Es sieht aus wie die Skyline von Manhattan, wenn man von Brooklyn über den East River schaut. Nur dass dort, wo eigentlich die Freiheitsstatue ihre Fackel in die Luft strecken müsste, der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz in die Luft ragt. Jetzt landet ein Hubschrauber, ein Herr steigt aus und wird von seinem Chauffeur im Bentley in Empfang genommen. Während die Limousine am Wasser entlangfährt, verwandelt sich das, was eben noch wie der East River aussah, zur Spree , plötzlich sieht man Teile der Mauer, die sogenannte East Side Gallery. Die New Yorker Bauten werden nun Stück für Stück durch Berliner Gebäude ersetzt – und dann sind wir in Mitte angekommen. Das neue Berlin , das Helmut Dietls Film Zettl vorführt, ist reine Kulissenschieberei.

Der Journalist Erich Böhme versprach in den neunziger Jahren, aus der Berliner Zeitung eine deutsche Washington Post zu machen. In Zettl hat der Schweizer Finanzier Urs Doucier, gespielt von Ulrich Tukur, die Vision, eine Art Berliner The New Yorker , genannt The Berliner , auf den Markt zu bringen – was zu allerlei hübschen Versprechern führt, ob The Berliner jetzt der New Yorker Berliner oder der Berliner New Yorker sei...

Dies ist die Stadt der Blender und der Angeber, der Bluffer und Hochstapler: präpotent und größenwahnsinnig. Helmut Dietls neuer Film erzählt von der Berliner Republik, als wäre sie ein Stoff von Balzac, eine Bühne für Aufsteiger, Intriganten und Strippenzieher, für Erotomanen und Nutten, eine geschlossene Raumkapsel, in der Macht, Geld und Sex hin- und hergeschoben werden ohne Bezug zur Welt draußen. Eine Operette der Triebhaftigkeit.

Der junge Max Zettl aus Bayern (unwiderstehlich gespielt von Bully Herbig ) verdingt sich in Berlin als Chauffeur von Urs Doucier. Einmal erwischt ihn dieser bei einer Aufschneiderei. "Die wirklich großen Männer geben auch einmal zu, etwas nicht zu wissen", sagt er. Und Zettl antwortet: "Ja, aber erst, wenn sie groß sind. Vorher nicht." Trotzdem gelingt es Zettl, seinen Chef zu überreden, ihm die Chefredaktion von The Berliner anzuvertrauen. Aus dem Intellektuellen-Heft ist mittlerweile ein Online-Klatschmagazin geworden, weil der wahre Grund von Douciers publizistischem Engagement Berlins Oberbürgermeisterin Veronique von Gutzow ist, in die der steife Schweizer auf der Suche nach seinem Gegensatz vernarrt ist. Die Oberbürgermeisterin (überragend gespielt von Dagmar Manzel in allen Farben, die ein original Berliner Gewächs annehmen kann: von Berliner Schnauze über Vamp bis zu Offizierskasino und preußischer Domina) möchte nämlich lieber ein volksnahes Medium, in dem sie selbst anrührende Auftritte als Hartz-IV-Kümmererin hat.

Furioser Einstieg

Die ersten zwanzig Minuten sind furios – auch dank Bully Herbig, der die reichen Pointen des Drehbuchs mit so zarter Verkommenheit und herzzerreißendem Opportunismus ausspielt, dass es ein Vergnügen ist, seinem kometenhaften Aufstieg in der Hauptstadtgesellschaft zuzuschauen. Wir lernen Harald Schmidt als schwäbelnden und orgelspielenden Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern kennen, der sich die Titten der Frauen, die ihm gleich zugeführt werden, vorher als Appetitanreger auf sein Smartphone schicken lässt. Wir sind in der durchgeknallten Talkshow von Jacky Timmendorf, die Sunnyi Melles als schwer depressive Alkoholikerin spielt, die erst dann kurzzeitig zu überdrehtem Leben erwacht, wenn die Kameras laufen. Und wir begegnen Dieter Hildebrandt als Herbie Fried wieder, dem legendären Klatschfotografen aus Dietls Fernsehserie Kir Royal . Und vielleicht fangen hier die Probleme dieses Films an.

Eigentlich sollte auch Franz Xaver Kroetz als Klatschreporter Baby Schimmerlos in Zettl wiederauferstehen. Weil Kroetz aber mit der Weiterentwicklung seiner Rolle nicht einverstanden war, schmiss er hin. So lässt Helmut Dietl Baby Schimmerlos noch im Vorspann bei einem Motorradunfall ums Leben kommen, während Babys Geliebte Mona Mödlinger ( Senta Berger ) und Herbie Babys Erbe in Berlin verwalten. Es ist also ganz schön viel Kir Royal in Zettl . Man hat das Gefühl, als habe Dietl möglichst viel München an die Spree verlegt, um in der neuen Hauptstadt nicht gar zu sehr zu fremdeln. Denn offenkundig wird Dietl mit Berlin nicht warm.

Das München von Kir Royal war genauso oberflächlich, protzig und eitel wie das Berlin, das Zettl jetzt in Szene setzt. Mit dem Unterschied, dass das Münchnerische Dietls Element war und er folglich mit mindestens gerührter Verzweiflung an dieser barocken Verkommenheit hing, die er in Kir Royal zelebrierte. Dietls Verhältnis zu Berlin scheint eher das von kalter Verachtung zu sein. Wenn in der berühmten Szene aus Kir Royal Mario Adorf als tumber Klebstofffabrikant aus der Provinz mit den Tausendmarkscheinen um sich wirft, weil er um alles in der Welt auch einmal die Sau rauslassen und bei den Orgien der Münchner Schickeria mitmischen will, gibt es immer einen Moment, wo das Erbärmliche tatsächlich das Erbarmen des Zuschauers hervorruft. Das fehlt in Zettl . Und damit fehlen dem Film trotz seiner brillanten Besetzung und seines pointensicheren Drehbuchs die Seele und das Geheimnis.