Zwei Kinder in dem Ort Prey Mong Kol in Kambodscha schlafen unter einem Moskitonetz. Die Mücken übertragen die gefährliche Malaria, besonders in der Regenzeit (Archivfoto). © Paula Bronstein/Getty Images

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Wäre der Absender der E-Mail nicht eine der besten Forschungsadressen, würde man sie vermutlich postwendend als Spam entsorgen. Das Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung der Max-Planck-Gesellschaft in Potsdam-Golm, so steht es in der Mail, habe als Nebeneffekt reiner Grundlagenforschung ein bahnbrechendes Verfahren zur Herstellung von Artemisinin entwickelt. "Das geht innerhalb von 4,5 Minuten, es ist beliebig skalierbar."

Artemisinin ist ein weißes Pulver, aus dem der Schweizer Pharmakonzern Novartis einen der beiden Grundstoffe des Malariamittels Coartem gewinnt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Artemisinin-basierte Kombinationspräparate wie Coartem zur Malariatherapie erster Wahl erklärt. Sie sind selbst gegen mehrfachresistente Formen der von Mücken übertragenen Erreger hochwirksam.

Malaria ist neben Aids und Tuberkulose eine der großen Geißeln der Entwicklungsländer. Weltweit erkranken jährlich 250 Millionen Menschen daran, 90 Prozent davon in Afrika . 2010 starben an der hartnäckigen Infektion 655.000 Menschen. Novartis verpflichtete sich 2005, die Produktion drastisch auszuweiten und Coartem zum Selbstkostenpreis in die betroffenen Länder zu liefern.

Versorgungsengpässe hielten die Verwirklichung des guten Vorsatzes auf. Bis jetzt muss der Grundstoff durch großflächigen Anbau von Einjährigem Beifuß ( Artemisia annua) erzeugt werden. Die Umwandlung der darin enthaltenen Artemisinsäure in Artemisinin erfordert vier chemische Schritte – ein teures und aufwendiges Verfahren. Bis zu 90 Prozent der Säure gehen dabei verloren.

Der Amerikaner Jay Keasling entwickelte unterdessen an der Universität Berkeley mit Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation ein Verfahren zur halbsynthetischen Herstellung der Säure, das die Lieferung des Rohstoffs von Anbauengpässen und Klimarisiken zu befreien versprach. Doch das Problem einer effizienten Umwandlung in den Wirkstoff war damit nicht gelöst.

Peter Seeberger ist Leiter des Max-Planck-Instituts in Potsdam-Golm und Chemieprofessor an der Freien Universität Berlin . 2007 erhielt er den Körber-Preis für Europäische Wissenschaft. Belohnt wurde die Entwicklung einer Maschine, die ein Zuckermolekül des Malariaerregers nachbaut mit dem Ziel, irgendwann einen Impfstoff gegen die Seuche zu entwickeln .

Mit dem Heilmittel Artemisinin hatte sich der 45-jährige Biochemiker bis zum vergangenen Jahr noch nicht beschäftigt. Zur Erfindung des bahnbrechenden Verfahrens kam es durch Zufall. Seeberger traf Jay Keasling, den Pionier im Herstellen von Artemisinsäure, auf einer Konferenz. Schnell entstand die Idee, mit einem von Seeberger konstruierten Strömungsreaktor Sauerstoff und Licht an diese Säure heranzuführen, um ihre Umwandlung in Artemisinin zu bewirken.

Bereits ein halbes Jahr nach dem Treffen hatte ein Mitarbeiter Seebergers einen entsprechenden Strömungsreaktor gebaut. Der Prototyp kostete 5.000 Euro. Das teuerste an ihm sind Leuchtdioden, der Rest besteht aus zwei Pumpen, einer Sauerstofflasche und einem Teflonschlauch. Die Reaktionen finden in dem um die Lichtquelle gewickelten Schlauch statt. Man nennt das Fotochemie. Der Apparat erreicht dabei eine fünfmal so hohe Ausbeute wie bisherige Industrieverfahren. Er produzierte zunächst 200, bald 800 Gramm Artemisinin am Tag. Eine verbesserte Version schafft 750 Kilogramm im Jahr. 400 der Apparate könnten den Weltbedarf an Artemisinin decken – und so eine große Hürde bei der Malariabekämpfung beseitigen.