Michel war kein großer Naz, konnte die Wahrheit aber nicht zugeben
Michels Weigerung, öffentlich über seine Vergangenheit nachzudenken, war für ihn die Voraussetzung, auch nach 1945 zum Judentum zu forschen. So ist es nur folgerichtig, wenn der Religionswissenschaftler Junginger in seinem Buch Die Verwissenschaftlichung der »Judenfrage« im Nationalsozialismus dem Bemühen des Institutum Judaicum um eine Neubestimmung des christlich-jüdischen Verhältnisses die innere Wahrhaftigkeit abspricht.
Nach Jungingers Auffassung könnte Michels verbrecherischer Amtsvorgänger eine Antwort auf die Frage nach der Herkunft der Thorascheibe liefern. Akademiker wie Kittel sahen es als ihre Aufgabe, wissenschaftlich zu begründen, warum das jüdische Element aus dem deutschen Volk eliminiert werden sollte. Junginger glaubt, dass die Thorascheibe aus dem Bestand jener nationalsozialistischen »Judenforschung« stammen könnte, die in Tübingen besonders aktiv war. Man betrieb damals auch Feldforschung, und das Reichserziehungsministerium jubilierte über die »ungeahnten Möglichkeiten« nach dem Einmarsch in Polen. Im Mai 1940 brach der Kittel-Schüler Karl Georg Kuhn – Orientalist und Talmudexperte – zu einer Reise nach Warschau auf, wo er im Ghetto Materialien der jüdischen Gemeinde inspizierte. »Kann es sein«, fragt Junginger, »dass der führende Talmudspezialist des Dritten Reiches die Gelegenheit ausließ, die sich in Litzmannstadt bot?« Womöglich brachte Kuhn die Thorascheibe mit, und sie blieb später im Keller der Tübinger Universität liegen, als solche Forschungen nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen.
Michel mag die Thorascheibe auf diese oder jene Weise erhalten haben. Vielleicht hat sie ihm auch ein Soldat überlassen, in jenen Jahren, als Michel Standortpfarrer zunächst in Halle und dann in Tübingen war. Auf jeden Fall muss er gewusst haben, dass es sich um Raubgut handeln konnte. Er kannte auch die religiöse Bedeutung dieses Relikts und konnte genug Hebräisch, um die Inschrift zu verstehen. Warum hat er nie nach den Erben geforscht und versucht, es zurückzugeben?
Nach 1945 konnte der Feldforscher Kuhn seine akademische Karriere ungehindert in Heidelberg fortsetzen, Kittel hingegen war selbst für Tübingen nicht mehr tragbar. Sein efeubewachsenes Grab mit hebräischer Inschrift (!) befindet sich auf dem Stadtfriedhof, nur 200 Meter entfernt vom Institutum Judaicum. Mit diesem Erbe tut sich auch der Theologieprofessor und Judaist Matthias Morgenstern schwer, der dem Institut heute angehört. Aufgerüttelt durch die Frage nach der Herkunft der Thorascheibe hat er vor Wochen begonnen, den Nachlass von Michel im Tübinger Universitätsarchiv zu sichten. Er fragt sich: Wie kam ein früheres NSDAP-Mitglied dazu, ostentativ die Nähe zu Martin Buber, Gershom Scholem und anderen zu suchen? Angesichts von Michels Lebenslüge klingt es wie Hohn, was er in seiner Autobiografie über das jüdisch-christliche Verhältnis schrieb: Seine eigenen Freundschaften mit Juden hätten sich stets daran entschieden, »ob ein Jude mich annehmen konnte. Nicht ich bot mich ihnen an, sondern jeder Jude prüfte mich, ob er mich annehmen konnte.«
Michel war kein großer Nazi und hat nach dem Krieg womöglich auch seine diversen Nazimitgliedschaften bereut, brachte aber den Mut nicht auf, sich zur Wahrheit zu bekennen. Tatsächlich hätte das seiner neuen Karriere schaden können. So blieb nur die selbst gestrickte Legende des christlichen Widerständlers. Ein posthumer Gedenkband für ihn aus dem Jahr 2003 trägt den Titel Ich bin ein Hebräer .
Über diese Metamorphose vom angepassten NSDAP-Mitglied zum Judenfreund schreibt der Erbe der Thorascheibe, der Psychologe Avner Falk, jetzt ein Buch. Unterdessen ist in Tübingen ein weiteres jüdisches Relikt aus dem Nachlass eines Universitätsprofessors aufgetaucht. Diesmal handelt es sich um eine Thorarolle, die im Besitz des Ägyptologen Hellmut Brunner war. Man sucht nach den Erben.
- Datum 22.01.2012 - 14:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.1.2012 Nr. 04
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Für die Autorin des obigen Artikels gibt es nur zwei Arten von Menschen: Die eindeutigen Widerständler und die eindeutigen Nazis. Dass es unglaublich viele Menschen irgendwo dazwischen gegeben hat, fällt außerhalb ihres Denkrahmens.
Dabei wird die entscheidende Frage im Artikel aufgeworfen, aber nicht beantwortet: Kann man als NSDAP-Mitglied kein Antisemit sein? Natürlich kann man das. Michel hat wohl leider etliche politische Anliegen der NSDAP unterstützt, aber mit Sicherheit nicht deren Antisemitismus geteilt. Er hat sich innerparteilich für Juden eingesetzt und dazu gehört viel Mut. Michel hat für eine bessere NSDAP gekämpft, in der Juden nicht diskriminiert werden. Das haben nicht viele getan.
Sein Fehler ist ohne Frage, dass er nicht zu seiner politischen Vergangenheit gestanden hat. Aber das lässt sich heute einfach fordern. Er hat seine Vergangenheit beschönigt, aber nicht nur um selbst in einem besseren Licht dazustehen (das vielleicht auch ein wenig), aber vor allem um Freundschaften zu Juden überhaupt aufbauen zu können.
Solche Dimensionen eines Lebens müssen dargestellt werden, wenn man einem Menschen gerecht werden will. Die Vertuschung von Michels Nazivergangenheit bedarf selbstverständlich der Aufklärung, ihn aber darauf zu reduzieren, wie es der obige Artikel tut, ist Unrecht.
Schließlich ist noch zu fragen, ob die ermüdende Spekulation über die Herkunft einer Tonscherbe dazu beiträgt, die Rolle Michels in der Nazi-Zeit zu erhellen? Ich bezweifle das.
Würden Sie die hier den Nazis entgegengebrachte Großmut und Toleranz auch SED- und Stasi-Mitgliedern der DDR entgegenbringen?
Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten. Diesen Fehler begang schon Eva Herman.
Was Michel nun bewogen hat, bleibt ungewiss, dennoch hat er die Diskreminierung von Juden mindestens geduldet.
Würden Sie die hier den Nazis entgegengebrachte Großmut und Toleranz auch SED- und Stasi-Mitgliedern der DDR entgegenbringen?
Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten. Diesen Fehler begang schon Eva Herman.
Was Michel nun bewogen hat, bleibt ungewiss, dennoch hat er die Diskreminierung von Juden mindestens geduldet.
Was soll dieser Artikel beweisen?
Es wäre für Otto Michel doch kein Karrierehindernis gewesen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein.
Massenmörder wurden in dieser Gesellschaft doch in stattlicher Anzahl integriert, ohne daß jemand auch nur eine Frage dazu gestellt hätte.
Und Lehrer, Ärzte, Professoren und viele andere konnten ihre Karrieren ungebrochen fortsetzen.
Nun, da heute die Vergangenheit der unterschiedlichsten staatlichen Stellen aufgearbeitet wird, kommt an Licht, in welcher Kontinuität sich so manches entwickelt hat.
Da muß man sich mit derartigen Kleinigkeiten nicht aufhalten. Es gibt viel Lohnenderes.
Der Artikel von Frau Dachs ist aus meiner Sicht differenziert und interessant. Die Frage "Kann man als NSDAP-Mitglied kein Antisemit sein?" wird zurecht in den Vordergrund gestellt. Schließlich erhielten z.B. Eheleute ab 1933 "Mein Kampf" auf dem Standesamt, die Rassengesetze machten klar, was Nationalsozialismus bedeutete. Die Vorstellung, den Nazionalsozialismus zum besseren bekehren zu können, erschien auch vielen Zeitgenossen als naiv (oder als Schutzbehauptung). Nach 1933 traten nicht wenige evangelische Pfarrer trotz evtl. damit verbundener Risiken aus NSDAP und SA aus.
Offenbar war Otto Michel "kein großer Nazi", aber auch nicht ein Mann mit einer klaren Linie.
Würden Sie die hier den Nazis entgegengebrachte Großmut und Toleranz auch SED- und Stasi-Mitgliedern der DDR entgegenbringen?
Sie fragen: Was "dieser Artikel beweisen" wolle - "Es wäre für Otto Michel doch kein Karrierehindernis gewesen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein."
Ein Theologe, der eine "neue Judaistik" vorschlägt, hätte als ehemaliges Mitglied der NSDAP mit Sicherheit keinerlei Glaubwürdigkeit gehabt. Der Zugang zu bestimmten, aucisralischen Archiven, der Kontakt und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der internationalen und insbesondere der jüdischen Scienfic community wäre undenkbar, der Zungang zu wichtigen Quellen unmöglich gewesen. All dies war allerdings besonders gut möglich, wenn man sich an enstrpechenden Stellen als Widerstandskämpfer verkaufen konnte.
Es gibt also keinen Grund, dieses Verschweigen seiner NSDAP-Mitgliedschaft - also einer Karrierebremse erster Güte - als Lappalie hinzustellen. Dass Sie diese einfachen Zusammenhänge nicht wahrhaben wollen (sollten diese wirklich so schwer zu erahnen sein?), spricht dafür, solche Lebensläufe weiter öffentlich zu machen. Dank an die Autorin - auch wenn es leider heute schwer sein wird, anhand der Thorarolle etwas mehr herauszufinden, als man heute schon weiß.
scheint mir zu sein, dass die "Tübinger Bürgerin" nicht sagen wollte, wie sie zu der Scheibe gekommen war, und deshalb vorgab sie stamme aus der Tübinger Synagoge (was Michel möglicherweise geglaubt hat). Übrigens konnte man sehr wohl NSDAP/SA Mitglied und kein Antisemit sein, beide Organisationen hatten ja zunächst auch einige Mitglieder, die dann später als jüdisch "eingestuft" wurden. Zur hallischen Universität: auch diese war leider sehr braun und wäre um ein Haar in "Alfred-Rosenberg-Universität" umbenannt worden, hätte Theodor Brugsch nicht den rettenden Einfall gehabt, statt dessen Martin Luther vorzuschlagen
Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten. Diesen Fehler begang schon Eva Herman.
Was Michel nun bewogen hat, bleibt ungewiss, dennoch hat er die Diskreminierung von Juden mindestens geduldet.
Ein insofern wichtiger Artikel, als dass die Aufarbeitung der Schuld, die evangelische Christen unter der "Hitlerei" (Niemöller) auf sich luden, bekannt gehört.
Otto Michel, den ich bislang i.W. als Herausgeber von Josephus' Bellum kannte, darf hier sicherlich keine Ausnahme sein!
Dass das Verschweigen seiner NS-Vergangenheit seine Verdienste um den jüdisch-christlichen Dialog schmälert, wird moralisch zutreffend sein.
Insbesondere dann, wenn man an die Schuldbekenntnisse derjenigen Evangelischen erinnert, die nun wahrlich im Widerstand gelitten haben.
Diese bekannten eine Schuld. Die aber, die nun wahrhaft schuldig geworden sind - wie Michel - die schwiegen und versteckten sich hinter dem Schuldbekenntnis der Niemöllers, Bonhoeffers, Gollwitzers u.a.
Das kann beschämen.
Inwiefern allerdings die Bekennende Kirche (BK) nicht (!) als Gegensatz zum NS gesehen werden konnte, erschließt sich mir nun nicht. War nicht die Barmer Theologische Erklärung die kirchliche Verurteilung des totalitären Führerstaats? Hat die Gestapo die BK nicht verfolgt? Galt nicht der "Führereid" als unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der BK? Weshalb war Niemöller in Dachau? Man könnte weiterfragen.
Wenn Michel die BK nicht als Opposition zum Staat gesehen hat, sondern "nur" als Gegenkirche zu den häretischen Deutschen Christen, dann war er auch noch naiv - wenn nicht gar feige.
Aber womöglich erklären Naivität und Feigheit gerade auch die Nachkriegsgeschichte Michels.
am Rande
Mir werden immer wieder geschönte Lebensläufe vorgelegt.
Motto : mehr Scheinen als Sein. Spezifikum von Theologischer Existenz heute?!
An der KiHo Berlin gab es auch einen Prof. Michel, derselbe oder ein Verwandter?
gedacht, das die Grünen als Partei der Friedensbewegung, den ersten Krieg seit 45 möglich machen?
Aus der Rückschau scheint vieles klar, das aus der Perspektive der Beteiligten, noch eine unbekannte Entwicklung nehmen kann.
Mir werden immer wieder geschönte Lebensläufe vorgelegt.
Motto : mehr Scheinen als Sein. Spezifikum von Theologischer Existenz heute?!
An der KiHo Berlin gab es auch einen Prof. Michel, derselbe oder ein Verwandter?
gedacht, das die Grünen als Partei der Friedensbewegung, den ersten Krieg seit 45 möglich machen?
Aus der Rückschau scheint vieles klar, das aus der Perspektive der Beteiligten, noch eine unbekannte Entwicklung nehmen kann.
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