GuimarãesSchwerter zu Sticknadeln

Von Guimarães aus wurde einmal Portugal regiert. Als europäische Kulturhauptstadt 2012 frischt der kleine Ort Geschichte und Kunsthandwerk mit neuen Ideen auf von 

Guimarães im Norden Portugals ist europäische Kulturhauptstadt 2012.

Guimarães im Norden Portugals ist europäische Kulturhauptstadt 2012.  |  © Miguel Riopa/AFP/Getty Images

Für denselben Preis und in derselben Zeit käme man von Deutschland auch locker nach New York . Da wüsste man sicher, dass einen eine aufregende Stadt erwartet. Stattdessen liegt das Reiseziel in der portugiesischen Provinz. Mit Zwischenstopp in Lissabon geht es nach Guimarães hoch im Norden des schmalen Landes. "The place to be", sagt Ricardo Areias dort mit einem gewinnenden Lächeln. Tatsächlich? Der junge Architekt steht in Stoffhosen, Hemd und Pulli mit V-Ausschnitt auf dem nackten Betonboden einer ehemaligen Fabrikhalle, über sich ein paar Neonröhren, umgeben vom leicht stechenden Geruch frischer Farbe an den Wänden des neuen Zentrums für Kunst und Kultur (CAA). Areias, der Architekt, ist nach vier Jahren in New York zurückgekommen in seine Heimatstadt Guimarães. "Und bestimmt nicht aus Heimweh", sagt er, wobei sich sein Lächeln zu einem breiten Grinsen weitet. "Ich glaube einfach, dass Guimarães im Moment experimentierfreudiger ist als New York."

Die Bürger von Guimarães sind stolz. Zwar ging es zuletzt mit der traditionellen Textilindustrie der Region bergab, und viele Fabriken mussten schließen. Doch was bleibt, ist die große Geschichte: Guimarães, das lernt jedes portugiesische Kind, war die erste Hauptstadt des Königreiches; hier wurde es im 12. Jahrhundert gegründet. Da gibt man nicht klein bei, wenn irgendwas mal nicht mehr klappt, sondern denkt sich etwas Neues aus. In diesem Jahr ist Guimarães Europäische Kulturhauptstadt , und wer die Stadt also in den kommenden Monaten New York vorzieht, wird über mittelalterliche Marktplätze schlendern und den Niedergang der Industrie besichtigen können – er wird aber in den alten Mauern auch auf manches mutige Projekt treffen, das erstaunlich ist für einen Ort mit nur 60.000 Einwohnern.

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Vom CAA am südlichen Stadtrand führt die schmale Straße mit dem buckligen Kopfsteinpflaster steil hinauf in Richtung Innenstadt. Calçada portuguesa nennen sie es hier, wenn kaum behauene Steine in den Boden geklopft werden und man beim Gehen aufpassen muss, nicht zu stolpern. Beinahe übergangslos schließen sich elegante Wohnhäuser an verlassene, unkrautumwucherte Fabrikgebäude an: schlanke, granitene Bauten aus der industriellen Blütezeit, die Fassaden oft verziert durch Kacheln und schmiedeeiserne Balkone. Vor manchen Fenstern hängen Bettlaken und Tischtücher zum Trocknen in der noch etwas fahlen, aber bereits wärmenden Januarsonne. Nahebei kräht ein Hahn, aus einem offenen Fenster dringt das trockene Lachen einer Frau. Ein paar Schritte weiter locken sorgfältig zur Pyramide getürmte Orangen vor einem kleinen Obstladen. Die Besitzerin schenkt der Fremden, die da des Weges kommt, eine Frucht, als sei sie eine gute Bekannte.

"Kultur ist doch die Grundlage für alles. Natürlich soll man dafür Geld ausgeben"

Ihre Altstadt haben die Bewohner liebevoll hergerichtet, 2001 wurde sie in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Oben am Largo de Toural, dem wichtigsten Platz in Guimarães, braust der Verkehr um die Zeitungsleser, die sich zwischen frühlingshaft blühenden Bäumen auf neuen Bänken niedergelassen haben. Keiner kann die großen weißen Lettern übersehen, mit denen das Selbstverständnis der Bewohner an ein Stück mittelalterliche Burgmauer geschrieben steht: "Aqui nasceu Portugal" – "Hier wurde Portugal geboren".

In der nahen Rua da Rainha hat Luis Teixeira seinen Laden. Rainha, das bedeutet Königin oder auch Perle. Die Gasse ist schmal, aber der Name passt gut, denn Teixeira ist Juwelier. Einer, der in Handarbeit Stücke nach Entwürfen seiner Kunden fertigt, zu bezahlbaren Preisen. "Na ja, was soll ich machen", sagt er, während er ein paar alte Silberstücke in einem Topf zum Schmelzen bringt. "Jeder kennt ja Portugals wirtschaftliche Lage." Seine Landsleute haben traditionell ihr Erspartes in Gold- und Silberschmuck getauscht. Guimarães, wo die Schmiede schon im Mittelalter für den König und die Duques und die Condessas arbeiteten, ist immer noch bekannt für seine Juweliere. Nun aber verkaufen die Portugiesen ihren Schmuck; in Teixeiras Straße und darum herum drängen sich Pfandleihhäuser und Goldankäufer zwischen die kleinen Cafés und Läden.

Soll man in so einer Lage viel Geld für ein Kulturjahr ausgeben? 100 Millionen Euro beträgt das Budget aus Mitteln des Staates, der Stadt und der EU . Das sind zehn Millionen weniger als ursprünglich geplant, aber immerhin. Der Großteil des Geldes ist in die Verschönerung von Straßen und Plätzen geflossen und in die Ausstattung von Kulturzentren wie des CAA und der noch entstehenden Plattform für Kunst und Kreativität. Auf deren enormer Fläche könnten dereinst problemlos Anselm Kiefer oder Richard Serra monumental ausstellen.

"Kultur ist doch die Grundlage für alles", sagt Conçeição Ferreira resolut und legt für einen Moment das Platzdeckchen zur Seite, an dem sie seit dem Morgen stickt. "Natürlich soll man dafür Geld ausgeben." Die 66-Jährige verehrt ihren Bürgermeister António Magalhães, der seit Jahren 25 Prozent des Budgets für Bildung und Kultur ausgibt, der nach der Renovierung der Altstadt ein Sommerfestival mit Tanz und Theater, Kino und Konzerten organisieren ließ und dann, weil die Bürger nicht ein Jahr lang auf das nächste warten wollten, noch Winterfestivals dazu. Ferreira hält viel von Traditionen. Sie erhält selbst eine aufrecht, wenn sie tagein, tagaus in Tischläufer oder Servietten aus Leinen akribisch Stich für Stich die überlieferten Muster der Stadt stickt. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es die schon. 21 verschiedene Stiche sind erlaubt, in sechs Farbtönen. Da ist man in Guimarães ganz streng. Später werden die Arbeiten in den Stickwarenläden der Altstadt verkauft.

Aber wenn es die Zeit erlaubt, dann geht Ferreira nach nebenan, wo das Theater Oficina probt. Die "Werkstatt" ist schon seit Ende der neunziger Jahre selbstbewusst anders, modern, experimentell. Anstrengend und unverständlich, könnten ältere Bürger sagen. Nicht so Ferreira, die mit ihren blonden, ondulierten Haaren wie ein Leuchtkörper in einer Ecke des schwarzen Saals wirkt. Der älteste der sechs Schauspieler, die sich an diesem Nachmittag zur Probe versammelt haben, ist 36, der jüngste gerade 24. Nach den Lockerungsübungen, zu denen die sechs wie Hummeln brummen und in Halbtonstufen "nananana, nenenene, nininini, nononono, nununununu" nach oben und nach unten singen, beginnt die eigentliche Arbeit. Emilio Gomes deklamiert in dramatischem Tonfall einen Text über einen jungen Mann, der mit seinem Oldtimer die Herzen zahlreicher Mädchen erobert. Es ist, das wird erst klar, als Gomes in einen Singsang verfällt, ein Lied des bekannten brasilianischen Sängers Roberto Carlos . Ein Experiment, das die Zuschauer bei der Aufführung in wenigen Wochen dazu anhalten soll, Musik im Radio oder von der CD nicht nur als Geräuschkulisse wahrzunehmen, sondern sich intensiv mit ihrem Inhalt auseinanderzusetzen. Auf die Skripte für die nächsten Projekte warten die Theatermacher noch. Sie werden gerade erst geschrieben. Klassiker kommen im Oficina nicht auf die Bühne, stattdessen fast nur neue Werke zeitgenössischer Autoren.

Am anderen Morgen wecken die Glocken der Kirche Nossa Senhora da Oliveira, die kurz nach sieben Uhr zur Frühmesse läuten. Noch dringt kaum Licht in die engen Gassen, aber die Männer der Straßenreinigung spritzen bereits Wasser aus großen Schläuchen auf die Wege. So beginnt jeder Morgen in Guimarães, und den ganzen Tag über wird mit Besen und Kehrwagen eifersüchtig darüber gewacht, dass kein Papierfitzel oder Zigarettenstummel die schöne Stadt verunstaltet. "Bom dia, menina", "guten Morgen, Mädchen", grüßen die Frühaufsteher. Das sollte niemand als Anmache missverstehen, menina, das ist hier einfach nur die freundliche Anrede für jede Frau, die jünger ist als der Grüßende.

Anreise

Die staatliche portugiesische Fluggesellschaft TAP sowie die Lufthansa bieten nur ab Frankfurt Direktflüge zum nächstgelegenen Flughafen Porto an. Von allen anderen deutschen Flughäfen sind Zwischenstopps entweder in Frankfurt oder in Lissabon nötig. Von Porto aus gibt es Shuttlebusse in das rund 45 Minuten entfernte Guimarães

Unterkunft

Wer den Tag bereits mitten in der Altstadt von Guimarães beginnen möchte, mietet sich am besten in der Pousada Nossa Senhora da Oliveira ein (Rua de Santa Maria, 4801-910 Guimarães, Tel. 00351-253514157, www.pousadas.pt). DZ ab 65 Euro.

Einen ausführlichen Überblick über sämtliche Hotels in der Stadt bietet www.visitportugal.pt. Alle, die Lust auf Familienanschluss bei Einheimischen haben, werden unter www.guimaraesturismo.com/pages/775 fündig

Programm

Die offizielle Web-Adresse der Kulturhauptstadt ist www.guimaraes2012.pt

Die Nossa Senhora da Oliveira ist eher Trutzburg als Kirche. Beim Frühstück auf dem gleichnamigen Platz davor lässt sich darüber spekulieren, ob’s daran liegt, dass der Bau zum Dank für den Sieg in einer Schlacht aufgerichtet wurde. Vielleicht wüsste es die Reiseführerin der Gruppe, die gerade lärmend auf den Platz marschiert. Sie trägt eine slowenische Flagge, womöglich sind die Besucher aus Maribor, der zweiten europäischen Kulturhauptstadt des Jahres . Aber momentan ist es einfach viel zu angenehm, vom Caféstuhl aus, unbeweglich in die Sonne blinzelnd, den schweren Sandsteinturm der Kirche mit den Augen über die mächtigen Glocken bis zu den Zinnen hinauf- und wieder hinunterzuklettern. Die Speisekarte gibt bereits Auskunft über das Mittagsgericht. Vielleicht sollte man später wiederkommen und zum Kabeljau ein Glas des jungen Vinho verde trinken, dessen Trauben vor den Toren der Stadt geerntet wurden.

Der jüngste Held der Stadt macht Mode, der älteste trägt Grünspan

Doch nun ist es erst einmal höchste Zeit für einen Besuch bei König Afonso Henriques. Schließlich wäre Guimarães ohne ihn nicht das, was es heute ist. Die Straße hinauf zur Burg, die Rua de Santa Maria, gilt als die älteste in der ganzen Stadt und ist wegen ihrer ehemaligen Herrschaftshäuser und dem früheren Kloster auch eine der schönsten. Im Kloster residiert heute der kulturbegeisterte Bürgermeister. In der noblen Rua ist aber auch der junge Modemacher Rafael Freitas gemeldet, ein lokaler Held, seit er auf Modenschauen in aller Welt – wenigstens indirekt – für Guimarães wirbt.

Vom Helden aus früheren Tagen ist eine Bronzestatue geblieben. Sie zeigt ihn, mit reichlich grüner Patina versehen, auf dem Weg zu seiner einstigen Herrschaftsburg am höchsten Punkt der Stadt, das Schwert zum Kampf erhoben. Aus den wuchtigen Granitmauern der Burg mit ihren Zinnen und wehrhaften Türmen dringt lautes Gekreische. Eine Gruppe Grundschüler hat sie zusammen mit ihren Lehrern eingenommen, die ihnen, als Burgfräulein und Ritter verkleidet, die Historie ihres Landes vermitteln. Genau genommen ist die Geburt des späteren Königs Afonso Henriques in Guimarães gar nicht gesichert. Aber an der Historie zu rütteln hätte womöglich fatale Wirkung auf die junge Generation.

Ricardo Areias jedenfalls ist zurückgekommen, um zu bleiben. Auch über den 21. Dezember hinaus, an dem nach mehr als 600 Veranstaltungen das Kulturhauptstadt-Jahr enden wird. In Guimarães witzeln die Leute, dass am selben Tag laut Maya-Kalender ohnehin die Welt untergeht . Doch im Zweifelsfall haben sie für den 22. Dezember schon neue Ideen.

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Leserkommentare
  1. Man durchaus schneller und günstiger nach Guimarães als nach New York. Eine irische Low-Cost-Airline fliegt Porto von mehreren deutschen Airports an, eine Straßenbahn fährt in ca. 20 Min. ins Zentrum von Porto, von dort wiederum verkehrt stündlich ein Regionalzug (kostet 2,80 EUR, einfache Fahrt; braucht ein bisschen mehr als eine Stunde). Also bietet sich Guimarães auch als Tagesausflug von Porto an, problemlos auch in Kombination mit dem nahe gelegenen Braga.

  2. Mein Vorkommentator hat völlig recht. Und Porto ist ohnehin einen Besuch wert. Desweiteren empfehle ich noch Ponte de Lima. Eine superschöne Unterkunft gibt es etwas außerhalb und höher gelegen im Paço de Calheiros im 400 Jahre alten Anwesen der Familie des Grafen.
    Der Norden von Portugal ist meines Erachtens viel attraktiver als der trockene Süden mit seinen Tourismushochburgen. Landschaftlich bietet er einiges, die Menschen sind etwas zurückhaltend und sehr liebenswert. Zudem ist sowohl die alte als auch die neue Architektur stilvoller als im benachbarten Spanien.

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