Erfolg wird mit Erfolg belohnt. Nach dieser Logik funktioniert auch die Spiegel- Bestsellerliste. Ein bereits erfolgreiches Buch verkauft sich, erklimmt es die Liste, gleich nochmal so gut. Kein Wunder, dass dieser Platz an der Sonne von den Verlagen heiß umkämpft ist; kein Wunder aber auch, dass nun zwischen den Verlagen die Fetzen fliegen, seit der buchreport , der die Liste erhebt, eine Veränderung der Zugangskriterien angekündigt hat. Vom 1. Juli an soll die wöchentliche Spiegel- Liste wieder ausschließlich Hardcover-Bänden offen stehen. Die weichen Klappbroschur-Bände, die zuletzt immer stärker auf die Liste drängten, sollen nun, auch wenn es sich um Originalausgaben handelt, den Taschenbüchern zugerechnet werden, für die Spiegel Online eine gesonderte Bestsellerliste veröffentlicht. Buchreport begründet den Schritt in seiner Pressemitteilung damit, dass die sogenannten Paperbacks auf der Hardcover-Liste »bei Buchkäufern für Irritationen gesorgt« hätten; entscheidender war aber wohl, dass es in der Branche selbst »ein Unbehagen« gegeben habe, wie der Chefredakteur des buchreports meint. »Die Preisunterschiede haben die Paperbacks massiv bevorteilt«, erklärt beispielsweise Stefan Fritsch, Geschäftsleiter des Diogenes Verlags.

Es gibt aber auch Widerstand gegen die neue Regelung. »Rückwärtsgewandt« nennt sie Wolfgang Balk, Leiter des Deutschen Taschenbuch Verlags ( dtv ). »Das erinnert mich an die Zeit meiner Jugend, in der Taschenbücher als nicht gesellschaftsfähig in den Keller verbannt wurden, während oben die Leinenbände standen.« Sein Ärger liegt auch daran, dass der dtv von der Regelung womöglich am stärksten betroffen ist. Mit der Reihe dtv-premium hat er die Verbreitung der Paperbacks massiv befördert. Zuletzt ist der Suhrkamp Verlag mit der Reihe nova auf den Zug aufgesprungen und hat mit Don Winslow einen Paperback-Erfolg gelandet. Der dtv aber ist zurzeit gleich mit fünf Paperback-Titeln unter den Top 20 der Spiegel- Liste, mit je zwei Titeln von Rita Falk und Jussi Adler-Olsen. Balk mutmaßt deshalb, dass die Neuregelung vor allem gegen seinen Verlag gerichtet ist. Dass die Paperbacks zukünftig in der Spiegel Online- Liste auftauchen sollen, ist für Balk kein Trost: Originalausgaben gingen im Taschenbuchsegment erfahrungsgemäß unter.

Marcel Hartges, Verlagschef von Piper , sieht die Veränderung eher inhaltlich begründet. Mit den Paperbacks hätten die Unterhaltungsgenres die Liste zu dominieren begonnen. Literarische Bücher, auch kostspielige Übersetzungen, bedürften der doppelstufigen Verwertung: erst als Hardcover, später als Taschenbuch. Diese Vermarktung gerate in Gefahr, wenn die teureren literarischen Hardcover-Bände auf der Liste mit Paperbacks konkurrieren müssten, die für einen Preis unter 15 Euro angeboten würden. Besser noch, als die Paperbacks ganz von der Liste zu verbannen, wäre es nach Hartges aber gewesen, eine Preisuntergrenze für die Spiegel- Liste zu bestimmen.

Tatsächlich sind die Unterschiede der Produktionskosten zwischen Hardcover und Paperback mitunter ziemlich gering. Und der dtv hat schon angekündigt, seine Unterhaltungstitel dann eben als Hardcover anzubieten, zu einem wahrscheinlich nur gering höheren Preis.

Ob die Verbannung der Paperbacks damit zu einer Veredelung der Spiegel- Liste beiträgt, bleibt offen. Eine »Verengung und Verflachung des geistigen Lebens« sah das Börsenblattfür den Deutschen Buchhandel schon am Werk, als die Liste ihren Einzug nach Deutschland hielt. Aber immerhin konnte man an ihr lange die Konjunktur bestimmter Themen und Schreibweisen ablesen. Wenn die Liste jetzt aber die Bücher nicht einmal mehr nach Inhalten, sondern nur noch nach Preisklassen konkurrieren lässt, ist auch dieser zeitdiagnostische Wert dahin. Dann spiegelt sich in dem Marketingwerkzeug der Liste einzig das Marketing selbst: Welches Buch hat es mit welchen Mitteln am weitesten gebracht?