In der Krise überlagern die drängenden Fragen fast immer die großen Fragen, und doch wissen wir es im Grunde alle: Wenn wir den aus dem Lot geratenen Kapitalismus jetzt nicht zurück ins Gleichgewicht bringen, dann wird der gegenwärtigen Krise bald eine weitere folgen, die uns dazu zwingen wird. Fürs Erste haben die Tumulte um den Euro überraschend nachgelassen, in dieser Woche diskutiert die Wirtschaftswelt in Davos über »die große Transformation«. Politiker und Manager aus aller Welt spüren die allgegenwärtige Absturzgefahr im System und suchen zukunftsträchtigere Modelle.

Wie weit sind wir bei der Entwicklung eines neuen Kapitalismus vorangekommen? Denn das ist die große Aufgabe, die uns die Krise vor allem stellt. Wie alle epochalen Wirtschaftskrisen hat sie am Ende nur einen Sinn, nur etwas Gutes, wenn die betroffenen Länder ihr schadhaftes Wirtschaftsmodell renovieren. Nach der Großen Depression des vergangenen Jahrhunderts geschah genau das. Der Westen schuf in Bretton Woods ein stabiles Währungssystem, die Nationen bauten ihre Sozialstaaten aus und sorgten für fairen Wettbewerb unter den Unternehmen. In Deutschland hieß das Ganze soziale Marktwirtschaft.

Und heute? Das Ergebnis ist mager, kaum Renovierung, kaum Reparatur, stattdessen verstärken sich einige Unwuchten sogar noch.

Kaum gebändigte Hedgefonds spekulieren weiter mit Rekordsummen

So hat sich der Abstand zwischen Arm und Reich in den vergangenen Monaten weiter vergrößert. Die vielen Rettungsmilliarden haben zwar die Vermögen der Wohlhabenden bewahrt, aber in vielen Ländern nicht die Zerstörung von Millionen Jobs verhindert. Selbst im wirtschaftlich erfolgreichen Deutschland ist die teilweise unumgängliche Ungleichheit in Ungerechtigkeit umgeschlagen. Jetzt, da die große Erbschaftswelle rollt, können sich die allermeisten Erben unter der Steuer wegducken, während Millionen einfacher Arbeitnehmer gar keine eigene Altersversorgung aufbauen können. Obwohl das Land neue Mittel für Kinderbetreuung und Bildung dringend brauchte, steigt die Einkommensteuer ab dem Gehalt eines mittleren Angestellten nicht mehr weiter an. Solidarität sieht anders aus.

Auch bezüglich einer Neuordnung der Wirtschaft sind wir noch nicht weit gekommen. Bis zum Ausbruch der Krise machten Banken und Fonds , was sie wollten. Der produktive Rest der Wirtschaft wurde dagegen streng reguliert. Dieses Missverhältnis dauert an. Zwar müssen die Banken heute mehr Kapital zurücklegen, aber noch immer kann ein einzelnes Geldinstitut mit waghalsigen Geschäften das ganze System aus dem Gleichgewicht bringen. Das gilt insbesondere für die weiterhin kaum gebändigten Hedgefonds, die mit Rekordsummen spekulieren. Demgegenüber bekommen es normale deutsche Unternehmer im Sündenfall mit bis zu 40.000 Paragrafen zu tun, gar nicht zu reden von den Neugründern. Diese haben in Deutschland besonders hohe administrative Hürden zu überwinden. Die Schlussfolgerung kann nur lauten: Mehr Regeln für die potenziell gefährlichen Finanzinstitute, weniger Regeln für die anderen – das muss Teil eines neuen Kapitalismus sein.

Es gehört zur Dialektik der Krise, dass die Staaten zu ihrer Bekämpfung die Fehler der Vergangenheit oftmals noch vergrößern. Die öffentlichen Schulden sind fast überall explosionsartig gestiegen, schon deshalb hat die deutsche Regierung recht mit ihrem Versuch, Europa durch einen Fiskalpakt erst zum Sparen zu verpflichten , bevor noch mehr Milliarden in einen dauerhaften Rettungsfonds fließen. Ein neuer, ein stabiler Kapitalismus kann nur entstehen, wenn die Staaten einen Weg zu ausgeglichenen Haushalten finden.