Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich möchte mich entschuldigen. Ich habe mich von Unternehmern einladen lassen, ich habe in teuren Hotels übernachtet und nichts dafür bezahlt. Wenn man Reportagen für einen Reiseteil in der Zeitung schreibt, dann läuft das oft so. Der Verlag bezahlt auch nichts. Verlage haben kein Geld, dagegen kann man nichts machen. Man übernachtet in teuren Hotels, der Unternehmer lädt ein, und hinterher schreibt man darüber, wie schön es war. Ich habe nicht gelogen. Es war wirklich schön. Andernfalls hätte ich in der Redaktion anrufen können, ich hätte sagen können, Leute, so toll war die Reise nicht, so etwas kann man niemandem empfehlen. Eine seriöse Redaktion hätte das natürlich akzeptiert. Sie hätten dann nichts gebracht über die unschöne Reise. Ein freier Autor bekommt dann allerdings auch kein Geld oder nur ein kleines Ausfallhonorar. Diese Hürde ist recht hoch.

Ich habe mich auch von Politikern einladen lassen, unter anderem von Guido Westerwelle . Ich habe ihn auf einer Reise begleitet. Mein Text war möglicherweise ein bisschen kritisch, vor allem aber war er lang und groß und wäre ohne die Einladung nicht geschrieben worden. Vor vielen Jahren habe ich es erlebt, dass bei einer Reise – nicht bei einer Politikerreise, nicht bei einer Reise für das Reiseressort, es war ein Wirtschaftsthema – der Unternehmer den Journalisten Damen zur Verfügung stellte, die ihnen die Nacht im Hotelzimmer noch angenehmer gestalten sollten. Journalistinnen waren nicht dabei. Etwa zwei Drittel der Journalisten lehnten ab, ein Drittel nahm an.

Als Kulturredakteur habe ich es oft erlebt, dass Kritiker lobende Besprechungen über die Bücher oder die Filme von engen Freunden schrieben. Oder sie schrieben extrem harte Verrisse über Bücher und Filme von Leuten, an denen sie sich aus privaten Gründen rächen wollten. Eigentlich ist das Betrug.

Dass Chefredakteure oder Verleger von mächtigen Menschen angerufen werden oder von Freunden, um das Erscheinen von kritischen Texten zu verhindern, ist normal. Meistens wird dieser Wunsch abgelehnt. Aber nicht immer. Wenn es immer erfolglos wäre, dann wäre dieser Brauch längst ausgestorben. Ich gebe zu, dass ich auch schon mal in Texten ein oder zwei Sätze weggelassen habe, weil ich genau wusste, dass eine bestimmte Person sehr engen Kontakt pflegt mit einer anderen Person, die zufällig mein Vorgesetzter ist. Ich wollte keinen Ärger haben. Ich bin kein Vorbild.

Damit will ich nicht etwa sagen, dass der Journalismus in Deutschland korrupt und moralisch verkommen sei. Das ist er nicht. Er ist nicht besser oder schlechter als der Rest der Gesellschaft. Die Medien werden halt nicht so genau kontrolliert wie die Politik. Ich will auch keineswegs sagen, dass man korrupte Politiker schonen sollte, mit dem Argument, dass anderswo auch ein Quantum Schmutz unter dem Teppich liege. Schlawiner, die man erwischt, müssen bestraft werden. Andernfalls gäbe es bald nur noch Schlawinertum in der Welt, die Versuchung wäre zu groß. Ich wundere mich nur, bei den Affären der letzten Zeit , über den selbstgewissen, eifernden Ton in den meisten Kommentaren, manchmal sogar in meinen eigenen. Es klingt fast immer so, als sprächen da Heilige, die gegen jede Versuchung gefeit wären, was in 95 Prozent der Fälle gelogen ist. Wissen Sie, was ich an der Tugend nicht mag? Wer sich ehrlos verhält und nicht erwischt wird, der hat davon einen Vorteil. Wer sich aber tugendsam verhält, der hat in den meisten Fällen gar nichts davon. Das ist der eigentliche Skandal!

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