Gern kritisieren Politiker die deutsche Mitnahmementalität. Die Angewohnheit, so viele Leistungen vom Staat mitzunehmen, wie man nur kriegen kann. An einer Stelle erachten sie die allerdings als wünschenswert – doch will sie sich genau da nicht so richtig einstellen: bei der betrieblichen Altersvorsorge . Die wird satt gefördert, aber sie findet weit weniger Anklang, als es sich Rentenexperten wünschen. Einige Politiker überlegen daher sogar, die betriebliche Altersvorsorge zur Pflicht zu erheben.

In Frankreich und der Schweiz gibt es so eine Pflicht, bei den Niederländern ist die Betriebsrente über die Tarifverträge geregelt und damit quasi-obligatorisch. In Großbritannien kann der Arbeitnehmer zwar wählen, ob er sich über die Firma, über einen individuellen Vertrag oder über ein staatliches Universalprodukt absichern will, aber eines dieser Angebote muss er nutzen. Der Effekt des Sparzwangs: In der Schweiz und den Niederlanden haben mehr als 90 Prozent der Beschäftigten Anspruch auf die Zusatzrente. Und die macht später 30 bis 50 Prozent ihrer Altersbezüge aus. Größenordnungen, von denen man hierzulande nur träumen kann.

Im europäischen Vergleich der Betriebsrenten schneidet Deutschland schlecht ab. Zwar hat sich auch hierzulande die Quote der Betriebssparer erhöht, seit den neunziger Jahren aber stagniert sie. Daran änderte auch die gesetzliche Neuregelung nicht viel, wonach seit 2002 jeder Beschäftigte einen Rechtsanspruch auf Entgelt-Umwandlung hat, also darauf, dass der Arbeitgeber einen bestimmten Teil des Gehalts für ihn in einen Vertrag einzahlt. Damit versuchte die Regierung, die Quote der Betriebsrentner zu steigern, um die Lücke zu schließen, die später die gesetzliche Rente lassen wird. »Denn die Höhe der gesetzlichen Rente befindet sich im Sinkflug«, stellt Diether Döring fest, der Professor für Sozialpolitik und Finanzwissenschaft an der Europäischen Akademie ist. »Die Zahl der Menschen wächst stark, die später trotz lebenslanger Arbeit und Beitragszahlung nur eine Grundsicherung bekommen werden.« Darum würde er den Zwang zur Betriebsrente befürworten.

Zusätzlich vorsorgen müssen die Beschäftigten ohnehin, wenn sie ihren Lebensstandard im Alter halten wollen. Und bei der Betriebsrente haben sie den Vorteil, dass ihnen der Staat Steuern und Sozialversicherungsbeiträge auf die Sparbeiträge erlässt. Das erlaubt es ihnen, viel mehr Geld zurückzulegen, als sie vom Nettoverdienst in private Verträge einzahlen könnten.

Spart ein Angestellter mit 35.000 Euro Bruttojahreseinkommen 166 Euro pro Monat (also 2.000 Euro im Jahr), verzichtet der Fiskus auf Steuern und Abgaben in Höhe von knapp 1.000 Euro. Die hätte der Sparer nicht zur Verfügung, wenn er stattdessen auf eigene Faust etwas von seinem Nettogehalt zurücklegte. Oft genug gibt der Arbeitgeber bei der Betriebsrente sogar noch einen Zuschuss dazu, denn auch er spart bares Geld: Für jeden Euro, den er an betriebliche Versorgungssysteme weiterleitet, muss er keine Sozialabgaben zahlen, weil der Lohn des Angestellten ja nominell sinkt. Deshalb bieten die allermeisten Firmen ihren Mitarbeitern solche Verträge an.

Nur nutzen die Beschäftigten sie viel zu selten. Mehr als jeder dritte Arbeitnehmer hat keinen Vertrag. Und wer spart, macht das viel zu zaghaft, meist mit weniger als 900 Euro pro Jahr. So macht das Geld aus den Versorgungskassen später nicht die Hälfte der Rente aus wie in der Schweiz, sondern nur einen mickrigen Anteil von fünf Prozent. Viele Finanzexperten sind ratlos, warum das so ist, schließlich liegt die Förderquote bei 40 oder 50 Prozent, so viel bekommt der Vorsorger zunächst von Firma und Staat geschenkt. Warum also nicht zugreifen?

Zum einen glauben viele, sie legten bereits genug Geld fürs Alter zurück – womit sie sich überschätzen. Andere fühlen sich vom Konzept Betriebsrente überfordert, und nur jeder Dritte kennt überhaupt seinen Rechtsanspruch, wie eine Befragung der Gothaer Versicherung ergab. Oder sie verstehen die verschiedenen Sparvarianten nicht – was kein Wunder ist. Erst recht nicht, wenn man sich die Informationsbroschüren durchliest, falls die überhaupt ausgehändigt werden. Das alles halten selbst Finanzexperten wie Döring für »viel, viel zu kompliziert«.