Jetzt kann man allmählich ahnen, wie es weitergehen wird zwischen den Deutschen und ihrem Präsidenten. Christian Wulff wird bleiben, und die Deutschen werden sich dafür schämen. Und alle machen einfach weiter. So wie man ihn bis jetzt kennengelernt hat in seinem persönlichen shitstorm (= Stahlgewitter), lässt sich vorhersagen: Wulff tritt nicht ab, egal, wie viele diabolische Bobbycars, Kochbücher und Mailboxdramolette noch aus seiner Vergangenheit auftauchen werden.

Jene still brütende Mehrheit der Bevölkerung, die den Mann als nicht mehr tragbar empfindet, wird höhnisch grinsen, sobald sie sein Gesicht sieht. Dass das einer Gesellschaft nicht guttut, sieht man an den Italienern und der verdächtigen Zunahme an Magen- und Darmerkrankungen, die dieses jäh gealterte Volk in der Berlusconi-Epoche hinnehmen musste. Da wir uns also auf dreieinhalb peinliche Jahre einstellen müssen, in denen ein mächtiges Ich in den entscheidenden Momenten immer nur »man« sagt, sollten wir anfangen, das Positive der Situation zu suchen.

Sagen wir es so: Wulff hat uns geweckt. Bisherige Staatsoberhäupter strahlten eine moralische Autorität und Unbeirrbarkeit aus, die auf das Volk eher entmutigend wirkten. Wir sanken ermattet im Stuhl zurück: So seriös wie jener sind wir sowieso nicht, also soll der mal an unserer Stelle vorbildlich handeln. Wenn er es tut, müssen wir es nicht mehr tun. Wulffs ausgebufftes volkspädagogisches Verhalten ändert nun die Lage. Er gibt, so könnte man fast glauben, ein schlechtes Vorbild, damit wir alle besser werden. Sein Hebel ist das in diesen Tagen viel erwähnte Fremdschämen: Man möchte keinesfalls so sein wie er.

Im Bestreben, nur nicht wulffisch zu wirken, könnten die Bürger der Schnäppchenrepublik Deutschland im Lauf der kommenden Jahre ihrerseits immer korrekter, seriöser, vorbildlicher werden. Schon hört man im Alltag solche Dialoge: »Ein Upgrade, ein Gratisgetränk, ein kleiner Preisnachlass gefällig? Weil man sich ja kennt beziehungsweise weil man sich im Leben immer zweimal sieht?« – »Ach, lassen Sie mal, ich will hier nicht den Wulff machen! Da zahl ich lieber den vollen Preis!«

Der Dichter Heinrich von Kleist nennt dieses Phänomen einen Fall von »entgegengesetzter Elektrizität«: Zwischen zwei Körpern von entgegengesetzter Ladung bestehe das Bestreben, das ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Sprich: Ein negativ »geladenes« Staatsoberhaupt könnte positiv geladene Staatsbürger hervorbringen.

Unter Theaterleuten kursiert ein wunderbarer Satz: Den König spielen immer die anderen. Gemeint ist dies: Wer einen Mächtigen, ein Oberhaupt darstellt, braucht viele andere, die es ihm glauben oder doch zutrauen, dass er ein Oberhaupt sein könnte. Erst ihr Zutrauen, man kann auch sagen: ihr betäubtes Misstrauen, macht ihn zum König. Christian Wulff hat es nun geschafft, die Deutschen aus dieser Betäubung zu reißen. Der peinliche Staatsschauspieler erinnert an einen Bühnendarsteller, den eine fürchterliche Textschwäche befallen hat, sodass nun 80 Millionen erregte Zuschauer auf ihren Sitzen stehen und dem Mann den Text zuflüstern: Du musst endlich sprechen! Allein es nützt nichts. Wulff sagt nichts, und wenn er endlich spricht, sagt er »man«. Etwa so: »Man kann ja mal ins Straucheln kommen, man muss nur wieder aufstehen.« Dabei ließe sich das Wort »man« auch ganz anders verwenden, nämlich nicht zur rhetorischen Vernebelung, sondern mit dem Ziel der wahrhaftigen Selbstdarstellung. Auf Willy Brandts Grabstein steht: »Man hat sich bemüht.«

Eins sagt Christian Wulff übrigens doch im eigenen Namen: Es komme ihm darauf an, wie man am Ende seiner Amtszeit über ihn urteilen werde. Bis dahin möchte er aber bitte seine Ruhe. Man möge ihm jetzt vertrauen, sagt Wulff, denn in drei Jahren werde man, nein: er, ganz bestimmt »geliefert« haben.

Dieser Präsident hat das Zeug dazu, Geschichte zu machen – als das invertierte Vorbild der Deutschen, als ihre umgekehrte Leitfigur. Du willst dich korrekt verhalten? Dann stell dir vor, was Wulff mutmaßlich täte, und tu das Gegenteil. So könnte er doch noch zur moralischen Instanz werden. Als jenes Spottbild, das wir alle übermalen müssen. Den König spielen immer die anderen? Der alte Theaterspruch könnte in den nächsten Jahren eine völlig neue Bedeutung bekommen.

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