Nicholas Christakis ist Experte für menschliche Beziehungen. Aber denen geht er nicht mit einfühlsamen Gesprächen, sondern mit Mathematik auf den Grund. Sein Handwerkszeug sind Computer, in denen er die Vorlieben, den Gesundheitszustand und die Beziehungsgeflechte Zehntausender gespeichert hat. Die Daten, viele davon aus Onlinenetzen wie Facebook , böten den Zündstoff für eine kopernikanische Revolution, behauptet Christakis: Wie einst das Teleskop den Astronomen ungeahnte Welten im Universum auftat, so werde sich schon bald unser Verständnis vom Zusammenleben der Menschen völlig verändern.

Als gelernter Palliativmediziner hat Christakis zwei Jahrzehnte lang Sterbende umsorgt. Heute ist der griechischstämmige Amerikaner Harvard-Professor für Medizin und Soziologie – und, glaubt man Time, einer der 100 einflussreichsten Köpfe der Welt. Wir trafen uns auf Kreta , wo Christakis gerade zu Besuch bei seinem Vater war. Für unser Gespräch lud uns ein Freund Christakis’ auf seine Terrasse mit Blick über die Ägäis ein.

ZEIT Magazin: Professor Christakis, kennen Sie unseren Gastgeber schon lange?

Nicholas Christakis: Seit ein paar Jahren. Damals hatte mein Vater einen Elektriker im Haus und erzählte ihm von seinem Sohn in Harvard . "Merkwürdig", sagte der Mann. "Gerade hatte ich im Nachbardorf im Ferienhaus eines anderen Harvard-Professors zu tun." Weder ich noch der Kollege hatten voneinander gewusst. Dabei war er in der Gegend groß geworden! Aber so funktionieren soziale Netze eben, über Mittelsmänner. Also nahm ich mit dem Professor in Boston Kontakt auf. Inzwischen sind wir gute Freunde – und unsere Kinder sind es auch.

ZEIT Magazin: Was ist das für Sie, ein Freund?

Christakis: Jemand, mit dem ich entweder meine Freizeit verbringe oder mit dem ich wichtige Dinge bespreche. So lautet die Definition. Für mich persönlich ist die emotionale Verbindung wichtiger als gemeinsame Aktivitäten. Ich mag eine gewisse Zurückhaltung an meinen Freunden und wenn sie meine Lebenslust teilen. Dass Beziehungen für mich auf Gesprächen beruhen, ist vielleicht ein etwas weiblicher Zug – und ein griechischer. Bringen Sie ein paar griechische Männer zusammen...

Wissen - Dr. Max: Soziale Netzwerke Glückliche Menschen tendieren dazu, sich in kleinen stark vernetzten Gruppen zusammenzufinden – unglückliche auch. Dr. Max über die Ausbreitung von sozialem Einfluss

ZEIT Magazin: ...und sie reden sich die Köpfe heiß.

Christakis: Ja. Mein bester Freund ist übrigens meine Frau.

ZEIT Magazin: Als ich Ihre Arbeiten las, musste ich an Cicero denken: "Ein Freund ist wie ein anderes Ich." Aber eigentlich gehen Sie noch über diesen römischen Philosophen hinaus. Sie behaupten, unsere Freunde seien das, was uns eigentlich ausmacht.

Christakis: Wenn Sie so wollen, ja. Wie glücklich wir sind, welche Filme wir mögen, Müdigkeit, Rückenschmerzen, Depressionen, Drogenkonsum, sogar wann wir sterben – all das hat mit unseren Freunden zu tun.

ZEIT Magazin: Üblicherweise macht man die Gene, die Gesellschaft oder auch Gott für diese Dinge verantwortlich.

Christakis: Ich sage ja nicht, dass nur das soziale Umfeld unser Leben bestimmt. Aber sein Einfluss ist viel größer, als wir denken.

ZEIT Magazin: Mit der Feststellung, dass dicke Bäuche ansteckend seien, haben Sie 2007 zum ersten Mal Wirbel erzeugt.

Christakis: Die Resonanz war unglaublich. Interessant war, wie unterschiedlich sie ausfiel. Die New York Times titelte so etwas wie: "Ihre Freunde sind schuld, wenn Sie zulegen". Eine britische Zeitung sah es umgekehrt: "Wenn Ihre Freunde eine Wampe bekommen, liegt es an Ihnen!" Meine Kollegen und ich bekamen sogar Morddrohungen. 

ZEIT Magazin: Warum wollte man Sie umbringen?

Christakis: Weil wir angeblich Stimmung gegen die Übergewichtigen machten. Aber das hatten wir wirklich nicht vor.