"Wir nutzen ja die ganze Welt nur zwischen. Das ist die Essenz des Berliner Undergrounds"
Die Sperrstunde ist die unglückliche Folge eines Vorfalls nach der Papaya-Playa-Neujahrsparty. Da stand plötzlich ein Typ am Empfang und behauptete, er habe Beweisfotos dafür, dass auf der Party Drogen konsumiert worden seien. Er könne entweder zur Polizei gehen, oder man würde die Sache »mexikanisch« lösen. Das Papaya Playa entschied sich für die mexikanische Lösung, versprach Schweigegeld und ließ den Erpresser noch am gleichen Abend bei der Geldübergabe von der Polizei festnehmen. Sendlinger zog es daraufhin vor, nicht gleich die nächste Party-Sondergenehmigung zu beantragen.
»Es war so ein Aufriss, das alles aus dem Sand zu stampfen!«
Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr; die Party beginnt. Hinter der Bar laufen die mexikanischen Barkeeper auf, braun gebrannt, muskulös, mit Tattoos und Basecaps. Doch die Kater-eigenen Barmänner halten an Coolness durchaus mit. Während der erste von Kraemer besorgte DJ, Shaun Reeves, sein minimalistisches Set zu spielen beginnt, überlegt Dieziger vom Kater Holzig, ob man das Papaya Playa nicht über den Mai hinaus offen halten sollte: »Es war so ein Aufriss, das alles aus dem Sand zu stampfen. Viel schwieriger, als wir dachten: Leitungen legen, Leitungen erden, betanzbare Tische bauen, Kontakte zu den Einheimischen knüpfen, Fischer kennenlernen, Biobauern auftreiben. Eine Infrastruktur errichten, wo vorher keine war.«
Von der Transformation leer stehender Räume in der Großstadt zur Mitgestaltung eines teuren Resorts am anderen Ende der Welt: Natürlich macht der Kater diesen Sprung nicht nur aus Spaß an der Freud. Der Übersee-Ableger macht ihn bekannter und verschafft einen schönen Prestigegewinn in der hart umkämpften Clubszene daheim.
Mittlerweile ist die Tanzfläche so voll wie der Mond, und die Leute fliegen. Argentinier, Kolumbianerinnen, Neuköllner, New Yorker. Getanzt wird wild, mit entschlossenen oder vollkommen gelösten Gesichtern. Dann, urplötzlich, wo sind nur die Stunden hin, läuten alle Kuckucksuhren an der Piratenbar zweimal. Der DJ muss aufgeben, Sendlinger schlägt vor, sich jetzt mit Gitarren ans Feuer zu setzen. Kraemer ist unglücklich: »Hier sollte ein Ritual passieren!«

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Doch Dieziger zeigt, warum der Kater für sein Improvisationstalent berüchtigt ist. Längst hat er einen geheimen, selbst mexikanischen Zivilpolizisten verborgenen Ausweichplatz klargemacht und ein rotes Stromkabel durch den Dschungel gelegt. Diesem folgt nun unter dem Sternenhimmel die Partygemeinde wie einem Ariadnefaden – und kommt nach einem Kilometer abenteuerlichen Fußmarsches zu einer versteckten, Tribal Village genannten, dem Strand vorgelagerten Bar am Rande des Resortgeländes.
Es gibt kaltes Bier gegen Spende. Ryan Crosson von Visionquest spielt House, danach legt Art Department auf. Während Sendlinger längst im Bett liegt, gelingt es dem Kater und dem Club der Visionäre tatsächlich, eine legendäre Berliner Party hinzulegen. Und sie wird noch schöner, als die aufgehende Sonne sich im smaragdgrünen Wasser der Karibik bricht statt in der suppigen Spree. Kraemer ist versöhnt: »Die Idee dieser mexikanischen Zwischennutzung finde ich super«, sprudelt er. »Wir nutzen ja die ganze Welt nur zwischen. Das ist die Essenz des Berliner Undergrounds, der nur deshalb gut ist, weil er ständig an neuen Orten auftaucht, für eine gewisse Zeit Erfolge feiert, bevor er notwendigerweise woandershin wandert.«
Wir feiern mit bis zum Nachmittag und rücken dann für ein paar Stunden aus. In den nahen Süßwasserlagunen leben Seekühe, angeblich sogar Krokodile. Dennoch können wir dem kristallklaren Wasser nicht widerstehen und nutzen es für ein Bad. Am Ufer sitzt eine mexikanische Großfamilie und verzehrt Berge von Tortillas.
Dann zurück ins Papaya, zur Fortsetzung des »Rituals«. Doch was ist passiert? Kraemer liegt mit Grippe im Bett, Sendlinger ist nach Berlin zu Meetings gereist, und der Kater hat die Musikregie aus der Hand gegeben. Irgendjemand steht an den Tellern und spielt viel zu harten Techno für die frühe Abendstunde. Die Gäste flüchten in ihre überteuerten Hütten. Erst als die Kreuzberger Chansonniere Kate Leidehirn im kurzen Glitterkleid und mit Zylinder melancholische Schlager singt, wird klar, dass noch nicht alles verloren ist. Für den Moment hat die seltsame Melange aus Underground und High End, aus Partystimmung und Planungsnotstand, aus Idealismus und Geschäftemacherei, aus Kreuzberg und Karibik wieder zusammengefunden.
- Datum 24.01.2012 - 11:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.1.2012 Nr. 04
- Kommentare 10
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Das ist nicht mehr scenig-cool, sondern arogant-elitär. Und wenns genug Geld abwirft auch nicht mehr temporär. Genau wie das Original in Kreuzberg. Genau wie immer mehr in Kreuzberg.
Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se
... feiert der Kater Holzig, wie so viel andere "Szene"-Clubs, als Nachfolger der Bar schon lange keine liebevollen Partys. Die pseudo-alternative Szene, welche schön längst den harten Gesetzen des Kapitalismus unterliegt, kann sich leider auch nicht mehr verkleinern und das Publikum wieder harmonisch machen...
Ober besser: Wer braucht's?
ist nicht in Kreuzberg, sondern in Mitte!
Es war auch noch nie in Kreuzberg...
Liebe/r Kraming,
Sie haben recht, das Kater Holzig liegt in Mitte. Es geht in der Reportage unter anderem auch um die Betreiber des Clubs der Visionäre, der in Treptow-Köpenick liegt. Der Autor nutzt Kreuzberg als Metapher für das Lebensgefühl der Berliner Clubszene.
Beste Grüße.
Liebe/r Kraming,
Sie haben recht, das Kater Holzig liegt in Mitte. Es geht in der Reportage unter anderem auch um die Betreiber des Clubs der Visionäre, der in Treptow-Köpenick liegt. Der Autor nutzt Kreuzberg als Metapher für das Lebensgefühl der Berliner Clubszene.
Beste Grüße.
Liebe/r Kraming,
Sie haben recht, das Kater Holzig liegt in Mitte. Es geht in der Reportage unter anderem auch um die Betreiber des Clubs der Visionäre, der in Treptow-Köpenick liegt. Der Autor nutzt Kreuzberg als Metapher für das Lebensgefühl der Berliner Clubszene.
Beste Grüße.
Ich möchte hier keine schmutzige Wäsche waschen aber es lässt sich nur hoffen dass das aus meiner Sicht misslungene "Project" am 5.Mai sein Ende findet und das authentische mystische und so schön unperfekte Papaya Playa wieder zu seinem Ursprung (vor der Renovierung) zurück findet!!! Alle die wie ich das frühere Papaya Playa kennen wissen wovon ich rede! Ein Ort an dem sich weltoffene und kulturinteressierte Globetrotter begegnet sind und eine tolle Zeit miteinander verbracht haben. Entspannt saß man am Abend bei ruhiger Chillout Musik auf kleinen von der Decke hängenden Schaukeln an der Bar und um 23Uhr ging man mit den neuen Bekanntschaften hinunter an den Strand (um 23Uhr wurde bis dato im gesamten Resort der Strom abgestellt) und dort saß man dann bei totaler dunkelheit im Sand, hat über das Leben philosophiert, ein kühles Corona getrunken und einen unglaublichen Sternenhimmel bestaunt. Ach wie schön war es doch bevor dieses unnötige Partykonzept seinen weg nach Tulum gefunden hat...
für eine Hütte ohne Strom dicht an dicht in zweiter Reihe - das ist für mexikanische Verhältnisse absolut absurd!
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