Kreuzfahrt Niedriglöhner unter Deck
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Jedes Besatzungsmitglied sollte Rettungsaufgaben übernehmen können

Viele Gewerkschafter sehen in alldem einen klaren Fall von Ausbeutung. »Niedrige Löhne und Arbeitszeiten ohne Rücksicht auf Verluste – auf vielen Schiffen haben wir riesige Probleme«, sagt Karl-Heinz Biesold, bei der Gewerkschaft ver.di für die Schifffahrt zuständig. Dem halten Arbeitgeber entgegen, lange Arbeitszeiten seien auf Schiffen unvermeidlich. Und für viele Crew-Mitglieder aus Entwicklungsländern ist ein Lohn, der nach europäischen Maßstäben niedrig wäre, ein Vermögen. Mit ihrer Heuer vom Kreuzfahrtschiff bauen Philippiner in ihrer Heimat Häuser und ernähren Großfamilien. Die globalen Gegensätze prallen an kaum einem anderen Ort so unmittelbar aufeinander wie auf Kreuzfahrtschiffen.

In jedem Fall wechseln die Arbeiter aus den Entwicklungsländern oft von einem Schiff zum nächsten. Muss dieses maritime Prekariat nicht schlecht motiviert sein – und im Notfall damit als große Hilfe ausfallen?

Klar ist, dass die Kernbesatzung mit ein paar Dutzend Matrosen allein nicht Tausende Passagiere in Sicherheit bringen kann. Deshalb verlangen internationale Vorschriften, dass jedes Besatzungsmitglied dafür trainiert ist, Rettungsaufgaben zu übernehmen. So ist etwa der Hilfskoch dazu eingeteilt, im Notfall ein bestimmtes Rettungsboot zu Wasser zu lassen, in einem Stoßtrupp Feuer zu bekämpfen oder in einem bestimmten Gang panischen Passagieren den Weg zu weisen. Solche Kenntnisse müssen durch Scheine nachgewiesen und in Übungen regelmäßig angewandt werden. So regeln es die Vorgaben, die auf allen Schiffen der Welt gelten.

Aber in der Praxis bestehen offenbar große Unterschiede. »Auf gut geführten Schiffen«, berichtet das Betriebsratsmitglied einer Kreuzfahrtreederei, »lassen sie die Rettungsboote wirklich regelmäßig ins Wasser und fahren mit ihnen eine Runde. Auf schlecht organisierten zeigt man nur kurz auf die entsprechenden Hebel, und das war es dann.« Andere haben Ähnliches erlebt: »Bei einem Kapitän haben wir jeden Montag eine Feuerlöschübung mit kompletten Anzügen absolviert. Ein anderer stellte nur müde fest, dass schon wieder ein Monat rum sei und wir mal wieder was machen müssten«, erzählt Ruth Helmling, die als Vollmatrosin seit vier Jahren auf Passagierschiffen unterwegs ist.

Offiziell ist auch eine einheitliche Arbeitssprache Pflicht für die komplette Besatzung. Meist ist das Englisch. Aber »das Meer ist groß, und nicht alles wird ständig kontrolliert«, sagt der Kreuzfahrtkapitän. »Manchmal können schon die Leute auf der Brücke eines Schiffes, mit dem ich Funkkontakt habe, kaum Englisch. Da ist klar, dass es dort unter Deck mit den Sprachkenntnissen noch schlechter aussieht.«

Wer wird zuerst gerettet – der Passagier oder der Fernseher?

Das alles muss nicht zwangsläufig in einer Katastrophe münden, aber eine gute Vorbereitung für Notfälle sieht anders aus. Wie oft tatsächlich schlecht geschulte Besatzungen Unglücksfälle verschärft haben, verrät keine Statistik. Die Praktiker erzählen von Fällen, bei denen Crew-Mitglieder aus den unteren Etagen der Bordgesellschaft zuerst ihre Fernseher und Videorecorder auf die Rettungsboote schaffen wollten.

Einfache Tipps, wie ein Kreuzfahrttourist erkennen könnte, ob ein Schiff, für das er sich interessiert, sicher ist, können die Experten nicht geben. Schiffe unter europäischer Führung gelten als vergleichsweise sicher – trotz der Erfahrung auf der Costa Concordia. In Einzelfällen kann auch der Blick in ein internationales Schiffsregister nützen, das krasse Verstöße gegen Sicherheitsauflagen verzeichnet.

Vielleicht werden Kreuzfahrtschiffe schon im kommenden Jahr sicherer, vielleicht verbessern sich schnell die Arbeitsbedingungen unter Deck. Dann nämlich soll eine Seerechtsreform festschreiben, dass Behörden auf der ganzen Welt Schiffe festhalten können, wenn an Bord weniger als der Mindestlohn gezahlt wird.

Gut möglich, dass die Diskussion nach dem Unglück der Costa Concordia wenigstens diese Reform voranbringt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. von Leuten, die systematisch ausgebeutet werden, auch noch zu erwarten, dass sie ihr Leben einsetzen für Menschen, die von dieser Ausbeutung profitieren wollten.

    12 Leser-Empfehlungen
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    • deDude
    • 19.01.2012 um 10:25 Uhr

    ... Hilfe leisten sollte nicht vom Einkommen abhängen sondern als ein Grundstein gesellschaftlichen Zusammenlebens angesehen werden. Das dort Menschen mit Dumpinglöhnen geknechtet werden ist allgemein bekannt, trotzdem verzeichnet die Branche in den letzten Jahren seit dem Switch vom Luxusurlaub hin zum Massenprodukt enorme Zuwächse.

    Warum können wir wohl bei Lidl diverse all inkl. Kreuzfahrten für € 699,- buchen, für die wir vor 10 Jahren noch € 3.000,- hätten zahlen müssen? Bedanken Wir uns bei all den unsichtbar bleibenden Mitarbeitern mit deren Dumpinglöhnen unsere "Geiz-ist-Geil"-Mentalität" subventioniert wird.

    Dummerweise greifen die Kunden zu einem großen Teil zum billigsten Angebot.

    Der Markt ist im Kreuzfahrt- und Pauschalreisegeschäft nicht nur hart umkämpft, es wird auch innerhalb der Unternehmen mit härtesten Bandagen miteinander umgegangen. Massive Machtkämpfe selbst in den Vorstandsetagen sind in der "lächelnden Industrie" keine Seltenheit. Dies ist allerdings nichts wirklich Neues.

    • deDude
    • 19.01.2012 um 10:25 Uhr

    ... Hilfe leisten sollte nicht vom Einkommen abhängen sondern als ein Grundstein gesellschaftlichen Zusammenlebens angesehen werden. Das dort Menschen mit Dumpinglöhnen geknechtet werden ist allgemein bekannt, trotzdem verzeichnet die Branche in den letzten Jahren seit dem Switch vom Luxusurlaub hin zum Massenprodukt enorme Zuwächse.

    Warum können wir wohl bei Lidl diverse all inkl. Kreuzfahrten für € 699,- buchen, für die wir vor 10 Jahren noch € 3.000,- hätten zahlen müssen? Bedanken Wir uns bei all den unsichtbar bleibenden Mitarbeitern mit deren Dumpinglöhnen unsere "Geiz-ist-Geil"-Mentalität" subventioniert wird.

    Dummerweise greifen die Kunden zu einem großen Teil zum billigsten Angebot.

    Der Markt ist im Kreuzfahrt- und Pauschalreisegeschäft nicht nur hart umkämpft, es wird auch innerhalb der Unternehmen mit härtesten Bandagen miteinander umgegangen. Massive Machtkämpfe selbst in den Vorstandsetagen sind in der "lächelnden Industrie" keine Seltenheit. Dies ist allerdings nichts wirklich Neues.

    • gorgo
    • 19.01.2012 um 10:13 Uhr

    "Ein anderer Passagier berichtete: »Die meisten Crew-Mitglieder kamen aus Indien, Sri Lanka oder von den Philippinen. Sie dachten gar nicht daran, Alte, Kinder und Behinderte zu retten. Stattdessen rannten sie los, um selbst als Erste auf den Rettungsbooten zu sein.« Harte und pauschale Vorwürfe. Inwieweit sie zutreffen, kann nur eine sorgfältige Untersuchung des Unglücks klären."

    Warum harte Vorwürfe? Wieviele der "normalen" wohlhabenden Passagiere sind denn länger geblieben als nötig und haben Alte und Kinder gerettet? Wieviele wirklich Alte und Kinder gab es denn überhaupt?

    Geht es hier nicht viel mehr um arg gespielte Empörung, hinter der die Erwartung an die Billigstlöhner/innen kaum verhüllt zu Tage tritt, dass diese nämlich im Zweifel noch ihr Leben für die gut Betuchten einzusetzen hätten?

    "Das Überleben der Mitglieder beider Welten an Bord hängt davon ab, ob jeder Einzelne weiß, was er zu tun hat" - ja das ist schön, in der Theorie! Tatsächlich ist es in aller Regel so, dass auf einem rasch sinkenden Schiff, auf dem tausende Schlange für Rettungsboote stehen, jene, die zuerst ein Bott ergattern, wesentlich größere Überlebenschancen haben, als die, die bleiben müssen.

  2. Solange sich die Kreuzfahrtreisenden einen feuchten Dr*ck um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen kümmern, die ihnen all den Luxus und all den Spaß ermöglichen, solange haben sie auch kein Recht, von diesen ausgebeuteten Menschen in einer Notsituation Hilfe zu erwarten.
    Das ist ein grundlegendes Gesetz menschlichen Zusammenlebens.

    10 Leser-Empfehlungen
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    • Chali
    • 19.01.2012 um 10:25 Uhr

    " ... zuerst ihre Fernseher und Videorecorder auf die Rettungsboote ... "
    Bravo!
    Die haben ihre Lektion gelernt: First things first.

    sind es ja auch, die den Mitarbeitern ein Auskommen in deren Heimat möglich machen. Auch gehen ich davon aus, dass sie nicht die Absicht haben, die Crew "auszubeuten", und sicher wissen sie auch gar nicht, dass die Crew unterbezahlt und schlecht versorgt ist. Wenn sie es wüssten, würden sie sicher noch was extra springen lassen. Diese Kreuzfahrer sind Menschen wie du und ich und haben nichts Böses getan. Natürlich wäre es besser, die Menschen höher zu entlohnen. Dann werden die Kreuzfahrten teurer, weniger werden gebucht, weniger finden dort Arbeit. Wann immer sie andere retten, retten sie sich auch selber. Menschen haben ein Recht auf Rettung. Ich mag Ihren Kommentar nicht.

    • Chali
    • 19.01.2012 um 10:25 Uhr

    " ... zuerst ihre Fernseher und Videorecorder auf die Rettungsboote ... "
    Bravo!
    Die haben ihre Lektion gelernt: First things first.

    sind es ja auch, die den Mitarbeitern ein Auskommen in deren Heimat möglich machen. Auch gehen ich davon aus, dass sie nicht die Absicht haben, die Crew "auszubeuten", und sicher wissen sie auch gar nicht, dass die Crew unterbezahlt und schlecht versorgt ist. Wenn sie es wüssten, würden sie sicher noch was extra springen lassen. Diese Kreuzfahrer sind Menschen wie du und ich und haben nichts Böses getan. Natürlich wäre es besser, die Menschen höher zu entlohnen. Dann werden die Kreuzfahrten teurer, weniger werden gebucht, weniger finden dort Arbeit. Wann immer sie andere retten, retten sie sich auch selber. Menschen haben ein Recht auf Rettung. Ich mag Ihren Kommentar nicht.

    • huhi
    • 19.01.2012 um 10:16 Uhr

    Auch die "Traumschifffahrt" ist ein gutes Beisiel für die Umverteilung von unten nach oben.
    Einerseits sind die Preise für Reisen, die auch Costa nach Asien anbietet teilweise FÜNFSTELLIG pro Person, also Luxus pur - auch gutsituierte Deutsche nehmen gerne Teil.
    Daneben ist eine solche Fahrt CO2-Verschwendung pur; alleine der Energieverbrauch entspricht dem 5 bis 10-fachen der durchschnittlichen alltäglichen "Haushaltsführung".
    Was solls, sagen sich die Kunden, zu Hause können wir dann ja wieder für gerechte Löhne und Energieeinsparung sein...

    • Chali
    • 19.01.2012 um 10:25 Uhr

    " ... zuerst ihre Fernseher und Videorecorder auf die Rettungsboote ... "
    Bravo!
    Die haben ihre Lektion gelernt: First things first.

    • Chali
    • 19.01.2012 um 10:34 Uhr

    "Zudem ist 1800 für einen Inder ohne Qualifikation ein gigantisches Gehalt."

    Sicher WÀRE das ein gigantisches Gehalt. Wenn es gezahlt werden würde. Tut es aber nicht. Gehälter für Menschen "ohne Qualifikation" enden bei etwa 500 US.

    Die Anführungszeichen um die Qualifikation beziehen sich darauf, dass auch einfache Tätigkeiten nur so genannt werden.
    Auch ein Zimmermädchen kann qualifiziert sein. Wers nicht glaubt, kann es ja mal selbst versuchen.

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