JugendbuchGedankenspiele

Dieses Buch ist ein großartiger Türöffner in die Welt der Philosophie. von Karsten Binder

Jeder von uns hat irgendwann gelernt, "ich" zu sagen. Ein kleines Wörtchen mit Riesenbedeutung. Doch kaum hat man dieses "Ich" drauf, beginnen wir, es wieder infrage zu stellen. Warum sonst kaufen Erwachsene Bücher mit Titeln wie Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Der französische Sachbuchautor Oscar Brenifier stellt eine ähnlich verzwickte Frage: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? heißt sein wunderbares Philosophiebuch, das sich an junge Leser richtet. Zunächst liefert Brenifier die beruhigende Antwort: "Du bist da!" Von diesem festen Boden aus wagt er dann erfrischende Gedankensprünge, sich doch mal weg- oder anders zu denken.

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Der Autor benutzt dabei eine Art Trick abendländischer Philosophen, um ins große Chaos des Denkens eine Ordnung zu bringen: Er gliedert die Welt in Gegensatzpaare. Das "Ich" und das "Andere", "Vernunft" gegen "Leidenschaft" und "Einheit" versus "Vielheit". "Einheit" ist in der Illustration eine Schulklasse, eine geschlossene Gruppe, in der alle Figuren fast gleiche Frisuren, Körperhaltungen und Gesichtsausdrücke haben. Dem gegenüber steht die Illustration zur "Vielheit", in der jeder Schüler ein Individuum mit persönlichen Merkmalen ist. So weit, so klar. Doch dann legt Brenifier los: Die Schulklasse, sagt er, ist beides zugleich, Einheit und Vielheit. Je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet.

Dem Autor gelingt es – zusammen mit seinem deutschen Übersetzer, dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz –, wichtige Erkenntnisse der Philosophie wie nebenbei zu erzählen: Die Welt ist so, wie wir sie betrachten. "Endlich" ist ein Kreis, wenn ich ihn ganz vor mir sehe. Gehe ich näher ran, zerfällt der Kreis irgendwann in unzählige Bildpunkte, wird "unendlich".

© Gabriel Verlag

Mindestens so wichtig wie die Fragen und Antworten, die der Autor formuliert, sind die Illustrationen von Jacques Després. Ein wenig ähneln seine Figuren Aliens, kleine Männchen mit zarten Körpern und großen Fernsehbildschirmköpfen. Ihre Punktaugen blicken immer erstaunt – sie staunen über die Welt. Jacques Després hat Computerspiele entwickelt und Bühnenbilder entworfen. Hier schafft er dynamische und trotzdem distanzierte Szenen, die durch bewusstes Unscharfstellen von Vorder- und Hintergründen einen flirrenden 3-D-Effekt bekommen.

Das Buch folgt einem festen Rhythmus: Zunächst gibt es zu jedem der zwölf Gegensatzpaare eine Gegenüberstellung, es folgt eine provozierende Frage und schließlich die Auflösung. Je genauer man hinschaut, mitliest, sich einlässt auf das Fragespiel, desto genauer entschlüsseln sich die intelligent und hintersinnig verschränkten Text- und Bildbotschaften. Ein Beispiel: Ein Kapitel behandelt die Frage nach "Sein" und "Schein". Jeweils ein Bildschirmkopfmännchen sitzt vor einem Teller; auf dem einen liegt ein blauer Plastikfisch, auf dem anderen ein honigbraunes Brikett. Was von beiden ist der Fisch, was nur Schein? Autor und Illustrator foppen uns, denn der erste Blick irrt. Der wirkliche Fisch, das "Sein", ist das komische braune Ding, das sich als Fischstäbchen entpuppt. Das blaue Plastiktier dagegen ist nur Scheinfisch. Und weiter geht’s mit der Irritation: Auf der nächsten Doppelseite steht links die Frage "Zeigt sich das Sein immer in der Erscheinung?", dazu sehen wir eines der Männchen, das in einer Art Superman-Kostüm steckt. So zieht uns das Buch hinein in die spielerische Fragewelt, lässt uns mitphilosophieren: Wo steckt denn das Sein? In der superstarken Superman-Erscheinung? Oder ist die Computerfigur selbst wieder nur so ein Plastik-Schein, wie der Fisch auf der Seite zuvor?

Ein Philosophiebuch, das uns philosophieren macht – klasse! Bei aller Ruhe und Klarheit, mit dem es für Kinder ab etwa 12 Jahren einen soliden Zugang zu den Grunderkenntnissen abendländischer Philosophie bietet, ist es vor allem ein Abenteuerbuch des Denkens. Eine Art Spielplatz des Fragenstellens. Das macht Spaß, weil sich im Buch auf jede Frage eine Antwort findet – und sich an die, noch viel besser, eine nächste Frage anschließt. Ein Buch über die Lust des Denkens, das in unseren runden Köpfen ruhig mal die Richtung ändern kann.

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Leserkommentare
  1. Es gibt so viele gute Kinderbücher, die die Welt erklären,das Denken, die Wissenschaft, das Sozialleben. Nicht nur die Kinder können davon profitieren,auch die Erwachsenen. Deshalb bin ich eine begeisterte Vorleserin geworden, seit ich Kinder habe. Nicht nur Sachbücher zeigen philosophische Zusammenhänge auf, auch Geschichtenbücher wie z. B. für die Kleineren Janoschs Wahre Lügengeschichten [...]
    Manchmal erfährt man auch, wie man als Mutter gelassener sein könnte, wie bei Oma!Schreit der Frieder von Gudrun Mebs.
    Vorlesen eröffnet Welten, die man sonst als Erwachsener nicht betreten würde.

    Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion nicht zur Bewerbung des eigenen Blogs vorgesehen ist. Danke, die Redaktion/fk.

    • AraKeke
    • 25. Januar 2012 13:32 Uhr

    Ganz im Gegensatz zur vorliegenden Kritik des Buches, finde ich Dieses inhaltlich und sprachlich ganz und gar misslungen und geradezu ärgerlich. Mir wurde dieses Buch zu Weihnachten überreicht. Die Bilder fand ich gut, aber nur nach ein paar Seiten lesen verging mir der Spaß und ich legte es enttäuscht und verärgert wieder weg.
    Hier hatte jemand den Versuch unternommen philosophischen Babybrei anzurühren. An sich keine schlechte Idee, denn mit der Philosphieaufnahme kann nicht früh genug begonnen werden, doch sollte man bitte nicht so lange kochen und süßen, dass er überhaupt keinen Nährstoff mehr enthält, außer vielleicht ein paar konservative Bauernweisheiten. Auch wäre es schön, dass man sich einigermassen an Logik und Aktualität hält, denn Kinder, das mag manch Einer nicht glauben, sind zumeist gar nicht dumm!

  2. Da jemand, der nicht da ist, ganz bestimmt auch keine Bücher liest, sind das in dem Kontext garantiert nur Scheinprobleme. Aber was tut man nicht alles für acht Groschen Honorar.

  3. nicht sinnvoll. Ich halte es für symptomatisch, dass wir jeden Erlebnisbereich verkindlichen und gar nicht davon ausgehen, dass die Kinder sich an unserem, erwachsenen Material bedienen, wie dies viele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten taten.

    Nett gemeint, aber meiner Meinung nach nicht hilfreich.

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  • Schlagworte Computerspiel | Autor | Buch | Fisch
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