Den Überlebenden der Occupy-Bewegung gefällt diese Ausstellung ganz und gar nicht. Sie haben aus ihrem Camp Abgesandte geschickt und verteilen bei hessischem Hundewetter vorm Frankfurter Kunstverein Handzettel. Gut gewürzt mit einem Adorno-Zitat, werfen sie den Ausstellungsmachern vor, sie würden die Protestbewegung ins Museum sperren. Derweil lache sich die »Diktatur des Kapitals« ins Fäustchen: Protest musealisiert, Widerstand gebrochen, Profite gesichert.

Eigentlich müsste der Occupy-Bewegung die Ausstellung gefallen. Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen lautet ihr spröder Titel, und sie handelt von den neuen globalen Protestbewegungen und ihren Ausdrucksformen. Organisiert hat der Kunstverein die Schau zusammen mit dem Frankfurter Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen «, mit seinen 180 Wissenschaftlern derzeit der größte Forscherverbund der Republik. Aber kann das gut gehen? Wollen Wissenschaftler die Kunst vor ihren Karren spannen? Sollen bunte Bilder beweisen, was in der Theorie farblos und abstrakt bleibt?

Eine Videoarbeit aus Kairo eröffnet die Ausstellung, sie stammt von Aalam Wassef , einem bewunderungswürdigen Künstler, der weit vor dem Arabischen Frühling seine Stimme gegen das Mubarak-Regime erhob. Wassefs Filme sind körnig, rau und sperrig, sie sind zugleich dokumentarisch wie auch extrem subjektiv. Ein Frau wartet vor dem Gefängnis auf ihren verhafteten Ehemann, einen Blogger; ein gepanzertes Räumfahrzeug des Militärs rast in die Menge und zerquetscht Demonstranten, es gibt Tote. Wassefs kühle Schreckensbilder sollen eine andere Sprache sprechen als die CNN-Ästhetik, sie sollen Raum lassen für die Gefühle der Akteure und nichts »formatieren«, denn wer einmal in der Schublade der Medien steckt, kommt nicht mehr heraus. Auch für Sandra Schäfer ist das ein wichtiges Motiv; sie will wissen, warum aus dem iranischen Aufstand von 1978 eine islamistische Revolution wurde, sie will Dinge zeigen, die in keinem Archiv zu finden sind.

Auch diese Videoinstallation ist provozierend nüchtern und zurückgenommen, und sollten Achtundsechziger-Veteranen diese Ausstellung besuchen, werden sie entsetzt darüber sein, dass hier alles revolutionäre Pathos verschwunden ist. Der Fotograf Julian Röder zum Beispiel verfolgt seit Jahren die Proteste gegen die G-8-Gipfel, aber seine Bilder wirken, bei aller Sympathie für die Sache, seltsam entrückt, sie klagen nicht an, sie »zeigen«. Einmal stehen die Demonstranten als trauriges Häuflein auf einem Feldweg im Regen, auf einem anderen Bild sieht man, wie berittene Polizei in Heiligendamm einem Demonstranten hinterherjagt, um auf ihn einzuprügeln – die Staatsmacht zu Pferde wirkt bizarr und wie aus der Zeit gefallen. Der Fotograf Noh Suntag wiederum imitiert auf seinen Bildern den sterilen Glanz eines Lifestylemagazins, aber er tut es, damit der roboterhafte Aufmarsch der südkoreanischen Polizei umso absurder wirkt. Brutal geht sie gegen Menschen vor, die ihre Wohnung nicht verlassen wollen, nachdem Spekulanten zugeschlagen haben. Sechs Demonstranten verbrannten; doch keines der Bilder ist pathetisch aufgeladen – die Staatsmacht demaskiert sich selbst.

Erst recht unterkühlt wirkt diese Ästhetik des Widerstands, wenn man sie mit historischen Bildern vergleicht, zum Beispiel mit den ebenfalls ausgestellten Gemälden des Malers Johann Peter Hasenclever . Der gravitätische politische Ernst ist einer karnevalesken Renitenz gewichen, einer symbolischen Sabotage, einem oft witzigen Spiel mit (Körper-)Zeichen. »Kollektive körperliche Blockade der üblichen Zirkulationsströme« nennt der Politikwissenschaftler Oliver Marchart diese Aktionsformen und erklärt sie am Beispiel der israelischen Tanzgruppe Public Movement . Die Gruppe tanzt, wie bei den Sozialprotesten in Tel Aviv , zur Hauptverkehrszeit kurz auf, »zieht eine Konfliktlinie in den öffentlichen Raum« und verschwindet wieder, ohne eine einzige politische Forderung erhoben zu haben. Das war auch nicht nötig, denn jeder wusste, wogegen sich dieser Protest richtete. Nicht zu unterschätzen, meint Marchart, sei dabei das Moment der lustvollen Gemeinsamkeit, die Jouissance der Politisierung. Der Neoliberalismus, wäre zu ergänzen, machte die Bürger zu Einzelkämpfern – und der Protest führt sie wieder fröhlich zusammen.

Es gibt etliche Beschwerden gegen diese Protestformen, vielen sind sie zu verspielt und ohne Interesse an Theorie. Falsch ist das nicht. Zu 68er-Zeiten hing die Protest-Ästhetik in der Tat am Rockzipfel der Intellektuellen, die Kunst sollte ins Leben treten, damit das Leben so wird wie die Kunst. Diese Epoche scheint abgelaufen, die Kunst ist weniger Revolution als Intervention. Sie greift, wie man in Frankfurt neuerdings sagt, die »Rechtfertigungsnarrative« der Macht an, und oft reicht es dann schon, wenn man sie – wie die Pakistanerin Bani Abidi – durch reenactment einfach nur nachspielt . Abidi zeigt in ihrem Film, wie Schulkinder in Uniform durch die Gegend gescheucht werden, wie sie Spalier stehen müssen, um mit artigem Winken eine »führende Persönlichkeit« zu empfangen, die gleich in ihrem Mercedes heranbrausen wird. Hier fällt kein einziges kritisches Wort, und doch wirkt die pompöse Ästhetik des Staates plötzlich ziemlich lächerlich.

Dass Künstler wie Bani Abidi kein Programm, erst recht keine Utopie »umsetzen« wollen, beweist einen radikalen Wandel ästhetischer Radikalität. Sie zielt nicht mehr auf das »ganz andere«, sie zielt auf Freiheit – diese Künstler wollen eine Gesellschaft, in der der Kapitalismus nicht herumwütet, in der die Menschenrechte gelten und niemand mehr wegen abweichender Gesinnung spurlos verschwindet. Wenn die Freiheit durchgesetzt ist, so lautet die Botschaft, dann wissen die Bürger schon selbst, was sie damit anfangen werden. 

Das ist keine Resignation, es ist Klugheit, auch wenn die Gefahr ästhetischer Unverbindlichkeit durchaus droht. Zu viele Revolten gingen schief, zu oft schlugen Freiheitsbewegungen um in Gewalt. Keinen Millimeter traut der türkische Künstler Nazim Ünal Yilmaz noch »nationalen« Freiheitsrufen über den Weg, und von Alexander Hoepfner sieht man ein Demo-Fähnchen, das der Benutzer kurioserweise gleich zweifach verwenden kann: Er kann damit revolutionär winken – oder auch brutal zuschlagen. Das ist eine Warnung, und so trifft der Frankfurter Philosoph Martin Seel den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt: »Noch dort, wo die Kunst zum Widerstand aufruft, hält sie fest, dass ihre Sache, welche sie auch sein mag, nicht völlig ausgemacht ist.«

In dieser Pathosvermeidung steckt politische Melancholie, und es bleibt dahingestellt, ob es allen Frankfurter Wissenschaftlern gefällt. »Normative Ordnungen« wachsen nicht von selbst, sie müssen erkämpft werden, und manche tragen den Keim des Scheiterns schon in sich. Dann aber, so warnt ein Demonstrationsbanner der spanischen Gruppe Discoteca Flaming Star , darf man sich die Freiheit nicht von deren Feinden entwenden lassen. »Alles, was du liebst, stirbt hoffentlich in deinen Armen.«

Frankfurter Kunstverein , Steinernes Haus, bis zum 25. März 2012. Der Katalog kostet 25 €. Am 9. Februar ist eine Performance der Gruppe Discoteca zu sehen