Sie solle zu ihm kommen, morgen, hat er gesagt, er schicke ihr einen Jet seiner Firma Challenge Air. Es ist der 17. Oktober 2008, ein Freitag, als die Maschine in Köln landet, mit Madeleine Schickedanz an Bord, einer der reichsten Frauen Deutschlands, und ihrem Ehemann Leo Herl. Zwei Stunden lang wartet Madeleine Schickedanz im Flugzeug auf ihn, auf Josef Esch , den Geschäftsmann und engen Vertrauten der Privatbank Sal. Oppenheim , einen der mächtigsten und schillerndsten Männer der deutschen Wirtschaft. Er ist außerdem ihr Vermögensverwalter. Als Esch endlich da ist, geht alles schnell. Gemeinsam mit einem Notar legt er Madeleine Schickedanz viele Dokumente vor, die sie unterschreiben soll. Und sie unterschreibt, drei Tage vor ihrem 65. Geburtstag. Es sind die Urkunden über die Verpfändung ihrer Villa Greta in Spanien, ihrer Villen Müstaila und God Laret in St. Moritz , der Ferienvilla mit Bootshaus am Tegernsee, ihres Elternhauses, eines 20.000 Quadratmeter großen Anwesens im fränkischen Hersbruck, von Bürohäusern in Hamburg, Frankfurt am Main und München – außerdem Erklärungen über die Abtretung fast ihres gesamten restlichen Vermögens. Warum, um Himmels willen, hat sie das gemacht? Sie habe beinahe körperlich Angst vor Esch gehabt, antwortet sie später. Und ihr sei im Flugzeug ein Wortwechsel eingefallen, den sie Tage zuvor mit Esch geführt habe. Er möge dafür sorgen, dass ihr wenigstens ein eigenes Kopfkissen bleibe, habe sie ihn gebeten. Er habe sie angeschaut und gesagt: »Ein eigenes Kopfkissen besitzt du schon lange nicht mehr!«

Die Szene im Flieger ist ein kleines Puzzlestück in einem gigantischen Kriminalfall, der einzigartig ist in der bundesdeutschen Geschichte und dessen Ausmaß noch nicht abzuschätzen ist. Glaubt man den Rechtsanwälten von Madeleine Schickedanz, wollten Geschäftspartner, an die sie sich gebunden hatte, sie als Strohfrau benutzen, um die Mehrheit der Aktien von KarstadtQuelle zu kontrollieren und mit Immobilien des angeschlagenen Konzerns ein Milliardengeschäft zu machen. Das zumindest wird in der Klageschrift, die Schickedanz’ Anwälte vorbereitet haben, und im mehrere Hundert Seiten umfassenden Beweisanhang behauptet. Josef Esch dementiert sowohl den Vorsatz, Madeleine Schickedanz als Strohfrau zu benutzen, als auch den Kopfkissen-Dialog. So viel aber ist klar: Am Ende ging alles schief. Madeleine Schickedanz war pleite, die ehrwürdige Kölner Privatbank Sal. Oppenheim ruiniert . Der Poker um den angeschlagenen Konzern Arcandor ging verloren.

Auch die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Dickicht. Fünf Staatsanwälte wurden in einer Sonderkommission zusammengezogen, sechs Polizeibeamte, drei Wirtschaftsreferenten, vier Steuerfahnder, bei Dutzenden von Durchsuchungen wurden 5.000 Aktenordner sichergestellt, mehr als 50 Personen werden inzwischen verdächtigt. Außerdem warten Computerdateien auf die Sichtung, die ausgedruckt 150 Millionen Seiten ergeben würden. Ein paar mächtige Leute hatten beschlossen, die großen Geschäfte in Köln unter sich aufzuteilen – und mit diesem Plan beschäftigt sich jetzt die hoch konzentrierte Ermittlergruppe. Einen hübschen Namen haben sie sich ausgedacht für die Sonderkommission: Byzanz. Einer der Ermittler hatte eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle besucht, Byzanz: Pracht und Alltag. Es ging um die Dekadenz der damaligen Reichen, »da dachten wir«, sagt ein Justizsprecher, »das passt doch wunderbar«.

Der Fall ist so groß, dass die Kölner Staatsanwaltschaft sich erst einmal die kleineren Vergehen, die leichter zusammenzusetzenden Puzzlestücke vorgenommen hat. Und der Fall ist so kompliziert, dass sogar die Staatsanwälte von der Notwendigkeit einer »innovativen Ermittlungsführung« überzeugt sind, was auch bedeutet, dass routinierte Kriminalbeamte und Steuerexperten auf einem Stockwerk eng zusammenarbeiten. Einer der Beschuldigten versuchte es vor ein paar Tagen in einem Gespräch in Berlin mit verzweifeltem Humor: »Am Ende geht es mir wie Al Capone: Vielfacher Mörder, aber drangekriegt haben sie ihn wegen der Steuer.«

Es geht in diesem Drama nicht um die Reichen, sondern um die Superreichen des Landes, es geht nicht um Millionen, sondern um Milliarden von Euro. Es ist nicht allein der Größenwahn, es ist auch ein ungewohnter Blick, der diesen Fall so bemerkenswert macht, der Blick in die Seelen der oberen Einhundert, der einen erschaudern lässt.

Viele der Reichen in diesem Land sind lebensuntüchtig, viele sind Erben, sie fühlen sich nicht wohl in ihrem goldenen Käfig, sie sind ängstlich, manchmal nahe der Depression, nicht in der Lage, ihre eigenen Geschicke zu bestimmen. Sie sind überfordert von dem vielen Geld, das sie besitzen, und trotzdem wollen sie es vermehren. Viele der Reichen in diesem Land wollen, dass jemand anderes, jemand Starkes ihr Leben für sie regelt, den Alltag für sie koordiniert.

Ob eine neue Dachrinne gebraucht wird oder ein Arzt – Esch regelt das

Diese Diagnose stammt von keinem Psychologen, sie ist die Grundlage für die entscheidende Geschäftsidee eines Maurermeisters aus dem Städtchen Troisdorf bei Köln, ebenjenes Josef Esch, der Madeleine Schickedanz im Flugzeug die Verpfändungsurkunden unterschreiben ließ. Seine ersten Kontakte mit den Wohlhabenden bestanden darin, auf Zahnarztkongressen Immobilien samt Steuersparmodellen zu verkaufen. Ende der achtziger Jahre erkannte Esch dann seine Marktlücke. »Family-Office« nennt sich das Prinzip, es bedeutet: Esch kümmert sich um die verstopfte Dachrinne und den Wasserrohrbruch, gerne auch am Samstagabend. Esch schickt einen Augenarzt an den Urlaubsort, wenn sich die Netzhaut eines Kunden ablöst. Und er beruhigt das Internat in Salem, wenn eines der Kinder mal wieder Ärger macht. Esch spielte fast jede Rolle, die man von ihm verlangte, kein Kostüm war ihm zu eng. Vor allem aber nahm Esch seinen Kunden das Thema Geld von den Schultern – für jeweils zehn Jahre ließ er sich die Vermögensverwaltung übertragen. In einem Sitzungsprotokoll der Gesellschafter des Bankhauses Sal. Oppenheim vom 12. Februar 2002 heißt es, unter den Kunden der von Esch betreuten und zur Hälfte zu Oppenheim gehörenden Vermögensverwaltung seien zwölf der reichsten Familien Deutschlands mit einem Gesamtvermögen von rund 30 Milliarden Mark; Verträge mit Kunden, die mindestens weitere 10 bis 15 Milliarden schwer seien, stünden vor dem Abschluss. Zu Eschs Kunden gehörten Familien wie die Oetkers, Werhahns, Haniels, Deichmanns, die LTU-Erbin Vera Conle-Kalinowski, einige Bosse der Oppenheim-Bank, der ehemalige Bertelsmann- und spätere KarstadtQuelle-Chef Thomas Middelhoff – und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz. Keinen aus diesem illustren Kreis störte es offensichtlich, dass der bodenständige Handwerker Esch so gar nicht zu ihnen passte. Im Gegenteil: In den guten Zeiten nannten ihn die meisten nicht nur beim Vornamen, manche sprachen vom heiligen Josef. Das Prinzip hieß: Gebt mir, und es wird euch gegeben.

Für dieses Dossier wurde mit vielen Beteiligten gesprochen, die in diese Geschäfte verstrickt sind. Manche von ihnen wollen sich erleichtern, sich erklären. Andere haben Angst vor dem Gefängnis. Wieder andere erzählen, wie zerstritten inzwischen einstige Kumpane und auch Familienmitglieder sind. Ein Adliger ohrfeigt den anderen, und die Ehefrauen zweier Beschuldigter liefern sich bei ihrem Kölner Lieblingsfriseur heftige Wortgefechte, überziehen sich mit Schuldzuweisungen. Nun muss die Inhaberin des Salons bei der Terminplanung sicherstellen, dass solche Begegnungen vermieden werden. »Ich will kein Mitleid, ich will nur meine Würde zurück« – dieser Satz wird in einem der vielen Gespräche mit der ZEIT fallen. Scham über die eigene Dummheit ist zu spüren und stärker vielleicht noch das Bedürfnis, sich als Opfer darzustellen.