Erst der Tod des Patriarchen brachte der westfälischen Unternehmerfamilie Oetker die Freiheit, sich unbefangen mit ihrer Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. 2007 starb Rudolf-August Oetker im Alter von 90 Jahren. Im Jahr darauf schlug sein ältester Sohn August Oetker im Familienkreis vor, die NS-Vergangenheit von Clan und Konzern historisch aufarbeiten zu lassen, und stieß auf Zustimmung. Das Unternehmen beauftragte Historiker der Universität Augsburg unter Leitung von Andreas Wirsching mit der Forschungsarbeit und sicherte ihnen ungehinderten Zugang zu den Archiven zu. Im kommenden Jahr soll die Studie erscheinen – 68 Jahre nach Kriegsende. Dass es so lange dauerte, wirft kein gutes Licht auf die Familie, es ist aber auch ein Armutszeugnis für die deutsche Geschichtswissenschaft.

Den Oetkers ist es schwergefallen, sich ihrer NS-Geschichte zu stellen. Ein Grund dafür dürfte die Tatsache gewesen sein, dass der 1916 geborene Rudolf-August Oetker , der schon während des "Dritten Reichs" leitend im Unternehmen tätig war und es bis zum Untersturmführer der Waffen-SS brachte, das unangefochtene Oberhaupt des Clans war.

Der Alte blickte ungern weiter zurück als bis in die Jahre des Wirtschaftswunders, in denen er aus einer markenstarken Puddingfirma einen diversifizierten Konzern gemacht hatte, der Nahrungsmittel produzierte, Bier braute und Sekt kelterte, aber auch Versicherungs- (Condor) und Bankgeschäfte (Lampe) betrieb sowie die zweitgrößte deutsche Reederei ( Hamburg Süd) umfasste.

Dabei sind die Oetkers anders als zum Beispiel die Industriellenfamilie Quandt eine Wirtschaftsdynastie, die nicht allzu viel Wert auf Diskretion legt. Ganz im Gegenteil: Keine andere deutsche Unternehmersippe hat so viel Geld dafür ausgegeben, ihren Namen bei den Verbrauchern bekannt zu machen. Und im Unterschied zu anderen Familien, die in der Wirtschaft eine beherrschende Rolle spielen, haben die Oetkers ihren Einfluss nicht nur hinter den Kulissen ausgeübt, sondern wurden auch in der Politik und in Verbänden aktiv.

So ist Arend Oetker, ein Neffe Rudolf-August Oetkers und Eigner der Schweizer Hero AG und der Schwartauer Werke, seit vielen Jahren Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und überdies Präsident des elitären Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Sein Bruder Roland Oetker stand lange Zeit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) vor. Rudolf-August Oetkers dritte Ehefrau Maja war zeitweilig zweite Bürgermeisterin in Bielefeld , seine älteste Tochter Rosely saß über viele Jahre für die CDU im Landtag von Baden-Württemberg.

Der Oetker-Chef war Mitglied im "Freundeskreis Heinrich Himmler"

Anders als die meisten Unternehmerdynastien sahen sich die Oetkers in den vergangenen Jahrzehnten mehr als einmal mit ihrer NS-Vergangenheit konfrontiert . Den Anlass dafür lieferte die Familie selbst, als sie 1968 auf die Idee kam, eine ihrer Heimatstadt Bielefeld gestiftete Kunsthalle nach Richard Kaselowsky zu benennen. Es folgten ein Aufschrei und Proteste.

Kaselowsky war der Stiefvater Rudolf-August Oetkers gewesen, dessen leiblicher Vater im Ersten Weltkrieg in Verdun getötet worden war. Er heiratete die Witwe und übernahm die Führung des Backpulver- und Puddingunternehmens.

Der Oetker-Chef trat 1933 der NSDAP bei und wurde überdies Mitglied im "Freundeskreis Reichsführer SS", einem exklusiven Zirkel von Unternehmern, Bankern und höheren Beamten, die sich zu Vorträgen und Filmvorführungen in Berlin trafen, das Gestapo-Hauptquartier besuchten und Besichtigungstouren in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau unternahmen. Von diesen "Freunden" Himmlers wurde vor allem erwartet, dass sie dem SS-Chef für dessen "besondere Aufgaben" und Forschungshobbys ("Ahnenerbe") Geld spendeten, was Kaselowsky auch in vergleichsweise großem Umfang tat.

Der Oetker-Chef gehörte zu den Unterstützern des Regimes. In seiner Funktion als Aufsichtsratschef des Druck- und Verlagshauses E. Gundlach, dessen Aktien mehrheitlich im Oetker-Besitz waren, half er 1935 mit, die Westfälischen Neuesten Nachrichten an die NSDAP abzugeben. Als Chef der Nahrungsmittelfirma unternahm er schon vor dem Krieg propagandistische Anstrengungen, die deutschen Hausfrauen zur sparsamen Verwendung von Lebensmitteln zu erziehen. Die Oetker-Broschüre Backen macht Freude – auch mit wenig Fett und Eiern hatte eine Millionenauflage.