Otto MichelFreund der Juden?

Der evangelische Theologe Otto Michel, der nach 1945 für eine neue deutsche Judaistik stand, verschwieg seine braune Herkunft.

Es gibt deutsche Biografien, die exemplarisch sind für ihre Zeit und trotzdem aus dem Rahmen fallen. Wenn etwa die eigene Nazivergangenheit verleugnet wurde und so auch nicht zum Hindernis für gute Beziehungen zu den Opfern des Holocaust geraten konnte. Fast zwanzig Jahre nach dem Tod des evangelischen Theologen Otto Michel (1903 bis 1993) stellt sich heraus, dass das Leben des angesehenen Universitätsprofessors in diese Kategorie fällt.

In seiner zweiten Lebenshälfte hatte der Neutestamentler sich einen Namen als Brückenbauer zwischen Christen und Juden gemacht. In der jungen Bundesrepublik knüpfte er Kontakte zu Rabbinern und israelischen Gelehrten. Sie kamen als Gastdozenten in das 1957 von ihm gegründete Institutum Judaicum der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen, eines der ersten Institute, an denen überhaupt wieder Judaistik gelehrt wurde. Unter Otto Michels Ägide reifte mehr als eine Generation von deutschen Theologen heran, die sich für das geschichtlich-kulturelle Umfeld interessierten, aus dem das Christentum entstand. Allein der Ansatz, sich mit dem jüdischen Erbe von Jesus zu befassen, war damals ein wichtiger Fortschritt. Michel nannte es »Rückkehr zum hebräischen Denken«. Doch sein Beitrag zur Versöhnung ruhte auf einem Lügensockel.

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Denn Michel hatte sowohl der NSDAP angehört (der er gleich zweimal beitrat, 1930 vorübergehend und 1933 endgültig) wie auch der SA (er trat ihr 1933 bei und schied 1936 aus gesundheitlichen Gründen aus). Doch öffentlich hat er das zeitlebens verschwiegen. Selbst in seiner 1989 erschienenen Autobiografie Anpassung oder Widerstand verliert er darüber kein einziges Wort. Schlimmer noch: Dieser joviale Prediger, der von der Kanzel herab gern polternd Aufrichtigkeit forderte, stilisierte sich bei Bedarf zum Widerständler – weil er seit 1933 der Bekennenden Kirche angehört hatte. Wie viele Protestanten damals sah er aber die Bekennende Kirche nicht als Alternative zum Nationalsozialismus, sondern zu den Deutschen Christen.

Den Anstoß dafür, dass jetzt sein guter Nachkriegsruf ruiniert ist, lieferte Michel ungewollt selbst posthum. In seinem Nachlass fand sich 1993 eine hölzerne Standscheibe von einer Thorarolle, die er sich wenige Monate vor seinem Tod in Sichtweite zum Bett aufgestellt hatte. Ohne genau zu wissen, worum es sich bei diesem Gegenstand mit hebräischer Inschrift handelte, gaben seine Töchter ihn ans Tübinger Stadtmuseum. Dort lagerte er, bis sich letztes Jahr herausstellte, dass er aus Polen stammt – und zwar aus Zgierz, unweit von Łódź. Der polnische Jude Josef Zwi Spiro hatte die Thorarolle nach dem Tod seiner Mutter 1922 der heimatlichen Synagoge gestiftet. Name, Ort und Datum sind bis heute gut lesbar in das mit Perlmutt besetzte Relikt eingraviert. Doch wie fand es den Weg zu Otto Michel nach Tübingen?

Diese Frage stellt nun hartnäckig der israelische Psychologe Avner Falk, der vom Schwäbischen Tagblatt als Enkel des Stifters und somit als einer der rechtmäßigen Erben ausgemacht wurde. Spiro wurde im Holocaust ermordet. Dem Enkel überreichte Ende November der Tübinger Bürgermeister in einer Rathauszeremonie das Relikt. Eine versöhnliche Geste, aber mit ihr beginnt die Suche nach der Wahrheit erst richtig.

Kurz vor Michels Tod habe sie diesen Gegenstand zum ersten Mal gesehen, erzählt dessen jüngste Tochter, Angela Müllenbach-Michel, heute 62, deren Wege sich nun mit denen Avner Falks im Streit um die Einsicht in Otto Michels Personalakte im Archiv der Universität Halle kreuzen. Dort war der Theologe in den dreißiger Jahren Dozent und später auch Standortpfarrer gewesen.

Der Zugang zu diesem Wissen ist allerdings ungleich geregelt. Während deutsche Forscher nach der Wende bei Recherchen zur Universitätsgeschichte unter anderen auch diese Akte einsehen durften, soll das nun nicht mehr für Avner Falk gelten. Nach dem endgültigen Bescheid der Universität Halle wollte man keine Daten über Michel preisgeben, die »unter dem Schutz des Gesetzes stehen und der ausdrücklichen Erklärung der Töchter des Verstorbenen widersprechen«. Dass die Hallenser ihre Aktensperre ausgerechnet auf den 9. November (den Jahrestag der Pogromnacht) datierten, mag Zufall sein, von besonderer Feinfühligkeit zeugt es nicht.

Leserkommentare
  1. Für die Autorin des obigen Artikels gibt es nur zwei Arten von Menschen: Die eindeutigen Widerständler und die eindeutigen Nazis. Dass es unglaublich viele Menschen irgendwo dazwischen gegeben hat, fällt außerhalb ihres Denkrahmens.
    Dabei wird die entscheidende Frage im Artikel aufgeworfen, aber nicht beantwortet: Kann man als NSDAP-Mitglied kein Antisemit sein? Natürlich kann man das. Michel hat wohl leider etliche politische Anliegen der NSDAP unterstützt, aber mit Sicherheit nicht deren Antisemitismus geteilt. Er hat sich innerparteilich für Juden eingesetzt und dazu gehört viel Mut. Michel hat für eine bessere NSDAP gekämpft, in der Juden nicht diskriminiert werden. Das haben nicht viele getan.
    Sein Fehler ist ohne Frage, dass er nicht zu seiner politischen Vergangenheit gestanden hat. Aber das lässt sich heute einfach fordern. Er hat seine Vergangenheit beschönigt, aber nicht nur um selbst in einem besseren Licht dazustehen (das vielleicht auch ein wenig), aber vor allem um Freundschaften zu Juden überhaupt aufbauen zu können.
    Solche Dimensionen eines Lebens müssen dargestellt werden, wenn man einem Menschen gerecht werden will. Die Vertuschung von Michels Nazivergangenheit bedarf selbstverständlich der Aufklärung, ihn aber darauf zu reduzieren, wie es der obige Artikel tut, ist Unrecht.
    Schließlich ist noch zu fragen, ob die ermüdende Spekulation über die Herkunft einer Tonscherbe dazu beiträgt, die Rolle Michels in der Nazi-Zeit zu erhellen? Ich bezweifle das.

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  2. Ein insofern wichtiger Artikel, als dass die Aufarbeitung der Schuld, die evangelische Christen unter der "Hitlerei" (Niemöller) auf sich luden, bekannt gehört.

    Otto Michel, den ich bislang i.W. als Herausgeber von Josephus' Bellum kannte, darf hier sicherlich keine Ausnahme sein!

    Dass das Verschweigen seiner NS-Vergangenheit seine Verdienste um den jüdisch-christlichen Dialog schmälert, wird moralisch zutreffend sein.
    Insbesondere dann, wenn man an die Schuldbekenntnisse derjenigen Evangelischen erinnert, die nun wahrlich im Widerstand gelitten haben.

    Diese bekannten eine Schuld. Die aber, die nun wahrhaft schuldig geworden sind - wie Michel - die schwiegen und versteckten sich hinter dem Schuldbekenntnis der Niemöllers, Bonhoeffers, Gollwitzers u.a.

    Das kann beschämen.

    Inwiefern allerdings die Bekennende Kirche (BK) nicht (!) als Gegensatz zum NS gesehen werden konnte, erschließt sich mir nun nicht. War nicht die Barmer Theologische Erklärung die kirchliche Verurteilung des totalitären Führerstaats? Hat die Gestapo die BK nicht verfolgt? Galt nicht der "Führereid" als unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der BK? Weshalb war Niemöller in Dachau? Man könnte weiterfragen.

    Wenn Michel die BK nicht als Opposition zum Staat gesehen hat, sondern "nur" als Gegenkirche zu den häretischen Deutschen Christen, dann war er auch noch naiv - wenn nicht gar feige.

    Aber womöglich erklären Naivität und Feigheit gerade auch die Nachkriegsgeschichte Michels.

    am Rande

    4 Leserempfehlungen
    • gorgo
    • 22.01.2012 um 18:53 Uhr

    Sie fragen: Was "dieser Artikel beweisen" wolle - "Es wäre für Otto Michel doch kein Karrierehindernis gewesen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein."
    Ein Theologe, der eine "neue Judaistik" vorschlägt, hätte als ehemaliges Mitglied der NSDAP mit Sicherheit keinerlei Glaubwürdigkeit gehabt. Der Zugang zu bestimmten, aucisralischen Archiven, der Kontakt und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der internationalen und insbesondere der jüdischen Scienfic community wäre undenkbar, der Zungang zu wichtigen Quellen unmöglich gewesen. All dies war allerdings besonders gut möglich, wenn man sich an enstrpechenden Stellen als Widerstandskämpfer verkaufen konnte.
    Es gibt also keinen Grund, dieses Verschweigen seiner NSDAP-Mitgliedschaft - also einer Karrierebremse erster Güte - als Lappalie hinzustellen. Dass Sie diese einfachen Zusammenhänge nicht wahrhaben wollen (sollten diese wirklich so schwer zu erahnen sein?), spricht dafür, solche Lebensläufe weiter öffentlich zu machen. Dank an die Autorin - auch wenn es leider heute schwer sein wird, anhand der Thorarolle etwas mehr herauszufinden, als man heute schon weiß.

    3 Leserempfehlungen
  3. Der Artikel von Frau Dachs ist aus meiner Sicht differenziert und interessant. Die Frage "Kann man als NSDAP-Mitglied kein Antisemit sein?" wird zurecht in den Vordergrund gestellt. Schließlich erhielten z.B. Eheleute ab 1933 "Mein Kampf" auf dem Standesamt, die Rassengesetze machten klar, was Nationalsozialismus bedeutete. Die Vorstellung, den Nazionalsozialismus zum besseren bekehren zu können, erschien auch vielen Zeitgenossen als naiv (oder als Schutzbehauptung). Nach 1933 traten nicht wenige evangelische Pfarrer trotz evtl. damit verbundener Risiken aus NSDAP und SA aus.
    Offenbar war Otto Michel "kein großer Nazi", aber auch nicht ein Mann mit einer klaren Linie.

    2 Leserempfehlungen
  4. Was soll dieser Artikel beweisen?
    Es wäre für Otto Michel doch kein Karrierehindernis gewesen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein.
    Massenmörder wurden in dieser Gesellschaft doch in stattlicher Anzahl integriert, ohne daß jemand auch nur eine Frage dazu gestellt hätte.
    Und Lehrer, Ärzte, Professoren und viele andere konnten ihre Karrieren ungebrochen fortsetzen.
    Nun, da heute die Vergangenheit der unterschiedlichsten staatlichen Stellen aufgearbeitet wird, kommt an Licht, in welcher Kontinuität sich so manches entwickelt hat.
    Da muß man sich mit derartigen Kleinigkeiten nicht aufhalten. Es gibt viel Lohnenderes.

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  5. uns mit dem Artikel sagen? Dass viele in der deutschen Gesellschaft offen oder heimlich oder unbedacht mit den Nazis zusammenarbeiteten und Michel ein Fall davon war? Dass Kirche und Theologische Wissenschaft an den Ereignissen den Dritten Reiches nicht unbeteiligt waren? Dass die "Bekennende Kirche" eigentlich auch irgendwie Dreck am Stecken hat? Oder dass Michel selbst ein Nazi war? Ein Mitläufer? Ein Feigling? Ich würde eher das zweite und dritte in Betracht ziehen. Wahrscheinlich gehörte er zu denjenigen Wissenschaftlern, die sich an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen, um weiterhin ihre Forschungen betreiben zu können. Diese Fälle christlicher wissenschaftlicher Theologen im Dritten Reich sind übrigens umfassend aufgearbeitet und kein "blinder Fleck", wie der Artikel für mich suggeriert.

    Der Artikel arbeitet viel im Konjunktiv: "Hätte Michel nicht wissen müssen, dass...?" - Der Fall, dass er die Herkunft des Gegenstandes vllt. wirklich nicht kannte bzw. eine Recherche für unnötig hielt und das vllt. nicht einmal in böser Absicht, wird gar nicht in den Blick genommen. Für die Autorin scheint Michel bereits als Schuldiger festzustehen.

    Die Zielrichtung bzw. die Absicht des Artikels erschließt sich mir jedenfalls nicht.

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  6. 7. @ IHKF

    "Man kann in einem totalitären System keine Einzelaspekte gesondert bewerten." Das wäre sehr schlimm, denn damit würde man die Geschichte in den bloßen Gegensatz von den Guten und den Bösen auflösen. Aber damit wird man so gut wie keiner geschichtlichen (und gegenwärtigen) Situation gerecht. Die Motivation für Handlungen muss klar in die Bewertung der Handlung mit einbezogen werden. Michels wissenschaftliches, vor allem aber auch persönliches, Anliegen war es, den christlich-jüdischen Dialog in Deutschland überhaupt erst wieder entstehen zu lassen. Dieser Wille war es - (vielleicht neben etwas Selbstgefälligkeit, sich im Besten Licht darzustellen) hat ihn motiviert seine NSDAP-Vergangenheit zu verschweigen. Jemand der schon in der Nazi-Zeit sich so energisch für Juden einsetzt, kann nicht einfach als stumpfer Nazi und damit als ein zu den Bösen Gehöriger abgetan werden, nur weil er NSDAP-Mitglied ist.

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