Posttraumatische StörungDreck im Kopf

Viele Frauen fühlen sich nach einer Vergewaltigung dauerhaft beschmutzt. Starke Bilder im Kopf helfen dagegen. von Katrin Zeug

Immer wenn dieses Gefühl sie überkommt, geht Gudrun K. in Gedanken in ihr Bad, steigt in die Wanne, nimmt einen Hochdruckreiniger und spritzt sich damit von oben bis unten ihre Haut weg. Wie den Panzer einer Schildkröte sieht sie dann die Dreckschicht, die in großen Brocken abplatzt.

Sie sitzt auf einem Stuhl neben der Therapeutin, mit der sie dieses Vorstellungsbild erarbeitet hat, und während sie erzählt, dreht sie pausenlos einen kleinen Amethyst in ihrer Hand. Gudrun K. sagt: »Weil die Empfindung so extrem ist, hatte ich das Gefühl, ich brauche etwas Extremes, um sie loszuwerden.«

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Den Dreck auf ihrer Haut sieht niemand – außer ihr. Früher war das anders. Da klebte der Dreck tatsächlich auf ihr, mal klebrig und stinkend, immer dann, wenn erst ihr Vater und später ihr Ehemann sie vergewaltigten.

Gudrun K. ist heute 57 Jahre alt. Zusammen mit 29 anderen Frauen nimmt sie an einer Pilotstudie der Universität Frankfurt am Main teil. Sie alle erfuhren in der Kindheit sexuelle Gewalt, und sie alle leiden – noch Jahrzehnte nach dem letzten Übergriff – an dem Gefühl, schmutzig zu sein.

Die Diplompsychologin Kerstin Jung hat mit Kollegen einen Therapieansatz entwickelt, der sich – ausschließlich – der Vorstellung widmet, dreckig zu sein. In vielen Therapien für Posttraumatische Belastungsstörungen wird darauf bislang nicht gezielt eingegangen. Dabei sind ungefähr sechzig Prozent aller Menschen davon betroffen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, wie eine Studie der kanadischen Psychologen Nichole Fairbrother und Stanley Rachman belegt.

Viele Patientinnen wissen gar nicht, dass die Fantasien eine typische Folge von sexuellem Missbrauch sind. Sie sehen darin nur ein Indiz dafür, abnormal zu sein. Sie fühlen sich dreckig, böse und sie schämen sich dafür. In Frankfurt sollen sie lernen, diese Gefühle zu kontrollieren.

Gudrun K. wusch ihre Wäsche nicht zusammen mit der Kleidung ihres Sohnes und benutzte nicht die Seife anderer. In der Öffentlichkeit bewegte sie sich in ständiger Furcht vor Berührung, und auch sich selbst wollte sie nicht anfassen. Berührte sie jemand, kroch ihr der Geruch des Missbrauchs in die Nase. »Es ist auf der Haut, im Mund, alles nur Ekel«, sagt sie. Sie trug langärmlige Jacken, auch wenn es draußen warm war. Um Hautkontakt zu vermeiden, fuhr sie nie Straßenbahn. Gudrun K. fühlte sich beobachtet, wurde nervös, schämte sich. Am Ende verlor sie ihre Arbeit und verließ das Haus nicht mehr.

Die Diplompsychologin Jung hat diese Entwicklung auch bei anderen Patientinnen beobachtet: »Oft wirkt das Gefühl wie ein Beweis: ›Wenn ich mich so fühle, dann muss es auch so sein.‹ Das wirkt sich stark auf das Selbstbild aus: ›Ich bin eklig, das heißt, ich bin wertlos.‹«

Zu Hause schnitt und schabte sich Gudrun K. mit Messern die Haut ab, in der Hoffnung, den Dreck loszuwerden. Eine andere Patientin hungerte, weil sie das Gefühl hatte, sich von innen zu besudeln. Eine dritte entwickelte einen heftigen Waschzwang, reinigte sich mit Terpentinöl und Metallbürsten. Alle Patientinnen isolierten sich.

In der Therapie lernen die Frauen, Realität und Fantasie wieder auseinanderzuhalten. In einer ihrer ersten Übungen recherchieren sie im Internet, wie oft sich die Haut erneuert hat, seit dem letzten Kontakt zum Täter: Alle vier bis sechs Wochen wachsen sämtliche Hautzellen komplett nach – im Fall von Gudrun K. 252 Mal. Auf ihrer Haut können keine Spucke, kein Sperma oder Blut des Täters mehr haften. »Das ist eine wichtige Information, und die Patientinnen verstehen das kognitiv, aber dann kommt immer ein ›Ja, aber!‹«, sagt Kerstin Jung. Sie wüssten zwar, »Ich bin nicht schmutzig«, fühlten sich aber anders.

Leserkommentare
    • fancy82
    • 21. Januar 2012 23:20 Uhr

    ...fühlte ich mich als Betroffene eigentlich erst, NACHDEM ich darüber geredet habe. Dann fängt nämlich die ganze Spirale erst an: Man wird darüber ausgequetscht, mitleidig angesehen, wird von einigen in Watte gepackt, andere wissen nicht, wie sie mit dem Wissen umgehen sollen und meiden einen, wie auch immer die Reaktionen der Gesellschaft geartet sind, es wird nichts mehr so sein, wie es mal war. Natürlich muss ein Täter bestraft werden, und dafür ist es auch wichtig, dass das Opfer sich jemandem anvertrauen kann. Aber auch nur dafür. Das schmutzige Gefühl geht davon meist nicht weg, sondern man wird durch die Spiegelung seines Umfeldes noch viel sonderbarer.

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    Sie sprechen aus Ihrer Sicht von einem Nachher. Ich kann gut nachempfinden, was Sie erleben. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was Sie sich (und wie lange) antun würden, wenn Sie weiterhin geschwiegen hätten? Ich kenne eine Frau, die sich wegen eines Missbrauchs von ihrer Familie getrennt hat, um nicht eines Tages darüber reden zu müssen. Und sie leidet ebenfalls sehr. Es gibt keine allgemeine Lösung. Es gibt nur den Weg zu einer effektiven Hilfe, was immer das auch für die jeweilige Betroffene sein muss: ob Therapeut, Auswandern, alles hinter sich abbrechen ... ich denke, dass jeder für sich einen Weg finden muss, den gefühlten Schmutz abstreifen zu können. Weil es sonst ein Kreislauf ist, aus dem man schlecht entrinnt. Trennen Sie sich von Menschen, die Sie meiden, die Sie mitleidig ansehen ... denn: was wollen Sie auf Dauer mit denen? Man kann sich nur auf Menschen verlassen, die in schlechten Zeiten für einen da sind. Nicht auf die, die da sind, wenn die Sonne scheint. Haben Sie den Mut, sich selbst egoistisch zu finden, denken Sie auch an sich selbst. Sonderbar kann man durch viele Erfahrungen werden. Das finde ich aber nicht schlimm. Schlimm ist es, wenn man gelernt hat, seine eigenen Bedürfnisse immer zurückzustellen, und ein Leben der Selbstverleugnung lebt. Suchen Sie sich, und gehen Sie Ihren ganz eigenen Weg. Der darf ruhig sonderbar sein, warum eigentlich nicht? Wenn Sie auf dem Weg ankommen, wird auch ganz sicher das Gefühl, schmutzig zu sein, sich verlieren.

  1. Ja, Frauen können stark sein, sie können auch die von Ihnen genannten Kampfsportarten lernen, um sich eventuell zu verteidigen. Doch, wenn sie das genau (noch) nicht getan haben? Sie scheinen ein allgemeines Rezept gegen Verletzlichkeit durch eine geschehende Vergewaltigung damit propagieren zu wollen, dass Sie vorschlagen, eine Frau könne sich doch zur Wehr setzen, oder habe ich da etwas falsch verstanden? Wenn ich Sie verstehe, haben Sie anscheinend analysiert, warum eine Frau verletzt reagiert, wenn sie vergewaltigt wird: Nämlich nicht, weil ihr mit Gewalt ihre körperliche und psychische Freiheit und ihr Wille genommen wird, sondern "weil eine Vergewaltigung eben ein Akt im sozialen Nahraum ist"! So einen Quatsch habe ich selten gelesen. Ich würde mir wünschen, dass Sie demnächst Ihre Klappe zu Themen halten, von denen Sie nicht annähernd die geringste Vorstellungskraft entwickelt und die kleinste Erfahrungswelt gewonnen haben.

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    Die hier propagierte Haltung erinnert ein wenig stark an das Interview von Catherine Millet im Spiegel:
    http://www.spiegel.de/spi...

    Bei dieser Einstellung konnte (und kann) man tatsächlich nur noch das Grausen bekommen.

  2. Sie sprechen aus Ihrer Sicht von einem Nachher. Ich kann gut nachempfinden, was Sie erleben. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was Sie sich (und wie lange) antun würden, wenn Sie weiterhin geschwiegen hätten? Ich kenne eine Frau, die sich wegen eines Missbrauchs von ihrer Familie getrennt hat, um nicht eines Tages darüber reden zu müssen. Und sie leidet ebenfalls sehr. Es gibt keine allgemeine Lösung. Es gibt nur den Weg zu einer effektiven Hilfe, was immer das auch für die jeweilige Betroffene sein muss: ob Therapeut, Auswandern, alles hinter sich abbrechen ... ich denke, dass jeder für sich einen Weg finden muss, den gefühlten Schmutz abstreifen zu können. Weil es sonst ein Kreislauf ist, aus dem man schlecht entrinnt. Trennen Sie sich von Menschen, die Sie meiden, die Sie mitleidig ansehen ... denn: was wollen Sie auf Dauer mit denen? Man kann sich nur auf Menschen verlassen, die in schlechten Zeiten für einen da sind. Nicht auf die, die da sind, wenn die Sonne scheint. Haben Sie den Mut, sich selbst egoistisch zu finden, denken Sie auch an sich selbst. Sonderbar kann man durch viele Erfahrungen werden. Das finde ich aber nicht schlimm. Schlimm ist es, wenn man gelernt hat, seine eigenen Bedürfnisse immer zurückzustellen, und ein Leben der Selbstverleugnung lebt. Suchen Sie sich, und gehen Sie Ihren ganz eigenen Weg. Der darf ruhig sonderbar sein, warum eigentlich nicht? Wenn Sie auf dem Weg ankommen, wird auch ganz sicher das Gefühl, schmutzig zu sein, sich verlieren.

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    Danke für ihren Kommentar. Trotzdem wollte ich noch anfügen, dasss ich nicht für die Allgemeinheit sprechen wollte. Wie wir schon feststellten, wird unter dem Wort "Vergewaltigung" landläufig ein breites Spektrum zusammengefasst, und sicher gibt es Fälle, welche schwerer wiegen als meiner, siehe der Fall der von Ihnen angeführten Frau. Ich wollte nicht dafür plädieren, zu schweigen.
    Ich wollte eigentlich nur darauf hinaus, das Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch ja doch durchaus ziemlich häufig und zu allen Zeiten vorkommen und vorgekommen sind, und für kein Opfer wirklich eine schöne Erfahrung darstellen. Es ist aber auch nicht so, dass sich jedes Opfer per se schuldig und schmutzig fühlt, weil es Vergewaltigt wurde. Es gibt durchaus Opfer, welche die Schwere der Tat sehr wohl gut einordnen können, dabei aber wissen, dass es die Schuld des Täters ist, und nicht die Schuld des Opfers. Was ich sagen wollte ist, dass dieser Verarbeitungsprozess manchmal durch gesellschaftliche Prozesse unterbrochen wird, in dem einem vin Psychologen und soz. Umfeld unterstellt wird, man hätte Schuldgefühle oder fühle sich schmutzig. Das ist, wie gesagt, nicht ausschließlich immer der Fall und das wird sehr häufig vergessen, weil sich Nicht-Betroffene ein glückliches Leben von Vergewaltigten oft nicht vorstellen können und und hinter jedem Versuch der Lebensgestaltung einen Verdrängungsmechanismus vermuten.
    Das wird leider oft vergessen.

    Entfernt. Verzichten Sie auf Äußerungen die zweideutig gelesen werden können. Die Redaktion/mak

  3. immer noch wünsche ich meinem Vergewaltiger vor 35 Jahren die Pest ins Hirn: er möge nie vergessen, dass er ein ARSCHLOCH ist (immer noch!!!) - sowas kann man nicht loswerden :-(

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  4. Danke für ihren Kommentar. Trotzdem wollte ich noch anfügen, dasss ich nicht für die Allgemeinheit sprechen wollte. Wie wir schon feststellten, wird unter dem Wort "Vergewaltigung" landläufig ein breites Spektrum zusammengefasst, und sicher gibt es Fälle, welche schwerer wiegen als meiner, siehe der Fall der von Ihnen angeführten Frau. Ich wollte nicht dafür plädieren, zu schweigen.
    Ich wollte eigentlich nur darauf hinaus, das Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch ja doch durchaus ziemlich häufig und zu allen Zeiten vorkommen und vorgekommen sind, und für kein Opfer wirklich eine schöne Erfahrung darstellen. Es ist aber auch nicht so, dass sich jedes Opfer per se schuldig und schmutzig fühlt, weil es Vergewaltigt wurde. Es gibt durchaus Opfer, welche die Schwere der Tat sehr wohl gut einordnen können, dabei aber wissen, dass es die Schuld des Täters ist, und nicht die Schuld des Opfers. Was ich sagen wollte ist, dass dieser Verarbeitungsprozess manchmal durch gesellschaftliche Prozesse unterbrochen wird, in dem einem vin Psychologen und soz. Umfeld unterstellt wird, man hätte Schuldgefühle oder fühle sich schmutzig. Das ist, wie gesagt, nicht ausschließlich immer der Fall und das wird sehr häufig vergessen, weil sich Nicht-Betroffene ein glückliches Leben von Vergewaltigten oft nicht vorstellen können und und hinter jedem Versuch der Lebensgestaltung einen Verdrängungsmechanismus vermuten.
    Das wird leider oft vergessen.

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    Antwort auf "@fancy82"
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    Aus meiner Sicht ist es nicht so zu verstehen, dass Sie für die Allgemeinheit sprechen. Es ist fatal, wenn Sie über Ihre Erfahrungen sprechen, und Sie dann in einen Kontext eingeordnet werden, der gesellschaftlich als richtig ("Sie müssen sich doch beschmutzt und schuldig fühlen") bewertet wird. Manche Menschen können nicht differenzieren, und für sie stellt es ein Problem dar, dem einzelnen Menschen Raum zu geben, anders (als "normalerweise" üblich) mit seinen Erfahrungen umzugehen. Das betrifft leider auch Therapeuten. Vielleicht muss man sich gegen solche Bewertungen und Vor-Urteile zur Wehr setzen, um deutlich zu machen, dass das Schubladendenken eben hin und wieder nicht funktioniert.

  5. "Ich kann gut nachempfinden, was Sie erleben."

    Vorsicht mit der Selbstbeurteilung, man könne so etwas "gut" nachempfinden. Ob Ihre Nachempfindung gut ist, können Sie kaum beurteilen. Lassen Sie diese Wertung einfach weg. Denn mit dem Rest liegen Sie ja richtig. Da schadet die Bevormundung, die in gewisser Weise in dieser Selbstbewertung steckt, nur.

    Tatsache ist, da liegt fancy82 völlig richtig, dass Opfer nicht nur die Tat zu verarbeiten haben, sondern auch noch unter einem hohen gesellschaftlichen Druck stehen, wie "man" sich zu verhalten hat, von der zu erstattenden Anzeige bis hin zum Zeitraum, der einem gegeben wird, bis man "den Vorfall" doch tauglich verarbeitet haben sollte oder das Tabu, "danach" nicht glücklich sein oder guten Sex haben können zu dürfen.

    Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob der Druck direkt am eigenen Fall aufgebaut wird, oder indirekt über Artikel und Diskussionen wie diese hier, die sich im Allgemeinen bewegen.

    2 Leserempfehlungen
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    Was ich "gut" nachempfinden kann, oder nicht, müssen Sie schon mir überlassen. Ich gehöre in den Kreis derer, die sich leider mit Gewalt durch andere Menschen auskennen. Damit kann ich sicherlich "besser" nachempfinden und bewerten, was in einem Menschen vor sich geht, der eine wie auch immer geartete Gewalt erlebt hat, als Menschen, die diese Erfahrung nicht machen mussten.
    Im übrigen erstatten die wenigsten Gewaltopfer eine Anzeige, aus Angst, dass ihr Leben aus den Fugen gerät. Aus Angst, nach außen zu tragen, was doch nicht nach außen kommen darf.
    Aus Angst, schuldig erklärt zu werden, weil sie sich ohnehin oft schuldig fühlen.

  6. Die hier propagierte Haltung erinnert ein wenig stark an das Interview von Catherine Millet im Spiegel:
    http://www.spiegel.de/spi...

    Bei dieser Einstellung konnte (und kann) man tatsächlich nur noch das Grausen bekommen.

  7. Vorsichtshalber ergänzt, weil möglicherweise missverständlich: Gemeint und als kritikwürdig sehe ich die Haltung von Cesna M.

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