Gleich fährt der Zug in Hohen Neuendorf ein. Wieder rast die Stirn auf mich zu. Die Neonazis drängen mich zur Wagentür. Gleich sterbe ich, denke ich. Auf einmal gehen die drei Erwachsenen einen Schritt zurück. Der Kreis öffnet sich. Die Neonazis setzen sich hin. »Heute hat der Neger Glück«, sagt einer von ihnen.

Ich starre auf den Bahnsteig. Dort stehen etwa 40 Uniformierte einer Security-Firma mit Hunden, in Paaren sind sie entlang der Bahnsteigkante aufgereiht. Ehe der Zug anhält, reiße ich die Tür auf und springe heraus. Als der Zug abfährt, renne ich die Lindenstraßen vom Bahnhof ins Dorf hinunter. Ich schaue mich immer wieder um. Die Neonazis dürfen nicht wissen, wo ich wohne. Sie könnten kommen und unser Haus anstecken. Aber niemand folgt mir.

Als ich älter wurde, sah ich immer häufiger Neonazis im Dorf, mit ihren Springerstiefeln und Glatzen patrouillierten sie die Straßen. Nach der Wende wurde Hohen Neuendorf zu einer abgehängten Welt. Wir lebten in Neubauhäusern, die Straßen bestanden noch aus Sand. Dazwischen standen bankrotte Betriebe des untergegangenen Staates. Es gab keine Jobs und keine Hoffnung. Die Angst, aus der Gemeinschaft zu fallen, schweißte die Jugendlichen zu Kameradschaften zusammen. Mich jedoch grenzte sie aus.

1994 wechselte ich auf ein Berliner Gymnasium, eine Oberschule in Hohen Neuendorf wäre Selbstmord gewesen. Ich konnte nun nicht mehr mit der S-Bahn diese eine Station fahren, meine Eltern mussten mich von der Schule mit dem Auto abholen. Wenn wir in unsere Straße einbogen und ich in der Nähe ein paar Jugendliche sah, zwang ich meine Eltern, an unserem Haus vorbeizufahren. Wir fuhren zweimal, dreimal ums Karree oder warteten hinter der Straßenecke. Mein eigenes Zuhause verwandelte sich in eine No-go-Zone.

Ich scannte die Straßen, wenn ich unser Grundstück betrat oder wieder verließ. Wenn der Nachbarsjunge – Glatze, Bomberjacke – im Garten war, traute ich mich nicht hinaus. Jugendliche Rechte streiften durch brachliegende Gärten in unserer Straße, weil sie dort ein Zigarettenlager von Vietnamesen vermuteten. Ich sagte meinen Freunden in Berlin, dass sie mich nicht besuchen sollten; ich sagte ihnen aber nicht, warum. Ich sagte auch meinen Eltern nicht, wie sehr ich unter den Neonazis in Hohen-Neuendorf litt. Es war ihnen nicht bewusst.

Ich war allein mit meiner Angst. Es gab niemanden, der meine Erfahrung als Gejagter teilte. Und ich wollte nicht wirklich darüber reden, weil ich mich schämte, dieser Gejagte zu sein. So wurden die Hetzjagden unwirklich. Die No-go-Zone: Das ist das Gefühl, im eigenen Kopf gefangen zu sein, im eigenen Unsinn. Der Terror von außen wird zum Terror im Inneren.

Rassismus ist nicht nur etwas vor unseren Augen, sondern auch unser Blick selbst. Das ist die Lektion für mein Leben. Obwohl ich jetzt in Berlin wohne, leide ich noch darunter: Wenn andere bei meinem deutschen Namen und meinem fremden Gesicht aufhorchen. Wenn sie staunen, dass ich Medizin studiere. An der ständigen Frage nach meiner Herkunft. An der Anstrengung meiner Freunde und Familie, meine Hautfarbe nicht zu sehen. An den unnötigen Ausweiskontrollen in der S-Bahn. An den kolonialen Afrikafantasien im ZDF.