Des Dorfrichters Adam größter Feind ist niemand anderes als Adam, »denn jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst«, wie es in Kleists Zerbrochnem Krug gleich in der fünften Zeile heißt. Und Adams Sturz steht von Beginn an fest. Wir Zuschauer ahnen längst, dass er es war, der den Krug zerbrach, und dass die Scherben nur der Nebenschaden eines ziemlich bösen Ränkespiels sind, einer sexuellen Nötigung, genau genommen. Aber dieses Lustspiel, an dessen Tathergang es keinen Zweifel gibt, ist im Grunde kein Kriminalfall, sondern eine Clownsnummer. Wir lachen, weil wir wissen, dass der Clown jetzt stürzen wird. Alles also kommt auf das Wie des Sturzes an, und hier in Dresden , in der Inszenierung von Roger Vontobel , ist Burghart Klaußner ein wahrhaft genialer Clown. Er umgibt seinen Adam mit der Melancholie des Verlierers, der weiß, dass er verlieren wird, und dennoch kämpft. Es ist, als sähe sich Adam beim Verlieren genussvoll zu, als empfände er bei seinen üblen Tricks und faulen Ausreden selber die größte und traurigste Genugtuung. Und daraus zaubert Klaußner eine Spannung, die fast den ganzen Abend hält.

Dieses »fast« ist ein Problem der Inszenierung. Denn Vontobel zeigt uns nicht bloß den Richter, der gegen sich selbst ermitteln muss, nicht bloß einen Adam, dessen Gegner Adam ist, sondern er wertet die Rolle des Gerichtsrats Walter drastisch auf und besetzt sie mit einer Frau. Sonja Beißwenger spielt die Vertreterin der übergeordneten Behörde. Im dunkelblauen Businesskostüm, bewaffnet mit Aktenköfferchen und hochhackig spitzen Schuhen, erscheint sie als Abgesandte ferner Mächte. Ihr Versuch, Ordnung in dieses Chaos zu bringen, scheitert an der ländlich tristen Verkommenheit des Ortes und seiner Menschen. Wir befinden uns nämlich nicht im alten Huisum Kleists, sondern irgendwo im Wilden Westen, wo die Frauen Holzfällerhemden tragen und die Männer Jagdflinten aus ihren Latzhosen ziehen. Der Gerichtssaal ist eine Baracke mit schiefen Jalousien, und wenn die Parteien in Streit geraten, gehen sie einander an die Gurgel.

Es ist klar: Hier herrschen andere Gesetze als in der städtischen Welt der Inspektorin, und der einsame Friedensrichter Adam beeilt sich nur, ihnen nachzukommen. Er ist ein Krüppel unter lauter harten Landproleten, er hat ja nichts als sich selbst, dazu ein bisschen Wurst und Wein und Käse. Er kämpft für sich allein, so wie jeder hier. Je mehr aber Frau Walter, wie wir jetzt sagen müssen, das Verfahren an sich zieht, umso mehr zerfällt es. Sonja Beißwenger hat einfach nicht die Statur, den richtigeren Richter zu geben. Sie vermag es meistens nicht, ein Kraftfeld zu bilden, das den Haufen der sieben oder acht Figuren, die auf der Bühne herumstehen, in Bann ziehen könnte. Und die Regie lässt Campingtische schmeißen, damit wieder Spannung in die Sache kommt.

Adam aber, der sich unterdessen am Niersteiner ergötzt hat, wird immer gelöster, je enger sich der Strick um seinen Hals zusammenzieht, er tänzelt auf seinem Klumpfuß wie auf Freiersfüßen und verteilt graziös die schönsten Frechheiten. Am Ende (dies ein wirklich schöner Einfall) hebt sich die Barackenwand, und Adam entschwebt geradezu ins Freie, hinein in eine weite Schneelandschaft. Und wenn wir uns an den Beginn erinnern, als er bedrückt und angeschlagen in seinem Sessel saß, dann ahnen wir: Dies ist nicht der Untergang, sondern die Befreiung.