Vorbehalte gegen Prosaexperimente sind zäh wie die deutsche Ordnungsliebe. Sagen wir es also besser gleich: Ja, Marlene Streeruwitz schreibt anders. Ihre Sätze sind nicht immer vollständig, Assoziationsfetzen geben das Tempo vor, ein Panoramablick wird tunlichst vermieden, keine souveräne Erzählerin verwöhnt uns. Stattdessen: Konzentration aufs übergenaue Detail, auf den gedehnten Moment. Dahinter steckt aber kein Spleen, sondern die poetische Konsequenz einer eng an das körperliche Empfinden und den Bewusstseinsstrom ihrer Figuren gebundenen Sprache.

Seit vielen Jahren nimmt die in Wien , London und New York lebende österreichische Autorin sich drängender Themen unserer Gegenwart an, seien es Terrorismus ( Entfernung , 2006), Bankencrash ( Kreuzungen , 2008) oder, wie jetzt in Die Schmerzmacherin , die Sicherheitsindustrie, das heißt: die rechtliche Grauzone heutiger Kriege durch Privatisierung wichtiger sicherheitsrelevanter Bereiche. Dass ihr das nicht zum platten politischen Kommentar gerät, zur Selbstfeier moralischer Überlegenheit, liegt an der so eigenwilligen wie kunstvollen Verknüpfung von Mikro- und Makrostrukturen. Das mag abgehoben klingen, ist aber in Wahrheit sehr lebensnah. Denn Marlene Streeruwitz erzählt das »große« Thema aus der Perspektive des »kleinen« Subjekts.

Ihre jüngste Heldin heißt Amalie Schreiber, genannt Amy, 24 Jahre, Wienerin mit Wurzeln in London, Sprössling einer namhaften, weiblich dominierten, emotional verkommenen Familie, die bei Pflegeeltern aufwuchs und mit einer Schönheit gesegnet ist, die ihr im Leben nichts Gutes bringt. Sie hat ein Praktikum begonnen bei einer Sicherheitsfirma, vermittelt durch eine dubiose Londoner Großtante. Amys Boss, ein gewisser Gregory, von dem es einmal heißt, er könnte als »Double von Strauss-Kahn« durchgehen, verkündet vor versammelter Mannschaft: »Beauty is a weapon like any other device and we are in need of all possible devices and therefore we need Amy.« Klingt fast, als sollte Rilkes berühmter Vers »Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang« noch einmal geprüft werden für die Jetztzeit.

Wir befinden uns, als Gregorys eiskalter Satz fällt, in einem Trainingslager der (fiktiven) britischen Sicherheitsfirma Allsecura im No-man’s-land an der bayerisch-tschechischen Grenze. Zu deren Diensten zählen Verhöre und Folter. Gerade herrscht Panik: Ein »Kamerad« ist in Afghanistan ins Gefängnis gesteckt worden. Kalt ist es in jeder Hinsicht an diesem Dezembertag des Jahres 2010. Draußen auf den Feldern liegt Schnee. Amy wird dort einen gefesselten Mann befreien, dessen Identität wir nie erfahren. Als Erzählprinzip gilt, dass vieles opak bleibt. Das Geschehen wird, anders als im Thriller, nicht aufgeklärt, weil Marlene Streeruwitz sich ausschließlich an Amy hält, also die Gefühle, Gedanken, Bewegungen einer sehr zeitgenössischen jungen Frau, die zwar psychisch beschädigt wirkt, doch am Ende – daher die irrwitzige Spannung des Buchs – über eine geradezu genialische Intuition verfügt.

Nebenbei: Endlich eine Autorin, die der faktischen Bedeutung des Autofahrens literarisch gerecht wird. Amy fährt gern und viel Auto in diesem Roman. Gleich die erste Szene, eine morgendliche Fahrt durch die winterliche Landschaft, macht uns mit der beunruhigenden Tatsache bekannt, dass Amy sich mit Wodka abfüllt, ohne dass der zweifelhafte Genuss am Abdriften verleugnet würde. Eine diffuse Angst hält diese ruhelose, ortlose, junge Person fest im Griff. Angst ist gewissermaßen Teil ihrer Persönlichkeit, genauso wie die Neigung zum Surfen und Floaten, genau wie ihre Essstörung, ihre Alkoholsucht, ihre Absencen. Man möchte Amy schütteln und rufen: Wach auf!

Das geschieht dann auch, mit einem Schock, ein paar Wochen später. Amy läuft das Blut aus dem Unterleib. Sie befindet sich in der Londoner Wohnung ihrer Tante, die nur ein Interesse an ihr hat: dass sie ihre Unterschrift setzen möge unter eine Restitutionsvereinbarung mit dem österreichischen Staat; eine Vereinbarung über die Rückgabe eines Gemäldes, das den Damen der Familie viel Geld bringen würde. Aber Amy zögert die Unterschrift hinaus, zum Ärger ihrer Tante. Da steht Amy also in deren schlecht geheiztem Haus (wieder das Motiv der Kälte), allein, denn niemand ist da, und das klebrige Blut schießt ihr die Schenkel herunter. Seit Langem hat Amy keinen Sex gehabt und sich daher keine Sorgen über die ausgebliebene Menstruation gemacht. Und doch weiß ihr Körper sofort: Das ist eine Fehlgeburt.

Ihre Erinnerungslücke reißt einen Abgrund auf: Es muss passiert sein, als sie »stockbesoffen« war. Aber mit wem? Die Leserin hält den Atem an: Wie die zarte, blutende Amy, die einen schon strapaziert hatte mit ihrer Lethargie, plötzlich den Entschluss fasst, die Gewebeprobe zu sichern (»Es sah aus wie ein Stück Leber«), das immerhin hat sie gelernt bei Allsecura, zu sichern und analysieren zu lassen – man liest es als einen fast schon euphorischen Befreiungsschlag. Und so bringt Amy Schreiber, unwissend schwanger geworden wie die Marquise von O., den fachgerecht getrockneten Blutschleim ihres Aborts von London nach Wien ins Labor. Sie zahlt bar.