Möglichkeiten« nach dem Einmarsch in Polen. Im Mai 1940 brach der Kittel-Schüler Karl Georg Kuhn – Orientalist und Talmudexperte – zu einer Reise nach Warschau auf, wo er im Ghetto Materialien der jüdischen Gemeinde inspizierte. »Kann es sein«, fragt Junginger, »dass der führende Talmudspezialist des Dritten Reiches die Gelegenheit ausließ, die sich in Litzmannstadt bot?« Womöglich brachte Kuhn die Thorascheibe mit, und sie blieb später im Keller der Tübinger Universität liegen, als solche Forschungen nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen.

Michel mag die Thorascheibe auf diese oder jene Weise erhalten haben. Vielleicht hat sie ihm auch ein Soldat überlassen, in jenen Jahren, als Michel Standortpfarrer zunächst in Halle und dann in Tübingen war. Auf jeden Fall muss er gewusst haben, dass es sich um Raubgut handeln konnte. Er kannte auch die religiöse Bedeutung dieses Relikts und konnte genug Hebräisch, um die Inschrift zu verstehen. Warum hat er nie nach den Erben geforscht und versucht, es zurückzugeben?

Nach 1945 konnte der Feldforscher Kuhn seine akademische Karriere ungehindert in Heidelberg fortsetzen, Kittel hingegen war selbst für Tübingen nicht mehr tragbar. Sein efeubewachsenes Grab mit hebräischer Inschrift (!) befindet sich auf dem Stadtfriedhof, nur 200 Meter entfernt vom Institutum Judaicum. Mit diesem Erbe tut sich auch der Theologieprofessor und Judaist Matthias Morgenstern schwer, der dem Institut heute angehört. Aufgerüttelt durch die Frage nach der Herkunft der Thorascheibe hat er vor Wochen begonnen, den Nachlass von Michel im Tübinger Universitätsarchiv zu sichten. Er fragt sich: Wie kam ein früheres NSDAP-Mitglied dazu, ostentativ die Nähe zu Martin Buber, Gershom Scholem und anderen zu suchen? Angesichts von Michels Lebenslüge klingt es wie Hohn, was er in seiner Autobiografie über das jüdisch-christliche Verhältnis schrieb: Seine eigenen Freundschaften mit Juden hätten sich stets daran entschieden, »ob ein Jude mich annehmen konnte. Nicht ich bot mich ihnen an, sondern jeder Jude prüfte mich, ob er mich annehmen konnte.«

Michel war kein großer Nazi und hat nach dem Krieg womöglich auch seine diversen Nazimitgliedschaften bereut, brachte aber den Mut nicht auf, sich zur Wahrheit zu bekennen. Tatsächlich hätte das seiner neuen Karriere schaden können. So blieb nur die selbst gestrickte Legende des christlichen Widerständlers. Ein posthumer Gedenkband für ihn aus dem Jahr 2003 trägt den Titel Ich bin ein Hebräer .

Über diese Metamorphose vom angepassten NSDAP-Mitglied zum Judenfreund schreibt der Erbe der Thorascheibe, der Psychologe Avner Falk, jetzt ein Buch. Unterdessen ist in Tübingen ein weiteres jüdisches Relikt aus dem Nachlass eines Universitätsprofessors aufgetaucht. Diesmal handelt es sich um eine Thorarolle, die im Besitz des Ägyptologen Hellmut Brunner war. Man sucht nach den Erben.

 
Leser-Kommentare
  1. Für die Autorin des obigen Artikels gibt es nur zwei Arten von Menschen: Die eindeutigen Widerständler und die eindeutigen Nazis. Dass es unglaublich viele Menschen irgendwo dazwischen gegeben hat, fällt außerhalb ihres Denkrahmens.
    Dabei wird die entscheidende Frage im Artikel aufgeworfen, aber nicht beantwortet: Kann man als NSDAP-Mitglied kein Antisemit sein? Natürlich kann man das. Michel hat wohl leider etliche politische Anliegen der NSDAP unterstützt, aber mit Sicherheit nicht deren Antisemitismus geteilt. Er hat sich innerparteilich für Juden eingesetzt und dazu gehört viel Mut. Michel hat für eine bessere NSDAP gekämpft, in der Juden nicht diskriminiert werden. Das haben nicht viele getan.
    Sein Fehler ist ohne Frage, dass er nicht zu seiner politischen Vergangenheit gestanden hat. Aber das lässt sich heute einfach fordern. Er hat seine Vergangenheit beschönigt, aber nicht nur um selbst in einem besseren Licht dazustehen (das vielleicht auch ein wenig), aber vor allem um Freundschaften zu Juden überhaupt aufbauen zu können.
    Solche Dimensionen eines Lebens müssen dargestellt werden, wenn man einem Menschen gerecht werden will. Die Vertuschung von Michels Nazivergangenheit bedarf selbstverständlich der Aufklärung, ihn aber darauf zu reduzieren, wie es der obige Artikel tut, ist Unrecht.
    Schließlich ist noch zu fragen, ob die ermüdende Spekulation über die Herkunft einer Tonscherbe dazu beiträgt, die Rolle Michels in der Nazi-Zeit zu erhellen? Ich bezweifle das.

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    Würden Sie die hier den Nazis entgegengebrachte Großmut und Toleranz auch SED- und Stasi-Mitgliedern der DDR entgegenbringen?

    • IHKF
    • 22.01.2012 um 20:38 Uhr

    Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten. Diesen Fehler begang schon Eva Herman.
    Was Michel nun bewogen hat, bleibt ungewiss, dennoch hat er die Diskreminierung von Juden mindestens geduldet.

    Würden Sie die hier den Nazis entgegengebrachte Großmut und Toleranz auch SED- und Stasi-Mitgliedern der DDR entgegenbringen?

    • IHKF
    • 22.01.2012 um 20:38 Uhr

    Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten. Diesen Fehler begang schon Eva Herman.
    Was Michel nun bewogen hat, bleibt ungewiss, dennoch hat er die Diskreminierung von Juden mindestens geduldet.

  2. Was soll dieser Artikel beweisen?
    Es wäre für Otto Michel doch kein Karrierehindernis gewesen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein.
    Massenmörder wurden in dieser Gesellschaft doch in stattlicher Anzahl integriert, ohne daß jemand auch nur eine Frage dazu gestellt hätte.
    Und Lehrer, Ärzte, Professoren und viele andere konnten ihre Karrieren ungebrochen fortsetzen.
    Nun, da heute die Vergangenheit der unterschiedlichsten staatlichen Stellen aufgearbeitet wird, kommt an Licht, in welcher Kontinuität sich so manches entwickelt hat.
    Da muß man sich mit derartigen Kleinigkeiten nicht aufhalten. Es gibt viel Lohnenderes.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Der Artikel von Frau Dachs ist aus meiner Sicht differenziert und interessant. Die Frage "Kann man als NSDAP-Mitglied kein Antisemit sein?" wird zurecht in den Vordergrund gestellt. Schließlich erhielten z.B. Eheleute ab 1933 "Mein Kampf" auf dem Standesamt, die Rassengesetze machten klar, was Nationalsozialismus bedeutete. Die Vorstellung, den Nazionalsozialismus zum besseren bekehren zu können, erschien auch vielen Zeitgenossen als naiv (oder als Schutzbehauptung). Nach 1933 traten nicht wenige evangelische Pfarrer trotz evtl. damit verbundener Risiken aus NSDAP und SA aus.
    Offenbar war Otto Michel "kein großer Nazi", aber auch nicht ein Mann mit einer klaren Linie.

  4. Würden Sie die hier den Nazis entgegengebrachte Großmut und Toleranz auch SED- und Stasi-Mitgliedern der DDR entgegenbringen?

    Antwort auf "Schlechter Artikel"
    • gorgo
    • 22.01.2012 um 18:53 Uhr

    Sie fragen: Was "dieser Artikel beweisen" wolle - "Es wäre für Otto Michel doch kein Karrierehindernis gewesen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein."
    Ein Theologe, der eine "neue Judaistik" vorschlägt, hätte als ehemaliges Mitglied der NSDAP mit Sicherheit keinerlei Glaubwürdigkeit gehabt. Der Zugang zu bestimmten, aucisralischen Archiven, der Kontakt und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der internationalen und insbesondere der jüdischen Scienfic community wäre undenkbar, der Zungang zu wichtigen Quellen unmöglich gewesen. All dies war allerdings besonders gut möglich, wenn man sich an enstrpechenden Stellen als Widerstandskämpfer verkaufen konnte.
    Es gibt also keinen Grund, dieses Verschweigen seiner NSDAP-Mitgliedschaft - also einer Karrierebremse erster Güte - als Lappalie hinzustellen. Dass Sie diese einfachen Zusammenhänge nicht wahrhaben wollen (sollten diese wirklich so schwer zu erahnen sein?), spricht dafür, solche Lebensläufe weiter öffentlich zu machen. Dank an die Autorin - auch wenn es leider heute schwer sein wird, anhand der Thorarolle etwas mehr herauszufinden, als man heute schon weiß.

  5. scheint mir zu sein, dass die "Tübinger Bürgerin" nicht sagen wollte, wie sie zu der Scheibe gekommen war, und deshalb vorgab sie stamme aus der Tübinger Synagoge (was Michel möglicherweise geglaubt hat). Übrigens konnte man sehr wohl NSDAP/SA Mitglied und kein Antisemit sein, beide Organisationen hatten ja zunächst auch einige Mitglieder, die dann später als jüdisch "eingestuft" wurden. Zur hallischen Universität: auch diese war leider sehr braun und wäre um ein Haar in "Alfred-Rosenberg-Universität" umbenannt worden, hätte Theodor Brugsch nicht den rettenden Einfall gehabt, statt dessen Martin Luther vorzuschlagen

    • IHKF
    • 22.01.2012 um 20:38 Uhr

    Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten. Diesen Fehler begang schon Eva Herman.
    Was Michel nun bewogen hat, bleibt ungewiss, dennoch hat er die Diskreminierung von Juden mindestens geduldet.

    Antwort auf "Schlechter Artikel"
  6. Ein insofern wichtiger Artikel, als dass die Aufarbeitung der Schuld, die evangelische Christen unter der "Hitlerei" (Niemöller) auf sich luden, bekannt gehört.

    Otto Michel, den ich bislang i.W. als Herausgeber von Josephus' Bellum kannte, darf hier sicherlich keine Ausnahme sein!

    Dass das Verschweigen seiner NS-Vergangenheit seine Verdienste um den jüdisch-christlichen Dialog schmälert, wird moralisch zutreffend sein.
    Insbesondere dann, wenn man an die Schuldbekenntnisse derjenigen Evangelischen erinnert, die nun wahrlich im Widerstand gelitten haben.

    Diese bekannten eine Schuld. Die aber, die nun wahrhaft schuldig geworden sind - wie Michel - die schwiegen und versteckten sich hinter dem Schuldbekenntnis der Niemöllers, Bonhoeffers, Gollwitzers u.a.

    Das kann beschämen.

    Inwiefern allerdings die Bekennende Kirche (BK) nicht (!) als Gegensatz zum NS gesehen werden konnte, erschließt sich mir nun nicht. War nicht die Barmer Theologische Erklärung die kirchliche Verurteilung des totalitären Führerstaats? Hat die Gestapo die BK nicht verfolgt? Galt nicht der "Führereid" als unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der BK? Weshalb war Niemöller in Dachau? Man könnte weiterfragen.

    Wenn Michel die BK nicht als Opposition zum Staat gesehen hat, sondern "nur" als Gegenkirche zu den häretischen Deutschen Christen, dann war er auch noch naiv - wenn nicht gar feige.

    Aber womöglich erklären Naivität und Feigheit gerade auch die Nachkriegsgeschichte Michels.

    am Rande

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    Mir werden immer wieder geschönte Lebensläufe vorgelegt.
    Motto : mehr Scheinen als Sein. Spezifikum von Theologischer Existenz heute?!

    An der KiHo Berlin gab es auch einen Prof. Michel, derselbe oder ein Verwandter?

    gedacht, das die Grünen als Partei der Friedensbewegung, den ersten Krieg seit 45 möglich machen?
    Aus der Rückschau scheint vieles klar, das aus der Perspektive der Beteiligten, noch eine unbekannte Entwicklung nehmen kann.

    Mir werden immer wieder geschönte Lebensläufe vorgelegt.
    Motto : mehr Scheinen als Sein. Spezifikum von Theologischer Existenz heute?!

    An der KiHo Berlin gab es auch einen Prof. Michel, derselbe oder ein Verwandter?

    gedacht, das die Grünen als Partei der Friedensbewegung, den ersten Krieg seit 45 möglich machen?
    Aus der Rückschau scheint vieles klar, das aus der Perspektive der Beteiligten, noch eine unbekannte Entwicklung nehmen kann.

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