Golden und prall geht der volle Mond über dem Ozean auf. Sein Licht beglitzert die Maya-Ruinen von Tulum an der Ostküste Mexikos . Unaufhörlich bläst der Wind vom Meer, und Gregor Kraemer, der Betreiber des Berliner Clubs der Visionäre, öffnet seine Arme weit, um sich durchpusten zu lassen. Der 41-jährige ist Gast eines neuartigen Strandresorts, das sich "Kater Holzig@Papaya Playa – A Design Hotels Project" nennt.

So unmöglich lang der Name ist, so unmöglich klingt das Versprechen: dass man die eigene urbane Existenz mitnehmen kann an einen schöneren Ort. Die Wärme Mexikos genießen, ohne auf die Coolness Berlins zu verzichten. Tagsüber unter Kokospalmen am Sandstrand liegen und nachts mit interessanten Menschen feiern, während die besten (Underground!-)DJs der Welt aufspielen. Mit anderen Worten: eine Kreuzberg-Dependance in der Karibik .

Das Resort, das all das bieten will, hat vor ein paar Wochen eröffnet. Seine hundert Hütten stehen an der Costa Maya 120 Kilometer südlich von Cancún , weit genug entfernt also vom mexikanischen Ballermann. Das Unternehmen selbst ist eine merkwürdige Liaison. Design Hotels steht für High-End-Übernachtungen im Boutique-Hotel-Bereich. Kater Holzig dagegen ist jener von Fantasie durchwobene Berliner Club, in dem man sich verlieren kann, weil er das Transformationsgefühl erzeugt, das einem die Stadt so ans Herz wachsen lässt – dieses Leben in temporären Räumen, in denen sich ständig neue Blüten öffnen.

Kuckucksuhren in Regenbogenfarben hängen an den Wänden der Piratenbar

Das Papaya Playa ist ein "Pop-up-Resort", das erste seiner Art. So schnell, wie es errichtet wurde, soll es auch wieder verschwinden. Die Abschlussfeier ist derzeit für den 5. Mai angesetzt. So will Claus Sendlinger, Gründer und Chef von Design Hotels , die Flüchtigkeit der Clubkultur in seine Branche verpflanzen. Er übernahm ein verfallenes Resort und lud die Kater-Leute ein, die Ruine in kurzer Zeit umzumodeln, teilweise neu zu bauen und vor allem alles superhip zu machen. So schickte der Kater nicht nur seine "Freaks, die gut arbeiten können", wie die Restaurantchefin Khrystell ihr Personal nennt, nach Übersee, sondern auch noch einen ganzen Container mit buntem Berlin-Zeug.

Deshalb hängen jetzt neonregenbogenfarbig bemalte Kuckucksuhren an den Wänden der Piratenbar, kitschige Bergpanoramen sind verkehrt herum an die Wände des Speiseraums genagelt, Stehlampen stehen schräg von der Decke ab. In der Bar wird auch Essen serviert, sogar sehr gutes: der "Kater Schmaus" nach Berliner Vorbild von Philipp und Jonas. Sie tragen Clubklamotten und tanzen, während sie dunkelgrüne Biosalatherzen waschen. Heute Abend gibt es Languste mit Erbsen, Minze und Granatapfel-Maracuja-Soße. Oder Lamm vom Bauern mit Couscous. Oder Stubenküken an Linsensalat. Hinter der offenen Tür der Bar beginnt schon der Dschungel. Auf dem Klavier, das dort steht, klimpert gerade jemand Schostakowitsch.

An der lavendelfarbenen Wand des Hauptgebäudes empfängt ein Wilhelm-Busch-Spruch die Besucher: "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich." Und wirklich erlebt man hier schon beim Einchecken eine Überraschung, auch wenn sie leider nicht angenehm ist. An der Rezeption, von deren Decke Marsmännchen-Piñatas hängen, erfährt man: Die günstigsten Hütten kosten in der Nebensaison noch einigermaßen harmlose 70 Dollar pro Nacht, stehen aber dicht an dicht in zweiter Reihe. Wer es schöner will, muss mehr als das Doppelte bezahlen. Er sieht dann das Meer, hat aber immer noch einen kleinen Fußmarsch zu den Duschen vor sich. Für ein Häuschen mit eigenem Bad werden in der Hauptsaison 225 Dollar fällig. Aber auch hier hält sich der Luxus in Grenzen – Steckdosen, Fehlanzeige. "Ja, ja, die Leut", bayert Sendlinger, der seit einem Jahr in Tulum lebt. "Die wollen immer raus aus der Stadt, rein in die Natur. Dann gibt man ihnen das, und sie meckern, weil sie ihren Föhn nicht in der Hütte betreiben können! Welcome to the jungle!"

Sendlingers Zielgruppe nennt sich Gypset: global umherziehende Leute mit Gadgets und Kohle. Kreativveteranen, die es sich leisten, ihr iLife für gewisse Zeit an einen Strand zu verlegen, um den Kopf frei zu kriegen. Also in etwa das Gegenteil der Kreuzberger Stammgäste des Kater. "Ich fänd’s cool, wenn die Hüttenpreise niedriger lägen", klagt Juval Dieziger, einer der Kater-Chefs. "Dann könnte man auch mal Freunde einladen und gemeinsam Spaß haben."

Dass Gregor Kraemer hergeholt wurde, ist noch ein Streich, und diesmal ein guter. Der Chef des Clubs der Visionäre im Berliner Flutgraben ist berühmt für lange Abende, die manchmal drei Tage dauern. Er soll im Papaya eine legendentaugliche Party organisieren. Dafür hat er die DJs von Visionquest eingeladen, alles Kumpels von ihm und weltweit gebucht zurzeit. Aber noch ist Kraemer überhaupt nicht in Partylaune: "Habe gerade erfahren, dass um zwei Uhr die Anlage ausgemacht werden muss. Das geht ja gar nicht! Man ist doch als Veranstalter für die Seelen der Menschen verantwortlich. Wenn du sie auf eine Reise schickst, kannst du nicht mittendrin, wenn’s vom Feinsten abgeht, einfach so abbrechen." Wie er die Situation retten soll, weiß Kraemer noch nicht. Welcome to the jungle!