Fast möchte man der ungarischen Regierung dankbar sein. Mitten in der großen Finanzkrise erinnert sie die Europäer daran, dass dieses Europa mehr ist als bloß eine schlecht gelaunte Haftungsgemeinschaft hoch verschuldeter Staaten. Und dass es für diese Gemeinschaft ärgere Feinde gibt als böswillige Rating-Agenturen und gewissenlose Spekulanten. Die EU ist nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Wertegemeinschaft. Und zu den Werten, die die Mitgliedsstaaten teilen, zählen jene, gegen die die Regierung in Budapest fortwährend verstößt: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Man muss das »neue Ungarn «, das der nationalistische Ministerpräsident Viktor Orbán schaffen möchte, wahrhaftig nicht faschistisch nennen, um zu erkennen, was er vorhat: Orbán will das Land – die Justiz genauso wie die Medien oder die Notenbank – so weit wie möglich unter die Kontrolle seiner Partei zwingen . Dafür hat diese Partei, die einmal eine liberale war, mithilfe ihrer Zweidrittelmehrheit im Parlament wesentliche Teile der Verfassung neu geschrieben.

»Meine Heimat ähnelt allmählich den mittelasiatischen postsowjetischen Alleinherrschaften«, stellt der ungarische Schriftsteller György Konrad in der FAZ fest. Es gebe Leute, »die bereits von einem Orbánistan sprechen«.

Doch was können die Europäer tun? Soll Brüssel laut protestieren – und damit die reaktionären Kräfte in Ungarn möglicherweise sogar stärken? Oder soll es leise intervenieren – und dabei riskieren, das Bekenntnis zu den eigenen Werten zu verschlucken?

Die EU hat sich in dieser Woche erst einmal für einen dritten Weg entschieden. Die Europäische Kommission hat drei sogenannte Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn eingeleitet , weil die neue Verfassung, so die Begründung, gleich in mehreren Punkten gegen EU-Recht verstoße. Einen Monat hat die Regierung in Budapest nun Zeit, die entsprechenden Paragrafen zu ändern. Solche Verfahren, man ahnt es, sind kleinteilig, mühsam und riskant. Denn das große Ziel, die Bewahrung der Demokratie, droht in einem kleinlichen Streit um Spiegelstriche zerrieben zu werden. Hinzu kommt, dass die Kommission ausschließlich dort einschreiten kann, wo europäisches Recht verletzt wird.

Dennoch ist es richtig, der Aushöhlung des Rechtsstaats in Ungarn selbst mit den Mitteln des Rechts zu begegnen – vorausgesetzt, die EU ist bereit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Zu diesen Fehlern gehört die Auseinandersetzung um das ungarische Mediengesetz, die nicht einmal ein Jahr zurückliegt. Auch damals machte die Kommission rechtliche Bedenken geltend, gab sich dann aber mit marginalen Änderungen zufrieden. Das Resultat: Im Dezember erklärte das ungarische Verfassungsgericht ein Gesetz für rechtswidrig, das die EU-Kommission zuvor abgenickt hatte. Eine schöne Blamage für die Kommission und möglicherweise ein letztes Aufbäumen der Budapester Richter: Orbán will sie nun per Gesetz in den vorgezogenen Ruhestand schicken. Der Versuch, die Regierung in Ungarn auf dem Rechtsweg zu stoppen, kann nur dann Erfolg haben, wenn die EU bereit ist, diesen Weg notfalls bis zum Ende zu gehen und alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen. Dazu gehören dann nicht nur Vertragsverletzungsverfahren, die Alltag in der Union sind, sondern es umfasst auch die Möglichkeit, einem Land, das dauerhaft die europäischen Werte verletzt, Stimm- und Mitgliedsrechte in der EU zu entziehen. Einen solchen Fall hat es bislang noch nicht gegeben.

Spätestens hierfür müssten auch die Regierungschefs der 26 anderen EU-Staaten ihre bisherige Zurückhaltung gegenüber dem Kollegen Orbán aufgeben. Für diese Zurückhaltung gibt es gute und schlechte Gründe. Zu den guten zählt die Hoffnung, dass der Widerstand gegen Orbáns De-facto-Staatsstreich in Ungarn selbst gerade wächst. Zu den schlechten gehört die Rücksichtnahme auf einen Politiker, dessen Partei noch immer Mitglied im Club der konservativen europäischen Volksparteien ist – gemeinsam mit CDU und CSU .

Die Bundeskanzlerin und ihre Parteifreunde haben noch etwas anderes in der Hinterhand. Weil Ungarn dringend Geld vom Internationalen Währungsfonds braucht , könne man, so die Hoffnung, Wohlverhalten auch erzwingen. Tausche Geld gegen Demokratie – das wäre kein schöner Deal, aber möglicherweise ein besonders verlockender. Allerdings, ohne für die eigenen Werte zu streiten, lassen sich die nationalistischen und autoritären Dämonen in Ungarn kaum bändigen.