FDP Acht Mann treten dann mal aus

Liberal, aber nicht so: Warum ein kompletter FDP-Ortsverband die Partei verlässt.

Im Erdgeschoss kann der Besucher die Fleischschaber aus der Jungsteinzeit bestaunen, in der ersten Etage die Mäuseguillotine von 1720 und unterm Dach des turmähnlichen Backsteingebäudes die FDP von 2012. Dinge, die niemand mehr braucht.

So sieht das Michael Knape, Bürgermeister von Treuenbrietzen – und Mitglied der Freien Demokratischen Partei. »Wenn ich weiterhin erfolgreiche liberale Politik machen will, dann muss ich die FDP loswerden«, sagt Knape im Heimatmuseum seiner Kleinstadt im Brandenburgischen. »Wir haben 20 Jahre lang geliefert – und von der Bundesebene kommt nichts zurück. Es reicht.«

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Treuenbrietzen ist eine Gemeinde südwestlich von Berlin, am Nordrand des Flämings, 8.000 Einwohner. Am 31. März wollen die acht Mitglieder des FDP-Ortsvereins, Beamte, Selbstständige sowie Rentner, ihr Parteibuch abgeben und fortan in einem Wählerverein für die liberale Sache kämpfen. Im Niedergang der FDP ist eine neue Wegmarke erreicht: Treuenbrietzen, der Ort, in dem man den Liberalen bei der Selbstauflösung zuschauen kann.

Zuschauen wollen viele. Und so trägt Knape an diesem kalten Januarmorgen eine Outdoor-Jacke über Hemd und Krawatte, er pendelt zwischen Heimatmuseum und Rathaus hin und her, zwischen dem Fernsehteam vom RBB und dem vom Bericht aus Berlin, zwischen Lokalposse und Bundestrend. »Sie können mit mir machen, was Sie wollen«, hatte er zur Begrüßung gesagt. Die Fernsehleute haben sich fürs Pendelnlassen entschieden. Fernsehleute sind neu für Knape, beim nächsten Mal wird er sie anders begrüßen.

Knape, ein, so sagt er selbst, »gelernter Werkzeugmacher mit Abitur«, ist 42 Jahre alt, zehn Jahre bereits im Amt, bei der letzten Bürgermeisterwahl erhielt er knapp 70 Prozent der Stimmen, bei der letzten Kommunalwahl bescherte er der FDP 34 Prozent. »Die Probleme der Kommunalpolitik kennen keine Parteifarben«, begründet er seinen Erfolg. Und damit das so bleibt, muss er raus aus seiner Partei, muss er den Liberalismus in Treuenbrietzen vor der FDP retten. Die Probleme der Bundespolitik kennen nur Parteifarben. Ein Dreivierteljahr lang haben sie im Ortsverein den Schritt debattiert. »Das geht nicht wies Brötchenholen«, sagt Knape.

Die Selbstauflösung der FDP in Treuenbrietzen begann nicht erst am Dreikönigstag, als Knape den Kollektivaustritt der acht verkündete, sie begann mit dem Ärger über die Mitgliedsbeiträge bereits vor Jahren. Damals zählte der Ortsverein 18 Mitglieder, die sich darüber aufregten, dass ein Großteil ihrer Beiträge an Landes- und Bundesverband flossen. Zehn Treuenbrietzner traten aus der FDP aus, gründeten einen liberalen Förderverein und spendeten fortan das Geld direkt dem Ortsverein. Doch die Pfiffigkeit endete, wo es um die Wegweisung ging.

»Ich hatte einfach keine Antworten mehr«, sagt Knape. Keine Antworten auf die Fragen der Bürger nach dem Warum: Warum redet die Bundes-FDP immer von Steuersenkung? Warum beschäftigt sie sich nur mit sich selbst? Warum sagt Parteichef Rösler: »Ab heute wird geliefert«, und liefert dann nicht? Warum sagt die FDP Nein zur Finanztransaktionssteuer? Warum – für Knape zentral – stellt sie sich nicht an die Spitze der Energiewende?

3.400 Solarmodule, 43 Windkraftanlagen und eine Biogasanlage versorgen 39 Haushalte, drei Agrarbetriebe und einen Solarmodulhersteller im Treuenbrietzner Ortsteil Feldheim. Er ist damit nicht nur strom- und wärmeautark, die Bürger zahlen auch weniger als vorher. »Die Energiewende ist ein urliberales Anliegen, sie macht nicht nur ökologisch Sinn, sondern auch ökonomisch – doch die Bundes-FDP spielt hier lieber den Bremser als den Gestalter«, schimpft Knape.

Für den Bürgermeister ist die Marke FDP zu einem Makel geworden. Seit 1910 gibt es organisierten Liberalismus in Treuenbrietzen, die FDP erst seit der Wende, dazwischen lagen eine tausendjährige Verirrung und eine ausgewachsene SED-Diktatur. Jetzt möchte Knape an die Tradition der liberalen Bürgervereine zu Beginn des 20. Jahrhunderts anknüpfen. Die FDP wäre dann nur noch eine Episode – so wie die Mäuseguillotine.

 
Leser-Kommentare
  1. nicht gelesen.

    Die FDP ist tot - zurecht übrigens.

    Klarmachen zum Ändern!

    10 Leser-Empfehlungen
  2. 2. Makel

    Ich kenne einige Menschen, die früher in Gesprächen sich für die FDP stark gemacht haben. Einige von ihnen haben wahrscheinlich auch die FDP gewählt. Heute gibt kaum noch jemand zu, FDP gewählt zu haben. Und die es zugeben, betrachten ihre Stimmabgabe als größten Fehler ihres Lebens. Die anderen FDP-Wähler leiden stumm. Einige haben sich inzwischen in Selbsthilfegruppen organisiert und therapieren sich gegenseitig (interessierte können unter "Die anonymen FDP-Wähler e.V." Kontakt aufnehmen)

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Die Zeit sollte ihren Bias ablegen.
    Einfach schade, dass die FDP hier nur als öko-fdp gezeichnet wird.Eine Akzentuierung, welche die Wähler zu den Grünen treiben soll. Vllt mal ein Tipp an alle neuen Liberalen: Es ist niemals liberal einer anderen Partei das Liberale per se abzusprechen :).

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    Ich habe nach "Bias" gegoogelt. Also "Bias" ist eine Vogelgattung aus der Familie der Schnäpperwürger. Ich war leider in Bio schon immer schlecht aber kann mir jemand erklären, was die FDP mit Schnäpperwürger zu tun hat?

    Ich habe nach "Bias" gegoogelt. Also "Bias" ist eine Vogelgattung aus der Familie der Schnäpperwürger. Ich war leider in Bio schon immer schlecht aber kann mir jemand erklären, was die FDP mit Schnäpperwürger zu tun hat?

  4. 4. "Bias"

    Ich habe nach "Bias" gegoogelt. Also "Bias" ist eine Vogelgattung aus der Familie der Schnäpperwürger. Ich war leider in Bio schon immer schlecht aber kann mir jemand erklären, was die FDP mit Schnäpperwürger zu tun hat?

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    • Todoy
    • 21.01.2012 um 15:34 Uhr

    ""Die Zeit sollte ihren Bias ablegen.""

    Der Leser meint, die Zeit hätte einen Vogel den sie bei der FDP abgeben soll.

    Und ich dachte immer, Bias sei einer der Sieben Weisen in der griechischen Antike.

    Und meint soviel wie Tendenz, Verzerrung, vorliebe. Siehe: http://www.dict.cc/?s=bias

    • Todoy
    • 21.01.2012 um 15:34 Uhr

    ""Die Zeit sollte ihren Bias ablegen.""

    Der Leser meint, die Zeit hätte einen Vogel den sie bei der FDP abgeben soll.

    Und ich dachte immer, Bias sei einer der Sieben Weisen in der griechischen Antike.

    Und meint soviel wie Tendenz, Verzerrung, vorliebe. Siehe: http://www.dict.cc/?s=bias

  5. FDP abwählen - ist doch ganz einfach.

    • Todoy
    • 21.01.2012 um 15:34 Uhr

    ""Die Zeit sollte ihren Bias ablegen.""

    Der Leser meint, die Zeit hätte einen Vogel den sie bei der FDP abgeben soll.

    Antwort auf ""Bias""
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    Ich verstehe Sie nicht. Bei der FDP hat doch jeder einen Vogel. Eulen nach Athen tragen?

    Ich verstehe Sie nicht. Bei der FDP hat doch jeder einen Vogel. Eulen nach Athen tragen?

  6. Ich verstehe Sie nicht. Bei der FDP hat doch jeder einen Vogel. Eulen nach Athen tragen?

    Antwort auf "Dolmetsch"
  7. Und ich dachte immer, Bias sei einer der Sieben Weisen in der griechischen Antike.

    Antwort auf ""Bias""
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    Es gab einen Anton Bias (Sozialdemokrat!), der von den Nazis unter unwürdigen Bedingungen in Haft gehalten wurde und wenige Wochen nach der Befreiung 1945 verstorben ist. Sein Andenken möge uns Mahnung sein!

    Es gab einen Anton Bias (Sozialdemokrat!), der von den Nazis unter unwürdigen Bedingungen in Haft gehalten wurde und wenige Wochen nach der Befreiung 1945 verstorben ist. Sein Andenken möge uns Mahnung sein!

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