Film "The Descendants"Familie halt

Die Familientragikomödie "The Descendants" ist für fünf Oscars nominiert. George Clooney brilliert, aber der Film will es nach schlichten Rezepten nur allen recht machen. von Maximilian Probst

Das Erfolgsrezept von Regisseur Alexander Payne ist, wie alle solche Rezepte, schön schlicht: Er serviert uns in seinen Filmen menschliche Schwächen – gießt aber großzügig eine Soße der Versöhnung drüber. Nach About Schmidt und dem oscargekrönten Sideways folgt nun The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten diesem Prinzip. Einen Golden Globe als bester Film der Kategorie Drama hat er damit kürzlich schon eingeheimst.

Die im Titel The Descendants angesprochene Nachkommenschaft sind der von George Clooney gespielte Anwalt Matt King und seine weitverzweigte Familie, in der das königliche Blut einer hawaiianischen Prinzessin fließt. Weit wichtiger aber: Die Sippe der Kings ist im Besitz des kostbaren Erbes ihrer illustren Vorfahren, eines unberührten, paradiesischen Küstenstreifens auf der hawaiianischen Insel Kauai. Matt ist der Treuhänder des Grundstücks. Von seinen Cousins und Cousinen wird er gedrängt, es an einen Immobilienentwickler zu verkaufen, der es in Golfplätze und Apartment-Anlagen verwandeln will. Auch Matt ist dem Deal anfangs nicht abgeneigt: "Das Paradies", sagt er, "kann mich mal."

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Bevor es aber dazu kommt, verunglückt Matts Frau Elizabeth (Patricia Hastie) beim Wasserski. Nur künstlich und im Koma kann sie noch am Leben gehalten werden. Matt hingegen findet mit dem Ereignis zum Leben zurück, von dem er sich als zynischer Workaholic auf seine Weise zuvor verabschiedet hatte. Jetzt erst realisiert er, was für zwei reizende, renitente Töchter er hat. Jetzt erst realisiert er aber auch, dass seine Frau ihm untreu war. Empört macht er sich mit der zehnjährigen Scottie (Amara Miller) und der 17-jährigen Alexandra (Shailene Woodley) auf die Suche nach dem Geliebten. Als sich herausstellt, dass es sich um einen Immobilienmakler handelt, der sich gerade auf Kauai aufhält, also just auf der Insel, wo die Kings ihr Land verkaufen wollen, dämmert dem Zuschauer, wie die Sache weitergehen wird.

The Descendants will eine Tragikomödie sein. Sterbebegleitung, zerrüttete Familie, Betrug und Gier: Diesen harten Stoff lockert Payne auf, indem er das Personal des Films sich ständig danebenbenehmen lässt. Unüberbietbar: Matts Auftritt im Krankenhaus, in dem er die komatöse Elizabeth laut schreiend bezichtigt, sein Leben zu zerstören. Wen aber dieses Grundmotiv des Films nicht überzeugt – ein Ehemann, der sich bemüht, mit der Affäre seiner im Sterben liegenden Frau zurande zu kommen –, wem dieses Motiv reichlich bieder erscheint, der wird den Film womöglich weder tragisch noch lustig finden, sondern allenfalls albern. Und wenn Matt am Ende seiner Frau verzeiht, wenn das schlechte Wetter weggeblasen ist, das das Paradies demonstrativ verhangen hat und sich Hawaii doch noch von seiner bekannten Ansichtskartenseite präsentiert, könnte man entweder meinen, voll auf seine Kosten gekommen – oder aber nach einer schlichten, allzu schlichten Rezeptur abgespeist worden zu sein.

Bleibt noch George Clooney, ohne den keine Szene des Films auskommt und dem Payne viel aufgebürdet hat: Hüftsteif spielt er den düpierten Ehemann, honorig den Anwalt und heillos überfordert den Vater. Keine Frage, Clooney kann das alles, dafür bekam der Film seinen zweiten Golden Globe. Nur fügen sich Clooneys verschiedene Rollen nicht zu einem Charakter, dem man Glauben schenkt.

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Das ist das Dilemma von The Descendants : Der Film will es allen recht machen. Dennoch gilt er als heiß gehandelter Oscar-Anwärter. Was sagt uns das? Nichts über den Film, sollte er tatsächlich mit Auszeichnungen bedacht werden. Viel aber über die Mutlosigkeit derer, die sie vergeben.

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Leserkommentare
    • Infamia
    • 26. Januar 2012 16:10 Uhr

    Ich habe den Film bereits gesehen und mir gefiel er. George Clooney spielt wirklich gut. Allerdings kann ich nicht wirklich erkennen, ob das jetzt alles oscarreif war und ist. Aber vielleicht macht ja gerade das den Charme des Films aus. Kein 3D, keine Special Effects bis man völlig überdreht das Kino verlässt, keine übertriebene Melodramatik, sondern einfach nur ein unaufgeregter Film, deren Charaktere glaubwürdig das spielen, was die Handlung ausmacht. Denn es handelt sich um ein Drama und das ist es in der Tat.

    Eine Leserempfehlung
  1. Die Lektüre der Filmkritk von "Descendants" war vergnüglich, wie es sicher auch der Film sein wird trotz des dramatischen Hintergrundgeschehens.
    Mir fällt auf, dass bei manchen Filmkritiken das dem Drehbuch zu Grunde liegende Buch nicht erwähnt wird, als wäre es ein Gebot, die Sparten nicht zu mischen. Durch meinen Filmblog kann ich jedoch gut feststellen, dass viele Leser gerade über den Drehbuchautor oder den Schriftsteller auf meinen Blog kommen. Daher glaube ich, dass es außer mir noch mehr Kinofreunde gibt, die sich auf für den Aspekt der Literaturverfilmung, der Rezeption der Werke oder einfach nur für den Ausgangstext interessieren würden.

  2. Gut dass ich erst den Film geschaut und dann diesen Text gelesen habe. Es wäre doch nicht nötig, die Handlung komplett nachzuerzählen, oder!? Ganz und gar nicht wurde ich mit einer allzu schlichten Rezeptur abgespeist. Im Gegenteil mich hat das Unaufgeregte des Films überzeugt, Clooney übrigens auch.

    Und über Mutlosigkeit zu sprechen, bevor die Oscars noch vergeben sind, hat wohl wirklich weniger mit den Qualitäten des Films zu tun. Vielleicht aber mit Empathielosigkeit derer, die ihn nicht mögen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...sind grundsätzlich ein einziges Ärgernis, da sie immer das Ende der Geschichte und meist auch die vollständige Geschichte verraten...

    Nachdem man aber schon mehrmals einen Film nicht gesehen hat, da die Rezension hier alles kaputt gemacht hat, in dem sie das spannungsgeladene Ende vorwegnahm, gewöhnt man sich aber an, es am besten völlig zu boykottieren (es sei denn, man hat gestern Abend einen Film im Kino gesehen und möchte lesen, was andere dazu denken) ...

    Ich hab jetzt mal willkürlich eine Kritik ausgewählt (aus guten Gründen von einem Film der mich nicht so interessiert...), und siehe da :

    Gleich am Anfang wird schonmal die Geschichte in groben Zügen erzählt, am Schluss dann nochmal das komplette Ende aus Sicht des Protagonisten, incl. Pointe...

    http://www.zeit.de/2011/4...

    Vermutlich hat Frau Radisch sogar bei the sixt sense das Ende verraten, es ist so bitter...

  3. ...sind grundsätzlich ein einziges Ärgernis, da sie immer das Ende der Geschichte und meist auch die vollständige Geschichte verraten...

    Nachdem man aber schon mehrmals einen Film nicht gesehen hat, da die Rezension hier alles kaputt gemacht hat, in dem sie das spannungsgeladene Ende vorwegnahm, gewöhnt man sich aber an, es am besten völlig zu boykottieren (es sei denn, man hat gestern Abend einen Film im Kino gesehen und möchte lesen, was andere dazu denken) ...

    Ich hab jetzt mal willkürlich eine Kritik ausgewählt (aus guten Gründen von einem Film der mich nicht so interessiert...), und siehe da :

    Gleich am Anfang wird schonmal die Geschichte in groben Zügen erzählt, am Schluss dann nochmal das komplette Ende aus Sicht des Protagonisten, incl. Pointe...

    http://www.zeit.de/2011/4...

    Vermutlich hat Frau Radisch sogar bei the sixt sense das Ende verraten, es ist so bitter...

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