Nestlé-Verwaltungsratschef Peter Brabeck-Letmathe auf dem Weltwirtschaftsforum in Kapstadt im Mai 2011 © Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Als Chef von Nestlé haben Sie mehr als zehn Jahre lang unglaubliche Wachstumszahlen präsentieren können. Glauben Sie, dass ewiges Wachstum möglich, vor allem aber sinnvoll ist?

Peter Brabeck-Letmathe: Das ist, glaube ich, ein Naturgesetz. Wenn Sie aufhören zu wachsen, beginnen Sie zu sterben. Einer Firma muss man Wachstum zugestehen. Das Modell, das ich Nestlé gegeben habe, war ganz einfach: ein organisches Wachstum von fünf bis sechs Prozent – und gleichzeitig eine Verbesserung der Betriebsmarge. Wenn Sie das durchhalten können, haben Sie eine sehr gesunde Firma.

ZEIT: Müssen auch Gesellschaften immer auf wirtschaftliches Wachstum setzen, ganz egal, zu welchem Preis?

Brabeck: Die Frage, zu welchem Preis, ist eine ideologische Unterstellung. Das Wichtigste ist Nachhaltigkeit im Wirtschaftswachstum – wo wir meiner Meinung nach schon wieder riesige Fehler machen. Das Thema Biodiesel ist eines dieser Beispiele, wo riesige Summen ausgegeben werden, um ein Problem zu lösen, man aber in Wirklichkeit viele andere kreiert. Ausgangspunkt war die Ansicht des Nobelpreisträgers Al Gore, die Verminderung von CO₂ in der Atmosphäre sei der einzig entscheidende Faktor für die Zukunft. Offenbar war Biodiesel eine der Antworten auf das Problem. Ich verstehe bis heute nicht, warum das Bio heißt. In Wirklichkeit – das sagen jetzt auch sieben NGOs – ist der CO₂-Ausstoß nicht geringer, sondern größer. Die Biodiesel-Politik in Europa hat dazu geführt, dass es zur Abholzung der Regenwälder in Indonesien gekommen ist, weil der Großteil des europäischen Biodiesels aus Palmöl gemacht wird.

ZEIT: Ein Rohstoff, den Sie zur Herstellung Ihres KitKat-Schokoriegels verwenden.

Brabeck: 360.000 Tonnen im Jahr, das sind ungefähr 0,5 Prozent der Gesamtproduktion, aber das ist nicht der ausschlaggebende Faktor. Der Energiemarkt und der Lebensmittelmarkt sind ein und derselbe Markt; beide werden in Kalorien gemessen. Der einzige Unterschied ist, dass der Energiemarkt zwanzig Mal größer ist als der Lebensmittelmarkt. Und jetzt kommen Politiker und sagen, wir sollen zehn Prozent unseres Treibstoffes mit Biodiesel abdecken – wir wollen zehn Prozent des Energiemarktes durch den Lebensmittelmarkt ersetzen. Ich habe versucht, dies in einer Hauptschule einer 4. Klasse zu erklären. Die Schüler sagten, dafür müsse man den Lebensmittelmarkt verdreifachen, okay?

ZEIT: Ich kann Ihnen gerade noch folgen.

Brabeck: Sie schon, aber die Politiker nicht. Die sind dann überrascht, dass plötzlich die Lebensmittelpreise um 300 Prozent in die Höhe schnellen. Dann kommt die nächste Reaktion: Die G20 sagen, Spekulanten seien dafür verantwortlich. Es ist aber ganz normal, dass die Lebensmittelpreise steigen, wenn 55 Prozent des amerikanischen Maises nicht mehr in den Lebensmittel-, sondern in den Energiekreislauf gehen.

ZEIT: Glauben Sie, dass der Welt eine Klimakatastrophe droht?

Brabeck: Nein. Weil ich der Meinung bin, dass es Klimaschwankungen gibt, seit Menschen auf der Erde existieren. Es kann sich heute kaum jemand vorstellen, dass der Nordpol einmal tropisch war. Oder Grönland: Der Name kommt von Greenland, weil es dort einmal grün war.

ZEIT: Die natürlichen Schwankungen bestreitet niemand. Aber es gibt kaum einen ernst zu nehmenden Wissenschaftler, der nicht auch sagt, für die Erderwärmung seien zum Teil die Menschen verantwortlich.

Brabeck: Tatsache ist, dass der CO₂-Gehalt der Atmosphäre der höchste in fast 100.000 Jahren ist. Aber es ist eine noch nicht bewiesene These, dass dies der einzige für den Temperaturanstieg verantwortliche Faktor sei. Wir brauchen aber gar nicht darauf zu warten, dass die Temperatur um zwei Grad ansteigt, da wir heute schon um zehn Prozent mehr Wasser verbrauchen als nachkommt. Daher liegen die Prioritäten anderswo.

ZEIT: Aber kann man das Wasserproblem nicht schon bald technisch in den Griff bekommen?

Brabeck: Wenn wir nicht heute etwas gegen den Wassermangel unternehmen, wird es zu spät sein. Schauen Sie nach Bangladesch : Dort sind 35 Prozent der Bevölkerung mit Arsen vergiftet, das sehen Sie an den schwarzen Flecken auf der Haut. In Indien müssen wir rund um Kalkutta bis zu 220 Meter tiefe Brunnen bohren, um überhaupt noch auf Wasser zu stoßen. In dieser Tiefe stößt man aber auch auf die natürliche arsenische Vergiftung. In Moga im Punjab, einer der größten Kornkammern der Welt, wo wir Fabriken haben, lag der Grundwasserspiegel noch vor 30 Jahren in 1,5 Meter Tiefe. Jetzt sind wir bei 105 Metern.