KreuzfahrtNiedriglöhner unter Deck

Auf Kreuzfahrtschiffen soll im Notfall selbst der Küchenjunge helfen. Aber darf man das wirklich erwarten? von Pierre-Christian Fink, und Katja Scherer

Bergungsarbeiten am havarierten Schiff Costa Concordia

Bergungsarbeiten am havarierten Schiff Costa Concordia  |  © Tullio M. Puglia/Getty Images

Kurz nachdem die Costa Concordia einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio rammte , stießen auf dem Kreuzfahrtschiff zwei Welten aufeinander. Deutsche und Engländer auf einer Seite, Filipinos und Inder auf der anderen. Denn die Passagiere trafen plötzlich auf jene, die für sie normalerweise unsichtbar bleiben: Küchenhelfer, Putzkräfte, Maschinisten. Jene Mitglieder der Schiffsbesatzung, denen es sonst verboten ist, auch nur in die Nähe der Passagiere zu kommen. Arbeitskräfte, die nur ein paar Decks tiefer schlafen, aber in einem ganz anderen Universum leben.

Als es krachte, kam es auf einmal auf diese Unsichtbaren an. Denn im Notfall sollen sie bei der Rettung helfen. Doch glaubt man Schilderungen von Passagieren, erwiesen sich viele Crew-Mitglieder als inkompetent. "Niemand wusste, wie man die Rettungsboote zu Wasser lässt", zitiert der britische Guardian einen früheren Seemann, der mit seiner Frau und zwei Töchtern auf der Concordia Urlaub machte. "Und viele Crew-Mitglieder konnten nicht mit uns kommunizieren, weil sie kein Wort Englisch sprachen." Ein anderer Passagier berichtete: "Die meisten Crew-Mitglieder kamen aus Indien , Sri Lanka oder von den Philippinen . Sie dachten gar nicht daran, Alte, Kinder und Behinderte zu retten. Stattdessen rannten sie los, um selbst als Erste auf den Rettungsbooten zu sein."

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Harte und pauschale Vorwürfe. Inwieweit sie zutreffen, kann nur eine sorgfältige Untersuchung des Unglücks klären. Doch eines kann man jetzt schon sagen: Im Katastrophenfall kommt es auf jedes Mitglied der Schiffsbesatzung an. Jeder, vom Offizier bis zum Hilfskoch, hat eine Aufgabe, genau beschrieben in Rettungsplänen. Das Überleben der Mitglieder beider Welten an Bord hängt davon ab, ob jeder Einzelne weiß, was er zu tun hat. Aber was kann man von Schiffsmannschaften erwarten, die aus allen Teilen der Welt zusammengewürfelt sind? Die zum Teil zu Niedrigstlöhnen und unter extremen Bedingungen unter Deck die Drecksarbeit erledigen? Hinter der weißen Fassade der Kreuzfahrtschiffe verbirgt sich eine Arbeitswelt, von der die meisten Passagiere nichts ahnen und von der sie vielleicht auch nichts wissen wollen. Dabei gibt es nicht nur wegen des jüngsten Unglücks allen Grund, dort genauer hinzuschauen.

Der Wettbewerb um Passagiere entscheidet sich über den Preis

Weltweit arbeite etwa eine Viertelmillion Menschen auf Kreuzfahrtschiffen, schätzt die weltweit tätige Gewerkschaft Norwegian Seafarers’ Union. Es sind mehr denn je, weil die Zahl der Schiffe rasant steigt. Das wiederum liegt am geänderten Geschäftsmodell: Kreuzfahrten haben sich vom Luxusprodukt zum Massengeschäft entwickelt . In diesem Umfeld wird der Wettbewerb um Passagiere über den Preis entschieden. Deshalb ist der Druck auf die Löhne und die Arbeitsbedingungen an Bord der Kreuzfahrtschiffe enorm – die Personalausgaben bilden auf den Schiffen mit manchmal über tausend Mann Besatzung einen großen Kostenblock.

Am Personal zu sparen, das haben viele Reedereien denn auch perfektioniert. Sie unterscheiden sorgfältig, wem sie wie viel zahlen müssen. Deshalb existiert an Bord auch unter der Besatzung eine fein gegliederte Klassengesellschaft. Sie besteht typischerweise aus drei Gruppen, innerhalb derer es etliche weitere Abstufungen gibt. Der Kapitän, seine Offiziere und die Matrosen – die eigentlichen Seeleute – bilden eine eher kleine Gruppe. Dabei kann ein Matrose, wenn er Glück hat und nach deutschem Tarif bezahlt wird, ein Einstiegsgehalt von 3.372 Euro im Monat verdienen oder – nach internationalem Tarif – nur 1.800 Dollar. Die ebenfalls eher kleine Gruppe im Maschinenraum verdient nach Angaben der Gewerkschaft schlechter, dort werden gerne Mitarbeiter von den Philippinen und aus anderen Entwicklungsländern eingesetzt. Die weitaus größte Gruppe arbeitet im Hotelbereich – ganze Hundertschaften von Köchen, Kellnern und Putzkräften. Ihre Bezahlung ist in der Regel umso besser, je näher sie an den Passagieren sind. Deutsche Urlaubsgäste zum Beispiel erwarten deutschsprachige, perfekt geschulte Stewards – aber wer in der Hotelwäscherei arbeitet, ist ihnen egal.

Die Crew-Mitglieder eines Schiffes haben oft verschiedene Arbeitgeber. "Die Philippiner", sagt der Kapitän eines großen Kreuzfahrtschiffes, "sind zum Beispiel bei einer Firma in Manila angestellt, zu den dort üblichen Löhnen, andere bei Crew-Agenturen, die in aller Welt Personal für die Schiffe anheuern." Bezahlt werde sehr unterschiedlich, berichtet der Kapitän, der seit mehr als 20 Jahren Kreuzfahrtschiffe kommandiert. Er möchte ohne Namen zitiert werden, weil seine Reederei nicht im Umfeld der aktuellen Unglücksberichterstattung erscheinen will. Nach seiner Beobachtung versuchen zumindest die billigen Kreuzfahrtanbieter, die Löhne weiter und weiter zu drücken. "Einige Reeder in Amerika zahlen Kellnern sogar nur 50 Dollar im Monat und sagen, sie sollen sich den Rest über Trinkgeld verdienen."

Hart sind auch die Arbeitszeiten an Bord: Praktisch für alle Besatzungsmitglieder gilt eine Siebentagewoche, und oft hat der Arbeitstag mehr als zehn Stunden. Allerdings arbeiten viele Offiziere nicht länger als drei bis vier Monate am Stück, während die Niedriglöhner an Bord neun Monate ohne Pause an Bord bleiben.

Leserkommentare
  1. von Leuten, die systematisch ausgebeutet werden, auch noch zu erwarten, dass sie ihr Leben einsetzen für Menschen, die von dieser Ausbeutung profitieren wollten.

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    • deDude
    • 19. Januar 2012 10:25 Uhr

    ... Hilfe leisten sollte nicht vom Einkommen abhängen sondern als ein Grundstein gesellschaftlichen Zusammenlebens angesehen werden. Das dort Menschen mit Dumpinglöhnen geknechtet werden ist allgemein bekannt, trotzdem verzeichnet die Branche in den letzten Jahren seit dem Switch vom Luxusurlaub hin zum Massenprodukt enorme Zuwächse.

    Warum können wir wohl bei Lidl diverse all inkl. Kreuzfahrten für € 699,- buchen, für die wir vor 10 Jahren noch € 3.000,- hätten zahlen müssen? Bedanken Wir uns bei all den unsichtbar bleibenden Mitarbeitern mit deren Dumpinglöhnen unsere "Geiz-ist-Geil"-Mentalität" subventioniert wird.

    Dummerweise greifen die Kunden zu einem großen Teil zum billigsten Angebot.

    Der Markt ist im Kreuzfahrt- und Pauschalreisegeschäft nicht nur hart umkämpft, es wird auch innerhalb der Unternehmen mit härtesten Bandagen miteinander umgegangen. Massive Machtkämpfe selbst in den Vorstandsetagen sind in der "lächelnden Industrie" keine Seltenheit. Dies ist allerdings nichts wirklich Neues.

    • gorgo
    • 19. Januar 2012 10:13 Uhr

    "Ein anderer Passagier berichtete: »Die meisten Crew-Mitglieder kamen aus Indien, Sri Lanka oder von den Philippinen. Sie dachten gar nicht daran, Alte, Kinder und Behinderte zu retten. Stattdessen rannten sie los, um selbst als Erste auf den Rettungsbooten zu sein.« Harte und pauschale Vorwürfe. Inwieweit sie zutreffen, kann nur eine sorgfältige Untersuchung des Unglücks klären."

    Warum harte Vorwürfe? Wieviele der "normalen" wohlhabenden Passagiere sind denn länger geblieben als nötig und haben Alte und Kinder gerettet? Wieviele wirklich Alte und Kinder gab es denn überhaupt?

    Geht es hier nicht viel mehr um arg gespielte Empörung, hinter der die Erwartung an die Billigstlöhner/innen kaum verhüllt zu Tage tritt, dass diese nämlich im Zweifel noch ihr Leben für die gut Betuchten einzusetzen hätten?

    "Das Überleben der Mitglieder beider Welten an Bord hängt davon ab, ob jeder Einzelne weiß, was er zu tun hat" - ja das ist schön, in der Theorie! Tatsächlich ist es in aller Regel so, dass auf einem rasch sinkenden Schiff, auf dem tausende Schlange für Rettungsboote stehen, jene, die zuerst ein Bott ergattern, wesentlich größere Überlebenschancen haben, als die, die bleiben müssen.

  2. Solange sich die Kreuzfahrtreisenden einen feuchten Dr*ck um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen kümmern, die ihnen all den Luxus und all den Spaß ermöglichen, solange haben sie auch kein Recht, von diesen ausgebeuteten Menschen in einer Notsituation Hilfe zu erwarten.
    Das ist ein grundlegendes Gesetz menschlichen Zusammenlebens.

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    • Chali
    • 19. Januar 2012 10:25 Uhr

    " ... zuerst ihre Fernseher und Videorecorder auf die Rettungsboote ... "
    Bravo!
    Die haben ihre Lektion gelernt: First things first.

    • Laoyafo
    • 19. Januar 2012 10:54 Uhr

    sind es ja auch, die den Mitarbeitern ein Auskommen in deren Heimat möglich machen. Auch gehen ich davon aus, dass sie nicht die Absicht haben, die Crew "auszubeuten", und sicher wissen sie auch gar nicht, dass die Crew unterbezahlt und schlecht versorgt ist. Wenn sie es wüssten, würden sie sicher noch was extra springen lassen. Diese Kreuzfahrer sind Menschen wie du und ich und haben nichts Böses getan. Natürlich wäre es besser, die Menschen höher zu entlohnen. Dann werden die Kreuzfahrten teurer, weniger werden gebucht, weniger finden dort Arbeit. Wann immer sie andere retten, retten sie sich auch selber. Menschen haben ein Recht auf Rettung. Ich mag Ihren Kommentar nicht.

    • huhi
    • 19. Januar 2012 10:16 Uhr

    Auch die "Traumschifffahrt" ist ein gutes Beisiel für die Umverteilung von unten nach oben.
    Einerseits sind die Preise für Reisen, die auch Costa nach Asien anbietet teilweise FÜNFSTELLIG pro Person, also Luxus pur - auch gutsituierte Deutsche nehmen gerne Teil.
    Daneben ist eine solche Fahrt CO2-Verschwendung pur; alleine der Energieverbrauch entspricht dem 5 bis 10-fachen der durchschnittlichen alltäglichen "Haushaltsführung".
    Was solls, sagen sich die Kunden, zu Hause können wir dann ja wieder für gerechte Löhne und Energieeinsparung sein...

    • Chali
    • 19. Januar 2012 10:25 Uhr

    " ... zuerst ihre Fernseher und Videorecorder auf die Rettungsboote ... "
    Bravo!
    Die haben ihre Lektion gelernt: First things first.

    • Chali
    • 19. Januar 2012 10:34 Uhr

    "Zudem ist 1800 für einen Inder ohne Qualifikation ein gigantisches Gehalt."

    Sicher WÀRE das ein gigantisches Gehalt. Wenn es gezahlt werden würde. Tut es aber nicht. Gehälter für Menschen "ohne Qualifikation" enden bei etwa 500 US.

    Die Anführungszeichen um die Qualifikation beziehen sich darauf, dass auch einfache Tätigkeiten nur so genannt werden.
    Auch ein Zimmermädchen kann qualifiziert sein. Wers nicht glaubt, kann es ja mal selbst versuchen.

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