Rassismus"Was willst du hier, Neger?"

Wer nicht weiß ist, ist kein Mensch: Wie ich als Deutsch-Guineer in Brandenburg aufwuchs. von Fabian Dannenberg

Ich schließe die Augen. Und dann sehe ich mich – den Sohn einer deutschen Frau und eines guineischen Mannes – in der S-Bahn von Berlin-Frohnau nach Hohen Neuendorf in Brandenburg. Es ist 1992, und ich bin zehn Jahre alt. Jeden Tag fahre ich diese eine Station von der Schule nach Hause. Draußen gleiten die Felder von Stolpe vorbei, als mich auf einmal ein Schlag auf die Brust trifft. Drei Jugendliche stehen vor mir, sie tragen Anoraks und Kapuzenpullover. Neonazis.

»Was willst du hier, Neger?« Sie rücken immer näher und schließen einen Kreis um mich, sie schubsen und schlagen mich. Der Jüngste ist vielleicht drei Jahre älter als ich, er zielt mit seiner Stirn gegen meine Nase. Drei erwachsene Neonazis blockieren die Tür. Ich bewege mich nicht, spüre nichts. Der Waggon ist voll, aber niemand sagt etwas. Mein Gegenüber zieht sein Messer. Er flüstert: »Die nächste Station steigst du mit uns aus, und dann machen wir dich kalt, Neger.«

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Fabian Dannenberg

zog mit 18 Jahren von Hohen Neuendorf nach Berlin-Kreuzberg. Für diesen Text ist er zum ersten Mal dorthin zurückgekehrt. Heute ist er 29 Jahre und Student.

Ich lebte in Hohen Neuendorf, seit ich acht Jahre alt war. Meine Mutter brachte mich in Berlin zur Welt. Als ich ein kleines Kind war, heiratete sie einen deutschen Mann, ‚mit ihm wuchs ich auf. Mein Körper war farbig, aber mein Bewusstsein war so weiß wie das meiner drei blonden, blauäugigen Geschwister. Die anderen sahen in mir einen Schwarzen, aber für mich hatte meine dunkle Haut keine Bedeutung. Sie war wie eine optische Täuschung.

Außer mir gab es keine Andersfarbigen im Dorf. Auf den Straßen begegneten mir die Menschen wie einem wilden Tier. Sie blieben stehen, drehten sich um und starrten mir nach. Ihre Kinder nannten mich »Bimbo« oder »Presskohle«, denn sie zählten mich nicht zur menschlichen Rasse. Wer nicht weiß war, war für sie kein Mensch. Diese Isolation von den Leuten in meiner Nachbarschaft werde ich nie vergessen.

Mit den Jahren wuchs in mir der Wunsch, meinen schwarzen Körper zu verlieren. Nicht mehr kenntlich zu sein für die anderen, ihre weiße Farbe wie ein Tintenfisch zu simulieren. Mein weißer Teil wollte den schwarzen tilgen. Ich entwickelte eine Besessenheit für die deutsche Kultur, inhalierte Kant, Hölderlin und Heidegger. Die Kultur meines westafrikanischen Vaters ignorierte ich. Traf ich in Berlin auf einen Menschen, der aussah wie ich, ging ich ihm aus dem Weg.

Über diese Erfahrungen habe ich noch nie gesprochen. Ich habe es auch noch nie versucht. Die Erinnerungen an meine Kindheit in Hohen Neuendorf waren wie Filmsequenzen aus dem Leben einer anderen Person. Sie erzeugten in mir keine Gefühle. Ich hatte auch keine Worte, um sie zu beschreiben.

Oft sehe ich mir jetzt die Fotos von Uwe Böhnhardt und den anderen Zwickauer Terroristen an. Sie faszinieren mich auf unheimliche Art. In meinen Träumen verschwimmen ihre Figuren mit den Neonazis aus meiner Kindheit. Die Albträume spülen die Erinnerungen hoch. Auf einem Foto spannt sich Böhnhardts Körper im Hassschrei. Warum schrie ich nie? Dort, wo ich keinen Wert hatte, durfte ich meine Wut nicht äußern. Ich hielt still. Die Wut fraß mich leise von innen auf. Das Bild von Böhnhardt entfesselt in mir eine alte, ungewollte Sehnsucht: den Wunsch nach dem Status eines Weißen auf der Leiter des menschlichen Geschlechts.

Leserkommentare
  1. Hut ab vor Fabian Dannenberg! Ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit einen so eindrücklichen und treffenden Artikel zu diesem traurigen, aber absolut wahren Thema gelesen zu haben. Genau SO sind jahrzehntelang "Afrodeutsche" in Ostdeutschland aufgewachsen. Mit diesem inneren Zwiespalt zwischen "weißer Seele" und schwarzer/farbiger Haut. Mit dem Selbsthass gegen das eigene Aussehen und dem Wunsch, nicht man selbst, sondern wie die anderen zu sein. Mit diesem absurden "eigentlich" in der ewigen Frage der anderen nach der Herkunft... Die Neonzi-Attitüde der Angst-vor-allem-Andersartigen-Habenden ist übrigens relativ neu (nach 1990), davor gab - und gibt es bis heute!! - einfach auch einen herzhaften ostdeutschen Alltagsrassismus auch ganz ohne die ausdrückliche Naziattitüde. Nicht nur auf dem platten Land.

  2. Danke dafür, dass der Artikel auf menschlicher Ebene zeigt, was Rassismus eigentlich bedeutet. Wir sprechen immer "fernab" über Rassismus, sprechen über Opfer ohne deren Geschichte zu kennen, wir diskutieren den NPD-Verbot und ob er sich technisch realisieren lassen. Wir gehen für 60 Sekunden voller Inbrust an das Thema heran bis wir die Komplexität erkennen, bis wir merken, Rassismus lässt sich nicht von heute auf morgen abstellen und dass es mehr bedarf, als einen Schalter umzulegen.

    Ihr Artikel beschreibt diese menschliche Ebene, die in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommt. Das ist gut und wichtig. Aber die Konsequenzen bleiben doch aus! Alleine in ein paar Stunden wird ihr Artikel in der timeline von facebook aus dem Augenwinkel gerückt sein und auch dieser Artikel ist dann nur noch eine Ansammlung von Bits und Byts.

    Werden gesellschaftliche Probleme heute in Deutschland eigentlich auch noch gelöst oder belassen wir es bei der Diskussion und wenden uns dann einem anderen Thema zu? Ich bin mir nicht mehr sicher.

    • Kriton
    • 20. Januar 2012 17:56 Uhr

    denn es geht in diesen Fällen immer darum, "wer nicht so ist wie ich, ist weniger wert". Je ähnlicher uns Menschen sind, denen Leid angetan wird, umso mehr (be)trifft es uns. Der entscheidende Satz in diesem Artikel, dass man über diese sozialen Kategorien anderen den Status Mensch zu sein, abspricht, betrifft auch all die 'Anderen' auf diesem Planeten, von denen Sie sprechen, die Jugendlichen, über die der Leserartikel berichtet, http://www.zeit.de/karrie... uvm.

    Antwort auf "Ist es denn..."
  3. Zwischen den Zeilen wird eins allerdings deutlich: der Fremdenhass in der ehemaligen DDR. "Auf den Straßen begegneten mir die Menschen wie einem wilden Tier. Sie blieben stehen, drehten sich um und starrten mir nach."

    Auch in der Zeit, oder in der FAZ stand letztens ein guter Artikel über die Rolle der Vietnamesen in der DDR. Diese wurden wie Aussetzige behandelt, hatten mir der eigentlichen Bevölkerung kaum Berührungspunkte. Politisch wurde diese starke Trennung nie thematisiert - ich glaube auch, dass sie politisch mindestens geduldet wurde.

    Und dann kam die Wende: die Arbeitsplätze gingen, die Gesellschaft erodierte, die "heile Welt" zerfiel. Gleichzeitig kamen die Ausländer. Was liegt da näher, als Ausländer für das wirtschaftliche Scheitern verantwortlich zu machen? Und wenn man sich damit auch selbst nur belügt hat - die Legitimation für Ausländerhass und Rassismus war geboren.

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    Zugegeben, in der DDR traf man nicht auf Ausländer in so großer Zahl. Aber, daß es gar keine gegeben hätte, geht an der Realität vorbei. Und es gab auch Kontakte zu Ausländern.
    Die Vietnamesen, die zum Arbeiten kamen, waren durch ihre Unterbringung, nicht aber von den Menschen, mit denen sie zusammen arbeiteten getrennt.
    In den Städten, in denen es Universitäten gab, gehörten Ausländer zum Stadtbild und die DDR hat auch nach dem Putsch in Chile Emigranten aufgenommen, von denen auch einige an Universitäten als Dozenten arbeiten konnten.
    Und gerade diese Idee, die Ausländer nähmen den Menschen im Osten die Arbeit weg, stammt m.E. nicht aus der DDR, weil die dort tätigen Ausländer ihre Arbeit genauso verloren haben, wie die Einheimischen.
    Die Bundesrepublik war nach offizieller Darstellung der DDR Ausland. So gesehen waren es nach 1990 wohl doch Ausländer, die den DDR-Bürgern ihre Arbeit wegnahmen.

    ...einen Bericht über Vietnam. Hier wurden u.a. Vietnamesen interviewt, die als Kinder und Jugendliche in der DDR lebten, geflohen vor US-amerikanischen Napalm-Bomben, vor Agent Orange usw. In der DDR gingen sie zur Schule,sie erlernten Berufe, studierten. Sie sind der DDR und dessen Staatsführung noch heute dankbar. Was nach 1990 passierte, hat doch aber nichts mehr mit der DDR zu tun!Die Vietnamesen die in die BRD aufgegangene DDR verließen mussten,taten das sicher nicht freiwillig und vermutlich auch nicht aus Angst vor Neonazis. Um hier bleiben zu können,gab es für sie entweder den fast aussichtslosen Antrag auf Asyl oder die Illegalität.
    21 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung,dürfte vom bitterbösen DDR-System nicht mehr viel übrig sein. Dennoch, als "Buhmann" taugt sie immernoch dann, wenn in Thüringen eine 17jährige ihr Neugeborenes tötet, oder wenn 20jährige Neonazis in Sachsen Ausländer überfallen.Da wird dann immernoch auf die DDR Bezug genommen.Sozialsiert wurden diese Jugendliche allerdings in der BRD!

  4. der Autor und weiter: "Ich entwickelte eine Besessenheit für die deutsche Kultur, inhalierte Kant, Hölderlin und Heidegger." Das stimmt einen nachdenklich, wenn man das liest. Es erinnert in fataler Weise, an das Selbstverständnis der deutschen Juden in der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Damals fühlten sich Juden in Deutschland genauso, sie waren vernarrt in alles deutsche, liebten ihr Land und wollten unbedingt ein Teil davon sein.

    Dann kamen die Nazis und haben ihnen ihre Wünsche und das Leben genommen. Die Deutschen haben wirklich Talent ihre besten Bewunderer vor den Kopf zu stoßen und auszugrenzen, wenn nicht schlimmeres, schlimm nur das es bis heute so zu sein scheint.

  5. ... hat Kant, Hölderlin und Heidegger eigentlich gelesen? ;)

    • Azenion
    • 20. Januar 2012 18:06 Uhr

    Ich sehe Rassismus als Spielart des Konventionszwanges, der zu jeder sozialen Gruppe dazugehört (übrigens nicht nur beim Menschen): Es gibt Merkmale, die definieren, ob man dazugehört oder nicht.

    Oft ist es die Kleidung, die Sprache oder jede beliebige andere Eigenschaft, die jemanden zum Außenseiter macht. Wer als fehl am Platz empfunden wird, wird herausgemobbt. Normalerweise versucht jeder von sich aus, solchen Konventionen zu genügen, oder die Gruppe zu meiden, deren Konventionen er nicht genügen kann oder will -- allein um sich Ärger zu ersparen.

    Ich denke, man muß anerkennen, daß es diesen menschlichen Zwang zum Konformismus gibt, bevor man seine häßlichen Auswirkungen kurieren kann.

    Die besondere Grausamkeit des Rassismus liegt darin, daß der Außenseiter absolut nichts tun kann, um der Konvention, die ihn ausgrenzt, zu entsprechen.

    • BerndL
    • 20. Januar 2012 18:12 Uhr

    auf anderes schieben kann. Besser wäre es, sich der eigenen Realität zu stellen.
    Wenn ich die Artikel über die Vietnamesen in der DDR lese, frage ich mich, wo die Artikelschreiber gelebt haben. Ich kenne diese Problematik sehr gut aus persönlichem eigenem Erleben (ich hatte einen vietnamesischen Freund und einen Kollegen, meine Tochter war in der Schule mit einem vietnamesischen Mädchen befreundet). Die Vietnamesen, die ich kenne bzw kannte, hatten sich in der DDR sehr wohl gefühlt - ihr Dilemma begann erst NACH der Wende.

    "36. Spätfolgen der DDR
    Zwischen den Zeilen wird eins allerdings deutlich: der Fremdenhass in der ehemaligen DDR. ""

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    Ich habe, hoffentlich nachvollziehbar, deutlich gemacht, warum ich flächendeckenden, offenen Rassismus für ein ostdeutsches und kein gesamtdeutsches Problem halte. Es gibt in der Tat auch Neonazis im Westen des Landes, aber "No-go-Areas" kenne ich nur aus Ostdeutschland. Es ist dieser offene Rassimus, der in Ostdeutschland grassiert, man schaue sich nur einmal an, in welchen Kreistagen und Landesparlamenten die NPD überall sitzt. Ohne Frage, sitzt die NPD auch teilweise in Westdeutschland in Kommunalparlamenten, aber mir geht es ja um die Verbreitung offenen Rassismuses und der ist in der ehemaligen DDR leider verbreiteter.

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