SchweizSind unsere Bauern Ökos?

Die Schweizer Landwirtschaft rühmt sich gerne ihrer Natur- und Tierliebe. Zu Unrecht.

Kühe grasen in den Schweizer Bergen

Kühe grasen in den Schweizer Bergen

Da wundert sich sogar der Kommentator der Bauernzeitung, des Zentralorgans des Schweizer Nährstands: In den drei ersten Quartalen des vergangenen Jahres haben die Schweizer Bauern so viele neue Traktoren gekauft wie noch nie zuvor. Im Vergleich zur Vorjahresperiode sind 324 Traktoren mehr in Verkehr gesetzt worden. Das entspricht einem Wachstum von satten 19 Prozent. Wie geschmiert läuft das Geschäft vor allem mit dem großen Gefährt: Die Marke John Deere, die 70 Prozent ihrer Traktoren im Segment von 100 bis 140 PS absetzt, verzeichnete den größten Zuwachs und verkaufte 110 Traktoren mehr als noch im gleichen Zeitraum 2010. In der Branche herrscht darüber eitel Freude – bei den Bauern, den Herstellern, den Händlern.

Dieses technische Hochrüsten passt so gar nicht ins Bild des Schweizer Landwirts, das der Bauernverband und ihm wohlgesinnte Parlamentarier gegenüber der Öffentlichkeit vertreten. Wenn es darum geht, Subventionen einzufahren, ist häufig die Rede vom natur- und tierliebenden Bauern, der am Existenzminimum wirtschaftet. Als im letzten Herbst das Bundesbudget debattiert wurde, meinte der – mittlerweile abgewählte – St. Galler SVP-Nationalrat und Landwirt Elmar Bigger vollmundig: Bei den Bauern gebe es nichts zu sparen, sie befänden sich schon heute hart am Rande des Existenzminimums. Man sprach vom »Sozialfall Bauer«.

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Das ist maßlos übertrieben – und das wissen die Bauern auch.

Claudia Wirz

Die Autorin ist Journalistin und schreibt seit vielen Jahren über die Schweizer Landwirtschaft

Kleinlaut muss der Bauernverbands- und SVP-Nationalratspräsident Hansjörg Walter zugeben, dass es bei den Maschinenkosten eigentlich »Potenzial für Effizienzsteigerungen« gäbe. Wer auf die Widersprüche in der bäuerlichen Kampagnenrhetorik hinweist, gerät schnell in den Verdacht ein Neider zu sein, also einer, der den Bauern ihre Traktoren, ihre geraniengeschmückten Höfe und ihre Pfründen missgönnt.

Doch dieses Argument sticht nicht. Ernsthaft in Frage gestellt werden Agrarsubventionen nämlich von niemandem.

Die Frage ist vielmehr: Werden die Gelder heute richtig eingesetzt, namentlich im Sinne der verbrieften Verfassungsziele? Führt das viele Geld des Steuerzahlers tatsächlich zu der multifunktionalen, innovativen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen und tierfreundlichen Landwirtschaft, welche die Bevölkerung wünscht und fordert? Die Antwort ist: Nein.

Und damit sind wir wieder bei den Traktoren angelangt. Die PS-Liebe der Schweizer Bauern gefährdet wertvolle Ackerböden, sogenannte Fruchtfolgeflächen. Gemäß einer Studie der Schweizerischen Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften von 2008 gelten 40 Prozent der hiesigen Fruchtfolgeflächen als »erosionsgefährdet«. Das ist bedenklich, denn tritt die Erosion ein, ist sie irreversibel – auch landwirtschaftlich genutzter Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource.

Verletzt die heutige Subventionspolitik die Verfassung?

Als Gründe für die Bodenerosion nennen die Forscher eine zu intensive Bodennutzung und ein falsches Bodenmanagement. Wer mit dem schweren Traktor über den durchnässten Zuckerrübenacker fährt, tut dem Boden keinen Gefallen; er wird verdichtet und unfruchtbar. Möglich ist die Übermechanisierung nur, weil die heutige Subventionspolitik dies begünstigt. 80 Prozent der jährlich knapp 2,6 Milliarden Franken Direktzahlungen verteilt der Bund mit der Gießkanne. Er verlangt dafür von den Bauern keinerlei besondere Gegenleistungen. Die Direktzahlungen dienen zum allergrößten Teil der bäuerlichen Einkommenssicherung und nicht der Ökologie oder dem Tierschutz.

Leserkommentare
  1. Claudia Wirz hat die Schweizer Landwirtschaft und Agrarpolitik treffend beschrieben. Mit dem Zwischentitel "Die Bauern bekommen als Einzige Geld dafür, dass sie Gesetze einhalten" liegt sie aber falsch, denn je nach Kanton werden die Gesetze mehr oder weniger eingehalten. Nicht alle Ämter sind vollzugswillig. Zudem bestellt der Bauer die Direktzahlungs-Kontrolle als Kunde beim Kontrolldienst seiner Wahl. Zahlreiche Kontrolldienste gehören den kantonalen Bauernverbänden. Auch die Konkurrenz zwischen Kontrolldiensten spielt: Man will keine Kunden verlieren. Das Problem ist seit langem beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bekannt, doch gehandelt wird nicht. Die Antwort des Bundesrates auf eine Interpellation im Nationalrat "Keine Alibi-Kontrollen auf Landwirtschaftsbetrieben" ist dürftig:
    http://www.parlament.ch/d...

    Beispiel einer fiktiven Kontrolle unter "Das BLW verteilt jedes Jahr fast 3 Milliarden Franken Steuergelder gutgläubig an die Bauern"
    http://heidismist.wordpre...

    Ein pensionierter Bauer hat die Lage der Schweizer Bauern in einem Leserbrief in der NZZ vom 14.6.11 beschrieben unter dem Titel "Die Bauern haben viel zu verlieren"
    http://heidismist.wordpre...

    Störend ist auch, dass die Schweizer Agrarpolitik fast ausschliesslich die Tierproduktion unterstützt.

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