Sie solle zu ihm kommen, morgen, hat er gesagt, er schicke ihr einen Jet seiner Firma Challenge Air. Es ist der 17. Oktober 2008, ein Freitag, als die Maschine in Köln landet, mit Madeleine Schickedanz an Bord, einer der reichsten Frauen Deutschlands, und ihrem Ehemann Leo Herl. Zwei Stunden lang wartet Madeleine Schickedanz im Flugzeug auf ihn, auf Josef Esch , den Geschäftsmann und engen Vertrauten der Privatbank Sal. Oppenheim , einen der mächtigsten und schillerndsten Männer der deutschen Wirtschaft. Er ist außerdem ihr Vermögensverwalter. Als Esch endlich da ist, geht alles schnell. Gemeinsam mit einem Notar legt er Madeleine Schickedanz viele Dokumente vor, die sie unterschreiben soll. Und sie unterschreibt, drei Tage vor ihrem 65. Geburtstag. Es sind die Urkunden über die Verpfändung ihrer Villa Greta in Spanien, ihrer Villen Müstaila und God Laret in St. Moritz , der Ferienvilla mit Bootshaus am Tegernsee, ihres Elternhauses, eines 20.000 Quadratmeter großen Anwesens im fränkischen Hersbruck, von Bürohäusern in Hamburg, Frankfurt am Main und München – außerdem Erklärungen über die Abtretung fast ihres gesamten restlichen Vermögens. Warum, um Himmels willen, hat sie das gemacht? Sie habe beinahe körperlich Angst vor Esch gehabt, antwortet sie später. Und ihr sei im Flugzeug ein Wortwechsel eingefallen, den sie Tage zuvor mit Esch geführt habe. Er möge dafür sorgen, dass ihr wenigstens ein eigenes Kopfkissen bleibe, habe sie ihn gebeten. Er habe sie angeschaut und gesagt: »Ein eigenes Kopfkissen besitzt du schon lange nicht mehr!«

Die Szene im Flieger ist ein kleines Puzzlestück in einem gigantischen Kriminalfall, der einzigartig ist in der bundesdeutschen Geschichte und dessen Ausmaß noch nicht abzuschätzen ist. Glaubt man den Rechtsanwälten von Madeleine Schickedanz, wollten Geschäftspartner, an die sie sich gebunden hatte, sie als Strohfrau benutzen, um die Mehrheit der Aktien von KarstadtQuelle zu kontrollieren und mit Immobilien des angeschlagenen Konzerns ein Milliardengeschäft zu machen. Das zumindest wird in der Klageschrift, die Schickedanz’ Anwälte vorbereitet haben, und im mehrere Hundert Seiten umfassenden Beweisanhang behauptet. Josef Esch dementiert sowohl den Vorsatz, Madeleine Schickedanz als Strohfrau zu benutzen, als auch den Kopfkissen-Dialog. So viel aber ist klar: Am Ende ging alles schief. Madeleine Schickedanz war pleite, die ehrwürdige Kölner Privatbank Sal. Oppenheim ruiniert . Der Poker um den angeschlagenen Konzern Arcandor ging verloren.

Auch die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Dickicht. Fünf Staatsanwälte wurden in einer Sonderkommission zusammengezogen, sechs Polizeibeamte, drei Wirtschaftsreferenten, vier Steuerfahnder, bei Dutzenden von Durchsuchungen wurden 5.000 Aktenordner sichergestellt, mehr als 50 Personen werden inzwischen verdächtigt. Außerdem warten Computerdateien auf die Sichtung, die ausgedruckt 150 Millionen Seiten ergeben würden. Ein paar mächtige Leute hatten beschlossen, die großen Geschäfte in Köln unter sich aufzuteilen – und mit diesem Plan beschäftigt sich jetzt die hoch konzentrierte Ermittlergruppe. Einen hübschen Namen haben sie sich ausgedacht für die Sonderkommission: Byzanz. Einer der Ermittler hatte eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle besucht, Byzanz: Pracht und Alltag. Es ging um die Dekadenz der damaligen Reichen, »da dachten wir«, sagt ein Justizsprecher, »das passt doch wunderbar«.

Der Fall ist so groß, dass die Kölner Staatsanwaltschaft sich erst einmal die kleineren Vergehen, die leichter zusammenzusetzenden Puzzlestücke vorgenommen hat. Und der Fall ist so kompliziert, dass sogar die Staatsanwälte von der Notwendigkeit einer »innovativen Ermittlungsführung« überzeugt sind, was auch bedeutet, dass routinierte Kriminalbeamte und Steuerexperten auf einem Stockwerk eng zusammenarbeiten. Einer der Beschuldigten versuchte es vor ein paar Tagen in einem Gespräch in Berlin mit verzweifeltem Humor: »Am Ende geht es mir wie Al Capone: Vielfacher Mörder, aber drangekriegt haben sie ihn wegen der Steuer.«

Es geht in diesem Drama nicht um die Reichen, sondern um die Superreichen des Landes, es geht nicht um Millionen, sondern um Milliarden von Euro. Es ist nicht allein der Größenwahn, es ist auch ein ungewohnter Blick, der diesen Fall so bemerkenswert macht, der Blick in die Seelen der oberen Einhundert, der einen erschaudern lässt.

Viele der Reichen in diesem Land sind lebensuntüchtig, viele sind Erben, sie fühlen sich nicht wohl in ihrem goldenen Käfig, sie sind ängstlich, manchmal nahe der Depression, nicht in der Lage, ihre eigenen Geschicke zu bestimmen. Sie sind überfordert von dem vielen Geld, das sie besitzen, und trotzdem wollen sie es vermehren. Viele der Reichen in diesem Land wollen, dass jemand anderes, jemand Starkes ihr Leben für sie regelt, den Alltag für sie koordiniert.

Ob eine neue Dachrinne gebraucht wird oder ein Arzt – Esch regelt das

Diese Diagnose stammt von keinem Psychologen, sie ist die Grundlage für die entscheidende Geschäftsidee eines Maurermeisters aus dem Städtchen Troisdorf bei Köln, ebenjenes Josef Esch, der Madeleine Schickedanz im Flugzeug die Verpfändungsurkunden unterschreiben ließ. Seine ersten Kontakte mit den Wohlhabenden bestanden darin, auf Zahnarztkongressen Immobilien samt Steuersparmodellen zu verkaufen. Ende der achtziger Jahre erkannte Esch dann seine Marktlücke. »Family-Office« nennt sich das Prinzip, es bedeutet: Esch kümmert sich um die verstopfte Dachrinne und den Wasserrohrbruch, gerne auch am Samstagabend. Esch schickt einen Augenarzt an den Urlaubsort, wenn sich die Netzhaut eines Kunden ablöst. Und er beruhigt das Internat in Salem, wenn eines der Kinder mal wieder Ärger macht. Esch spielte fast jede Rolle, die man von ihm verlangte, kein Kostüm war ihm zu eng. Vor allem aber nahm Esch seinen Kunden das Thema Geld von den Schultern – für jeweils zehn Jahre ließ er sich die Vermögensverwaltung übertragen. In einem Sitzungsprotokoll der Gesellschafter des Bankhauses Sal. Oppenheim vom 12. Februar 2002 heißt es, unter den Kunden der von Esch betreuten und zur Hälfte zu Oppenheim gehörenden Vermögensverwaltung seien zwölf der reichsten Familien Deutschlands mit einem Gesamtvermögen von rund 30 Milliarden Mark; Verträge mit Kunden, die mindestens weitere 10 bis 15 Milliarden schwer seien, stünden vor dem Abschluss. Zu Eschs Kunden gehörten Familien wie die Oetkers, Werhahns, Haniels, Deichmanns, die LTU-Erbin Vera Conle-Kalinowski, einige Bosse der Oppenheim-Bank, der ehemalige Bertelsmann- und spätere KarstadtQuelle-Chef Thomas Middelhoff – und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz. Keinen aus diesem illustren Kreis störte es offensichtlich, dass der bodenständige Handwerker Esch so gar nicht zu ihnen passte. Im Gegenteil: In den guten Zeiten nannten ihn die meisten nicht nur beim Vornamen, manche sprachen vom heiligen Josef. Das Prinzip hieß: Gebt mir, und es wird euch gegeben.

Für dieses Dossier wurde mit vielen Beteiligten gesprochen, die in diese Geschäfte verstrickt sind. Manche von ihnen wollen sich erleichtern, sich erklären. Andere haben Angst vor dem Gefängnis. Wieder andere erzählen, wie zerstritten inzwischen einstige Kumpane und auch Familienmitglieder sind. Ein Adliger ohrfeigt den anderen, und die Ehefrauen zweier Beschuldigter liefern sich bei ihrem Kölner Lieblingsfriseur heftige Wortgefechte, überziehen sich mit Schuldzuweisungen. Nun muss die Inhaberin des Salons bei der Terminplanung sicherstellen, dass solche Begegnungen vermieden werden. »Ich will kein Mitleid, ich will nur meine Würde zurück« – dieser Satz wird in einem der vielen Gespräche mit der ZEIT fallen. Scham über die eigene Dummheit ist zu spüren und stärker vielleicht noch das Bedürfnis, sich als Opfer darzustellen.

Der Ruf des Kölner Klüngels ist legendär

Die Unterlagen, die der ZEIT vorliegen, sind eindeutig. Sie zeichnen zum Beispiel ein konturenreiches Bild des gierigen Thomas Middelhoff . Nachlesen kann man, wie verbissen er um fünf Millionen Euro aus seinem Beratervertrag kämpfte, zu einem Zeitpunkt, als der in Arcandor umbenannte KarstadtQuelle-Konzern schon mit einem Verlust von einer Dreiviertelmilliarde Euro zusammengebrochen war. Und Middelhoff kassierte allen Ernstes einen weiteren millionenschweren Bonus , bloß weil er vorübergehend den Aktienkurs gesteigert hatte. Die pure Gier? Middelhoff sagt, er sei heute mit mehr als 200 Millionen Euro verschuldet, verantwortlich dafür sei Josef Esch, dem auch er sein Vermögen anvertraut habe, »der Fehler meines Lebens«. Middelhoff, ein Opfer? Noch im Jahr 2008 wollte er mit Eschs Unterstützung persönlich haftender Gesellschafter bei Sal. Oppenheim werden. Und es sah zeitweise so aus, als könne das klappen. Die Verträge waren schon verhandelt, auch Middelhoffs Gehalt im zweistelligen Millionenbereich. Was dieser Fall ans Licht bringt, ist auch das unerhörte Komplott einer Clique von Mächtigen, die sich Jobs und Millionen zuschanzten, wie es ihnen gefiel. Dass sie die Verantwortung für Tausende Arbeitnehmer und deren Existenzgrundlage trugen, hatten sie vergessen.

Ein zweites Puzzlestück dieses Komplotts zeigt, wie weit Josef Eschs Macht in die Bank Sal. Oppenheim hineinreichte. Und es macht deutlich, wie skrupellos Esch die Bank für seine Interessen benutzte. Es sind die Protokolle zweier Sitzungen des Aktionärsausschusses der Bank vom 11. und 13. Juni 2009, Papiere, die der ZEIT vorliegen. Es geht beide Male um die Arcandor-Pleite. Was die Gesellschafter bei diesen Terminen über geheime Geschäfte der Bankführung erfahren, macht sie fassungslos. Die Spitze des Geldinstituts sitzt vor den Gesellschaftern wie auf der Anklagebank, es sind vor allem die Bankchefs Matthias Graf von Krockow, Georg Baron von Ullmann und Christopher Freiherr von Oppenheim. Von ihnen wollen die Gesellschafter wissen, wie es dazu kommen konnte, dass Sal. Oppenheim Kredite von über einer Milliarde Euro für KarstadtQuelle-Aktien vergeben hat. Warum haben die Chefs die Bank in eine tiefe Krise gestürzt, so tief, dass die Bankenaufsicht jetzt die Bücher von Sal. Oppenheim prüft? In der aufgewühlten Diskussion geht es auch um einen 372-Millionen-Euro-Kredit, den die Bank 2005 Madeleine Schickedanz gewährte. Der Kredit wurde über eine Firma vergeben, die sich ADG Allfinanz nannte und die nicht zum Bankhaus gehörte. Das Risiko lag also bei der ADG. Aber wer war diese ADG? Hinter ihr stand eine Gesellschaft namens Robuterra in der Schweiz. Ihre Aktionäre: Josef Esch, Freiherr von Oppenheim, Graf von Krockow und Baron von Ullmann. Die Gesellschafter von Sal. Oppenheim begreifen in jenen Stunden allmählich, dass es jetzt an ihr eigenes Vermögen geht. Denn wenn die verschworene Clique der vier Männer nicht zahlen kann, geht es auch der Bank an den Kragen. Die Krisensitzungen schließen jeweils mit dem Bekenntnis, keine der katastrophalen Nachrichten werde nach außen dringen. Es dauert vier Monate, dann ist die Bank am Ende. Am 28. Oktober 2009 wird Sal. Oppenheim von der Deutschen Bank übernommen.

Aus dem Millionen-Jüppchen wurde schnell der Millionen-Jupp

Die schärfste Waffe der Fahnder ist der Paragraf 266 des Strafgesetzbuches, der den Tatbestand der Untreue formuliert. Untreue bedeutet: die vorsätzliche Schädigung des Vermögens anderer, für das man Verantwortung trägt. Das Vermögen kann einer Firma gehören, einer Bank, einer einzelnen Person. Hört sich wolkig an, aber der Paragraf 266 hat schon Kolosse wie den Siemens-Konzern in Bedrängnis gebracht. Auch die Byzanz-Staatsanwälte werfen den Beschuldigten, unter ihnen von Krockow, von Ullmann und von Oppenheim, Untreue und Beihilfe zur Untreue in vielen Fällen vor. Es geht zunächst um zwei Immobilien des Bankhauses, eine davon liegt in Köln-Marienburg. Die Bank kaufte die Villa für 3,9 Millionen Euro und ließ sie aufwendig renovieren, sodass sie zum Schluss rund 12 Millionen Euro kostete. Vermietet wurde die Villa gerade mal für 350.000 Euro pro Jahr. Die Staatsanwälte argumentieren, die Miete hätte bei rund 670.000 Euro liegen müssen, wenn man eine Rendite von 5,5 Prozent annimmt. So gerechnet, wäre die Bank um mehrere Millionen Euro geschädigt worden. Diese Rechnung wollen die Bankchefs nicht gegen sich gelten lassen. An eine Luxusimmobilie seien andere Maßstäbe als die der Staatsanwaltschaft anzulegen. Übrigens: Der Umbau dieses Hauses wurde von Josef Esch geregelt, der in diesem Zusammenhang nicht beschuldigt wird. Esch kümmerte sich auch um die Chauffeurdienste und die Bereitstellung von Sicherheitsleuten. Bei der zweiten Immobilie berechnete Esch am Ende 66 Millionen Euro, allein für »mieterspezifische Sonderwünsche« sollen mehr als 16 Millionen Euro angefallen sein. Hier beschuldigt die Staatsanwaltschaft ihn der Beihilfe zur Untreue. Den Verdacht weist Esch zurück.

Noch im Jahr 2007 feierte die Bank Sal. Oppenheim das beste Geschäftsjahr aller Zeiten, stolz pries man sich als größte Privatbank Europas. Die Oppenheims: Das bedeutete in Köln nicht nur Reichtum, sondern auch gesellschaftlichen Glanz, auf der Galopprennbahn, im Golfklub. Die großen Hüte, die Zigarren, kein Klischee wurde ausgelassen. Auch die Kölner Sparkasse wollte die größte des Landes sein, und natürlich wollte man auch die größte deutsche Medienstadt sein. Der Ruf des Kölner Klüngels ist legendär, man kennt sich, man hilft sich, in der Wirtschaft, in der Politik. Es ist der Nährboden, auf dem Josef Esch wurde, was er heute ist.

Geboren wird er 1956 in Troisdorf, 20 Kilometer von Köln entfernt. Sein Vater ist ein erfolgreicher Bauunternehmer. Am Abendbrottisch der Familie sitzt man in großer Runde, bei Eschs essen die Angestellten und Arbeiter oft mit. Da lernt man das Reden, den Small Talk, wie man Leute zum Lachen bringt, wie man sie für sich einnimmt. Josef Esch macht eine Maurerlehre, baut mit 16 sein erstes Einfamilienhaus, wird mit 19 der jüngste Maurermeister Deutschlands. Doch es wird schnell klar, er will höher hinaus, und er hat früh die passende Idee: steueroptimierte Immobilienfonds. Esch sucht reiche Investoren, von deren Geld er Immobilien baut, wobei er relativ hohe Kosten für Werbung, Mietersuche und Projektentwicklung ansetzt. Der Vorteil dabei ist, dass die Investoren diese Kosten vollständig von der Steuer absetzen können. Diesem Modell bleibt er im Prinzip auch später treu. Nur dass die Kosten immer weiter steigen. Zunächst sind es Mehrfamilienhäuser in der Kölner Gegend, die Esch baut, dann in ganz Deutschland, erst zweistöckig, dann dreistöckig, nichts Spektakuläres, aber die Kunden sind zufrieden.

Er stand im Ruf, das Geschäft mit den Immobilienfonds besser zu verstehen als andere, denn er schaffte es fast immer, langfristige Verträge über hohe Mieten abzuschließen. In Troisdorf nannte man ihn Millionen-Jüppchen. Dann wurden die Projekte größer. Mitte der neunziger Jahre realisierte Esch die Kölnarena für 895 Millionen Mark, 2003 folgten die Messehallen für 260 Millionen Euro, das Projekt Rheinhallen begann 2007. Aus dem Millionen-Jüppchen wurde der Millionen-Jupp. Doch immer öfter wurde gefragt, wie er es geschafft hatte, Mieter wie die Stadt Köln auf Jahrzehnte hinaus mit Verträgen über hohe Mieten an sich zu binden, wie er die Sparkasse Köln dazu gebracht hatte, hohe Mietbürgschaften für einige der Objekte abzugeben. Hilfreich dabei waren gute Verbindungen zur Kölner Stadtsparkasse, zur Stadtverwaltung sowie zu einem Mann, der in Köln verehrt wurde wie ein Heiliger: Alfred Freiherr von Oppenheim.

Als er 2005 starb, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Kölner Doms die Totenmesse für einen Protestanten gelesen. Die Elite der Republik erwies »Alfi«, wie er in seiner Heimatstadt liebevoll genannt wurde, die letzte Ehre, auch Angela Merkel reiste an. In der FAZ erschienen vier Seiten Todesanzeigen. Die Familie schrieb: »Unser Kapitän ist gegangen.« Der Kapitän war es gewesen, der den Jungen aus Troisdorf an Bord geholt hatte. Anfang der Neunziger hatte Esch die Baronin Karin von Ullmann kennengelernt. Sie war die Mutter von Georg von Ullmann, dem späteren Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank. Sie war auch die Schwiegermutter von Matthias von Krockow, dem Vorstandssprecher der Bank. Esch und die Baronin verstanden sich von Anfang an, der Mann der Tat und die reiche alte Dame. Esch half ihr mit dem legendären Galoppergestüt Schlenderhan, beim Erwerb neuer Grundstücke und bei Sanierungsarbeiten. Er besorgte ihr Ärzte, und wenn er vor Bekannten von der Baronin sprach, nannte er sie »meine Mami«. Alfred von Oppenheim beobachtete den Jungen voller Wohlwollen und begann, ihn stärker an die Bank zu binden. Mit den normalen Bankgeschäften, Krediten und Festgeldern, war nach Alfreds Überzeugung kein Geld mehr zu verdienen. Seine Kunden wollten höhere Renditen, Eschs Immobilienfonds waren sehr attraktive Anlageformen. Auf Familienfeiern hatte Josef Esch meistens einen Platz ganz in Alfreds Nähe.

Alle sagten, es gebe nur einen Bösen im Spiel: Josef Esch, den Teufel

Esch fing Ende der achtziger Jahre an, das Bankhaus mit seinen Fonds zu versorgen. Die Geschäfte liefen gut, seine Fonds schafften fünf Prozent Rendite, dazu kam die Steuerersparnis für die Kunden. Sal. Oppenheim verdiente seit der Jahrtausendwende ganz massiv an Eschs Immobilienfonds: Zwischen 30 und 50 Millionen Euro waren es pro Jahr, manchmal fast die Hälfte des Gesamtgewinns der Bank. Esch profitierte nun seinerseits von den Kunden des Bankhauses, die immer öfter auch seine Kunden wurden. Die Oppenheim-Esch Holding wurde das Dach für gemeinsame Geschäfte, und alles funktionierte wie ein Selbstbedienungsladen. Fünfzig Prozent der Holding gehörten Josef Esch samt Ehefrau und Bruder, 40 Prozent den Kommandit-Aktionären der Bank, allesamt Mitglieder der Familien Oppenheim, Krockow und Ullmann, weitere zehn Prozent der Bank Sal. Oppenheim. Christopher Baron von Oppenheim, der die vermögenden Privatkunden der Bank betreute, war zugleich 17-facher Geschäftsführer bei Immobilienprojekten, die Esch managte. Der adelige Banker warb für die Fonds, und Esch vertrieb sie. Die drei Bankchefs bewilligten sich selbst über ein weitverzweigtes Netz von Immobilienfonds zinsgünstige Kredite beim eigenen Geldinstitut. Führungskräfte der Bank, die Einblick nehmen wollten in die Mietverträge, wurden schroff zurechtgewiesen. Mietverträge »mit dem Haus Esch« seien nicht mehr zu verhandeln. Einer der Bankangestellten erinnert sich an die Worte: »Muss ich Ihnen schon wieder sagen, wem die Firma gehört?« Und ein ehemaliger Bankmanager sagt heute: »Josef Esch war nun mal der Gott.«

Esch besitzt eine Sicherheitsfirma und eine Flugzeugflotte

Im Hintergrund agierte stets Alfred von Oppenheim, der bis zu seinem Tod Aufsichtsratsvorsitzender der Bank war. »Er wusste nicht nur alles, er prägte alles bis zum Schluss«, sagt einer aus der Bankspitze. Vielleicht müssen sich die Kölner mit dem Gedanken anfreunden, dass seine Weste nicht so weiß war, wie sie glaubten. Denn wie nah Alfi dran war an den Vorgängen, die jetzt auf den Schreibtischen der Fahnder liegen, zeigt das Protokoll eines Treffens vom 26. Juni 2004 in der Bielefelder Villa von Thomas Middelhoff. Der war damals Vorstandsvorsitzender von KarstadtQuelle, und an jenem Tag wurde besprochen, dass Madeleine Schickedanz weitere 21 bis 30 Prozent der KarstadtQuelle-Aktien erwerben sollte, mit 750 Millionen Euro finanziert durch das Bankhaus Oppenheim sowie die Oppenheim-Esch Holding. Am Ende beschlossen die Anwesenden, »dass Josef Esch Alfred Baron von Oppenheim (...) über sämtliche vorgenannten Punkte und zukünftige Ergebnisse aus Gesprächen und Verhandlungen vollumfänglich informieren darf«. Es schien so, als sei Esch die rechte Hand des Alfred von Oppenheim.

Troisdorf, hier befindet sich Eschs Firmenzentrale. Es ist ein Bau ohne jeden Glamour, so als wolle man bloß nicht auffallen. Braune Stahlträger, schmucklose Fensterfassade. Bemerkenswert sind nur die vielen Kameras, die einen ständig beobachten. Per Dienstanweisung hat der Chef bestimmt, was er von seinen Mitarbeitern erwartet: Keine Turnschuhe, keine Tattoos, dezente Kleidung, Frauen sollen auf tiefe Ausschnitte verzichten.

Josef Esch ist der Inhaber von Consulting Plus, einer der größten Sicherheitsfirmen Deutschlands, und er sah es gerne, wenn seine Kunden sich ebenfalls von seinen Männern bewachen ließen, auch Madeleine Schickedanz. Einer der Menschen, die ihr nahestehen, sagt, Esch habe Schickedanz erzählt, der »Mami«, Gräfin Ullmann, sei ein abgeschnittener Finger per Post zugesandt worden. Angeblich war das eine Warnung, gut auf die Kinder aufzupassen. Die Botschaft: Die Welt da draußen ist gefährlich, lasst euch beschützen. Zwei Wochen später ließ sich Madeleine Schickedanz dann tatsächlich von zwei Esch-Männern auf Schritt und Tritt begleiten. Esch bestreitet die Geschichte mit dem Finger.

Warum die eigene Flugzeugflotte, die eigene Sicherheitsfirma, warum dieses Martialische? Das würde man Esch gerne persönlich fragen, aber bis auf eine kurze E-Mail tritt er nicht in Erscheinung. Beim Termin in Troisdorf lässt er nur drei Fotos von sich überreichen. Den Text dazu müssen seine beiden Geschäftsführer liefern. Im kleinen Besprechungszimmer, in dem es belegte Brötchen, Wasser und Kaffee gibt, sitzen seine beiden engsten Mitarbeiter, schillernde Leute. Der eine heißt Lothar Ruschmeier, 66 Jahre alt, auf den ersten Blick sympathisch, Typ netter Großvater. Er war jahrelang Stadtdirektor in Köln, eine von Eschs wichtigsten Kontaktpersonen. Als Stadtdirektor verhandelte er Mitte der neunziger Jahre das Projekt Kölnarena mit Eschs Fonds. Ruschmeier war verstrickt in verschiedene Affären, und er war lange ein Hoffnungsträger seiner Partei, der SPD. Als Wolfgang Clement 1998 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen geworden war, erzählt Ruschmeier, habe Clement ihn zum Leiter der Staatskanzlei machen wollen. Doch er, Ruschmeier, habe absagen müssen, er hätte gerade bei Josef Esch unterschrieben.

Der zweite Mann im Besprechungszimmer heißt Dirk Froese, Anwalt und Architekt. Er hat viel Zeit damit verbracht, für Middelhoff eine Villa in Frankreich zu kaufen. Und er hat fast jeden Vertrag formuliert, den Madeleine Schickedanz im Rahmen ihrer Geschäfte mit Esch und Sal. Oppenheim unterschrieben hat. Sowohl Middelhoff als auch Schickedanz haben Klagen gegen Esch vorbereitet. Aus dem Freund wurde ein Feind. Wenn er über Middelhoff redet, wirkt Froese künstlich distanziert, auch wenn er von seinem Duzfreund Thomas spricht.

Es war ein zweistelliger Millionenbonus, den Bertelsmann Middelhoff für den 7,5-Milliarden-Euro-Verkauf des Konzerns AOL an Time Warner im Jahr 2000 zahlte. Was tun mit dem Geld? Der damalige Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer empfahl Middelhoff die Privatbank Sal. Oppenheim, die Bank empfahl ihm Josef Esch und dessen Family-Office. Middelhoff träumte von einer Wunderjacht und einem Wunderdomizil in Saint-Tropez. Esch legte das Geld in seinen Immobilienfonds an und kümmerte sich um Middelhoffs Träume. Und Froese war der Mann, der das alles verwirklichte. Unheimlich anstrengend sei es gewesen, sagt Froese, allein das Ferienhaus. Middelhoff habe bereits Möbel hineingestellt, obwohl die Verkaufsverhandlungen noch gar nicht abgeschlossen gewesen seien. Froese erzählt, wie Middelhoff anrief: Er sei in dem Haus in Saint-Tropez, und jetzt stehe der Gerichtsvollzieher vor der Tür, um ihn rauszuwerfen. Besonders unangenehm sei gewesen: Middelhoff war mit dem gesamten Bertelsmann-Vorstand dort. Froese sagt, er erzähle dies nur, um zu zeigen, wie unprofessionell Middelhoff sich oft verhalten habe. Es sei auch unprofessionell, ergänzt Ruschmeier, wenn man im Jahr rund 1,5 Millionen Euro Unterhalt für eine Jacht zahlen müsse und nicht darüber nachdenke, wie viel man dafür verdienen müsse. Middelhoff, von der ZEIT dazu befragt, möchte die Geschichte mit dem Haus und der Jacht nicht kommentieren.

Wir sind die Professionellen, das ist die Botschaft, und die anderen sind es nicht. Eigene Fehler? Könnten sie nicht erkennen, sagen Ruschmeier und Froese. Selbstzweifel sind in der Firma Esch noch nicht angekommen, obwohl die Staatsanwaltschaft sowohl gegen Ruschmeier als auch gegen Froese wegen Beihilfe zur Untreue ermittelt, als Geschäftsführer verschiedener Esch-Firmen. Ruschmeier und Froese weisen diesen Verdacht zurück. Eine Sache regt die beiden besonders auf. Alle sagten jetzt, es gebe nur einen Bösen im Spiel: Josef Esch, den Teufel. Froese sagt: Da gibt es die reichsten Leute der Republik, da gibt es einen Manager, den man zum Heilsbringer erklärt hatte, da gibt es Banker, die in Amerika ausgebildet wurden – und da gibt es einen kleinen stämmigen Polier. »Und der soll alle in den Abgrund gerissen haben. Da kann ich nur sagen: Wie bitte?«

Noch zwei Puzzlestücke, präsentiert von Madeleine Schickedanz’ Anwälten. Sie dienen ihnen als Beweise dafür, wie sehr Josef Esch mit Illusionen gehandelt habe. Das eine ist der Vertrag zur Gesamtvermögensverwaltung durch Josef Esch, den Madeleine Schickedanz 2003 unterschrieb. Unten, wo der Vertrag besiegelt wird, hat sie ihren Namen in runden, ordentlich ausgeschriebenen Buchstaben unter das einseitige Schriftstück gesetzt. Ein Mal. Sieben Mal ihr Mann Leo Herl. Für die Schickedanz Holding, die Gustav-Schickedanz-Stiftung, die Schickedanz Beteiligungsgesellschaft, die Schickedanz Gesellschaft mbH, die Schickedanz Vermögensverwaltung und so weiter. Sieben dynamische Krakler. Wer diese Linien betrachtet wie die Lebenslinien zweier Menschen, der versteht schnell, wer die Geschäfte führte. Noch mehr sagt dieser Vertrag allerdings über Josef Esch aus. Der Mann, der so häufig unsichtbar bleibt, bleibt es auch hier. Denn neben den Unterschriften von Madeleine Schickedanz und ihrem Mann bleibt eine Zeile leer. Josef Esch hat den Vertrag nie gegengezeichnet. Er tat gut daran, es zu unterlassen – denn nun kann er sagen, ihm sei nichts vorzuwerfen, obwohl Madeleine Schickedanz’ Vermögen unter seinen Händen schmolz wie ein Eisblock am Strand: von knapp zwei Milliarden Euro auf eine Summe, die ihre Anwälte im Minusbereich festmachen für den Fall, dass sie die noch ausstehenden Kredite bei Sal. Oppenheim in Höhe von 550 Millionen Euro zurückzahlen würde.

"Mit Plain Vanilla war kein Geld mehr zu machen"

Das andere Dokument ist ein Schuldbeitritt der Josef Esch Fonds-Projekt GmbH über 170 Millionen Euro, den Madeleine Schickedanz am 4. November 2004 mit »Zur Kenntnis genommen« abzeichnete. Dies war der Tag, an dem sie auch den dazugehörigen Kredit über 170 Millionen Euro bei der Bank Sal. Oppenheim aufnahm, um, wie es in der Klageschrift heißt, auf Eschs Geheiß KarstadtQuelle-Aktien zu kaufen. Wegen des Schuldbeitritts glaubte Madeleine Schickedanz, dass ihr selbst kein finanzielles Risiko aus den Aktienkäufen entstehen werde. Ein Schuldbeitritt, das bedeutete: Wenn die Aktien an Wert verlieren, steht die Josef Esch Fonds Gesellschaft für die 170 Millionen bei der Bank ein. Doch was Madeleine Schickedanz übersah: Josef Esch hat auch den Schuldbeitritt niemals gegengezeichnet. Auch in der Bank sind diese Schriftstücke unbekannt. Eschs Anwälte sagen heute, der Schuldbeitritt sei erkennbar nur ein Entwurf gewesen, er sei nie dem Bankhaus übergeben worden. In den Augen von Schickedanz’ Anwälten war das arglistige Täuschung, von einem bloßen Entwurf sei nie die Rede gewesen.

Anfangs traute Schickedanz dem lauten, stiernackigen Esch nicht

Für Madeleine Schickedanz stellte sich die Situation im Frühjahr 2002, als sie Josef Esch zum ersten Mal traf, so dar: Da ist jemand, der hat Interesse an den Immobilien von KarstadtQuelle, hat Leo Herl, ihr Mann, gesagt. Madeleine Schickedanz sitzt auf der Fensterbank, als Esch die Treppe ins Wohnzimmer ihrer Villa in St. Moritz hochsteigt. Er will sich als neuer Vermögensverwalter bewerben. Aber die Chemie stimmt nicht. Hier die schmale, zurückhaltende Dame, die mit 59 Jahren immer noch mädchenhaft wirkt, dort der stiernackige, laute Esch. Außerdem hat Madeleine Schickedanz seit Jahrzehnten eine hauseigene Vermögensverwaltung. Es herrscht gemütliche Beamtenmentalität. Gegen den exzellent vernetzten Josef Esch mögen die altgedienten Vermögensverwalter wie Gartenzwerge wirken, aber Madeleine Schickedanz ist zufrieden mit ihren Zwergen. Warum soll sie etwas ändern?

Sie hat schon Kontakt zum Bankhaus Oppenheim, dort hat sie 2001 einen Kredit über 120 Millionen Euro aufgenommen, mit dem sie ihr Karstadt-Aktienpaket aufstocken wollte. Die verschiedenen Schickedanz-Familienzweige hatten damals beschlossen, ihre bislang gepoolten KarstadtQuelle-Aktien aufzuteilen. Dadurch hatte Madeleine Schickedanz ihre Anteilsmehrheit verloren. Die wollte sie durch einen Zukauf wieder erreichen. Kurz darauf hatte ihr der Chef der Bank, Matthias Graf von Krockow, sehr freundlich geschrieben. Auf diesem schönen Briefpapier mit dem großen geschwungenen Sal.-Oppenheim-Schriftzug hatte er sich bei ihr für das Vertrauen bedankt. Bis dahin hatte ihr Ehemann Leo Herl alle Gespräche mit der Bank geführt. Es war eine Rollenverteilung, die zu Madeleine Schickedanz passte. Sie hatte die Welt am Arm ihrer drei Ehemänner kennengelernt. Ihr Betriebswirtschaftsstudium hatte sie nach ihrer ersten, frühen Heirat mit 22 Jahren im zweiten Semester abgebrochen. Seitdem vertraten sie ihre Männer stets als Bevollmächtigte im Aufsichtsrat der Firma. Leo Herl ist der dritte Ehemann und der Generalbevollmächtigte seiner Frau in finanziellen Angelegenheiten. »Meine Tochter hat kein richtiges Verhältnis zu Geld. Wenn Sie Madeleine mit zehn D-Mark zum Bäcker schicken, um ein paar Brötchen zu holen, und der sagt: ›Stimmt so‹, glaubt sie ihm das und verlangt kein Wechselgeld«, hat ihr Vater einmal gesagt. Und so betraten auch Josef Esch und Graf von Krockow das Leben der Madeleine Schickedanz durch eine Tür, die ihr dritter Ehemann, Leo Herl, geöffnet hatte. Es sieht danach aus, als habe Esch schon bei diesem ersten Treffen ganz genau gewusst, was er von ihr wollte. Er wollte, behaupten Schickedanz’ Anwälte, mit ihr den Immobilienschatz von KarstadtQuelle heben.

Dem Konzern ging es damals nicht sehr gut, die Fusion von Quelle mit Karstadt hatte Probleme gebracht. Das größte Vermögen steckte in den Immobilien, die waren sechs Milliarden Euro wert. Esch wollte Fonds für solche Immobilien auflegen. Mit dem Geld würde er die Gebäude kaufen, renovieren und an KarstadtQuelle zurückvermieten. Für den Konzern war es nichts anderes als ein Gang zum Pfandleiher. Man verkauft und mietet zurück, zu meist überhöhten Konditionen. Für Esch hätte es bedeutet, dass er genügend Immobilien hätte, um die steigende Nachfrage seiner reichen Kunden nach lukrativen Anlagemöglichkeiten zu befriedigen. Denn die Kunden drängten nach immer mehr, sie hatten so verdammt viel Geld. Und der Staat finanzierte Eschs Finanzinstrument durch die Steuerersparnis, die er gewährte. KarstadtQuelle sollte für Josef Esch das Geschäft seines Lebens werden.

Was man dazu brauchte, war jemand, der sich gut führen ließ. Eine schwache Königin. Madeleine Schickedanz. Sie hielt seit den Zukäufen 2001 wieder die Mehrheit an KarstadtQuelle, ihr Mann war im Aufsichtsrat, sie besaß eines der größten Privatvermögen Deutschlands, und sie hatte keine Ahnung vom Geschäft. Es gibt ein Papier vom 21. August 2001, das nach Meinung der Schickedanz-Anwälte zeigt, wie Esch schon damals, zwei Jahre bevor er ihr Vermögensverwalter wurde, mit einer verdeckten Machtergreifung begonnen hat. Darin legen Esch und Froese ihre Grundidee fest, die immer wieder verfeinert wurde. Letztlich ging es darum, dass man die Aktienmehrheit von KarstadtQuelle sowie einen Vertrauten im Aufsichtsrat des Konzerns brauche, um an den Immobilienschatz des Unternehmens zu gelangen. Kurz gesagt: Der Königin Schickedanz sollte der passende Springer zur Seite gestellt werden.

Nach seinem missglückten Antrittsbesuch bei Madeleine Schickedanz in St. Moritz – »der Josef ist beim Erstkontakt nicht gut«, sagt einer, der bei solchen Terminen dabei war – tritt der Rest der Truppe in Aktion. Zufälligerweise gehört den Ullmanns das Nachbargrundstück in St. Moritz. Die Bankiers treffen sich gerne mal auf einen Wein bei ihr. Auch Graf von Krockow ist oft mit von der Partie. Irgendwann bietet Krockow ihr an, in dem Immobilienfonds »Rheinhallen« von Oppenheim/Esch zu investieren. Die Leute aus Schickedanz’ hauseigener Vermögensverwaltung prüfen, und am 3. Dezember 2002 nimmt Madeleine Schickedanz ein Darlehen in Höhe von 14,9 Millionen Euro bei Sal. Oppenheim auf. Die Königin hat sich bewegt. 2003 ist es so weit, sie unterschreibt den Vertrag, der Josef Esch zu ihrem Vermögensverwalter macht. Wie selbstverständlich geht Esch zum Du über. Und er versteht sein Geschäft mit den Nöten der Reichen: Als es Madeleine Schickedanz’ Enkelsohn bei einem Urlaub in ihrer Villa bei Barcelona schlecht geht, ruft sie bei Esch an. Und als er ihr versichert, dass er das Kind jederzeit ausfliegen könne, ist sie erleichtert. Ich bin dein Josef, sagt er, ich bin da. Es geht dem Jungen dann schnell besser, sodass der Krankentransport nicht nötig ist. Eschs Angebot aber vergisst sie ihm nie.

Mittlerweile hat Esch einen Kooperationsvertrag mit KarstadtQuelle. Wolfgang Urban, der neue Chef des Konzerns, ist ein Vertrauter von Esch. Man hat sich auf den Verkauf von Kaufhaus-Immobilien in Potsdam, Leipzig, München, Karlsruhe und Wiesbaden geeinigt. Doch schon im Jahr 2004 verlangen die Wirtschaftsprüfer von KarstadtQuelle sogenannte Drohverlustrückstellungen von 175 Millionen Euro, da die hohen, langfristigen Mieten den Konzern enorm belasten würden. Damit funktioniert das Fondsmodell nicht mehr, der Plan für die Schatzsuche muss geändert werden.

Jetzt, so sehen es Schickedanz’ Anwälte, seien Esch und die Oppenheim-Chefs auf die Idee verfallen, sich die 100-prozentige Aktienmacht im Konzern zu sichern. Esch habe seine Königin einsetzen wollen. Denn die brauchte er, um die kapitalmarktrechtlichen Übernahmevorschriften zu umgehen. Das geht aus dem Protokoll eines Treffens hervor, an dem Schickedanz, ihr Mann Herl, Middelhoff und Esch teilnahmen. Anfang 2004 plädieren Graf von Krockow und Christopher von Oppenheim in einer Gesellschafterversammlung von Sal. Oppenheim dafür, dass die Bank weitere Aktienzukäufe durch Madeleine Schickedanz finanziert. Doch mehrere Gesellschafter halten die Risiken für zu groß. Als bei der Abstimmung die nötige Einstimmigkeit verfehlt wird, kündigt Graf von Krockow daraufhin laut dem Gedächtnisprotokoll eines der Anwesenden an: »Dann kaufen wir eben außerhalb der Bankenrisikoebene weiter.« Von Krockow begründet später in einer Krisensitzung nach der Pleite von Arcandor 2009, warum sie damals so handelten: »Mit Plain Vanilla«, also normalen Bankgeschäften, »war kein Geld mehr zu machen«. Wenn andere Banken Renditen von 25 Prozent anstrebten, musste auch eine Bank wie Oppenheim mitziehen.

Middelhoffs Geschäfte sind nur ein Strohfeuer

Die Suche nach immer neuem Geld »außerhalb der Bankenrisikoebene« führt zu einer denkwürdigen Sitzung des Kreditausschusses der Kölner Stadtsparkasse am 13. September 2005. Die Firma ADG Allfinanz, hinter der das Quartett Krockow, Ullmann, Oppenheim und Esch steckt, hat einen Kredit in Höhe von 700 Millionen Euro beantragt – für den Erwerb von KarstadtQuelle-Aktien. Die Kölner Sparkasse stimmt dieser ungeheuerlichen Summe zu, wie eine handschriftliche Notiz des damaligen Sparkassen-Chefs an Esch zeigt: Die 700 Millionen könnten abgerufen werden. Dass es dann doch nicht dazu kommt, vermutlich weil das Geschäft wegen des kurzfristig gestiegenen Kurswertes der KarstadtQuelle-Aktien einfach zu teuer wurde, ist ein großes Glück für die Sparkasse. Ihr Boss – das zeigen die Unterlagen – wäre bereit gewesen, die Sparkasse in ein unüberschaubares Abenteuer zu stürzen. Die Sparkasse äußert sich dazu auf Anfrage der ZEIT nicht.

2004 gehen bei KarstadtQuelle die Umsätze aber erst einmal drastisch zurück, es wird bekannt gegeben, dass 8000 Stellen gestrichen und 77 der 189 Warenhäuser geschlossen werden sollen. Das Unternehmen wackelt, und Esch kündigt Madeleine Schickedanz an: »Ich bring dir den Middelhoff.« Seinen Kunden mit der Nummer 08.00. Die Männer kennen sich gut. Froese hat Middelhoffs millionenschweren Aufhebungsvertrag bei Bertelsmann verhandelt, und er kann darauf bauen, dass Middelhoff eine zweite Chance nutzen würde. Im Juni 2004 wird Thomas Middelhoff Aufsichtsratsvorsitzender.

Ein Strohfeuer brennt ab, ein Plan geht nicht auf

Madeleine Schickedanz ist von Esch beeindruckt. Wie er den Middelhoff aus dem Hut gezaubert hat. Für sie lebt Esch in einer Welt der Netze, der Kontakte, der kurzen Wege. Und das ist es, wie sie glaubt, was KarstadtQuelle braucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Als Esch ihr in St. Moritz erklärt, dass das Unternehmen neues Geld brauche, um eine Insolvenz zu vermeiden, nimmt Schickedanz am 4. November 2004 ein Darlehen von 170 Millionen Euro bei Sal. Oppenheim auf, um sich an einer Kapitalerhöhung zu beteiligen. Schickedanz behauptet, Esch habe ihr zugesichert, dass für sie damit kein Risiko verbunden sei. Und Esch hat noch mehr zu bieten. Am 4. April 2005 unterschreibt Schickedanz ein weiteres Darlehen über 50 Millionen Euro zum erneuten Kauf von Aktien. Am 25. April 2005 unterschreibt sie das dritte Darlehen über 372 Millionen Euro, den ADG-Kredit. Es ist der Kredit, der die Gesellschafter von Sal. Oppenheim nach der Arcandor-Pleite so fassungslos machte, weil sie nichts davon wussten.

Warum Madeleine Schickedanz das alles tut? Weil Esch ihr 30 Prozent des möglichen Aktiengewinnes verspricht? 70 Prozent wollten sich, so die Anwälte von Madeleine Schickedanz, Esch, der Graf, der Freiherr, der Baron und ihre Familien teilen. Esch bestreitet diese Absprache. Madeleine Schickedanz sagt, sie habe sich nach dem ersten Kredit in einer solchen Abhängigkeit von der Bank und Esch befunden, dass sie einfach nicht mehr zurückgekonnt habe. Und Esch habe ihr immer wieder bestätigt, dass sich die Dinge gut entwickelten – Esch dementiert heute, Schickedanz zum wiederholten Aktienkauf geraten zu haben.

Eine Zeit lang sieht es gut aus. Im Mai 2005 wird Middelhoff zum Vorstandschef von KarstadtQuelle. Am 8. Mai 2005 sagt er auf einer Pressekonferenz: »Der Kurs hat sich im Jahr 2005 verdreifacht. Er ist der Top-Performer im MDax.« Dann kündigt Middelhoff den Verkauf aller Immobilien an. Der Aktienkurs steigt weiter. Jetzt scheint Esch die Machtübernahme zu entgleiten, denn Middelhoff lässt sich nicht so führen wie Schickedanz. Er macht sich daran, seinen Heldenstatus neu aufzubauen. Im März 2006 verkauft er die Hälfte der Immobilien für 3,7 Milliarden Euro an eine Gesellschaft von Goldman Sachs Germany, Highstreet. Deren Chef Alexander Dibelius ist mit Middelhoff gut bekannt. Die Finanzwelt spricht von einem »Monsterdeal«, der Aktienkurs steigt auf ein Rekordhoch. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für Madeleine Schickedanz, sich von einigen ihrer Aktien zu trennen und sich zu entschulden. Sie sagt, sie habe Esch mehrmals gebeten zu verkaufen. »Das macht die Bank nie, da kannst du dir eher eine Kugel durch den Kopf schießen!«, habe er sie angebrüllt. Esch bestreitet das. Frau Schickedanz habe sogar ein Kaufangebot, das er ihr übermittelt habe, abgelehnt.

Und dann sinkt der Aktienkurs des Konzerns plötzlich wieder. Middelhoffs Geschäfte sind nur ein Strohfeuer. Im Jahr 2008 übernimmt Sal. Oppenheim knapp 20 Prozent der Aktien von Madeleine Schickedanz zu einem Tiefpreis von 1,91 Euro. Sal. Oppenheim besitzt jetzt eine direkte Beteiligung in Höhe von rund 29,5 Prozent an Arcandor, dem Konzern, in dem KarstadtQuelle aufging. Doch auch Eschs Plan, über die Aktienmehrheit an die verbleibenden Immobilien zu kommen, geht nicht auf. Die Bankenaufsicht ist mittlerweile bei Oppenheim tätig. Sie verlangt mehr Sicherheiten, um das enorme Risiko der Arcandor-Aktien abzusichern. Dieses Risiko soll nun noch stärker auf Madeleine Schickedanz abgewälzt werden, sagen ihre Anwälte.

Am 17. Oktober 2008 sitzt Madeleine Schickedanz in Eschs Firmenjet am Kölner Flughafen und verpfändet einen Großteil ihres Vermögens. Im Juni 2009 meldet Arcandor Insolvenz an. Mehr als 7.000 Angestellte verlieren ihren Job, Madeleine Schickedanz bleiben von ihrem Milliardenvermögen noch etwa 270 Millionen Euro – und 550 Millionen Euro Schulden. Und Esch? Am 28. März 2011 stimmt der Bürgermeister von Weißenbach am Lech in Tirol dem Verkauf eines Grundstücks von 2748 Quadratmetern an ihn und seine Kundin, die LTU-Erbin Vera Conle-Kalinowski, zu. Dem Vermögenverwalter, dem die Staatsanwaltschaft auf den Fersen ist, sind viele Kunden treu geblieben. Gerade sucht Esch nach einer neuen Bank.