ZEITmagazin: Frau Kim, Sie stammen aus einer der mächtigsten und reichsten Familien Koreas. Wie verlief Ihre Erziehung?

Sung-Joo Kim: Mein Vater Kim Soo-keon war ein Selfmademan, Gründer der Daesung Industrial Corporation, eines weltweit agierenden Milliardenkonzerns im Energiebereich. Ich habe ihn sehr bewundert, er war ein konfuzianischer Patriarch und Gentleman. Meine Mutter war eine gläubige anglikanische Christin. Dementsprechend war meine Erziehung sehr streng, Rauchen, Trinken und Fernsehen waren verpönt.

ZEITmagazin: Fügten Sie sich dem strengen Diktat?

Kim: In Korea ist es üblich, dass ein Mädchen aus gutem Hause eine entsprechende Schule besucht und danach einen Mann aus derselben Schicht heiratet, der von den Eltern ausgesucht wird. Als Jüngste von sieben Kindern rebellierte ich heftig gegen diese Tradition und entschied mit 22 gegen den Willen meines Vaters, das Amherst College in Massachusetts zu besuchen. Später ging ich nach Harvard, wo ich Wirtschaftsethik studierte. Meinen Mann habe ich mir selbst ausgesucht, und wir haben ohne die Erlaubnis meiner Eltern geheiratet.

ZEITmagazin: Wie reagierten Ihre Eltern?

Kim: Als ich ihnen am Telefon davon erzählte, legten sie auf, und schon am nächsten Tag verstießen Sie mich und löschten mich aus dem Familienstammbaum. Beide waren absolut gegen diese Ehe mit einem Kanadier aus bescheidenen Verhältnissen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das verkraftet? 

Kim: Nun, ich war radikal, und meine Eltern waren es auch. Sie haben fünf Jahre lang nicht mit mir gesprochen und alle Zahlungen eingestellt. So musste ich selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen und landete 1985 bei dem renommierten Traditionskaufhaus Bloomingdale’s in New York, während mein Mann an seinem Uni-Abschluss arbeitete. Ich habe das Handwerk im Mode-Einzelhandel von der Pike auf gelernt, was mir später, als ich meine eigene Firma gründete, sehr geholfen hat.

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ZEITmagazin: Wie ging es weiter?

Kim: Als ich in Korea in der Modebranche anfing, musste ich gegen männliche Vorurteile und gegen die Korruption kämpfen. Die großen Kaufhäuser waren ausschließlich in Männerhand. Nichts ging ohne Schmiergeld, exklusive Einladungen und Trinkgelage mit Geishas. Nicht zuletzt musste ich mich um mein Kind kümmern. Ich war also dreifach belastet: als Frau, als Mutter und weil ich mir keine Vorteile durch Schmiergelder verschaffte.