DIE ZEIT: Herr Tegge, Sie sind Schulleiter eines Hamburger Ganztagsgymnasiums mit mehr als 760 Schülern. Wie gesund sind Ihre Schüler?

Egon Tegge: Wenn man sich auf dem Schulhof umsieht, erscheint unsere Schülerschaft relativ gesund, wir haben auch keine großen Schwierigkeiten mit Mobbing, weil wir da seit Jahren vorbeugen. Einzelne Schüler aber haben mitunter erhebliche Probleme, von denen eine »normale« Schule häufig nichts weiß. Ich habe die konkrete Not erst über die Zusammenarbeit mit unserer Therapeutin erfahren.

ZEIT: Was sind das für Fälle, welche Störungsbilder kommen besonders häufig vor?

Tegge: Das fängt bei Schülern mit depressiven Verstimmungen an und geht bis hin zu ernsthaften Depressionen, Bulimie, Magersucht, Versagensängsten. Der Leistungsdruck, der sich durch das Aussortieren nach Klasse sechs noch einmal verschärft, macht sich deutlich bemerkbar. Es gibt vereinzelt aggressives Verhalten, aber verbreiteter sind Autoaggression, Selbstverletzung, Identitätsprobleme, Suchtprobleme. Wir haben es mit Kindern zu tun, deren Eltern Alkoholiker sind oder nach Trennungen übelste Rosenkriege auf dem Rücken der Kinder austragen. Es gibt aber auch Missbrauchsfälle und häusliche Gewalt. Wir müssen uns nur vor Augen führen, was Bildungsministerin Schavan 2011 bei der Veröffentlichung der jüngsten Missbrauchsstudie sagte: Statistisch gesehen, sitzt deutschlandweit in jeder Klasse mindestens ein Kind mit Missbrauchserfahrungen. Also – wir haben 31 Klassen. Natürlich könnte ich mich damit herausreden, dass es diese Fälle an meiner Schule ganz bestimmt nicht gibt, aber dann säßen ja in der Nachbarschule bereits zwei in jeder Klasse.

ZEIT: Es ist für deutsche Schulen ein ungewöhnliches Modell, eine Psychotherapeutin im Kollegium zu haben. Wie kam es dazu?

Tegge: Das war eher Zufall. Wie in jeder Hamburger Schule gibt es auch bei uns Beratungslehrer, die eine zweijährige Ausbildung gemacht haben. Von ihnen erhält ein Kind bei Problemen Unterstützung und Zuwendung, vor allem ein offenes Ohr, aber keine Therapie. Wenn notwendig, wird das Kind weitergeleitet an andere Beratungsstellen der Stadt, an Psychotherapeuten oder an das Amt für Soziale Dienste, zum Beispiel bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Nun gab es an unserer Schule eine Beratungslehrerin, die zusätzlich eine therapeutische Ausbildung nach dem Heilpraktikergesetz absolviert hatte. Es stellte sich heraus, dass sie intensiver und länger mit den Kindern arbeitete und gute Erfolge erzielte. Als sie sich vor zwei Jahren in den Ruhestand verabschiedete, konnte ich sie dafür gewinnen, weiterhin für zehn Stunden in der Woche als Therapeutin an der Schule zu arbeiten. Das sind zehn Schüler pro Woche, die sie unterstützen kann.

ZEIT: Ist der Bedarf denn so hoch?

Tegge: Der Bedarf ist noch viel höher. Sie schiebt jede Menge Überstunden vor sich her.

ZEIT: Wie reagieren die Schüler und deren Eltern darauf, wenn sie erfahren, dass die Kinder und Jugendlichen direkt in der Schule therapiert werden?

Tegge: Wir informieren die Schüler und Eltern stets über die Möglichkeit, sich an die Beratungslehrer zu wenden, und sagen dann dazu, dass einer von ihnen etwas umfangreicher ausgebildet ist und länger mit den Schülern arbeiten könnte, wenn das gewünscht ist. Wir nennen das dann psychotherapeutische Beratung.

ZEIT: Brauchen Sie dafür die Genehmigung der Eltern?

Tegge: Das ist in der Tat eine Grauzone. Nach dem Erstkontakt mit dem Schüler werden die Eltern oft dazugeholt, weil ihre Mitarbeit meist hilfreich ist. Da unsere Therapeutin jedoch nicht mehr als verbeamtete Lehrerin arbeitet, kann sie auch von ihrer Schweigepflicht Gebrauch machen. So gibt es einige Fälle, bei denen sie für eine längere psychologische Beratung zur Verfügung steht, die Eltern aber erst einbezogen werden, wenn es um die Überweisung zu einem externen Therapeuten geht, den dann die Krankenkasse bezahlen muss.

ZEIT: Wie haben Sie die Therapiestunden an der Schule bisher finanziert?

Tegge: Ich habe dafür Mittel genommen, die der Schule für sozialpädagogische Tätigkeiten zur Verfügung stehen. Da man dieses Geld flexibilisieren kann, konnte ich es für die Therapeutin einsetzen. Dass Schulen Gesundheitskosten übernehmen, ist aber auf Dauer kein Zustand.

ZEIT: Wie reagieren die Schüler auf die konkrete Möglichkeit, sich Hilfe zu holen?

Tegge: Es gibt inzwischen ein Bewusstsein für diese Hilfsangebote. Die Schüler geben die Informationen darüber auch untereinander weiter. Zum Teil machen sie im Gang vor dem Lehrerzimmer die Termine mit der Therapeutin ab. Es ist kein Problem, dass andere das mitbekommen. Die Schüler gehen für die Therapie entschuldigt aus dem Unterricht. Das handhaben wir alles sehr unkompliziert. Durch die Niedrigschwelligkeit des Angebots gibt es keinerlei Stigmatisierungen, wie das ja oft befürchtet wird.

ZEIT: Was, glauben Sie, haben Sie mit diesem Angebot an Ihrer Schule verändern können?

Tegge: Zum einen wissen wir jetzt mehr. Lehrer, Schüler und Eltern haben ein »Wissen« darüber, dass es psychische Probleme und Konflikte auch an unserer Schule gibt. Dass sich eine intensivere Beratung und Betreuung auszahlt, macht sich vor allem an Einzelfällen bemerkbar. Wir bringen eine ganze Reihe von Schülern zum Abschluss, bei denen die Prognose zwischendurch eher kritisch war, die man vielleicht schon fast aufgegeben hätte. Durch die Unterstützung haben es aber einige von ihnen geschafft, ein ordentliches Abitur zu machen und gefestigt aus der Schule zu gehen.