Meine erste Begegnung mit Peter Berling fand in den neunziger Jahren im Privatfernsehen statt. Da saß ein stattlicher Kardinal auf einem Sofa, neben sich ein großes Teleskop, und sprach über die Macht der Gestirne. In den Einblendungen stand: »Kardinal Carlo Carrà, Chefastrologe des Vatikans «. Dieser Chefastrologe sprach mit der größten Ernsthaftigkeit vom Wechselspiel zwischen den Planetenkonstellationen und der Weltgeschichte, und er bediente sich dafür einer überaus scholastischen Nomenklatur. Dann wurde er unterbrochen durch die Stimme eines Gesprächspartners, den man nicht sah und der Fragen stellte. Diese Fragen waren ziemlich verwickelt und doppelbödig und stachelten den Kardinal zu immer kühnerer und originellerer Thesenbildung an, um den Zusammenhang zwischen Kometeneinschlägen und dem Jüngsten Gericht zu erhellen. Das Gespräch war eine Mischung aus glasklarer Logik und völliger Verstiegenheit. Kognitive Dissonanz würde man die Verwirrung heute nennen, die mich damals erfasste. Mit dem gesunden Menschenverstand war das nicht zu verkraften. Sah ich gerade einen Historienfilm oder doch ein reales Interview? Irgendetwas stimmte hier nicht – aber gleichzeitig war eine mögliche Welt denkbar, in der dieses Gespräch als vollkommen rational und konsistent hätte gelten können.

Diesen Verfremdungseffekt hat man so frappant natürlich nur, wenn man sich das erste Mal zufällig in eines der berühmten Fernsehinterviews verirrt, die Alexander Kluge seit 20 Jahren mit dem Filmproduzenten, Schauspieler und Autor historischer Romane Peter Berling führt. Für diese Interviews legen Kluge und Berling vorher nur die Rolle fest und das entsprechende Kostüm bereit, der Rest wird improvisiert. Aus der Logik der Rolle heraus und unter Hinzuziehung eines beeindruckend enzyklopädischen Kulturwissens. Im Gespräch mit dem niederländischen Seefahrer Kapitän van der Poel geht es um die Frage, ob Sklaven auch eine Seele haben, und der »theologisch gebildete« Seebär van der Poel wägt ab, was dafür und was dagegen spricht, aber möchte sich am Ende in dieser schwierigen Frage lieber nicht festlegen. Dabei geht es nicht einfach um das Spiel mit dem Anachronismus (wie in Christoph Ransmayrs Letzter Welt, wenn Kaiser Tiberius in ein Mikrofon spricht, um die Menge zu erreichen). Es sind intellektuelle Übungen in der Relativität unserer Denkmatrix. Alle Zeiten, alle Epochen sind in diesen Gesprächen gewissermaßen reichsunmittelbar, gleichzeitig anwesend in ihren Geltungsansprüchen. Nichts könnte deshalb unpassender sein, als diese Gespräche mit einem Datum zu versehen. Vor diesen beiden Herren sind tausend Jahre wie ein Tag.

Aber es ist natürlich auch einfach ein großer Spaß und Karneval. Als Kondomfabrikant Willem Müller Rosé arbeitet Peter Berling an der Herstellung eines vollständig recycelbaren Präservativs. Alexander Kluge unterbricht ihn: Dann könne man die Kondome ja als Düngemittel verwenden wie im Hochmittelalter, wo aus Fruchtbarkeitsgründen auf die Äcker onaniert worden sei. Hier unterbricht ihn Willem Müller Rosé unwirsch, als ginge ihm die Assoziationsfreude seines Gesprächspartners langsam auf die Nerven: »Das war doch nur ein symbolischer Akt, oder glauben Sie wirklich, dass das Onanieren in den Acker im Mittelalter mehr Kartoffeln gebracht hat?« Jetzt schießt Kluge, nicht minder scharf, zurück: »Kartoffeln gibt es im Mittelalter gar nicht, die kommen erst...« – »Also gut, gut, gut: dann eben Rüben! Das Sperma an sich düngt nicht.« Und grummelnd schiebt Müller Rosé noch ein absurd konkretes Argument nach, um es dem Kluge endlich beizubiegen: »Das Sperma ist auch verschwindend klein gegenüber der enormen Erdmenge.«

Seine Figur kündet von dem Appetit, mit dem er das Diesseits verschlingt

Peter Berling ist ein Proteus, der viele Gestalten annehmen kann. Wobei der Vergleich nicht ganz treffend ist. Denn in allen Rollen ist Berling doch immer er selbst. Eher verhält es sich so, dass dieser Mensch so reich an Erfahrung und Lebensfantasie ist, dass eine Biografie allein für ihn nicht ausreicht. Das gilt auch für sein echtes Leben. Seine mächtige Erscheinung erinnert den Betrachter ohnehin an einen Renaissancemenschen, der mit gewaltigem (und gewaltsamem) Appetit das Diesseits verschlingt (für Kluge hat Berling auch einmal den verfressenen Feinschmecker Erwin Schaake gespielt, der seinen Körper mit einer Gänseleber-Diät ruiniert). Aber Berling hat auch sonst etwas von einem uomo universale, einem Universalmenschen. Er war in seinem Leben – um nur einige Stationen herauszugreifen – Maurergeselle, Grafikdesigner und freier Maler. Er war Konzertveranstalter (unter anderem für Charles Aznavour ) und Filmproduzent – für Filme von Klaus Lemke und Alexander Kluge, aber vor allem war er über lange Zeit Rainer Werner Fassbinders Produzent. Und einen Fellini-Film hat er auch produziert... Peter Berling trat in 130 Filmen als Schauspieler auf – von Schlöndorffs Homo Faber über den Namen der Rose bis zu Scorseses Gangs of New York . Er ist Schriftsteller. Und er war immer ein Abenteurer, der jedes Wagnis einging. Er liebte die Frauen und könnte davon, wenn er wollte, eine ziemliche Registerarie mit berühmten Namen singen. Er ließ in den sechziger und siebziger Jahren im damals noch vitalen Jetset zwischen St. Tropez und St. Moritz keine Party aus. Er liebte schnelle Autos und tanzte im Münchner Haus der Kunst mit Lenny Bernstein.

Jetzt hat Peter Berling seinem reichen Leben einen autobiografischen Roman gewidmet. Hazard & Lieblos – Kaleidoskop eines Lebens (erschienen bei Hoffmann und Campe, 667 Seiten, 28 Euro). Da erzählt er wie Julius Cäsar von sich als PeBee in der dritten Person. Diesen Mann wollen wir in der ersten Person kennenlernen.

Rom , Stadtteil Trastevere, ein schmales Haus. Hier wohnt Peter Berling seit über 30 Jahren. Wir steigen das Treppenhaus hoch bis zum obersten Stockwerk. Die Tür wird geöffnet, und die schrankgroße Gestalt Peter Berlings bittet uns herein. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt: Peter Berling füllt seine Wohnung fast ganz aus, viel Raum für Bewegung gibt es hier nicht. Und das nicht nur, weil er so groß, sondern auch, weil die Wohnung so klein ist. Irgendwie dachte man: Peter Berling? Unter einem Palazzo macht der es nicht. Tatsächlich wohnt er in einer Zweizimmer-Dachgeschosswohnung – allerdings mit schöner Terrasse über Rom (in den späten Siebzigern günstig gekauft). In dem einen Raum steht sein überfüllter Schreibtisch, die Wände sind mit Bücherregalen zugestellt, und zwischen Schreibtisch und Regal ist gerade noch Platz für einen Besucherstuhl. Nach links geht es in eine sehr schmale, etwas klapprig aussehende Küchenzeile, nach rechts in ein Schlafzimmer. Auch hier ist der Grundriss des Zimmers nur unwesentlich größer als das Bett. Hier lebt Peter Berling, dies ist sein Reich. Hier sitzt er die Nächte durch und schreibt und schreibt. Denn wenn ihn heute etwas befriedigt, dann dies: Schreiben.

In Peter Berlings Leben gibt es einen Bruch, der von der biografischen Struktur an Marcel Proust erinnert. Er führte jahrzehntelang eine Highlife-Existenz, bei der kein Auge trocken blieb. Er war regelrecht gesellschaftssüchtig: »Ich wollte überall dabei sein. Ich war auf den wichtigen Bällen, als Caroline von Monaco in die Gesellschaft eingeführt wurde oder Brigitte Bardot Gunter Sachs heiratete.« Das Leben als Filmproduzent öffnete ihm alle Türen in jene Welt, in der Geld und leere Zeit genug vorhanden sind, um sich zu Tode zu amüsieren. Doch dann, 1990, auf die 60 zugehend, beendete er seine Berufskarriere als Filmproduzent und entdeckte – sein geschichtliches Interesse war seit Schulzeiten obsessiv ausgebildet – das Genre des historischen Romans für sich. Er wurde zu einem erfolgreichen, von der Kritik allerdings nicht wahrgenommenen Bestseller-Autor. Seither sitzt er in seiner Kemenate und schreibt die Nächte durch. Lebende Menschen interessieren ihn nicht mehr. Nur die Toten. Einsamkeit ist kein Problem für ihn. Wenn er schreibt, braucht er keine Gesellschaft. Er hat ja seine Zigarillos, an denen er schwer schnaufend zieht. Er, der die Dinge so kühl und unsentimental betrachtet, sagt dann: »Mich umgibt viel nostalgische Erinnerung: Die Stätten meiner Romane, meine Vorfahren, meine eigenen Erinnerungen. Das ist wie ein Kokon.«