Christian Wulff Den König spielen immer die anderen
Was wird aus den Deutschen, wenn Wulff im Amt bleibt?
© Wolfgang Kumm dpa/lbn

Der Bundespräsident Christian Wulff
Jetzt kann man allmählich ahnen, wie es weitergehen wird zwischen den Deutschen und ihrem Präsidenten. Christian Wulff wird bleiben, und die Deutschen werden sich dafür schämen. Und alle machen einfach weiter. So wie man ihn bis jetzt kennengelernt hat in seinem persönlichen shitstorm (= Stahlgewitter), lässt sich vorhersagen: Wulff tritt nicht ab, egal, wie viele diabolische Bobbycars, Kochbücher und Mailboxdramolette noch aus seiner Vergangenheit auftauchen werden.
Jene still brütende Mehrheit der Bevölkerung, die den Mann als nicht mehr tragbar empfindet, wird höhnisch grinsen, sobald sie sein Gesicht sieht. Dass das einer Gesellschaft nicht guttut, sieht man an den Italienern und der verdächtigen Zunahme an Magen- und Darmerkrankungen, die dieses jäh gealterte Volk in der Berlusconi-Epoche hinnehmen musste. Da wir uns also auf dreieinhalb peinliche Jahre einstellen müssen, in denen ein mächtiges Ich in den entscheidenden Momenten immer nur »man« sagt, sollten wir anfangen, das Positive der Situation zu suchen.
Sagen wir es so: Wulff hat uns geweckt. Bisherige Staatsoberhäupter strahlten eine moralische Autorität und Unbeirrbarkeit aus, die auf das Volk eher entmutigend wirkten. Wir sanken ermattet im Stuhl zurück: So seriös wie jener sind wir sowieso nicht, also soll der mal an unserer Stelle vorbildlich handeln. Wenn er es tut, müssen wir es nicht mehr tun. Wulffs ausgebufftes volkspädagogisches Verhalten ändert nun die Lage. Er gibt, so könnte man fast glauben, ein schlechtes Vorbild, damit wir alle besser werden. Sein Hebel ist das in diesen Tagen viel erwähnte Fremdschämen: Man möchte keinesfalls so sein wie er.
Im Bestreben, nur nicht wulffisch zu wirken, könnten die Bürger der Schnäppchenrepublik Deutschland im Lauf der kommenden Jahre ihrerseits immer korrekter, seriöser, vorbildlicher werden. Schon hört man im Alltag solche Dialoge: »Ein Upgrade, ein Gratisgetränk, ein kleiner Preisnachlass gefällig? Weil man sich ja kennt beziehungsweise weil man sich im Leben immer zweimal sieht?« – »Ach, lassen Sie mal, ich will hier nicht den Wulff machen! Da zahl ich lieber den vollen Preis!«
Der Dichter Heinrich von Kleist nennt dieses Phänomen einen Fall von »entgegengesetzter Elektrizität«: Zwischen zwei Körpern von entgegengesetzter Ladung bestehe das Bestreben, das ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Sprich: Ein negativ »geladenes« Staatsoberhaupt könnte positiv geladene Staatsbürger hervorbringen.
Unter Theaterleuten kursiert ein wunderbarer Satz: Den König spielen immer die anderen. Gemeint ist dies: Wer einen Mächtigen, ein Oberhaupt darstellt, braucht viele andere, die es ihm glauben oder doch zutrauen, dass er ein Oberhaupt sein könnte. Erst ihr Zutrauen, man kann auch sagen: ihr betäubtes Misstrauen, macht ihn zum König. Christian Wulff hat es nun geschafft, die Deutschen aus dieser Betäubung zu reißen. Der peinliche Staatsschauspieler erinnert an einen Bühnendarsteller, den eine fürchterliche Textschwäche befallen hat, sodass nun 80 Millionen erregte Zuschauer auf ihren Sitzen stehen und dem Mann den Text zuflüstern: Du musst endlich sprechen! Allein es nützt nichts. Wulff sagt nichts, und wenn er endlich spricht, sagt er »man«. Etwa so: »Man kann ja mal ins Straucheln kommen, man muss nur wieder aufstehen.« Dabei ließe sich das Wort »man« auch ganz anders verwenden, nämlich nicht zur rhetorischen Vernebelung, sondern mit dem Ziel der wahrhaftigen Selbstdarstellung. Auf Willy Brandts Grabstein steht: »Man hat sich bemüht.«
Eins sagt Christian Wulff übrigens doch im eigenen Namen: Es komme ihm darauf an, wie man am Ende seiner Amtszeit über ihn urteilen werde. Bis dahin möchte er aber bitte seine Ruhe. Man möge ihm jetzt vertrauen, sagt Wulff, denn in drei Jahren werde man, nein: er, ganz bestimmt »geliefert« haben.
Dieser Präsident hat das Zeug dazu, Geschichte zu machen – als das invertierte Vorbild der Deutschen, als ihre umgekehrte Leitfigur. Du willst dich korrekt verhalten? Dann stell dir vor, was Wulff mutmaßlich täte, und tu das Gegenteil. So könnte er doch noch zur moralischen Instanz werden. Als jenes Spottbild, das wir alle übermalen müssen. Den König spielen immer die anderen? Der alte Theaterspruch könnte in den nächsten Jahren eine völlig neue Bedeutung bekommen.
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- Datum 28.01.2012 - 13:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
- Kommentare 67
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trotz der fatalistischen Sichtweise, ohne Zynismus beschrieben, die Causa Wulff einmal anders betrachtet.
Ich decke mich schon mal mit Medikamenten, gegen Magen/Darm und andere krankhafte psychosomatische Begleiterscheinungen ein.
Dann bleibt er halt, für ihn als Strafe, uns zur Mahnung.
Wir sollten ihm die nächsten § 1/2 Jahre dennoch so ungemütlich, wie möglich machen.
Das soll ja kein volkspädagogischer Totalausfall werden, denn sonst brauchen wir uns über Politikverdrossenheit nicht mehr zu wundern.
Auf Wunsch entfernt. Die Redaktion/jz
wunderbar!
Wir sollten ihm die nächsten § 1/2 Jahre dennoch so ungemütlich, wie möglich machen.
Das soll ja kein volkspädagogischer Totalausfall werden, denn sonst brauchen wir uns über Politikverdrossenheit nicht mehr zu wundern.
Auf Wunsch entfernt. Die Redaktion/jz
wunderbar!
Ich kenn mich ja in Jura nicht so aus, aber seltsam finde ich folgendes:
wenn es unter Strafe steht, den Bundespräsidenten zu beleidigen/diffamieren, dann aber ein Gericht urteilt, dass man Wulff wegen der Tatsachen als Lügner bezeichnen darf, ist dann damit nicht bewiesen, dass Wulff den Bundespräsidenten beleidigt hat? Er sollte dafür bestraft werden!
Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: der Artikel ist voll von Fatalismus, was bleibt einem bei so einem penetranten Lügner von Bundespräsidenten auch anderes übrig als dorthin abzurutschen?
Sie hat ihn voll und ganz in ihrer Hand:
Gibt es Widerworte, unbequeme Reden oder verweigert er gar einem verfassungsrechtlich fragwürdigem Gesetz die Unterschrift, fliegen er und seine Gattin binnen kürzester Zeit aus dem Schloss Bellevue.
Wir können sicher sein - in so einem Fall wird das Kanzleramt definitiv etwas finden.
Wulff wird also stets das bleiben, für das ihn Merkel eingestellt hat: ein Parteisoldat.
Sie hat ihn voll und ganz in ihrer Hand:
Gibt es Widerworte, unbequeme Reden oder verweigert er gar einem verfassungsrechtlich fragwürdigem Gesetz die Unterschrift, fliegen er und seine Gattin binnen kürzester Zeit aus dem Schloss Bellevue.
Wir können sicher sein - in so einem Fall wird das Kanzleramt definitiv etwas finden.
Wulff wird also stets das bleiben, für das ihn Merkel eingestellt hat: ein Parteisoldat.
Wir sollten ihm die nächsten § 1/2 Jahre dennoch so ungemütlich, wie möglich machen.
Das soll ja kein volkspädagogischer Totalausfall werden, denn sonst brauchen wir uns über Politikverdrossenheit nicht mehr zu wundern.
...war wohl ein Freudscher. Die Großstelltaste entspringt dem Wunsch, dass da doch einer sitzen möge, der dem Amt gewachsen ist. Und der "Paragraph einhalb" zeigt wie viel von der Rechtmäßigkeit seines Verhaltens aktuell noch übrig ist, auch wenn es vielleicht nur diejenige Hälfte ist, die man ihm einfach noch nicht nachgewiesen hat...
...war wohl ein Freudscher. Die Großstelltaste entspringt dem Wunsch, dass da doch einer sitzen möge, der dem Amt gewachsen ist. Und der "Paragraph einhalb" zeigt wie viel von der Rechtmäßigkeit seines Verhaltens aktuell noch übrig ist, auch wenn es vielleicht nur diejenige Hälfte ist, die man ihm einfach noch nicht nachgewiesen hat...
wunderbarer Kommentar!
Ein Aspekt sei noch ergänzt:
Trösten wir uns, dass wir - wenn er bleibt - immerhin ein wenig Geld sparen, denn auf seinen Kosten bleiben wir ja mit und ohne Rücktritt sitzen.
Ich frage mich was unser Bundespräsident in seinem bisherigen Leben eigentlich mal selbst oder vollständig bezahlt?
Ich frage mich was unser Bundespräsident in seinem bisherigen Leben eigentlich mal selbst oder vollständig bezahlt?
als negatives Beispiel, um zu wissen, dass ein korrektes Verhalten in gewissen Lebenssituationen, nachhaltiger und angebrachter ist.
Dann soll er jetzt einfach weitermachen?
NEIN DANKE!
Er liebt das Schauspielertheater, das seine Kraft aus der Kunst der Darsteller gewinnt. Und ihn faszinieren die großen Theatertexte.
Wulff? Nein Kümmel.
:-)
Herzlichst Crest
P.S.
"You can't keep a good mirror down" (C.) M.a.W. es gibt nichts Sachlicheres als das Vorhalten eines Spiegels (to whom it may concern ;-))
mit Schnürboden (Bundespräsidialamt) und Hauptdarsteller
ist mindestens eine Fußnote in der Theatergeschichte wert. Dank an Peter Kümmel, für seine auf den Punkt gebrachte Theaterkritik!
Nachdem zu Jahresbeginn, ein "hochrangiger Informand" aus Regierungskreisen verlauten ließ, man baue unter Hochdruck an einer "goldenen Brücke" für Wulff, standen die Zeichen auf Hoffnung, das Schauspiel würde auf die Provinzbühne zurückverlagert. Aus besagten "Informierten Kreisen" gingen einige daher davon aus, dass W. in seinem öffentlichen Bühnenauftritt am 4.11. dergleichen zumindest durchblicken lassen würde.
Immerhin ist nicht auszuschließen, dass das Rettungsboot für Deutschlands „umgekehrte Leitfigur“ noch zusammengezimmert werden muss, nachdem sich jener "Brückenbau" entweder als zu schwankend oder zu sparsam "vergoldet" erwiesen hat.
Die gestrige „heute-show“ avancierte nämlich den „König nicht Ich“ endgültig zur kabarett-tauglichsten Gallionsfigur, die den Bug des bundesdeutschen Staatssschiff je zierte.
Vermutlich erscheint dem schiffbrüchigen Capitano nun das verheißene "rettende Ufer" nicht ohne Grund wie eine "Fata Alcantraz" und Bellevue als das eigentliche Rettungsboot, in das er "aus Versehen" reingefallen wurde.
Bei Dr.Merkels neuerlichen mantra-artigen Vertrauensbekundungen könnte es sich daher um psychologisch beabsichtigte De-eskalations-Strategien handeln, wie sie einst bei der "Meuterei auf der Bounty" notwendig wurden.
mit Schnürboden (Bundespräsidialamt) und Hauptdarsteller
ist mindestens eine Fußnote in der Theatergeschichte wert. Dank an Peter Kümmel, für seine auf den Punkt gebrachte Theaterkritik!
Nachdem zu Jahresbeginn, ein "hochrangiger Informand" aus Regierungskreisen verlauten ließ, man baue unter Hochdruck an einer "goldenen Brücke" für Wulff, standen die Zeichen auf Hoffnung, das Schauspiel würde auf die Provinzbühne zurückverlagert. Aus besagten "Informierten Kreisen" gingen einige daher davon aus, dass W. in seinem öffentlichen Bühnenauftritt am 4.11. dergleichen zumindest durchblicken lassen würde.
Immerhin ist nicht auszuschließen, dass das Rettungsboot für Deutschlands „umgekehrte Leitfigur“ noch zusammengezimmert werden muss, nachdem sich jener "Brückenbau" entweder als zu schwankend oder zu sparsam "vergoldet" erwiesen hat.
Die gestrige „heute-show“ avancierte nämlich den „König nicht Ich“ endgültig zur kabarett-tauglichsten Gallionsfigur, die den Bug des bundesdeutschen Staatssschiff je zierte.
Vermutlich erscheint dem schiffbrüchigen Capitano nun das verheißene "rettende Ufer" nicht ohne Grund wie eine "Fata Alcantraz" und Bellevue als das eigentliche Rettungsboot, in das er "aus Versehen" reingefallen wurde.
Bei Dr.Merkels neuerlichen mantra-artigen Vertrauensbekundungen könnte es sich daher um psychologisch beabsichtigte De-eskalations-Strategien handeln, wie sie einst bei der "Meuterei auf der Bounty" notwendig wurden.
Nicht dass ich Wulff für ehrlich, integer oder rechtschaffen hielte oder ihm gar Symphatien entgegenbrächte. Nein, Wulff muss bleiben, weil sich ein schlechtes Vorbild, ein charakterloser Politiker, ein Gesetzesbrecher bestens als Mahnmal gegen eine rücksichtslose, egoistische zur Lobbykratie verkommenen Gesellschaftsordnung eignet und auf diesem leidvollen Wege möglicherweise Denkprozesse und Erkenntnisgewinne in Gang setzt.
PS: Google Aftereightgate Wulff
"PS: Google Aftereightgate Wulff" - 2.000 DM in der Kasse der Jungen Union Osnabrück. - Es ist scheints ein tief verwurzeltes Erfolgsspiel von CW, sich Zustimmungen zu erkaufen (ohne eigene Gelder auszugeben) und die seine zu verkaufen. So schaukeln sich diese Typen gegenseitig hoch. -Und trotz des guten Artikels: Mir gefällt nicht, daß ein solcher Mensch auf diesem Posten verbleibt; deswegen: Bevor ich mir ein Magengeschwür einhandle, bekommt es der, der es verursacht. Also: Der Druck muß bleiben. Auch ein Berlusconi war zu lange auf seinem Posten - ein Honecker u. a. auch! -
"PS: Google Aftereightgate Wulff" - 2.000 DM in der Kasse der Jungen Union Osnabrück. - Es ist scheints ein tief verwurzeltes Erfolgsspiel von CW, sich Zustimmungen zu erkaufen (ohne eigene Gelder auszugeben) und die seine zu verkaufen. So schaukeln sich diese Typen gegenseitig hoch. -Und trotz des guten Artikels: Mir gefällt nicht, daß ein solcher Mensch auf diesem Posten verbleibt; deswegen: Bevor ich mir ein Magengeschwür einhandle, bekommt es der, der es verursacht. Also: Der Druck muß bleiben. Auch ein Berlusconi war zu lange auf seinem Posten - ein Honecker u. a. auch! -
...war wohl ein Freudscher. Die Großstelltaste entspringt dem Wunsch, dass da doch einer sitzen möge, der dem Amt gewachsen ist. Und der "Paragraph einhalb" zeigt wie viel von der Rechtmäßigkeit seines Verhaltens aktuell noch übrig ist, auch wenn es vielleicht nur diejenige Hälfte ist, die man ihm einfach noch nicht nachgewiesen hat...
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