Für Igor Zikic ist Globalisierung , wenn nachts die Gabelstapler fahren. Er arbeitet als Flugzeugabfertiger im Gebäude 420 auf dem Frankfurter Flughafen. 20.000 Tonnen Fracht werden hier im Lufthansa Cargo Center in manchen Wochen verladen. Zikic, 36 Jahre, kräftig, gelbe Warnweste, spürt den Puls der Wirtschaft. »Wenn das iPhone neu rauskommt, stapeln sich die Telefone am Vorabend in der Halle.«

An diesem Abend soll ein MD-11-Frachter nach Atlanta starten. Auf dem Rollfeld kontrolliert Zikic, ob die Holzkisten und Pappkartons ordentlich verschnürt sind. Auf den Frachtpapieren steht, was er verlädt: Khakihosen aus Bangalore sind für American Eagle Outfitters in Pennsylvania bestimmt. Brennbare Farben von der Ferro GmbH aus Frankfurt gehen nach Pittsburgh. Kurz vor dem Abflug kontrolliert Zikic noch die Verladung von frostempfindlichen Impfstoffen sowie zehn Schäferhunden, die an Züchter in den Südstaaten gesandt werden.

So sollte das nach dem Willen der Unternehmer ohne Pause gehen, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Aber weil es Menschen wie Dirk Treber gibt, wird es auf dem Flughafen nachts still.

Keinen Kilometer entfernt vom Cargo Center, kämpft sich Treber durch die Abflughalle B im Terminal 1. Dort demonstrieren an diesem Montagabend wieder Tausende gegen die neue Landebahn Nordwest. Treber, 60 Jahre, Mantel, Hut, getönte Brille, ist ohne Transparent und Trillerpfeife gekommen. Er muss keinen Lärm machen, die Leute erkennen ihn auch so, schütteln ihm die Hand, tätscheln seine Schulter.

Treber kennt das schon. Er kämpft seit 33 Jahren gegen die Ausbaupläne des Flughafens. Und doch – etwas hat sich verändert.

»Die Klientel ist heute eine andere als damals«, so drückt es Treber aus. Früher kämpfte er an der Seite von Idealisten. Sie waren für den Schutz des Waldes, sie waren gegen Nachrüstung, gegen Atomkraft und für den Frieden. »Jetzt geht es den Leuten vor allem um den Lärm vor ihrer Haustür.«

Im Oktober wurde in Frankfurt die neue Landebahn eröffnet, die Flugzeuge fliegen nun andere Routen. Seitdem leiden unter ihrem Lärm Zehntausende Bürger, die vorher kaum betroffen waren. Über die Kleinstadt Flörsheim donnern die Jets bei Ostwind jetzt alle drei Minuten. Der Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen liegt direkt in der Einflugschneise. Mainz, Offenbach, Raunheim, Mühlheim – auf den Schildern der Demonstranten stehen Ortsnamen aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet.

Die Anwohner berichten von Schlafstörungen, erhöhtem Blutdruck und Klassenlehrern, die wegen des Lärms Diktate abbrechen müssten. Unter den Demonstranten sind Pfarrer, Ärzte, Anwälte, Studenten, Familien mit Kindern. Eine Frau trägt Pelz, eine andere hat Rastalocken.

Was sie eint, ist Wut. Wut auf den »Lärmterror« und die »Lügen«. Auf eine Landesregierung, die ein striktes Nachtflugverbot versprochen hatte und später doch Ausnahmen zuließ. Inzwischen fordern die Demonstranten sogar die Schließung der neuen Landebahn. Lärmend ziehen sie durch die Abfertigungshallen und rufen: »Die Bahn muss weg!« Immer wieder.

Der Streit um den Fluglärm wird 2012 zu einem gesellschaftlichen Großkonflikt. Ausgetragen wird er in den drei deutschen Städten mit den meisten Flugpassagieren. In Frankfurt finden Montagsdemos statt, in Berlin protestieren Anwohner gegen die angekündigten Flugrouten des neuen Großflughafens, in München versuchen sie, den Bau einer dritten Start- und Landebahn zu verhindern. Am 4. Februar wollen Bürger zeitgleich auf mehreren deutschen Flughäfen demonstrieren. Klagen von Anwohnern beschäftigen mittlerweile die höchsten Gerichte.

Im Kern geht es um Grundsatzfragen: Wie viel Mobilität ist noch möglich in diesem Land? Was wiegt schwerer, die Interessen der Wirtschaft oder die der Anwohner? Was ist uns das Wachstum wert, und wie viel darf es die Gemeinschaft kosten?

In Frankfurt, Berlin und München treffen zwei Glaubenssätze aufeinander. Der eine entspringt den Zwängen einer globalisierten Welt, der andere dem Bedürfnis nach einer menschenverträglichen Wirtschaft. Das Thema ist so alt wie die Wohlstandsgesellschaft selbst. Doch im Frühjahr 2012 spitzt es sich besonders zu, was im Wesentlichen zwei Gründe hat.

Erstens fordert die Globalisierung vielen Menschen größere Opfer ab – oder zumindest wird das so empfunden. Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich inzwischen durch Straßenverkehrslärm gestört, beim Fluglärm ist es jeder Dritte. Das sind Folgen des Wachstums, der Vernetzung und der internationalen Arbeitsteilung. Deutschlands Wirtschaft war noch nie so eng verflochten mit Märkten auf der ganzen Welt. Die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts erwirtschafteten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr mit Exporten. Vor zehn Jahren war es ein Drittel.