Guimarães Schwerter zu Sticknadeln
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Kein Papierfitzel oder Zigarettenstummel darf die schöne Stadt verunstalten

Aber wenn es die Zeit erlaubt, dann geht Ferreira nach nebenan, wo das Theater Oficina probt. Die »Werkstatt« ist schon seit Ende der neunziger Jahre selbstbewusst anders, modern, experimentell. Anstrengend und unverständlich, könnten ältere Bürger sagen. Nicht so Ferreira, die mit ihren blonden, ondulierten Haaren wie ein Leuchtkörper in einer Ecke des schwarzen Saals wirkt. Der älteste der sechs Schauspieler, die sich an diesem Nachmittag zur Probe versammelt haben, ist 36, der jüngste gerade 24. Nach den Lockerungsübungen, zu denen die sechs wie Hummeln brummen und in Halbtonstufen »nananana, nenenene, nininini, nononono, nununununu« nach oben und nach unten singen, beginnt die eigentliche Arbeit. Emilio Gomes deklamiert in dramatischem Tonfall einen Text über einen jungen Mann, der mit seinem Oldtimer die Herzen zahlreicher Mädchen erobert. Es ist, das wird erst klar, als Gomes in einen Singsang verfällt, ein Lied des bekannten brasilianischen Sängers Roberto Carlos. Ein Experiment, das die Zuschauer bei der Aufführung in wenigen Wochen dazu anhalten soll, Musik im Radio oder von der CD nicht nur als Geräuschkulisse wahrzunehmen, sondern sich intensiv mit ihrem Inhalt auseinanderzusetzen. Auf die Skripte für die nächsten Projekte warten die Theatermacher noch. Sie werden gerade erst geschrieben. Klassiker kommen im Oficina nicht auf die Bühne, stattdessen fast nur neue Werke zeitgenössischer Autoren.

Am anderen Morgen wecken die Glocken der Kirche Nossa Senhora da Oliveira, die kurz nach sieben Uhr zur Frühmesse läuten. Noch dringt kaum Licht in die engen Gassen, aber die Männer der Straßenreinigung spritzen bereits Wasser aus großen Schläuchen auf die Wege. So beginnt jeder Morgen in Guimarães, und den ganzen Tag über wird mit Besen und Kehrwagen eifersüchtig darüber gewacht, dass kein Papierfitzel oder Zigarettenstummel die schöne Stadt verunstaltet. »Bom dia, menina«, »guten Morgen, Mädchen«, grüßen die Frühaufsteher. Das sollte niemand als Anmache missverstehen, menina, das ist hier einfach nur die freundliche Anrede für jede Frau, die jünger ist als der Grüßende.

Anreise

Die staatliche portugiesische Fluggesellschaft TAP sowie die Lufthansa bieten nur ab Frankfurt Direktflüge zum nächstgelegenen Flughafen Porto an. Von allen anderen deutschen Flughäfen sind Zwischenstopps entweder in Frankfurt oder in Lissabon nötig. Von Porto aus gibt es Shuttlebusse in das rund 45 Minuten entfernte Guimarães

Unterkunft

Wer den Tag bereits mitten in der Altstadt von Guimarães beginnen möchte, mietet sich am besten in der Pousada Nossa Senhora da Oliveira ein (Rua de Santa Maria, 4801-910 Guimarães, Tel. 00351-253514157, www.pousadas.pt). DZ ab 65 Euro.

Einen ausführlichen Überblick über sämtliche Hotels in der Stadt bietet www.visitportugal.pt. Alle, die Lust auf Familienanschluss bei Einheimischen haben, werden unter www.guimaraesturismo.com/pages/775 fündig

Programm

Die offizielle Web-Adresse der Kulturhauptstadt ist www.guimaraes2012.pt

Die Nossa Senhora da Oliveira ist eher Trutzburg als Kirche. Beim Frühstück auf dem gleichnamigen Platz davor lässt sich darüber spekulieren, ob’s daran liegt, dass der Bau zum Dank für den Sieg in einer Schlacht aufgerichtet wurde. Vielleicht wüsste es die Reiseführerin der Gruppe, die gerade lärmend auf den Platz marschiert. Sie trägt eine slowenische Flagge, womöglich sind die Besucher aus Maribor, der zweiten europäischen Kulturhauptstadt des Jahres. Aber momentan ist es einfach viel zu angenehm, vom Caféstuhl aus, unbeweglich in die Sonne blinzelnd, den schweren Sandsteinturm der Kirche mit den Augen über die mächtigen Glocken bis zu den Zinnen hinauf- und wieder hinunterzuklettern. Die Speisekarte gibt bereits Auskunft über das Mittagsgericht. Vielleicht sollte man später wiederkommen und zum Kabeljau ein Glas des jungen Vinho verde trinken, dessen Trauben vor den Toren der Stadt geerntet wurden.

Der jüngste Held der Stadt macht Mode, der älteste trägt Grünspan

Doch nun ist es erst einmal höchste Zeit für einen Besuch bei König Afonso Henriques. Schließlich wäre Guimarães ohne ihn nicht das, was es heute ist. Die Straße hinauf zur Burg, die Rua de Santa Maria, gilt als die älteste in der ganzen Stadt und ist wegen ihrer ehemaligen Herrschaftshäuser und dem früheren Kloster auch eine der schönsten. Im Kloster residiert heute der kulturbegeisterte Bürgermeister. In der noblen Rua ist aber auch der junge Modemacher Rafael Freitas gemeldet, ein lokaler Held, seit er auf Modenschauen in aller Welt – wenigstens indirekt – für Guimarães wirbt.

Vom Helden aus früheren Tagen ist eine Bronzestatue geblieben. Sie zeigt ihn, mit reichlich grüner Patina versehen, auf dem Weg zu seiner einstigen Herrschaftsburg am höchsten Punkt der Stadt, das Schwert zum Kampf erhoben. Aus den wuchtigen Granitmauern der Burg mit ihren Zinnen und wehrhaften Türmen dringt lautes Gekreische. Eine Gruppe Grundschüler hat sie zusammen mit ihren Lehrern eingenommen, die ihnen, als Burgfräulein und Ritter verkleidet, die Historie ihres Landes vermitteln. Genau genommen ist die Geburt des späteren Königs Afonso Henriques in Guimarães gar nicht gesichert. Aber an der Historie zu rütteln hätte womöglich fatale Wirkung auf die junge Generation.

Ricardo Areias jedenfalls ist zurückgekommen, um zu bleiben. Auch über den 21. Dezember hinaus, an dem nach mehr als 600 Veranstaltungen das Kulturhauptstadt-Jahr enden wird. In Guimarães witzeln die Leute, dass am selben Tag laut Maya-Kalender ohnehin die Welt untergeht. Doch im Zweifelsfall haben sie für den 22. Dezember schon neue Ideen.

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Leser-Kommentare
  1. Man durchaus schneller und günstiger nach Guimarães als nach New York. Eine irische Low-Cost-Airline fliegt Porto von mehreren deutschen Airports an, eine Straßenbahn fährt in ca. 20 Min. ins Zentrum von Porto, von dort wiederum verkehrt stündlich ein Regionalzug (kostet 2,80 EUR, einfache Fahrt; braucht ein bisschen mehr als eine Stunde). Also bietet sich Guimarães auch als Tagesausflug von Porto an, problemlos auch in Kombination mit dem nahe gelegenen Braga.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Mein Vorkommentator hat völlig recht. Und Porto ist ohnehin einen Besuch wert. Desweiteren empfehle ich noch Ponte de Lima. Eine superschöne Unterkunft gibt es etwas außerhalb und höher gelegen im Paço de Calheiros im 400 Jahre alten Anwesen der Familie des Grafen.
    Der Norden von Portugal ist meines Erachtens viel attraktiver als der trockene Süden mit seinen Tourismushochburgen. Landschaftlich bietet er einiges, die Menschen sind etwas zurückhaltend und sehr liebenswert. Zudem ist sowohl die alte als auch die neue Architektur stilvoller als im benachbarten Spanien.

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