Später Trost winkt den Unartigen, die vom Weihnachtsmann Prügel bezogen haben. Auf Martin Seels Verständnis dürfen sie hoffen: Ihm ist nichts Menschliches fremd, er kennt sich aus mit Tugenden wie mit Lastern – und er weiß, »dass für die Balance eines guten und gerechten Lebens die latenten Energien auch der meisten vermeintlichen und tatsächlichen Laster nicht verachtet werden dürfen«.

Entweder – Oder. So heißt das Buch Søren Kierkegaards, in dem die Entscheidung zwischen dem Ethischen und Unethischen rasiermesserscharf zugespitzt wird. »Sowohl – als auch«. So müsste eigentlich Seels »philosophische Revue« heißen, in der 111 Tugenden und Laster gegeneinander und miteinander antreten. Sein Schlüsselwort lautet »Ambivalenz«, er findet fast überall ein Haar in der Suppe – weder die Selbsterkenntnis noch die Gerechtigkeit bleiben bei ihm ungeschoren. Und umgekehrt findet er Perlen bei den Säuen, erkennt am Opportunismus auch gute Seiten und meint, der »Mut zur Unwahrheit« sei »nicht zu verachten«.

Das klingt so, als würde nun auch ein Philosoph – Martin Seel lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main – der allseits beklagten Beliebigkeit die Schleusen öffnen. Aber darum geht es ihm gerade nicht, vielmehr um ein gesteigertes Urteilsvermögen, eine akute Aufmerksamkeit für das Zünglein an der Waage, auf der sich das rechte Maß des guten Lebens einstellen soll. »Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das Eine für das Andre greifen« – diese Zeilen aus Kleists Penthesilea hätten als Motto dieses Buches getaugt, welches freilich fast zitatfrei daherkommt und in der Kunst des Selberdenkens brilliert.

Aristoteles ist, wie im theoretischen Nachwort zu dieser Revue deutlich wird, der Held dieses Buches; zu dessen Ethik bietet es eine »radikalisierte« Variation, in der auch die Tugenden nicht ungeschoren davonkommen. Seels Revue enthält 111 kurze Kapitel, und in dieser Zahl liegt neben dem Hinweis auf das Verspielte des ganzen Projekts die ernste Provokation, dass die 111 Tugenden im Sinne eines großen Sowohl-als-auch eben 111 Laster in sich tragen – und umgekehrt. Seel gehört zu den großen Stilisten unter Deutschlands Philosophen, und die – von ihm auch selbst gewürdigte – Tugend »Stil« legt er an den Tag, um die kleinen, feinen Übergänge geschmeidig nachzuvollziehen, in denen Gut in Böse, Böse in Gut umkippt. So beschreibt Seel die Faulheit als Vernachlässigung des eigenen Lebens oder »Mangel an Selbstsorge«, doch ist für ihn der »Müßiggang« am Ende nicht aller Laster, sondern »aller Liebe Anfang«, weil er zu einem Zustand der Zerstreuung verhilft, der das Zeug zur Hingabe im besten Sinne hat. Ein anderes sinnfälliges Beispiel: In das Lob der »Unbefangenheit« mischt Seel den Tadel, sie tendiere zur »Enthaltung als Haltung«. So geht seine lange Reise weiter über Höflichkeit, Stolz, Geiz, Toleranz, Fanatismus, Freiheit, Liebe, Mut, Gerechtigkeit et cetera bis hin zur Gelassenheit. Wer Seels Buch gelesen hat, kennt sich am Ende aus im Werkzeugkasten des Lebens.

Seel meint – anders als viele zeitgenössische Philosophen, aber ganz in der Tradition von Sokrates , Nietzsche und Wittgenstein –, man solle sich erst mal der Verwirrung, die die Welt biete, aussetzen und nicht eine Klarheit zelebrieren, die sich vom Durcheinander des Lebens abkapsele. Nicht nur Verwirrung, sondern auch Verständigung und auch Vergnügen verspricht er seinen Lesern. Dafür ist in der Tat reichlich gesorgt – und für ein wenig Verdruss.

Merkwürdig: Dieses Buch, das doch so lebensnah ist, hat auch etwas Weltloses. Seel bewegt sich mit seiltänzerischer Sicherheit in den Verästelungen der Lebensführung, und doch hat man das Gefühl, hier werde ein Mensch beschrieben, der einen Sicherheitsabstand zur Welt einhält. Ja, man erfährt etwas über Tugenden und Laster, aber wie weit reicht diese Erfahrung, wenn kaum ein Wort verloren wird über die Nagelproben, die Ernstfälle des Lebens, in denen man zeigen muss, was in einem steckt, und in denen Tugend und Laster Farbe bekennen? Kann man etwas Zündendes über die »Gier« schreiben, wenn man sich noch nicht mal für einen Moment in die giftigen Genüsse der Finanzwelt hineinversetzt? Wie entscheidet man beim Showdown zwischen »Toleranz« und »Fanatismus« oder zwischen »Besonnenheit« und »Mut«, wenn in der U-Bahn die Gewalt eskaliert? Wann tut man was? Und wenn nicht jetzt, wann dann? Seel wirkt allzu entspannt, er gelangt – um noch mal Heinrich von Kleist zu zitieren – nicht bis zu jener besonderen »Anstrengung«, durch die man erst »mit sich selbst bekannt gemacht« wird. Sein Buch ist zeitlos, und das ist Vorzug und Schwäche zugleich.

Nach Seels »Ambivalenz«-These müssten eigentlich 111 Tugenden in 111 Laster umschlagen können – und umgekehrt. Einem Laster allerdings spricht er dieses Potenzial zum Guten ab: der »Grausamkeit«. Hier hört der Spaß auf, und so sind es genau genommen 110 Tugenden und 111 Laster, die in seiner Revue vorkommen. Da wird man natürlich neugierig: Vielleicht lässt sich auch die Zahl der Laster herunterfahren, vielleicht sind also Tugenden zu finden, die nur auf der Seite des Guten zählen und keinerlei Anlage zum Bösen enthalten? In der Tat nennt Seel selbst zwei Über-Tugenden, die offenbar über allen Zweifel erhaben sind. Sie dienen ihm als Gradmesser für sein Potpourri, als höchstes »Kriterium der Unterscheidung von Tugenden und Lastern«. Seine Wahl fällt, was er selbst für »wenig spektakulär« hält, auf »Selbstachtung und Selbstbestimmung«. (Seltsamerweise wird nur die Selbstachtung, nicht aber die Selbstbestimmung auf seiner langen Liste der Tugenden und Laster angeführt.) Seels Revue ist mehr als ein bunter Bilderbogen, sie ist ein gelassenes Plädoyer für das selbstbestimmte Leben.

Es gibt in dieser Revue übrigens noch andere Tugenden ohne Fehl und Tadel, ohne Sowohl-als-auch. Überraschenderweise kommt die »Frömmigkeit« sehr gut weg – und noch besser die »Anmut«. Offenbar soll Seels gutes Leben nicht nur selbstbestimmt, sondern auch anmutig sein. Eine gewagte Mischung, die wohl zum ersten Mal in dem Buch eines Autors angerührt worden ist, dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird: Rousseaus Julie oder Die neue Héloïse . Seel wird ein eigenes Rezept zu jener Mischung bereithaben; das ist einstweilen aber noch Geheimsache.

Dieter Thomä ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen in der Schweiz