Vertrauen, so könnte man sagen, ist der Stoff, der unsere Welt zusammenhält. Ohne Vertrauen würden keine Geschäfte zustande kommen, gäbe es keine Freundschaften und hätten wir längst den Glauben in die Politik aufgegeben. Was aber genau geschieht, wenn wir auf etwas vertrauen oder uns jemand sein Vertrauen schenkt?

Der Luzerner politische Philosoph Martin Hartmann hat ein überaus kluges und lesenswertes Buch über ein Phänomen geschrieben, das spätestens seit der letzten Finanzmarktkrise in aller Munde ist, von dem aber niemand genau weiß, worin es besteht. Gewiss aber gehört es zu den politischen Ressourcen der Demokratie. Nach Hartmann ist Vertrauen vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sich mit seiner Hilfe etwas erreichen lässt, was sich sonst nicht ohne Weiteres erreichen ließe. Vertrauen ist Teil einer »Praxis«, die es uns ermöglicht, »andere Werte als den Wert, den das Vertrauen selbst darstellt, zu verwirklichen«.

Im Alltag besitzt Vertrauen in der Tat eine »wesentlich instrumentelle« Funktion. Wir vertrauen dem Babysitter das Kind an, weil wir ins Kino wollen. Der Chef vertraut seinen Mitarbeitern, dass sie ihren Job gut machen, um sich Überprüfungen zu sparen. Der Passagier vertraut dem Piloten, weil er nicht selbst fliegen kann. Man vertraut überall dort, wo man sich entlasten will, Kontrollen zu aufwendig sind oder Fähigkeiten und Kenntnisse fehlen.

Vertrauen ist deshalb entgegen landläufiger Meinung nicht unvernünftig, sondern durch eine »eigenständige Rationalität« gekennzeichnet. Wir vertrauen dann, wenn es gute Gründe dafür gibt, dass unser Vertrauen nicht enttäuscht wird. Dies ist besonders dort der Fall, wo wir glauben, dass andere Menschen unser Vertrauen um seiner selbst willen erwidern. Glaubwürdigkeit und angenommene Rücksichtnahme sind die Voraussetzungen dafür, dass wir anderen das eigene Vertrauen schenken. Vertrauen geht deshalb nicht gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen voraus, sondern entsteht erst in sozialen, politischen und ökonomischen Praktiken, die wir für vertrauenswürdig halten.

Es ist deshalb sinnlos, wenn Politiker und Manager von der Bevölkerung mehr Vertrauen einfordern, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu stärken. Vertrauen lässt sich weder erzwingen noch deklarieren, sondern beruht auf dem Bewusstsein, von demjenigen wichtig genommen zu werden, dem man vertraut. Es gibt eine »intrinsische« Seite des Vertrauens, die nach Hartmann dafür sorgt, dass überhaupt stabile Vertrauensbeziehungen entstehen können. Wer anderen nur vertraut, um seine Interessen durchzusetzen, dem schlägt nach kurzer Zeit Misstrauen entgegen. Gerade weil Vertrauen enttäuscht werden kann und Menschen als »Kooperationswesen verletzbar« sind, bilden Wertschätzung und Respekt unverzichtbare Fundamente sozialer Vertrauensverhältnisse.

In modernen Gesellschaften, in denen es um das Vertrauen unter Fremden geht, geraten persönliche Vertrauensbeziehungen allerdings schnell an ihre Grenzen. Herrschaft und Macht sind Faktoren, die kein soziales Vertrauensklima entstehen lassen, sondern für Angst und Opportunismus sorgen. Deshalb lässt sich auf dem Prinzip des Misstrauens auch kein stabiler Staat aufbauen, wie Hartmann mehrfach gegen Thomas Hobbes betont, auch wenn das Misstrauensvotum eine sinnvolle demokratische Einrichtung darstellt.

Umgekehrt bedeutet das nicht, dass jede Vertrauensgemeinschaft von vornherein gut ist, was sich an der Mafia erkennen lässt oder beim Ausnutzen familiärer Bindungen, wie Hartmann am Beispiel eines Ehepaars deutlich macht, das seine Kinder pornografisch vermarktet. Vertrauen kann auch einfach nur dumm sein, wenn man nicht weiß, worauf man sich einlässt. Eine Studie über Taxifahrer in New York und Belfast hat zutage gefördert, dass die Fahrer versuchen, ihre Kunden anhand von Kleidung und Sprachstil auf Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen, bevor sie in das Taxi einsteigen.