Wie ein zweiter Frühling für Schimmerlos in Berlin
Die Seele dieses Films reist mutmaßlich in jener Urne mit der Asche von Baby Schimmerlos, die Mona Mödlinger ungefähr in der Mitte des Films (und damit zu einem Zeitpunkt, da man bereits weiß, dass man diesen Film schon in drei Wochen vergessen haben wird) im Flugzeug nach München zurückbringt. Man spürt förmlich Monas Erleichterung, mit ihren Erinnerungen allein zu sein und Berlin hinter sich zu lassen. Dabei hatte es Mona noch einmal probiert mit einem zweiten Start: Sie hat sich von Herbie, der ihr seine Liebe gestand, in ein Borchardt-ähnliches Restaurant einladen lassen, und sie haben beide versucht, zweiten Frühling zu spielen. Aber diese Illusion war nur einen Abend und eine Nacht durchzuhalten. Als die beiden am nächsten Morgen im selben Bett aufwachen, tut Herbie so, als schliefe er. Und Mona tut so, als merkte sie dies nicht, und fährt mit der Urne zum Flughafen. So ist auch dieser Film: Er versucht einen zweiten Frühling in Berlin, aber nach der Hälfte verabschiedet er sich innerlich, und die Seele fliegt zurück nach München, weil sie ahnt, dass jetzt eine andere Generation am Drücker sitzt, zu der sie keinen liebenden Zugang mehr hat. Und wie Mona tut Dietl so, als merke er nicht, dass seine Seele gar nicht in Berlin ist. Herbie gelingt zwar später noch ein sensationeller »Abschuss« des toten Bundeskanzlers in einem Krankenhauszimmer, aber dann packt auch er seine Sachen zusammen und kehrt nach Bayern zurück. Er habe nur noch einmal sehen wollen, ob er es noch draufhabe, sagt er. Das ist auch Dietls Haltung in diesem Film.
Was sehr, sehr schade ist. Denn es gibt neben Dietl niemanden weit und breit, der das Theater der Macht der Berliner Republik besser inszenieren könnte. Und seinem Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre würde man es auch zutrauen, das Drehbuch für ein deutsches West Wing zu verfassen. Aber irgendwie ist ihnen dieser Film gleichzeitig zu zynisch und zu harmlos geraten. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass die Figuren, die hier demaskiert werden, allenfalls pittoreske Nebenfiguren in den langen Gängen der Macht sind. Und dass The Berliner mit der Wahrheit des Regierungsviertels so viel zu tun hat, wie es die deutsche Vanity Fair mit der Republik der Mover und Shaker hatte. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten, den Dietl vorführt, ist der der Medien. Das könnte gerade in diesen Tagen hochaktuell sein, in denen sich die Medien auf einen Zweikampf mit dem Bundespräsidenten eingelassen haben und alle zuschauen, wer dieses Duell gewinnt: die Medien oder die Politik. Aber jene Medien, die diesen Machtkampf proben, sind gerade nicht auf der Bühne des Boulevards angetreten. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung heißt nicht Franz Josef Wagner, sondern Kai Diekmann, und dessen Ehrgeiz geht schon lange über Auflagensteigerung durch Bettgeschichten hinaus.
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Oder ist die Berliner Republik für einen guten Film einfach zu dröge? Nicht flamboyant genug für großes Kino? Leider hat man eher den gegenteiligen Eindruck: Die Wirklichkeit ist zwar auch nicht gerade flamboyant, aber in ihr wird mit einem deutlich höheren Einsatz gespielt, als es in Zettl der Fall ist. Die Wirklichkeit der Machtspiele mag technokratisch sein und von schlecht gekleideten Politikern betrieben werden, die sich in den Vereinshallen ihrer Wahlkreise hochgearbeitet haben durch das Verteilen von Luftballons. Man mag das kläglich finden. Aber es hat mehr Wucht als dieser karnevaleske Medien-Cancan, den die Figuren in Dietls Film tanzen.
Hätte Dietl das neue Berlin interessanter, faszinierender und satisfaktionsfähiger gefunden, sein Film wäre elektrisierender geworden. Es gibt ja immer wieder diese Szenen: Wenn der dicke IT-Chef Holm die EDV der Redaktion einrichtet; wenn die fesche Punkerin einen Intimrasur-Aids-Skandal aufdeckt; wenn ein Asiate in einem Anfall von Ausdruckstanz die Bürowände von The Berliner streicht; wenn der Hartz-IV-Empfänger mit Kampfhund nachts Zettls Bentley in Kreuzberg bewacht – dann wünscht man sich, die Kamera würde alle diese Geschichten länger verfolgen und wir hätten ein ebenso komisches wie erhellendes Bild unserer Gegenwart.
- Datum 30.01.2012 - 06:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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... Schnulligate muss ganz schön dick auftragen, um nicht blass auszusehen gegen die Realität.
deutsche komödie, die keinen lacher aus mir herausbringen würde, falls ich hingucke --- es ist zum lachen
kennen sich in tiefen wäldern aus aber nicht in der nuancenreichen lachmuskulatur
... vorgreifen, ich habe Zettl noch nicht gesehen. Kann in der Tat schwierig sein, wenn ein paar Süddeutsche daherkommen und Berlin durch den Kakao ziehen wollen. Mal sehen.
Aber was die Lachmuskulatur im allgemeinen angeht, ist Dietl schon vom Fach. Kir Royal war gut, und die Folge mit Mario Adorf als Kleberproduzent Hafferloher ist legendär.
... vorgreifen, ich habe Zettl noch nicht gesehen. Kann in der Tat schwierig sein, wenn ein paar Süddeutsche daherkommen und Berlin durch den Kakao ziehen wollen. Mal sehen.
Aber was die Lachmuskulatur im allgemeinen angeht, ist Dietl schon vom Fach. Kir Royal war gut, und die Folge mit Mario Adorf als Kleberproduzent Hafferloher ist legendär.
... vorgreifen, ich habe Zettl noch nicht gesehen. Kann in der Tat schwierig sein, wenn ein paar Süddeutsche daherkommen und Berlin durch den Kakao ziehen wollen. Mal sehen.
Aber was die Lachmuskulatur im allgemeinen angeht, ist Dietl schon vom Fach. Kir Royal war gut, und die Folge mit Mario Adorf als Kleberproduzent Hafferloher ist legendär.
Von Stuckrad-Barre anstelle von Patrick Süßkind, das kann nicht gut gehen.
Juhu: Deutschlands bedeutendster Intellektueller Bejamin Stuckrad vom Goldbarren hat mal wieder was gedichtet... Oh Mann ist der vielseitig! Der Möchtegern-Saviano für die Blubberblasenmafia altdeutscher Medieneliten. Und wie dichtet der Volksmund so schön? Fett schwimmt immer oben. Erfolg in der hysterischen Medienrepublik Deutschland: Um Reichsein zu lernen, genügt eine halbe Stunde. Mundus vult depici, oder?
;-)
...der einzige, ders noch nicht bemerkt hat, ist Helmut Dietl.
Seit mehr als einem Jahrzehnt produziert er nur noch stetig eitlere Aufgüsse seiner Erfolge aus der Münchner Zeit, jetzt also auch unter Recycling damaliger Darsteller (die zugegebenermaßen aber wohl auch nicht zum Dreh geprügelt werden mussten).
Und der Monaco rotiert im Grab...
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