Burg Dankwarderode: Vom Hecheln des Löwen
Der ZEIT-Museumsführer Nr. 128: Die Burg Dankwarderode in Braunschweig.
Auch wenn man es der Stadt nicht ansieht, Braunschweig war mal was. Vor dem Einkaufs- war hier ein Machtzentrum, erst der Brunonen, dann der Welfen. Aus den Zeiten, als noch Fürsten und Bischöfe hier residierten, darum bemüht, Gegenwart wie Nachwelt ein möglichst vorteilhaftes Bild zu bieten, hat sich ein Schatz an Kunstwerken erhalten, den man in der Burg Dankwarderode besichtigen kann. Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, baute sie zum Herrschaftssitz, das Land Niedersachsen sie ein paar Jahrhunderte später zum Museum aus. Sein Inhalt ist vor allem ein Lehrbeispiel der Imagekunde.
Wenn man hineinkommt in den großen, schlichten Knappensaal im Erdgeschoss, steht er gleich rechts, der Löwe von Braunschweig. Ein Symbol des Herzogs Heinrich, geschaffen, um von der Macht und Herrlichkeit des Welfenherrschers zu künden, war er ein Logo – gleichsam das Twitter-Vögelchen des Mittelalters, nur beredter, berühmter, schöner und, da aus Bronze, vermutlich auch länger haltbar. An eine so geniale Markenstrategie, wie Herzog Heinrich sie verfolgte, Ende des 12. Jahrhunderts, reichte lange nichts heran. Auch nicht die Herrscherporträts späterer Zeiten im ersten Stock, die während des Umbaus des Herzog Anton Ulrich-Museums dort bis auf Weiteres auf engem Raum gastieren.
Die Mittelalter-Abteilung des Museums in der Burg mit ihren rund dreihundert Stücken ist nicht der größte Teil der Sammlung. Doch anders als die später erworbenen Holbeins, Cranachs und Tiepolos aus den vorzüglichen Renaissance- und Barockbeständen gehören die Glasmalereien, die Altarbilder und auch der prächtig purpurne Kaisermantel Ottos IV. nicht nur zur großen Kunst-, sondern auch zur Braunschweiger Stadtgeschichte. Ganz besonders gilt das natürlich für den Löwen.
Er entstand in den 1160er Jahren und wird vom städtischen Marketing als erste frei stehende Großplastik nördlich der Alpen beworben. Man muss schon ein paar Jahrhunderte zurückgehen, bis man etwa auf die etruskische Chimäre von Arezzo aus dem 5. Jahrhundert vor Christus stößt. Bei der berühmtesten vermeintlich antiken Bronze, der kapitolinischen Wölfin, an deren Busen die mythischen Rom-Gründer Romulus und Remus saugen, dürfte es sich entgegen der Legende hingegen um ein späteres Produkt aus dem Mittelalter handeln. Dass, nebenbei, eine wilde Wölfin marketingmäßig für das kultursatte Rom wirbt, ist so erstaunlich wie die Tatsache, dass ein Löwe ausgerechnet für Braunschweig Pate steht. Andererseits galt das bronzene Tier ja historisch als Symbol nicht der Stadt, sondern dem Herzog.
Es fällt auf, dass dem Löwen die Zunge zwischen den makellosen Zahnreihen ein wenig heraushängt, wie bei einem Hund. Das erweckt den die stolze Gerecktheit ein wenig störenden Eindruck, als würde er hecheln. Die Brust hat er herausgestreckt, die Ohren sind gespitzt und die Haare rings um das Maul säuberlich gekämmt, sogar die Augenbrauen. Man wollte wohl zum Ausdruck bringen, dass der Herzog zwar ruhig, stolz und mutig wie ein Löwe sei, nicht aber nachts im Freien schlafe und sich den staubigen Wüstenwind durch die Mähne blasen lasse. Der Körperbau ist sehnig, aber nicht mager, ganz leicht zeichnen sich die Rippenbögen an der gestreckten Flanke ab. Die Hinterläufe dehnt er weit zurück, wie zum Sprung bereit, und das Haarbüschel am Ende des Schweifes ist erwartungsvoll aufgereckt. Als ein wacher, mutiger und recht eitler Herrscher ist uns der Herzog überliefert.
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Das Löwen-Logo stand nicht nur auf dem Platz vor der Burg Dankwarderode (jene Skulptur, die man dort heute sieht, zählt zu den vielen Repliken), es wurde auch auf Münzen geprägt, Brakteaten genannt. Mal über eine Burganlage springend, mal schreitend, mal liegend, mal spielend, mal sitzend, übt sich Heinrich der Löwe auf goldenem Grund wandlungsreich in politischer Gymnastik. Der Einprägsamkeit halber verwenden auch Ottos welfische Nachfolger den Löwen auf Münzen: Heinrich der Lange, Otto das Kind, Albrecht der Große, Heinrich der Wunderliche, Albrecht der Fette. Nicht nur Letzterem dürfte es schwergefallen sein, eine ähnlich schmeichelhafte und prägnante Metapher zu finden, wie es dem berühmten Ahnherrn gelang.
Dass nicht nur die Herrscher der weltlichen Sphären, sondern auch Geistliche an ihrer Selbstvermarktung feilten, lässt sich in Burg Dankwarderode ebenfalls besichtigen. Im Sinne des Wortes hervorstehend ist ein Armreliquiar des heiligen Blasius, Mitte des 11. Jahrhunderts entstanden, also noch vor dem Löwen. Ein schmaler goldener Unterarm hebt sich wie zum Gruß. Kostbare Edelsteine und Gemmen sowie 16 goldene Ringe an den schlanken Fingern bilden die Hülle für einen Oberarmknochen des gemarterten Blasius. Aufrecht wie diese goldene Hand, wenn auch nicht mit Ringen von Gottes Segen geschmückt, starb er einen grausigen, animalischen Tod.
Interessant, dass sich bei Heinrich die Biologie in Gestalt eines Tieres vor den prunkenden Menschen schiebt, um ihn zu erhöhen, während sich bei Blasius das Animalische in Form eines Knochens hinter goldenem Prunk versteckt, auf dass dieser ihn heilige. Geblendet von derlei Künsten der Sublimierung, verlässt man diesen herrlichen Raum. Und auf dem Rückweg zum Bahnhof, entlang der Stadtautobahn, wünscht man Braunschweig von Herzen, dass dereinst ein neuer Heinrich diesem tapferen Ort ein wenig von dem Glanze schenkrn möge, den er in seinen Museumsmauern hütet.






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