Arabische Umbrüche Sprung in die neue Zeit

Die Arabische Liga war einst der Klub der Diktatoren. Jetzt fordert sie den Regimewechsel in Syrien.

Alle hassen die Arabische Liga. Der Herrscher in Damaskus, Baschar al-Assad, beschuldigt sie der »unverfrorenen Einmischung« in Syrien. Die syrische Opposition hält ihr vor, für das Regime Assads zu arbeiten. Der Iran schimpft die Liga den Büttel des Westens. Saudi-Arabien hält sie für viel zu weich gegenüber Assad.

Doch wenn gerade keiner die Arabische Liga mag, ist das ein Zeichen dafür, dass die Liga etwas ganz richtig macht: Sie mischt sich ein. Auch mit ihrer neuesten Resolution vom Wochenbeginn, die einen friedlichen Übergang für die Zeit nach Assad entwirft. Dem syrischen Regime geht das reichlich auf die Nerven. Assad braucht für den Kampf gegen die Opposition Ruhe und bloß keinen Besuch. Seine Gegner wünschen sich das Eingreifen der Vereinten Nationen (UN). Die Beobachtermission der Arabischen Liga in Syrien steht nun vor dem Scheitern.

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In Syrien macht die Arabische Liga eine neue Erfahrung: Sie wird für ihre Aktivitäten kritisiert und nicht fürs Zuschauen. Früher machte sie allenfalls von sich reden, wenn sich die Diktatoren in ihren Klubsesseln zofften. Sonst dümpelte die Vereinigung aus 22 arabischen Staaten von Marokko bis zu den Komoren reglos vor sich hin. Aber die arabischen Aufstände haben sie durchgeschüttelt. Genau ein Jahr nach Beginn der ägyptischen Revolution macht die Liga Schlagzeilen mit Menschenrechtsmissionen. Sie wagt sich vor und riskiert, damit auch zu scheitern. Die Liga verändert sich, aus Zwang, aus Not, auf Druck von außen. Was bedeutet das für die arabische Welt?

Weiß und fremd, wie ein Brautkleid auf einer Gothic-Party, steht das saubere Gebäude in Kairo zwischen dem revolutionären Tahrirplatz und dem Nil. Die Nachbarbauten erzählen mehr über das, was in Kairo derzeit passiert: Ein großes Hotel ist zur Dauerbaustelle geworden, im ägyptischen Museum wurde geplündert, die ehemalige Parteizentrale von Hosni Mubarak ist ausgebrannt. Nur die Arabische Liga ist ohne Flecken davongekommen. Man nimmt den Seiteneingang vom Tahrirplatz, läuft eine große Treppe hinauf, weiter in die Korridore bis in das Zimmer von Ali Erfan. Dunkle Möbel, ein bequemes Sofa. Der ägyptische Spitzendiplomat ist Berater des Generalsekretärs der Arabischen Liga. Er kam mit seinem Chef im vorigen Sommer und steht für den neuen Kurs. »Wir interessieren uns für Menschenrechtsfragen«, sagt Erfan. »Das war früher nicht so das Thema.« Und: Die Arabische Liga mische sich aktiv in die inneren Angelegenheiten ihrer Mitglieder ein, »früher absolut undenkbar«. Menschenrechtsverbrechen gälten neuerdings als Sicherheitsbedrohung. Und so handelt man auch. »Hätte die Liga im Arabischen Frühling schweigend am Rand gestanden«, sagt Erfan, »wäre sie tot gewesen.« In dem Moment, in dem die Araber Weltgeschichte schrieben, drohte die Arabische Liga irrelevant zu werden. Sie musste sich verändern, aus schierer Not, um zu überleben.

Früher war es bequemer. Die Arabische Liga wurde 1945 gegründet, wenige Monate vor den UN. Damals in Kairo setzten die starken Männer auf die Tagesordnung, was ihnen gerade so passte. Immer bezogen sie gegen etwas Stellung: gegen die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, gegen das allzu mächtige Amerika, gegen Israel sowieso. Manchmal auch gegen eigene Mitglieder. Als die Ägypter 1979 Frieden mit Israel schlossen, zog die Arabische Liga empört nach Tunis um. Bis zur Rückkehr nach Kairo 1989 war die Residenz verwaist, Ägypten ausgeschlossen. Als der Irak ein Jahr später Kuwait überfiel, zerfiel die Liga und tagte ein halbes Jahrzehnt gar nicht mehr.

Die neue Ausrichtung könnte antiiranisch sein statt antiisraelisch

Heute kann man nicht mehr einfach nur gegen etwas sein. Die Mitglieder der Arabischen Liga müssen sich entscheiden, ob sie den Aufstand in der arabischen Welt unterstützen. Ali Erfan sieht die Staaten der Liga unter einem riesigen Druck. Es geht nicht mehr um wohlfeile Empörung gegen Amerika und Israel. Es geht um sie selbst, um die Freiheit und Zukunft aller Araber. Und plötzlich sind die meisten Regierungen notgedrungen dafür: für die Revolution (bei den anderen) und für die eigene Demokratisierung (immer sachte), solange sie einem selbst nicht gefährlich wird.

Dabei sind neue Akteure auf die Bühne getreten. Im Gebäude der Liga ist die Verschiebung der Macht in der arabischen Welt nicht auf den ersten Blick sichtbar. Ägypter, Iraker, Palästinenser, Marokkaner eilen durch die Hallen, die verziert sind mit maghrebinischen Mosaiken und ägyptischem Marmor. Von den Decken hängen prächtige nordafrikanische Metallleuchter. Die Bogenfenster zum Hof erinnern an Innenhöfe in der Altstadt von Damaskus. Es ist die Pracht des alten Arabiens, der Reichtum des Nordens von Bagdad und Damaskus über Kairo bis nach Tunis und Rabat.

Leser-Kommentare
  1. Gleich mal vorweg, ohne den Artikel komplett gelesen zu haben: Die arabische Liga ist immer noch ein Club der Diktatoren, denn keinen der Mitgliedsstaaten, ausser vielleicht neuerdings Tunesien, kann man mit gutem Gewissen als "nichtdiktatorisch" regiert bezeichnen.
    Speziell die neuen Potentaten der arabischen Liga sind ja bekanntlich die sunnitischen Feudalregime aus Arabien. "Antiiranisch" bedeutet also, dass die arabische Liga gerade extrem parteiisch geworden ist, was ich nicht unbedingt als positiv betrachten würde. Darüber hinaus haben ja auch die Staaten nun das Sagen, welche von den USA mit milliardenschweren Waffenlieferungen unterstützt werden. Der Vorwurf der westlichen Einflussnahme ist also auch nicht soooo abwegig. Allerdings sind es wiederum auch die westlichen Politiker, welche der arabischen Liga in Syrien sofort den Wind aus den Segeln genommen haben. Das lässt sich aber eventuell durch eigene Interessen erklären.

  2. Was bitte hat sich daran geändert. Habe ich was verpasst?
    Die Masse dieser Staaten wird immer noch diktatorisch regiert. Saudi Arabien und die ganzen Emiratskonklaven stehen da an forderster Front. Ergo: Ein Rudel von Diktatoren stürzt sich auf einen Diktator. Das macht sie in meinen Augen nicht besser.

    Gemäß einer alten Weisheit: Nichts fürchtet ein Diktator mehr, als einen anderen Diktator.

  3. von Herrschaft zu Herrschaft - oder vom Regen in die Traufe.

    • qotsa
    • 27.01.2012 um 19:14 Uhr

    Die Arabische Liga war einst der Klub der Diktatoren. Jetzt fordert sie den Regimewechsel in Syrien.

    War einst? Jetzt alles Demokratien oder was?

    Ägypten: Militärjunta

    Algerien: Scheindemokratie -> PRO-Assad

    Bahrain: Diktatur

    Dschibuti: Einparteienstaat, hauptsächlich Militärstützpunkt für Frankreich, USA und Deutschland

    Irak: Failed State -> PRO Assad

    Jemen: Hat garkeine Regierung gerade

    Jordanien: Monarchie/Diktatur

    Katar: Diktatur

    Kuwait: Diktatur

    Libanon: Demokratie -> PRO Assad

    Libyen: Diktatur

    Marokko: Monarchie/Diktatur

    Oman: Monarchie/Diktatur

    Saudi-Arabien: Monarchie/Diktatur

    Vereinigte Arabische Emirate: Monarchie/Diktatur

    bleiben noch ein paar andere...

    Somalia, Sudan, Tunesien, Palästina...

  4. Ich nehme an, bei dem Artikel handelt es sich um eine Satire!?

    Bitte kennzeichnen sie dies zukünftig - mancher könnte den Artikel sonst mißverstehen - Danke!

  5. Märchenstunde bei der Allianz der Zivilisationen?

    Hörte man nicht obendrein taubenhaftes Gurren aus den Gemächern der Frauen und die schweren Schritte der schwarzen Eunuchen? Und hin und wieder den gurgelnd endenden Schrei eines Gefolterten?

    Ach - die alte Pracht - da taucht sie wieder auf!Ein Wellnes Paradies mit genitalverstümmelten Kinderbräuten.

    • BerndL
    • 27.01.2012 um 21:31 Uhr

    "ARABISCHE UMBRÜCHE
    Sprung in die neue Zeit
    Die Arabische Liga war einst der Klub der Diktatoren."

    Wo ist die arabische Welt in die neue Zeit gesprungen?

    Was heißt hier "einst"- die arabische Liga ist nach wie vor DER Klub der Diktatoren.

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