Moses Hess : Der Unbequeme

Radikaler Antikapitalist, glühender Europäer, Visionär eines universellen, egalitären Staates Israel – warum es wieder lohnt, an Moses Hess zu erinnern.
Porträt des Politikers Moses Hess

Europa braucht weder durch ein Gesetz noch durch eine Regierung, noch durch einen Glauben, noch durch irgendeinen äußerlichen Zwang gefesselt zu werden, um sich einig und stark zu fühlen. Denn es ist über seine Geschichte und Kultur [...] verbunden und mächtig genug.« So klingt nur ein glühender Europäer. Und tatsächlich war der rheinische Frühsozialist Moses Hess , der diese Zeilen schrieb, ein Verfechter des geeinten Europas avant la lettre.

Auch zur aktuellen Krise fand er bereits 1845 die passenden Worte: »Abgelaufen ist die Uhr der Geldmaschine, und vergebens versuchen unsere Staatskünstler des Fort- und Rückschritts, sie noch im Gange zu halten.«

Doch auch in anderer Hinsicht zeigte er sich als politischer Avantgardist. Seine Forderung nach Selbsterforschung der Gesellschaft wies bereits auf die moderne Soziologie; er kritisierte die Judenfeindschaft auch seiner Gesinnungsgenossen und propagierte einen eigenen Judenstaat. Dennoch ist der kämpferische Bonner Jude, der frankophile Radikale und europäische Dauerexilant, dessen Geburtstag sich am 21. Januar zum 200. Mal jährt, heute fast vergessen.

Das Stadtarchiv Bonn bewahrt den Eintrag im Geburtenregister auf, ein Dokument in französischer Sprache, ohne Hinweis auf den jüdischen Glauben der Eltern: Hess wurde im Département de Rhin-et-Moselle geboren, und im französisch regierten Rheinland zeitigte die Säkularisation Folgen.

Hier zählte die Konfession des Vaters nicht mehr. Das Verhältnis des Sohnes zu ihm, einem frommen Kaufmann, wurde indes konfliktträchtig. Wäre es nach ihm gegangen, hätte sich das Leben von Moses Hess in der überschaubaren Welt der Gemeinde und des Handels bewegt. Doch Napoleons Code Civil hatte die Ghettopforten geöffnet, ein Prozess, den auch die Restauration der Folgejahre nicht mehr umkehren konnte.

Hess verweigerte sich den väterlichen Wünschen. Seine Jugend beschrieb er rückblickend wenig rosig: »Welche Bildung habe ich genossen? In der Judengasse geboren und erzogen; bis in mein fünfzehntes Lebensjahr über dem Talmud schwarz und blau geschlagen [...], so trat ich mein Jünglingsalter an.« Hess rebellierte und bildete sich jenseits der religiösen Schriften. Er entdeckte Hegels Philosophie und Spinoza. Sein Erstling, Die Heilige Geschichte der Menschheit , erschien 1837 mit dem Autorenvermerk »von einem Jünger Spinozas«. Und wie der rheinische Landsmann Heinrich Heine sah er sich als »Kind der großen Revolution, die von Frankreich ausging und den Weltteil verjüngte!«.

Der Autodidakt stieß zum Kreis der Junghegelianer. 1841/42 war er im jetzt preußischen Köln an der Gründung der Rheinischen Zeitung beteiligt. Zur Redaktion gesellte sich auch der jüngere Karl Marx , dessen Potenzial Hess sogleich erkannte. Kurz darauf geriet der 22-jährige Friedrich Engels aus Barmen in Hess’ Bann – und schied von ihm als Kommunist.

Hess publizierte unermüdlich, längst waren die Behörden aufmerksam geworden. 1843 wurde die Rheinische Zeitung verboten. Er reiste immer mehr: Frankreich, Belgien und die Schweiz, an seiner Seite Sybille Pesch, eine einfache Näherin. Erst 1863 kehrte er wieder offiziell nach Deutschland zurück, um kurzzeitig der Kölner Sektion des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorzustehen.

Von den üblichen Auseinandersetzungen um die wahre Lehre blieb auch er nicht verschont. Das zeigte sich im wechselhaften Verhältnis zu Marx und Engels. Er wirkte an der Deutschen Ideologie mit, wurde aber im Kommunistischen Manifest 1848 scharf angegangen. Seine sozialrevolutionäre Agitation im Roten Katechismus für das deutsche Volk (1852) erinnerte eher an Georg Büchner , als eine Kritik der politischen Ökonomie zu entfalten. Für den »wissenschaftlichen Sozialismus« war er zu unsystematisch. Hess predigte eine Philosophie der Tat, er wollte losschlagen, Marx weiter die ökonomischen Zyklen studieren.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Schön, dumm und interessant

> Europa braucht weder [...] um sich
> einig und stark zu fühlen.

Schöne Worte aus einer längst verflossenen Zeit, die uns in unseren Zeiten des Defätismus und des Spottes über die sich um eine Wirtschaftsunion mühenden Politiker (die insofern vielleicht tatsächlich vergeblich handeln), in Zeiten der antieuropäischen und Antialles-Wertelosigkeit gänzlich fremd vorkommen. Der kindliche kommunistische Idealismus ist verzeilich, denn damals wusste man noch nicht, dass alle heißblütigen Jugendphantasien, wenn sie in Herrschaft umgesetzt werden - egal ob man sie Kommunismus oder Nationalsozialismus nennt -, beim Stacheldraht enden. Aber auch ein bisschen krank ist das, wenn formuliert wird, das mit der eigenen Arbeitskraft erworbene Tauschmittel für den Erwerb des Lebensnotwendigen, das Geld also, sei wie das kannibalische Verzehren des eigenen Fettes - das ist das grundsätzlich Kranke, das alles Ideologische gebiert, weil es ja das Wesen der Ideologie ist, dass der Realität etwas Nichtreales entgegengesetzt wird (weshalb wiederum Nichtideologen bzw. "Neoliberale" immer der größte Feind der Ideologen sind). Interessant wiederum die Erinnerung daran, wie traditionell der linke Judenhass ist, der auch heute noch SED-GEnossen an gegen Israel gerichtete, islamistische Blockadebrecheraktionen teilnehmen lässt, der bis zum heutigen Tag eine ungebrochene Linie des national-sozialistischen Hasses gegen das "angelsächsische Geldjudentum" darstellt.

Scheinheilig

Da kommentiert aber jemand von einem ganz hohen Ross. "Alle Ideologie führt zwangsläufig zu Terror bzw Stacheldraht. Und nur die ideologiefreien Neoliberalen sind die Heilsbringer." Die Maxime make money, make more money ist zwar keine Ideologie aber in ihrer schädigenden Auswirkung auf einen großen Teil der Bevölkerung einfach nur krank. Und wer unter dem Begriff Freiheit vorrangig seine eigene versteht, dürfte auch als nicht ganz gesund gelten. Wirkliche Höhepunkt sind allerdings, das Beklagen von fehlenden Werten und das gleichzeitige Hochloben des Neoliberalismus. Ich denke Neoliberalismus angewendet in unserer momentanen Art zu wirtschaften hat erst zur Zerstörung von Werten oder Ersetzung durch plakative Marketingparolen geführt.
Mir ist auch unbekannt, daß Judenhass der Linken zum Judenmord im 1000 jährigen Reich geführt hat. Bei der entscheidenden Abstimmung, die Hitler installierte, waren die Abgeordneten der Kommunisten schon verhaftet und die SPD stimmte als einzige Partei dagegen. Die "bürgerlichen" und die die "liberalen" haben zugestimmt. Und nach Kriegsende waren die gleiche Kreise plötzlich die besten Freunde Israels.
Übrigens richteten sich diese "Blockadebrecheraktionen" nicht gegen den Staat Israel sondern galten der Verbesserung der Lebenssituation im Gazastreifen.
Aber soviel Idealismus, etwas um seiner selbst willen zu tun, ist für einen Neoliberalen unverständlich und somit gefährlich.

Liberalismus ist auch eine Ideologie

Auch der (Neo)Liberalismus ist eine Ideologie.

Warum?

Eine Ideologie definiere ich wie folgt:

Diejenigen die an eine Ideologie glauben, glauben auch an sie, wenn sie durch die Realität längst wiederlegt ist. Wenn sich längst gezeigt hat, dass die Menschen eben nicht 100%ig so sind wie es die augestellte Theorie behauptet.
Die "Marktgläubigen" verbitten sich troz Krise und obwohl die Deregulierungslüge für alle klar sichtbar zutage getreten ist, nach wie vor, dass der Staat (ohne den nebenbeibemerkt der ganze Laden schon längst auseinandergefallen wäre)sich auch nur irgendwo einmischt.

An etwas zu glauben und keinen Widerspruch zu seiner "Lehre" zu dulden, obwohl die Realität einen das Gegenteil lehrt, dass ist für mich "fundamentalistisch Ideologie".

Trozdem brauchen wir, oder besser unsere Politiker Visionen (Ideologien). Wer nicht weiß wo er hin will, braucht sich gar nicht erst auf den (politischen) Weg machen. Wer aber den nötigen Pragmatismus vergisst, der sollte lieber gleich zu hause bleiben.

(Analoges gilt für Religion!!!)

Interessanter historischer Artikel

Er macht zumindest Lust darauf, mehr über diesen Menschen zu erfahren.

Leider gehört auch dieser Moses Hess zu den Utopisten, im Bezug auf seine sozialreformistischen Theorien. Ca. 60000 Jahre neuzeitliche Menschheitsgeschichte sind geprägt von Habgier, Missgunst, Neid und Hass, den ureigensten animalischen Triebfedern des Menschen. Mit der Einführung des Geld- und Zinssystems wurde dazu ein Werkzeug geschaffen, um es auf die Spitze zu treiben.
Ein bekannter Zimmermann rebellierte theologisch dagegen und endete am Kreuz.
Selbst Marx resignierte an der Einsicht, dass Revolutionen vieles ändern können, nur nicht den Menschen und so erging es wohl am Ende auch Moses Hess, darum er sich den Naturwissenschaften zuwandte.
Die einzige Alternative ist der praktizierte, pervertierte Marx in Form des Marxismus-Leninismus.
Pest oder Cholera, was darf es sein?

MfG
AoM

Alles Antisemiten, ausser Mutti!

"Interessant wiederum die Erinnerung daran, wie traditionell der linke Judenhass ist,(...) der bis zum heutigen Tag eine ungebrochene Linie des national-sozialistischen Hasses gegen das "angelsächsische Geldjudentum" darstellt."
Interessant wiederum, dass eine solche Kampagne (Antikapitalismus = Antisemitismus, rechts = links)
so einen medialen Erfolg hat. Allerdings nur in Deutschland, weil passgenau darauf zugeschnitten, dass man deutsche Linke am besten mit Faschismusvorwürfen konfrontiert, um sie zu denunzieren und in die Defensive zu treiben. In anderen Ländern würde von Linken über solche Propaganda nur gelacht werden.
Vorreiter dieser Kampagne waren -als Testballon gestartet- die Holocaust- und Auschwitz-Vergleiche J. Fischers zur Rechtfertigung des Angriffskrieges auf Jugoslawien; die weltweite Spielart dieser Propaganda ist die "Menschenrechtsverteidigung" der Nato, die in Libyen und Syrien zu beobachten ist.

Aus der Geschichte gelernt? - Teil I

> Vorreiter dieser Kampagne waren -als Testballon
> gestartet- die Holocaust- und Auschwitz-Vergleiche
> J. Fischers zur Rechtfertigung des Angriffskrieges
> auf Jugoslawien; die weltweite Spielart dieser
> Propaganda ist die "Menschenrechtsverteidigung"
> der Nato, die in Libyen und Syrien zu beobachten
> ist.

Sie hätten diese antihumanen Aussagen besser an den Anfang Ihres Beitrages gestellt, dann hätten Ihre Ausführungen zur "Kampagne" gegen die arme Linke gleich im richtigen Licht gestanden. Es ist dreist, Fischer einen Auschwitz-Vergleich zu unterstellen. Fischer hat damals nichts verglichen, sondern lediglich eine ganz banale Wahrheit ausgesprochen, die insbesondere für jeden anständigen Deutschen eine unabdingbare Handlungsmaxime darstellt: Nie mehr wieder. Die Toten von Auschwitz mahnen uns, nicht mehr beiseite zu stehen, wenn Diktatoren ihre Völker massakrieren. Die Lasst-sie-doch-verrecken-Haltung der deutschen Linken und Rechten ist nicht friedlich, sie ist von antiUSraelischer Geisteshaltung genährt und trampelt auf das Angedenken an die Opfer unserer eigenen Diktatur ein.

> Interessant wiederum, dass eine solche Kampagne
> (Antikapitalismus = Antisemitismus, rechts = links)
> so einen medialen Erfolg hat.

Ich sehe diesen medialen Erfolg...

Aus der Geschichte gelernt? - Teil II

leider noch nicht.

> Allerdings nur in Deutschland, weil passgenau
> darauf zugeschnitten, dass man deutsche Linke am besten
> mit Faschismusvorwürfen konfrontiert, um sie zu
> denunzieren und in die Defensive zu treiben.

Da haben Sie recht, genau darum geht es: Dem einen Faschisten nicht zu erlauben, seinen Faschismus als menschenfreundlich darzustellen, indem er den Faschismus der anderen bekämpft. Der Hass aufeinander, der Hass bzw. die Ideologie überhaupt ist das Gemeinsame und das entscheidende Kriterium. Und in der Tat: Da haben viele Deutsche aus ihrer Geschichte gelernt, nicht alle, wie man sieht, aber viele. Und insofern haben wir anderen etwas voraus.

Interessant

... dass Sie derart ideologisch geprägt und frei von Fakten gegen Ideologie (an sich!) wettern. Und das obwohl Sie nicht müde werden, hier im Forum "ihre" Weltanschauung als die einzig wahre darzustellen. (Zitat: "Je neoliberaler, desto gesünder die Unternehmen, desto besser geht es allen, die von den Unternehmen abhängig sind.").

Kleiner Tipp: Wenn man glaubwürdig erscheinen möchte, sollte man die propagierten Handlungsmaxime selbst beachten. ;)

Wer vom Faschismus redet

darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Aber das tun Sie ja auch nicht mit Ihren Lobgesängen auf die Ideologie der Ausbeutung von Menschen, die den Faschismus durchaus als Option für uns "unanständige Deutsche" bereithält, die eine andere Anschauung als Sie haben und "den Faschismus der anderen" bekämpfen.

"Da haben Sie recht, genau darum geht es: Dem einen Faschisten nicht zu erlauben, seinen Faschismus als menschenfreundlich darzustellen, indem er den Faschismus der anderen bekämpft. Der Hass aufeinander, der Hass bzw. die Ideologie überhaupt ist das Gemeinsame und das entscheidende Kriterium."
Ohnehin ist, anhand Ihrer Beiträge nachvollziehbar, nicht Ihr erstes Anliegen, Antifaschist zu sein, sondern den "Anderen" den ihren abzustreiten und ihnen Anti-amerikanische und Anti-israelische Vorurteile zu unterstellen.
Am besten, neuen Namen zulegen und es noch mal versuchen. Bei diesem kennen wir inzwischen die Absicht.