"Weltwoche" Ein trautes Paar
Journalismus im Dienste Christoph Blochers: Zur Arbeitsweise der Zeitschrift "Weltwoche".
© Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Der SVP-Politiker Christoph Blocher
Der kurze Eintrag erntete sofort hämische Twitter-Kommentare: Nicht mal rechnen können sie! Tatsächlich musste die Weltwoche am vergangenen Donnerstag für eine kleine Mathematikaufgabe nachsitzen. Das Blatt hatte aus diversen Zitaten, Angaben und Andeutungen hochgerechnet, dass Philipp Hildebrand »allein bei diesem Geldinstitut (!) rund 2,65 Millionen Dollar hält«. Mit »diesem Geldinstitut (!)« war die Bank Sarasin gemeint, und die ganze Kalkulation sollte belegen, dass der gestürzte Nationalbankpräsident weitaus höhere Dollarsummen gehortet hatte als bislang gedacht. Aber schon am Abend der Veröffentlichung musste die Weltwoche eine Berichtigung ins Netz setzen: Die stattlichen 2,65 Millionen waren das Resultat eines Rechenfehlers.
Kann passieren. Doch immerhin hatte die Weltwoche die unanständig wirkende Summe von »2,65 Millionen US-Dollar« auch vorne aufs Titelblatt gedruckt, womit sie einen Dreisatz vollbrachte, wie er in der Schweizer Medienlandschaft tatsächlich selten ist: drei sachliche Fehler auf drei Titelblättern, allesamt über den inzwischen gestürzten Notenbankchef. Denn zuvor schon hatte sie verkündet: »Philipp Hildebrand betreibt Insider-Geschäfte«, was sich nicht mal nach unjuristischen Wirtschaftsregeln halten lässt, geschweige denn nach dem Gesetzbuch. Und sie hatte, ebenfalls auf dem Cover, behauptet: »Gegen ihn wurde Strafanzeige eingereicht.« Auch dies war falsch.
Und so durfte das Land in der Hildebrand-Affäre besonders plastisch verfolgen, welch spezielles Presseorgan die Weltwoche ist. Sie spielte direkt und eng mit Christoph Blocher zusammen – und vor allem funktionierte sie in diesem Zusammenspiel eher als Partnerin denn nach den klassischen Regeln des Journalismus. Sie kommentierte mit Verve, Übertreibungen und wagemutigen Kalkulationen: schreiben, was einer Sache nützt, statt schreiben, was ist.
Mehrere Parteipräsidenten forderten deshalb, dass die Medienhäuser – gemeint: die Weltwoche – zur Aufdeckung ihrer Besitzverhältnisse verpflichtet werden müssten, womit sie wieder mal das Gerücht aufkochten, der Zürcher SVP-Mann Blocher ziehe beim Zürcher Wochenblatt die finanziellen Fäden. Doch wieso sollte die Verbindung denn so direkt sein? Als der Journalist Roger Köppel 2006 das Blatt dem rechtsliberalen Financier Tito Tettamanti günstig abkaufen konnte, erhielt er Kredite von Credit Suisse sowie von der BZ Bank – dem Haus von Blochers altem Weggefährten Martin Ebner. Sein Blatt ist seither auf verschiedenen Ebenen mit den Kreisen der Volkspartei verbunden, es hat als einziges Printprodukt sogar einen SVP-Nationalrat in ihren Reihen, den Nidwaldner Peter Keller; Roger Köppel ist regelmäßiger Gastreferent bei SVP-Veranstaltungen, für Parteimitglieder gibt es gar preiswertere Abos. Und um nachzuweisen, dass der Weltwoche-Chef ein glühender Anhänger des SVP-Chefstrategen ist, braucht es ohnehin kein Gesetz.
Kurz: Es ist wie bei der Parteipresse früherer Zeiten. Denn schon in der Nachkriegszeit waren viele Zeitungen, die der Volksmund kurz und bündig »Parteiblätter« nannte, keineswegs im Besitz der jeweiligen Politpartei, sondern eines unabhängigen Verlegers, und ihre Chefredakteure besaßen nicht unbedingt ein Parteibuch. Produkte wie das Luzerner Tagblatt oder die Ostschweiz, auch die Neue Zürcher Zeitung bildeten eher Stimmen ihres jeweiligen Milieus ab, ob katholisch-konservativ, bäuerlich-gewerblich oder liberal; Experten sprechen denn auch lieber von »Gesinnungspresse« oder »parteipolitisch engagierter Presse«.
Parteipolitisch engagiert ist die Weltwoche, und ihre Gesinnung teilt sie mit der Volkspartei. Aber ein schlichtes SVP-Blatt ist sie schon deshalb nicht, weil ihre Loyalität eher Christoph Blocher gilt – nicht der Organisation. Selten wurde der feine Unterschied so klar wie beim UBS-Staatsvertrag, als das Zürcher Blatt am Donnerstag vorschrieb, was Blocher am Freitag von der SVP-Fraktion fordern würde. Und auch im Fall Hildebrand erlebte die Schweiz einen Pas de deux zwischen einem Politiker und einer Zeitschrift, wie ihn die Pressegeschichte noch selten gesehen hat – während der große Rest der Partei die Sache in den Medien verfolgen musste. Toni Brunner, der Parteipräsident, blieb in der ganzen Aufregung stumm; Hans Kaufmann, der Finanzexperte der SVP, reichte in der heikelsten Phase vor Weihnachten eine Nationalbank-Interpellation ein, ohne über die geklauten Sarasin-Dokumente informiert zu sein; derweil gingen jene Dokumente von einem SVP-Mitglied über einen SVP-Kantonsparlamentarier zu Blocher – und weiter zur Weltwoche . Am Ende durfte sich diese Weltwoche am vergangenen Freitag, bei der diesjährigen »Albisgüetli-Rede« von Christoph Blocher, ein paar schöne Komplimente anhören.
Parteiinterne Abweichler oder Freigeister hören öfters harsche Töne aus der Zürcher Förrlibuckstraße. Unter anderem schlug das Blatt die Parlamentarier Hans Fehr, Alex Kuprecht, Felix Müri und Maximilian Reimann (»lame duck ohne Einfluss«) zur Abwahl vor; der Artikel war mitgezeichnet von Peter Keller, einst persönlicher Mitarbeiter und Redenschreiber von Christoph Blocher, damals selber SVP-Nationalratskandidat. »Manchmal staune ich schon etwas über die Nähe der Weltwoche zu Christoph Blocher«: So sagte es Ueli Maurer, der SVP-Bundesrat, vor einem guten Jahr im Gespräch mit dem Magazin. Der Verteidigungsminister war zuvor von Köppels Blatt als »Wendehals« bezeichnet worden, weil er im Einklang mit dem Kollegialitätsprinzip bereit war, die Swisscoy-Truppen im Kosovo aufzustocken.
»Wendehals«, »Falschmünzer«, »Gauner«: Die Weltwoche hat einen Ton eingeführt, der in der politischen Presse des deutschen Sprachraums zuvor ungebräuchlich war. Politiker wie Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät oder die Bundesräte Micheline Calmy-Rey und Pascal Couchepin werden unverblümt der Lüge bezichtigt (»Calmy-Rey lügt unverfroren weiter«), ein Porträt des früheren Tessiner FDP-Nationalrats Dick Marty eröffnete mit dem Satz: »Dick Martys Karriere baut auf Intrigen, Flops und Verleumdung.« Dem heutigen SRG-Chef Roger de Weck attestierte das Blatt »etwas Glitschiges«. Und wer das Weltwoche-Blocher-Verständnis von Volksrechten oder EU-Nähe nicht teilt, kann sich unter Sammelbegriffen wie »schäbige CH-Intellektuelle«, »Totengräber der Demokratie« oder »Verschwörung gegen die Schweiz« wiederfinden. Was die SVP seit einem Vierteljahrhundert vormacht, hat die Weltwoche in den Journalismus importiert: Sie wagt Tabubrüche, sie ist kategorisch, sie behauptet im Tonfall der Besserwisserin. Die Präzision hat unter dem politischen Eifer zu leiden.
Da erfahren die Weltwoche-Leser zum Beispiel: »80 Prozent der IV-Rentner aus der Türkei leiden an angeblichen seelischen Beschwerden oder an körperlichen Schmerzen, die sich nicht objektivieren lassen«. Die Studie, auf die sich dies stützt, besagt allerdings nur, dass rund 80 Prozent der IV-Renten an Türken wegen psychischer Krankheiten sowie wegen »Krankheiten der Knochen/Bewegungsorgane« gewährt werden – nichts da von »angeblich«, nichts da von Schmerzen, »die sich nicht objektivieren lassen«.
Da will die Weltwoche im Einklang mit der SVP-Kampagne den »deutschen Filz« an Schweizer Universitäten nachweisen und dichtet dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze ein Liebesverhältnis mit der damaligen Dekanin seiner Fakultät in Bern an. Gegenüber der Berner Zeitung bezeichnete Schulze die Sache als »falsche Tatsachenbehauptung und Rufmord«, frustriert zog er sich von der Kandidatur für den Posten des Vizerektors Forschung zurück.
Und am 25. August 2011 titelte die Weltwoche: »Politstar Keller-Sutter: Missbrauchte sie ihr Amt?« Im Artikel warf das Blatt der St. Galler Regierungsrätin vor, in ein rechtskräftig abgeschlossenes Asylverfahren eingegriffen zu haben, auf Karin Keller-Sutter falle »ein böser Verdacht«. Die Magistratin befand sich gerade im Wahlkampf für den Ständerat, der am 23. Oktober entschieden wurde. Einer ihrer schärfsten Gegner war SVP-Parteipräsident Toni Brunner.
Wie aber das Fragezeichen im Titel schon verriet, war die Sache so einfach nicht. Keller-Sutter hatte 2008 das ihr unterstellte Ausländeramt beauftragt, beim Bundesamt für Migration die vorläufige Aufnahme einer türkischen Familie, die abgeschoben werden sollte, zu beantragen. Ein Komitee von über 100 Bürgern hatte sich, unter anderem bei Keller-Sutter, für den Verbleib der Familie eingesetzt, weil zwei der drei Kinder hier gut integriert seien.
Das Recht, einen Antrag auf vorläufige Aufnahme zu stellen, steht Keller-Sutter von Gesetzes wegen zu. Im neuen Ausländergesetz, das der damalige Justizminister Christoph Blocher verantwortet, heißt es: »Die vorläufige Aufnahme kann von kantonalen Behörden beantragt werden.« Das Bundesamt für Migration gab dem Antrag, nach nochmaliger Prüfung der Sache, auf vorläufige Aufnahme statt. Nichts mehr und nichts weniger.
Die Weltwoche bezichtige in ihrer wochenlangen Kampagne, die von Toni Brunner im Wahlkampf ausgeschlachtet wurde, Keller-Sutter der »Lüge«, druckte die Richtigstellungen der St. Galler Behörde nicht oder nur sinnentstellend, nahm eine Interviewgelegenheit mit Keller-Sutter nicht wahr (um dann zu schreiben, diese wolle kein Interview geben), stellte den 17-jährigen Sohn der Familie auf der Straße und publizierte seine Aussagen unautorisiert. Die Rechtspflegekommission des St. Galler Kantonsrates, der allein fünf SVPler angehören, hielt Anfang September fest, dass das Verfahren nicht zu beanstanden war.
Der Verleger der Weltwoche, Roger Köppel, wollte zu den hier dargestellten Sachverhalten nicht detailliert Stellung nehmen. Er schrieb: »Die Weltwoche konzentriert sich darauf, politische Missstände aufzudecken, unabhängig der Person und der Partei. Unsere Berichterstattungen sind korrekt. Fehler korrigieren wir, wo vorhanden, umgehend selber. Die von uns aufgedeckten Fälle Zuppiger und jetzt Hildebrand zeigen, wie wichtig eine wirklich kritische und unabhängige Presse ist.« Und er erinnerte daran, dass zu einem korrekten Bild auch der »Fall Zuppiger« gehöre. Tatsächlich: Es war Köppels Zeitschrift, die Anfang Dezember Bruno Zuppiger stürzte, es war die Weltwoche, die nachzeichnen konnte, wie sich der offizielle SVP-Bundesratskandidat bei einem anvertrauten Erbe selber bedient hatte.
Wer die Weltwoche als treues SVP-Sprachrohr darstellen will, liegt ohnehin falsch, und dass sie nicht konsequent mit allen Haltungen der Parteiflügel einher geht, ist ebenfalls klar. So hatte die Weltwoche Zuppiger schon eine Woche zuvor als »leutseligen Kompromissler« tituliert und angedeutet, dass der offizielle Kandidat parteiintern auf Widerstand stieß: »Nicht wenige prophezeien, dass der Finanz- und Sicherheitspolitiker sich im exponierten Amt zu einem zweiten Fall Samuel Schmid entwickeln könnte.« Bei wem genau Zuppiger auf Widerstand stieß, darüber lässt sich nur mutmaßen.
- Datum 26.01.2012 - 14:02 Uhr
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- Quelle Zeit Schweiz
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Möglicherweise wendet sich die Weltwoche in unserer Zeit auch wieder gegen faschistische Weltveränderer. Die Frage ist, ob die schwarz-weiss-roten Farben der SVP-Propaganda die Farben der eigenen Flagge oder die Warnfarben vor dem faschistischen Feind sind, wenn die Weltwoche ein sogenanntes Parteiblatt wäre. Die Frage wäre weiterhin, ob die BAZ ebenfalls ein Parteiblatt ist - dort soll Blocher angeblich auch schon seine Finger im Spiel haben. Seine Finger garantiert nicht im Spiel hat Blocher jedoch bei den Bündner Medien, wie der Artikel http://www.whistleblocher.ch unzweifelhaft nahelegt. Obwohl dieses Blatt sehr nahe am "Weltwoche-Slang" berichtet.
Wer sagt denn, dass Herr Hildebrand nur bei einer Bank ein Konto hatte? Das ist doch hochgradig unwahrscheinlich. Ein erfahrener Ex-Investmentbanker legt seine goldenen Eier doch niemals nur in einunddenselben Korb. Das widerspricht jeder Lebenserfahrung. Ich unterstelle Herrn Hildebrand nichts. Ich stelle nur fest, dass er mit seinem überaus zügigen Rücktritt jede weitergehende Untersuchung vermieden hat, die unweigerlich notwendig geworden wäre. Mein Bauchgefühl als Journalist - und das trainiere ich jetzt doch schon gute 42 Jahre - sagt mir: Wir kennen von diesen Vorgängen bisher nur den kleineren Teil der Wahrheit. Den grösseren werden wir mutmasslich nie erfahren.
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