Ich schließe die Augen. Und dann sehe ich mich – den Sohn einer deutschen Frau und eines guineischen Mannes – in der S-Bahn von Berlin-Frohnau nach Hohen Neuendorf in Brandenburg. Es ist 1992, und ich bin zehn Jahre alt. Jeden Tag fahre ich diese eine Station von der Schule nach Hause. Draußen gleiten die Felder von Stolpe vorbei, als mich auf einmal ein Schlag auf die Brust trifft. Drei Jugendliche stehen vor mir, sie tragen Anoraks und Kapuzenpullover. Neonazis.

»Was willst du hier, Neger?« Sie rücken immer näher und schließen einen Kreis um mich, sie schubsen und schlagen mich. Der Jüngste ist vielleicht drei Jahre älter als ich, er zielt mit seiner Stirn gegen meine Nase. Drei erwachsene Neonazis blockieren die Tür. Ich bewege mich nicht, spüre nichts. Der Waggon ist voll, aber niemand sagt etwas. Mein Gegenüber zieht sein Messer. Er flüstert: »Die nächste Station steigst du mit uns aus, und dann machen wir dich kalt, Neger.«

Ich lebte in Hohen Neuendorf, seit ich acht Jahre alt war. Meine Mutter brachte mich in Berlin zur Welt. Als ich ein kleines Kind war, heiratete sie einen deutschen Mann, ‚mit ihm wuchs ich auf. Mein Körper war farbig, aber mein Bewusstsein war so weiß wie das meiner drei blonden, blauäugigen Geschwister. Die anderen sahen in mir einen Schwarzen, aber für mich hatte meine dunkle Haut keine Bedeutung. Sie war wie eine optische Täuschung.

Außer mir gab es keine Andersfarbigen im Dorf. Auf den Straßen begegneten mir die Menschen wie einem wilden Tier. Sie blieben stehen, drehten sich um und starrten mir nach. Ihre Kinder nannten mich »Bimbo« oder »Presskohle«, denn sie zählten mich nicht zur menschlichen Rasse. Wer nicht weiß war, war für sie kein Mensch. Diese Isolation von den Leuten in meiner Nachbarschaft werde ich nie vergessen.

Mit den Jahren wuchs in mir der Wunsch, meinen schwarzen Körper zu verlieren. Nicht mehr kenntlich zu sein für die anderen, ihre weiße Farbe wie ein Tintenfisch zu simulieren. Mein weißer Teil wollte den schwarzen tilgen. Ich entwickelte eine Besessenheit für die deutsche Kultur, inhalierte Kant, Hölderlin und Heidegger. Die Kultur meines westafrikanischen Vaters ignorierte ich. Traf ich in Berlin auf einen Menschen, der aussah wie ich, ging ich ihm aus dem Weg.

Über diese Erfahrungen habe ich noch nie gesprochen. Ich habe es auch noch nie versucht. Die Erinnerungen an meine Kindheit in Hohen Neuendorf waren wie Filmsequenzen aus dem Leben einer anderen Person. Sie erzeugten in mir keine Gefühle. Ich hatte auch keine Worte, um sie zu beschreiben.

Oft sehe ich mir jetzt die Fotos von Uwe Böhnhardt und den anderen Zwickauer Terroristen an. Sie faszinieren mich auf unheimliche Art. In meinen Träumen verschwimmen ihre Figuren mit den Neonazis aus meiner Kindheit. Die Albträume spülen die Erinnerungen hoch. Auf einem Foto spannt sich Böhnhardts Körper im Hassschrei. Warum schrie ich nie? Dort, wo ich keinen Wert hatte, durfte ich meine Wut nicht äußern. Ich hielt still. Die Wut fraß mich leise von innen auf. Das Bild von Böhnhardt entfesselt in mir eine alte, ungewollte Sehnsucht: den Wunsch nach dem Status eines Weißen auf der Leiter des menschlichen Geschlechts.

Meine Eltern mussten mich von der Schule mit dem Auto abholen

Gleich fährt der Zug in Hohen Neuendorf ein. Wieder rast die Stirn auf mich zu. Die Neonazis drängen mich zur Wagentür. Gleich sterbe ich, denke ich. Auf einmal gehen die drei Erwachsenen einen Schritt zurück. Der Kreis öffnet sich. Die Neonazis setzen sich hin. »Heute hat der Neger Glück«, sagt einer von ihnen.

Ich starre auf den Bahnsteig. Dort stehen etwa 40 Uniformierte einer Security-Firma mit Hunden, in Paaren sind sie entlang der Bahnsteigkante aufgereiht. Ehe der Zug anhält, reiße ich die Tür auf und springe heraus. Als der Zug abfährt, renne ich die Lindenstraßen vom Bahnhof ins Dorf hinunter. Ich schaue mich immer wieder um. Die Neonazis dürfen nicht wissen, wo ich wohne. Sie könnten kommen und unser Haus anstecken. Aber niemand folgt mir.

Als ich älter wurde, sah ich immer häufiger Neonazis im Dorf, mit ihren Springerstiefeln und Glatzen patrouillierten sie die Straßen. Nach der Wende wurde Hohen Neuendorf zu einer abgehängten Welt. Wir lebten in Neubauhäusern, die Straßen bestanden noch aus Sand. Dazwischen standen bankrotte Betriebe des untergegangenen Staates. Es gab keine Jobs und keine Hoffnung. Die Angst, aus der Gemeinschaft zu fallen, schweißte die Jugendlichen zu Kameradschaften zusammen. Mich jedoch grenzte sie aus.

1994 wechselte ich auf ein Berliner Gymnasium, eine Oberschule in Hohen Neuendorf wäre Selbstmord gewesen. Ich konnte nun nicht mehr mit der S-Bahn diese eine Station fahren, meine Eltern mussten mich von der Schule mit dem Auto abholen. Wenn wir in unsere Straße einbogen und ich in der Nähe ein paar Jugendliche sah, zwang ich meine Eltern, an unserem Haus vorbeizufahren. Wir fuhren zweimal, dreimal ums Karree oder warteten hinter der Straßenecke. Mein eigenes Zuhause verwandelte sich in eine No-go-Zone.

Ich scannte die Straßen, wenn ich unser Grundstück betrat oder wieder verließ. Wenn der Nachbarsjunge – Glatze, Bomberjacke – im Garten war, traute ich mich nicht hinaus. Jugendliche Rechte streiften durch brachliegende Gärten in unserer Straße, weil sie dort ein Zigarettenlager von Vietnamesen vermuteten. Ich sagte meinen Freunden in Berlin, dass sie mich nicht besuchen sollten; ich sagte ihnen aber nicht, warum. Ich sagte auch meinen Eltern nicht, wie sehr ich unter den Neonazis in Hohen-Neuendorf litt. Es war ihnen nicht bewusst.

Ich war allein mit meiner Angst. Es gab niemanden, der meine Erfahrung als Gejagter teilte. Und ich wollte nicht wirklich darüber reden, weil ich mich schämte, dieser Gejagte zu sein. So wurden die Hetzjagden unwirklich. Die No-go-Zone: Das ist das Gefühl, im eigenen Kopf gefangen zu sein, im eigenen Unsinn. Der Terror von außen wird zum Terror im Inneren.

Rassismus ist nicht nur etwas vor unseren Augen, sondern auch unser Blick selbst. Das ist die Lektion für mein Leben. Obwohl ich jetzt in Berlin wohne, leide ich noch darunter: Wenn andere bei meinem deutschen Namen und meinem fremden Gesicht aufhorchen. Wenn sie staunen, dass ich Medizin studiere. An der ständigen Frage nach meiner Herkunft. An der Anstrengung meiner Freunde und Familie, meine Hautfarbe nicht zu sehen. An den unnötigen Ausweiskontrollen in der S-Bahn. An den kolonialen Afrikafantasien im ZDF.

Der Terror ist mehr als körperliche Gewalt

An meinem eigenen Blick in den Spiegel.

Ohne es zu wollen, schaue ich mich mit den Augen der Neonazis an. Sehe auf einen fremden schwarzen Körper herab. Rassismus dringt in mein Innerstes. Mein eigener Blick wird zum Messerstich. Der Terror ist mehr als körperliche Gewalt. In der No-go-Zone verdichtet er sich zu einem Klima der ständigen Bedrohung. Entscheidend ist nicht, ob die Neonazis zuschlagen oder nicht. Entscheidend ist, dass sie es jederzeit können.

Als ich 17 Jahre alt bin, höre ich zum ersten Mal von einem Basketballplatz in Hohen Neuendorf. Ich wage mich dorthin und bin überrascht: Da sind Jugendliche mit NBA-Trikots, sie hören Hip-Hop und fahren auf BMX-Rädern. Wir freunden uns an, bald treffe ich sie täglich. Das Spielfeld liegt auf einem Zirkusgelände und ist von einem Zaun umgeben. Nach der Schule werfen wir dort Körbe.

An einem Hochsommertag tauchen auf einmal 20 Neonazis auf dem Basketballplatz auf. Trotz der Hitze tragen einige von ihnen schwarze und weinrote Bomberjacken. Einer von ihnen hat sich ein Hakenkreuz auf den blanken Schädel tätowiert. Der Anführer ist ganz in Weiß gekleidet und ungefähr 18 Jahre alt. Meine Freunde und ich spielen weiter, versuchen, sie zu ignorieren. Dann sehe ich, wie sie den Käfig abriegeln. Wie komme ich hier raus? Ich brauche einen Fluchtplan; aber alle Gedanken verlöschen.

Der Faschist in Weiß läuft auf mich zu, seine Begleiter bleiben zurück. In ihren Händen blitzen Butterflys, einer schwingt einen Baseballschläger durch die Luft. Mir ist auf einmal kalt. Der 18-Jährige stellt sich vor mich, sein weißes Hemd leuchtet in der Sonne. »Was machst du hier?«, fragt er. Alles wird still. Mein Mund ist trocken, als wäre er voller Sand. Er wartet. Dann lächelt er und zieht mit seinen Kameraden davon.