Martenstein: "Ich wollte keinen Ärger haben. Ich bin kein Vorbild"
Harald Martenstein über Einladungen von Reichen und Mächtigen
Ich möchte mich entschuldigen. Ich habe mich von Unternehmern einladen lassen, ich habe in teuren Hotels übernachtet und nichts dafür bezahlt. Wenn man Reportagen für einen Reiseteil in der Zeitung schreibt, dann läuft das oft so. Der Verlag bezahlt auch nichts. Verlage haben kein Geld, dagegen kann man nichts machen. Man übernachtet in teuren Hotels, der Unternehmer lädt ein, und hinterher schreibt man darüber, wie schön es war. Ich habe nicht gelogen. Es war wirklich schön. Andernfalls hätte ich in der Redaktion anrufen können, ich hätte sagen können, Leute, so toll war die Reise nicht, so etwas kann man niemandem empfehlen. Eine seriöse Redaktion hätte das natürlich akzeptiert. Sie hätten dann nichts gebracht über die unschöne Reise. Ein freier Autor bekommt dann allerdings auch kein Geld oder nur ein kleines Ausfallhonorar. Diese Hürde ist recht hoch.
Ich habe mich auch von Politikern einladen lassen, unter anderem von Guido Westerwelle. Ich habe ihn auf einer Reise begleitet. Mein Text war möglicherweise ein bisschen kritisch, vor allem aber war er lang und groß und wäre ohne die Einladung nicht geschrieben worden. Vor vielen Jahren habe ich es erlebt, dass bei einer Reise – nicht bei einer Politikerreise, nicht bei einer Reise für das Reiseressort, es war ein Wirtschaftsthema – der Unternehmer den Journalisten Damen zur Verfügung stellte, die ihnen die Nacht im Hotelzimmer noch angenehmer gestalten sollten. Journalistinnen waren nicht dabei. Etwa zwei Drittel der Journalisten lehnten ab, ein Drittel nahm an.
Als Kulturredakteur habe ich es oft erlebt, dass Kritiker lobende Besprechungen über die Bücher oder die Filme von engen Freunden schrieben. Oder sie schrieben extrem harte Verrisse über Bücher und Filme von Leuten, an denen sie sich aus privaten Gründen rächen wollten. Eigentlich ist das Betrug.
Dass Chefredakteure oder Verleger von mächtigen Menschen angerufen werden oder von Freunden, um das Erscheinen von kritischen Texten zu verhindern, ist normal. Meistens wird dieser Wunsch abgelehnt. Aber nicht immer. Wenn es immer erfolglos wäre, dann wäre dieser Brauch längst ausgestorben. Ich gebe zu, dass ich auch schon mal in Texten ein oder zwei Sätze weggelassen habe, weil ich genau wusste, dass eine bestimmte Person sehr engen Kontakt pflegt mit einer anderen Person, die zufällig mein Vorgesetzter ist. Ich wollte keinen Ärger haben. Ich bin kein Vorbild.
Damit will ich nicht etwa sagen, dass der Journalismus in Deutschland korrupt und moralisch verkommen sei. Das ist er nicht. Er ist nicht besser oder schlechter als der Rest der Gesellschaft. Die Medien werden halt nicht so genau kontrolliert wie die Politik. Ich will auch keineswegs sagen, dass man korrupte Politiker schonen sollte, mit dem Argument, dass anderswo auch ein Quantum Schmutz unter dem Teppich liege. Schlawiner, die man erwischt, müssen bestraft werden. Andernfalls gäbe es bald nur noch Schlawinertum in der Welt, die Versuchung wäre zu groß. Ich wundere mich nur, bei den Affären der letzten Zeit, über den selbstgewissen, eifernden Ton in den meisten Kommentaren, manchmal sogar in meinen eigenen. Es klingt fast immer so, als sprächen da Heilige, die gegen jede Versuchung gefeit wären, was in 95 Prozent der Fälle gelogen ist. Wissen Sie, was ich an der Tugend nicht mag? Wer sich ehrlos verhält und nicht erwischt wird, der hat davon einen Vorteil. Wer sich aber tugendsam verhält, der hat in den meisten Fällen gar nichts davon. Das ist der eigentliche Skandal!
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Dem Beitrag gibt es nichts mehr hinzuzufügen; außer vielleicht: Diese Sichtweise zu vertreten war längst überfällig.
Besten Dank noch einmal, Herr Martenstein!
Sehe ich auch so. Ich habe schon länger den Eindruck, dass manche Journalisten (und Foristen?) in der "Affäre Wulff" gegen den eigenen Schatten kämpfen (nach C.G. Jung), d.h. gegen das "Böse" in ihnen selbst. Eine gute Möglichkeit wäre, sich sein eigenes Verhalten anzuschauen und eine Diskussion über die Grenze zwischen üblichen Vergünstigungen und Korruption zu führen. Vielleicht würde sie Debatte dadurch etwas leiser, aber ehrlicher allemal. Danke, Herr Martenstein, dass Sie damit angefangen haben!
Sehe ich auch so. Ich habe schon länger den Eindruck, dass manche Journalisten (und Foristen?) in der "Affäre Wulff" gegen den eigenen Schatten kämpfen (nach C.G. Jung), d.h. gegen das "Böse" in ihnen selbst. Eine gute Möglichkeit wäre, sich sein eigenes Verhalten anzuschauen und eine Diskussion über die Grenze zwischen üblichen Vergünstigungen und Korruption zu führen. Vielleicht würde sie Debatte dadurch etwas leiser, aber ehrlicher allemal. Danke, Herr Martenstein, dass Sie damit angefangen haben!
dieser Beitrag bietet andeutungsweise Einblicke ins Innenleben und die Bezugsgeflechte der mehr oderweniger einflussreichen Gruppierungen unserer Gesellschaft, zu denen ja der Martenstein in gewisser, aber nicht übertrieben bescheidener Weise auch der Autor zu zählen ist.
Sich zwischen Unbestechlich - und Korumpierbarkeit zu bewegen ist nicht leicht, wohl wahr. Wer über die Existenz von Menschen aufgrund von deren Abhängigkeiten einen Einfluss ausüben kann, dazu gehören z.B. auch Lehrkräfte und Eltern, der muß lernen mit Macht umzugehen - sonst geht sie bald mit ihm um.
Auf der Rückseite kann man an Kindern und Heranwachsenden sehen, wie schnell die Einflussnehmenden ausgespielt und ausgetrickst werden können, zum eigenen Vorteil versteht sich und möglichst ohne dass dies bemerkt wird...
;-)
So können auch Leserschaften AutorInnen und JournalistInnen abstrafen, indem sie deren Botschaften im Alltag schlicht ignorieren und sich von deren Geschichten lediglich unterhalten lassen, hmm.
Wer aber - wie Martenstein - eine treue Leserschaft und einen gewissen Ruf besitzt dem kommt der Matthäus-Effekt zugute:
wer hat, dem wird gegeben.
So verlangt der geneigte Leser von Martenstein durchaus nicht die ganze Wahrheit noch 100%ige Unbestechlichkeit, aber ein Mindestmaß an Verständnis für allzumenschliche Unzulänglichkeiten und eine Unverwechselbarkeit im Ausdruck.
Also seiem dem Autor um diesen Preis weitere Beichten kleiner Verfehlungen erlassen...
^^
m.
Sehe ich auch so. Ich habe schon länger den Eindruck, dass manche Journalisten (und Foristen?) in der "Affäre Wulff" gegen den eigenen Schatten kämpfen (nach C.G. Jung), d.h. gegen das "Böse" in ihnen selbst. Eine gute Möglichkeit wäre, sich sein eigenes Verhalten anzuschauen und eine Diskussion über die Grenze zwischen üblichen Vergünstigungen und Korruption zu führen. Vielleicht würde sie Debatte dadurch etwas leiser, aber ehrlicher allemal. Danke, Herr Martenstein, dass Sie damit angefangen haben!
> Wer sich ehrlos verhält und nicht erwischt wird, der hat davon einen Vorteil. Wer sich aber tugendsam verhält, der hat in den meisten Fällen gar nichts davon. Das ist der eigentliche Skandal! <
Genau so ist es und wird es bleiben. Wie immer trösten mich Martenstein's "Erkenntnisse" über längere Zeit über die allgemeine Trostlosigkeit hinweg. Ich liebe Wortspiele. Danke Herr Martenstein.
Wat mutt, dat mutt.
http://www.youtube.com/wa...
:)
Herr Martenstein
der erhebliche Unterschied liegt doch im sowieso recht guten bis überdimensionierten Einkommen gewisser Personen ,die solche Extras trotzdem und ohne Reue in Anspruch nehmen
hier beginnt oder endet die Moral
Sie sollten sich eher darüber Gedanken machen, ob Sie zu kritischer Berichterstattung fähig sind, wenn Sie zwischen einem öffentlichem Amt und Ihrer Profession nicht diskriminieren können.
Sie sollten sich eher darüber Gedanken machen, ob Sie zu kritischer Berichterstattung fähig sind, wenn Sie zwischen einem öffentlichem Amt und Ihrer Profession nicht diskriminieren können.
Genau so ist. Niemand ist fehlerfrei. Das einzige, was man
tun kann, mehr Gutes tun als Ausgleich - anstatt nur auf die Fehler zu achten.
Das wussten wir schon immer. Aber Bundespräsi ist halt ein ziemlich geiler Job, um einiges besser bezahlt als der des Journalisten. Da hat man als Arbeitgeber auch höhere Ansprüche, und nach der 3. Abmahnung kommt die Kündigung.
das ist besser als ein Lottogewinn ;)
200.000€ / Jahr + Büro bis ans Ende des Lebens, "Aufwandsgeld", Dienstwagen
Keinerlei Leistungsanforderungen
das ist besser als ein Lottogewinn ;)
200.000€ / Jahr + Büro bis ans Ende des Lebens, "Aufwandsgeld", Dienstwagen
Keinerlei Leistungsanforderungen
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