Soziologie "Unser Glück hängt von den Freunden ab"

Der Soziologe Nicholas Christakis über ansteckende Vorlieben und die unterschätzte Bedeutung des Miteinanders.

Nicholas Christakis ist Experte für menschliche Beziehungen. Aber denen geht er nicht mit einfühlsamen Gesprächen, sondern mit Mathematik auf den Grund. Sein Handwerkszeug sind Computer, in denen er die Vorlieben, den Gesundheitszustand und die Beziehungsgeflechte Zehntausender gespeichert hat. Die Daten, viele davon aus Onlinenetzen wie Facebook, böten den Zündstoff für eine kopernikanische Revolution, behauptet Christakis: Wie einst das Teleskop den Astronomen ungeahnte Welten im Universum auftat, so werde sich schon bald unser Verständnis vom Zusammenleben der Menschen völlig verändern.

Als gelernter Palliativmediziner hat Christakis zwei Jahrzehnte lang Sterbende umsorgt. Heute ist der griechischstämmige Amerikaner Harvard-Professor für Medizin und Soziologie – und, glaubt man Time, einer der 100 einflussreichsten Köpfe der Welt. Wir trafen uns auf Kreta, wo Christakis gerade zu Besuch bei seinem Vater war. Für unser Gespräch lud uns ein Freund Christakis’ auf seine Terrasse mit Blick über die Ägäis ein.

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ZEIT Magazin: Professor Christakis, kennen Sie unseren Gastgeber schon lange?

Nicholas Christakis: Seit ein paar Jahren. Damals hatte mein Vater einen Elektriker im Haus und erzählte ihm von seinem Sohn in Harvard. »Merkwürdig«, sagte der Mann. »Gerade hatte ich im Nachbardorf im Ferienhaus eines anderen Harvard-Professors zu tun.« Weder ich noch der Kollege hatten voneinander gewusst. Dabei war er in der Gegend groß geworden! Aber so funktionieren soziale Netze eben, über Mittelsmänner. Also nahm ich mit dem Professor in Boston Kontakt auf. Inzwischen sind wir gute Freunde – und unsere Kinder sind es auch.

ZEIT Magazin: Was ist das für Sie, ein Freund?

Christakis: Jemand, mit dem ich entweder meine Freizeit verbringe oder mit dem ich wichtige Dinge bespreche. So lautet die Definition. Für mich persönlich ist die emotionale Verbindung wichtiger als gemeinsame Aktivitäten. Ich mag eine gewisse Zurückhaltung an meinen Freunden und wenn sie meine Lebenslust teilen. Dass Beziehungen für mich auf Gesprächen beruhen, ist vielleicht ein etwas weiblicher Zug – und ein griechischer. Bringen Sie ein paar griechische Männer zusammen...

ZEIT Magazin: ...und sie reden sich die Köpfe heiß.

Christakis: Ja. Mein bester Freund ist übrigens meine Frau.

ZEIT Magazin: Als ich Ihre Arbeiten las, musste ich an Cicero denken: »Ein Freund ist wie ein anderes Ich.« Aber eigentlich gehen Sie noch über diesen römischen Philosophen hinaus. Sie behaupten, unsere Freunde seien das, was uns eigentlich ausmacht.

Christakis: Wenn Sie so wollen, ja. Wie glücklich wir sind, welche Filme wir mögen, Müdigkeit, Rückenschmerzen, Depressionen, Drogenkonsum, sogar wann wir sterben – all das hat mit unseren Freunden zu tun.

ZEIT Magazin: Üblicherweise macht man die Gene, die Gesellschaft oder auch Gott für diese Dinge verantwortlich.

Christakis: Ich sage ja nicht, dass nur das soziale Umfeld unser Leben bestimmt. Aber sein Einfluss ist viel größer, als wir denken.

ZEIT Magazin: Mit der Feststellung, dass dicke Bäuche ansteckend seien, haben Sie 2007 zum ersten Mal Wirbel erzeugt.

Christakis: Die Resonanz war unglaublich. Interessant war, wie unterschiedlich sie ausfiel. Die New York Times titelte so etwas wie: »Ihre Freunde sind schuld, wenn Sie zulegen«. Eine britische Zeitung sah es umgekehrt: »Wenn Ihre Freunde eine Wampe bekommen, liegt es an Ihnen!« Meine Kollegen und ich bekamen sogar Morddrohungen. 

ZEIT Magazin: Warum wollte man Sie umbringen?

Christakis: Weil wir angeblich Stimmung gegen die Übergewichtigen machten. Aber das hatten wir wirklich nicht vor.

ZEIT Magazin: Ihre Ergebnisse waren auch eine Provokation. Es liege nicht nur an Junkfood und Bewegungsmangel, dass immer mehr Menschen zunehmen, behaupten Sie: Man infiziere sich mit Fettsucht, ungefähr so wie man sich eine Grippe einfängt. Wie kamen Sie darauf?

Christakis: Wir benutzten Daten aus der berühmten Framingham-Studie. In diesem Städtchen bei Boston hatten Epidemiologen seit 1948 regelmäßig Gesundheitszustand und Lebensumstände der Bürger erfasst. Sie wussten also, wer mit wem arbeitet, wer mit wem befreundet ist, wer unter welchen Krankheiten leidet...

ZEIT Magazin: ...die Leute von Framingham leben wie in einem »Big Brother«-Container.

Christakis: Inzwischen haben wir auch die Daten der Kinder und Enkel der Menschen von damals. Die leben über die ganzen Vereinigten Staaten verteilt. Aber wir wissen, wo sie sind. 100.000 handgeschriebene Adressen mussten wir dazu in unserem Computer erfassen. Jedenfalls fanden wir, dass ganze Freundeskreise übergewichtig sind. Einen dicken Freund zu haben steigert Ihr Risiko, selbst Speck anzusetzen, um 57 Prozent! Und zwar selbst dann, wenn er anderswo und in einem ganz anderen Milieu lebt. An Einflüssen der Umgebung allein konnte es also nicht liegen.

ZEIT Magazin: Und wenn die dicken Bäuche vor der Freundschaft da waren? Vielleicht halten beleibte Menschen einfach zusammen. 

Christakis: Wir wissen, dass die meisten schon befreundet waren, bevor erst der eine, dann der andere zulegte. Entdecken Menschen nun gemeinsam die Lust an der Völlerei? Sicher. Doch Sie können sich auch von Leuten anstecken, die schlank sind und selbst nicht viel essen, aber Umgang mit Übergewichtigen haben.

ZEIT Magazin: Wie das?

Christakis: Indem sich die Einstellung zu dicken Bäuchen verändert. Warum sollten Sie sich zurückhalten, wenn Ihr Freund Ihnen unbewusst signalisiert, dass ein paar Pfunde mehr gar nicht so schlimm sind? Wie viel er selbst auf die Waage bringt, ist dann zweitrangig. Später entdeckten wir Ähnliches mit dem Zigarettenkonsum oder auch der Zufriedenheit.

ZEIT Magazin: Glück ist ansteckend.

Christakis: Genau. Wie die Übergewichtigen, so hängen auch die Glücklichen und die Lamentierer in Bekanntenkreisen zusammen. Aber auch hier hängt ihre Laune nicht nur von der ihrer Freunde ab, sondern auch davon, wie wohl diese Freunde sich fühlen.

ZEIT Magazin: Das mag auch erklären, wo die Deutschen ihre ewige Unzufriedenheit oder auch die Amerikaner ihren chronischen Optimismus hernehmen. Beide sind ja der Glücksforschung ein Rätsel. Wenn wir miesepetriger sind, liegt es vielleicht daran, dass wir uns gegenseitig immer wieder mit unserer schlechten Laune infizieren.

Christakis: Ja, warum nur sind die Deutschen so deutsch? Es reicht ja nicht, dass wir als Kinder deutsch oder amerikanisch erzogen wurden. Vielmehr speist sich jede Kultur aus einem sozialen Netz, in dem sich Menschen gegenseitig in ihren Haltungen bestärken. 

ZEIT Magazin: Als Städter können wir wählen, mit wem wir uns umgeben. Wenn Glück und Gewohnheiten ansteckend sind, scheint es verführerisch, einfach den Bekanntenkreis zu wechseln, um besser zu leben. Wie vielen Freunden haben Sie schon aus diesem Grund Adieu gesagt?

Christakis: Gar keinem. Ich bin ein freundlicher Mensch. So eine Radikalkur funktioniert meistens nicht. Wenn Sie beschließen, einen beleibten Freund zu schneiden, nehmen Sie dadurch kein Gramm ab. Denn der Verlust einer Beziehung fördert ebenfalls das Übergewicht. Das konnten wir nachweisen.

ZEIT Magazin: Wie kamen Sie darauf, nach dem Einfluss der Bekannten auf unser Leben zu suchen?

Christakis: Meine Mutter erkrankte unheilbar, als ich sechs Jahre alt war. Darum studierte ich Medizin, wie so viele, die mit einem chronisch kranken Elternteil aufwachsen. Weil ich etwas für die Sterbenden tun wollte, wurde ich Palliativmediziner. So stieß ich auf den Witweneffekt: Der Tod eines Partners verkürzt statistisch das Leben des anderen. Ich wollte herausfinden, warum das so ist.

ZEIT Magazin: Sie waren damals in den Armenvierteln von Chicago unterwegs. Hat der Umgang mit den Sterbenden Sie nicht deprimiert?

Christakis: Nein. Aber ich spürte, wie ich emotional ausbrannte. Zum einen lag es an meinem eigenen Älterwerden: Immer öfter bekam ich Patienten, die jünger waren als ich.

ZEIT Magazin: Was Sie an Ihre eigene Sterblichkeit erinnerte. 

Christakis: Natürlich. Zum anderen wurden die Fälle immer schwerer. Anfangs behandelte ich viele Alte. Aber die Hausärzte lernten über Palliativmedizin dazu. So kamen zu uns nur noch Patienten, an denen die Allgemeinärzte verzweifelten – die 30-jährige, an Eierstockkrebs erkrankte Mutter zweier Kinder, deren Schmerzen auf kein Mittel ansprechen.

ZEIT Magazin: Wie kann ein Arzt da helfen?

Christakis: Indem er ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Wir haben untersucht, was Patienten unter einem guten Tod verstehen. Viele Antworten waren kaum überraschend: schmerzfrei, zu Hause, im Frieden mit Gott und der Welt. Aber der dringendste Wunsch ist immer, mit nahen Menschen zusammen zu sein. Als meine eigene Mutter mit 47 Jahren starb, war ich 25. Ich pflegte sie. Als ich sie fragte, ob sie uns aufgeben kann, antwortete sie: »Mein Junge, du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer mir das fällt.« Heute verstehe ich die Phasen ihres Sterbens viel besser. Sterben hat viel mit Loslassen zu tun. Sterbende verlieren ihr Interesse an der Zukunft, später sogar am Essen. Aber stets das Letzte, was sie loslassen, ist die Beziehung zu ihren Angehörigen – ihr soziales Netz.

ZEIT Magazin: Für jedes andere Tier steht eindeutig Nahrung an erster Stelle.

Christakis: Wir denken an andere, weil für uns der Vorteil, in sozialen Netzen zu leben, die Nachteile weit übersteigt. Denken Sie nur daran, wie viel produktiver schon Jäger und Sammler sein können, wenn sie sich zusammentun. In entwickelten Gesellschaften gedeihen ganze Regionen umso besser, je weiter die Kontakte der Menschen reichen. Und was wäre meine eigene Arbeit ohne den ständigen Austausch mit dem Politologen James Fowler? Wir arbeiten schon seit zehn Jahren zusammen und sind darüber enge Freunde geworden.

ZEIT Magazin: Aber kann man die Beziehungen unter Jägern und Sammlern wirklich mit unseren vergleichen?

Christakis: Die Unterschiede sind nur oberflächlich. Bei uns haben etwa 10 Prozent der Menschen einen Freund, weitere 10 Prozent haben zwei, 20 Prozent drei. Nur ein Prozent hat 50 Freunde. Nun haben wir die Hadza untersucht, ein Stammesvolk in Tansania. Natürlich haben sie einen anderen Begriff von Freundschaft als wir. Um herauszubekommen, wer wem nahesteht, fragten wir, wem sie etwas von ihrem gesammelten Honig abgeben würden. Aber ihre sozialen Netze und unsere haben eine sehr ähnliche Struktur. 

ZEIT Magazin: Wenn es auf die Kultur so wenig ankommt, liegt ein Schluss auf der Hand: Es ist uns angeboren, wie wir unsere Freundschaften knüpfen.

Christakis: So scheint es zu sein. Ob Sie Außenseiter sind oder jedermanns Liebling, wie viele Kontakte Sie pflegen, darauf haben die Gene großen Einfluss. Sie bestimmen auch mit, ob jemand lieber viele Bekannte um sich versammelt oder die Zweisamkeit liebt. Wir fanden auch, dass Ihre Freunde Ihnen genetisch ähnlicher sind als andere Menschen.

ZEIT Magazin: Dann wäre das schöne Wort »Seelenverwandtschaft« buchstäblich zu nehmen.

Christakis: Ja, nur sind die Ähnlichkeiten natürlich nicht so groß wie zwischen echten Geschwistern. Offenbar hingen die Überlebenschancen unserer Vorfahren in der Evolution davon ab, mit wem sie eine Beziehung eingingen.

ZEIT Magazin: Als wäre so ein verborgener Magnetismus entstanden, der uns bis heute zusammenbringt. Und ich dachte, dass ich mir meine Freunde ausgesucht habe!

Christakis: Zehn Jahre Forschung haben mein Bild von mir selbst völlig verändert. Ich sehe mich heute eher als Teil eines größeren Ganzen – eines menschlichen Superorganismus. Dessen Leben ist viel komplexer als das jeder Einzelperson. Wir haben Computeranimationen davon gemacht, wie sich soziale Netze entwickeln. Sie sind sehr anrührend. Man sieht da ein Geflecht, das sich ständig verändert – als würde es leben, atmen und sich erinnern. Ideen und Krankheitserreger verbreiten sich darin. Und wenn eine Wunde entsteht, weil ein Mensch starb, wird sie geheilt.

ZEIT Magazin: Jetzt klingen Sie fast religiös. 

Christakis: Hier geht es um uralte philosophische und sogar theologische Fragen: Was ist der Ursprung der Liebe? Warum haben wir Freunde? Weshalb gibt es Selbstlosigkeit? Seit Zehntausenden Jahren hat der Mensch nur noch einen nennenswerten natürlichen Feind: andere Menschen. So entwickelte sich unsere Art in einer Welt, in der wir nur zusammenarbeiten oder einander bekämpfen können. Indem Jesus Christus die Nächstenliebe predigte, trug er dem Rechnung. Wie immer man zur Religion steht: Er war ein sehr kluger Mann.

ZEIT Magazin: Die meisten von uns legen aber großen Wert auf ihre Unabhängigkeit. Darauf, sich als Herr ihrer Entscheidungen zu fühlen.

Christakis: »Wenn die Menschen tun können, was sie wollen, ahmen sie meistens einander nach.« So formulierte es der Philosoph Eric Hoffer. Denken Sie an einen Büffel in einer Stampede. Würde er behaupten, er renne nach links, weil er es so entschieden habe? Er tut es, weil die Herde es tut.

ZEIT Magazin: Eben. Niemand sieht sich gern als Herdentier. Ich vermute, Sie bekamen Morddrohungen aus einem tieferen Grund als der Angst vor Diskriminierung: Einige fühlten sich in ihrem Selbstwertgefühl angegriffen.

Christakis: Mag sein. Doch wie wackelig unsere Individualität ist, hat der französische Soziologe Émile Durkheim schon im vorletzten Jahrhundert gezeigt. Können Sie sich eine persönlichere Entscheidung vorstellen als die, freiwillig aus dem Leben zu gehen? Tatsächlich aber hängt die Häufigkeit der Selbstmorde in Frankreich seit Jahrhunderten davon ab, welcher Konfession einer angehört: Protestanten bringen sich öfter um. Niemand ist eine Insel. Finden wir uns damit ab.

ZEIT Magazin: Dass wir uns daran klammern, Individualisten zu sein, ist doch eine recht neue Entwicklung. Im Mittelalter hätte es kaum jemandem eingeleuchtet, was an persönlicher Unabhängigkeit so erstrebenswert sei.

Christakis: Wir sind in den letzten Jahrhunderten eben sehr erfolgreich darin gewesen, die Welt in immer kleinere Teile zu zergliedern. Der Mensch besteht aus Organen, die Organe aus Zellen, die Zellen aus Molekülen und die wiederum aus Atomen. Genauso sehen wir die Gesellschaft aus kleinsten Einheiten, den Individuen, zusammengesetzt. Und wir dachten, wenn man durchschaute, was die Atome umtreibt, könnte man auch das große Ganze verstehen. Nun aber stellt sich zunehmend heraus, wie sehr das Ganze auf die Einzelteile zurückwirkt – in der Biologie ebenso wie im Zusammenleben der Menschen. 

ZEIT Magazin: Schön, aber wozu brauchen wir die Illusion der unbegrenzten Freiheit?

Christakis: Wenn ich das wüsste.

ZEIT Magazin: Vielleicht, damit wir uns verantwortlich fühlen für das, was wir tun. Wenn ich glaube, dass ich frei entscheide, weiß ich auch, dass ich für alle meine Taten geradestehen muss. Und dann habe ich einen starken Anreiz, mich moralisch zu verhalten.

Christakis: Aber dabei konstruieren wir leicht einen falschen Gegensatz. Wenn jemand etwas ausgefressen hat, liegt es ja nicht entweder an ihm oder an seiner Umgebung: Natürlich spielt beides zusammen. Und oft führt es weiter, am sozialen Netz anzusetzen, damit die Menschen moralischer werden. In Chicago etwa läuft ein Programm, um die Gewaltspirale zu stoppen. Wenn jemand erschossen wurde, fahren sofort Sozialarbeiter zu den Angehörigen des Opfers und versuchen der ganzen Gruppe auszureden, Vergeltung zu üben. Das wirkt viel besser als die Drohung, für einen Rachemord im Gefängnis zu landen oder gar auf dem elektrischen Stuhl.

ZEIT Magazin: Die meisten Menschen sehen moralische Entscheidungen als solche, die jeder allein mit seinem Gewissen ausmacht.

Christakis: Ich glaube, dass Moral erst im Miteinander entsteht. Nicht nur Gewalt, auch Fairness und Großzügigkeit stecken an.

ZEIT Magazin: Merkwürdig ist, dass wir heute individualistischer denken und fühlen als jemals zuvor – während wir uns zugleich mit immer mehr Menschen vernetzen. Verändern Facebook und Co. das Zusammenleben? 

Christakis: Wenn Sie Ihre Urgroßmutter gefragt hätten, wie viele Freunde sie hat, wäre die Antwort vermutlich gewesen: zwei oder drei enge, eine Handvoll weniger enge, viele lose Bekannte. Dieselbe Auskunft bekommen Sie von Ihrer Tochter. Wie das Netz unserer Beziehungen aussieht, daran kann die Technik nichts ändern. Sie erleichtert es aber, es zu knüpfen.

ZEIT Magazin: Mir scheint, dass die Onlinenetze auf die wirkliche Welt sehr wohl Auswirkungen haben. Denken Sie nur an die ägyptische Revolution: Wäre sie ohne Internet und Twitter denkbar gewesen?

Christakis: Kaum. Aber die Netze transportierten Informationen, keinen revolutionären Elan.

ZEIT Magazin: Kann man das eine vom anderen trennen? Je besser ich weiß, wo und wie ich mit Gleichgesinnten auf die Straße gehen kann, umso eher werde ich es tun.

Christakis: Wir werden die Antwort bald kennen. Kollegen erforschen gerade die Twitter-Daten aus dem vergangenen Frühling. Doch trotz aller Technik beeinflussen uns Freunde, die wir regelmäßig sehen, am stärksten. Wir haben das auf den Facebook-Seiten von Studenten untersucht. Wir dachten, ihr Musik- und Filmgeschmack würde sich im Netz genauso verbreiten wie sonst auch. Aber keineswegs. Ein Facebook-Freund bringt einen anderen in aller Regel nur dann dazu, The Killers oder Pulp Fiction zu mögen, wenn irgendwo im Netz ein Foto steht, auf dem sie gemeinsam zu sehen sind – sie sich also auch persönlich kennen.

ZEIT Magazin: Allerdings genießen wir Kino und Musik meist auch mit Freunden. Andere Vorlieben verbreiten sich möglicherweise eher über das Netz. Und manche Gemeinschaften gibt es nur in der virtuellen Welt. Denken Sie nur an die Fangruppen von Internetspielen.

Christakis: Gewiss hängt es stets davon ab, womit wir uns anstecken. Viele Kollegen versuchen derzeit, Facebook und Twitter mit allerlei Ideen zu füttern, um so herauszufinden, welche davon sich am besten verbreiten. Das Problem ist, dass auch wir nur die öffentlich zugänglichen Daten von Facebook bekommen. 

ZEIT Magazin: Ich finde es schwer erträglich, dass sich umfassendes Wissen über das Leben von Milliarden völlig unkontrolliert in der Hand weniger Unternehmen befindet.

Christakis: Das wird sich ändern. Als die Energie- und Wasserversorger vor gut hundert Jahren unsere Länder mit ihren Netzen überzogen, konnten die Unternehmen auch tun, was sie wollen. Heute sind sie stark reguliert. Den Internetkonzernen wird es genauso ergehen. Gesetze werden ihnen vorschreiben, welche Daten sie erheben und speichern dürfen, wie sie ihre Nutzer aufklären und welche Informationen sie herausrücken müssen.

ZEIT Magazin: Genügt das? Möglicherweise stecken wir noch so sehr in den Anfängen der Vernetzung, dass wir die Folgen nicht einmal ahnen.

Christakis: Vermutlich haben Sie recht. Etwas sorge ich mich, dass immer gezieltere Werbebotschaften aus dem Netz die Gier der Menschen noch weiter verstärken. Aber es bieten sich auch ungeahnte Möglichkeiten. Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor 20 Jahren einen Sozialwissenschaftler nach dem idealen Forschungsinstrument gefragt. »Eine Armada unsichtbarer kleiner Hubschrauber«, hätte er geantwortet. Über jedem Menschen sollte so ein Helikopter schweben, jedes Wort aufnehmen, jede Bewegung, jeden Wunsch verzeichnen. Heute, mit dem Netz, sind wir so weit.

 
Leser-Kommentare
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    Eine Leser-Empfehlung
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    ...Sie besuchen wohl nie Ihre Eltern?
    Vielleicht zahlt er aber auch 150EUR pro Nacht an seine Eltern?

    zum Artikel: sehr interessantes Interview, vor allem die letzten Fragen!

    ...Sie besuchen wohl nie Ihre Eltern?
    Vielleicht zahlt er aber auch 150EUR pro Nacht an seine Eltern?

    zum Artikel: sehr interessantes Interview, vor allem die letzten Fragen!

  2. dass das Glück von Freunden abhängt -

  3. ...Sie besuchen wohl nie Ihre Eltern?
    Vielleicht zahlt er aber auch 150EUR pro Nacht an seine Eltern?

    zum Artikel: sehr interessantes Interview, vor allem die letzten Fragen!

    Antwort auf "typischer Zeit Habitus"
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    ich tue aber nicht links, wie die zeit

    ich tue aber nicht links, wie die zeit

  4. ist beim Fischer-Verlag erschienen, unter dem Titel "Connected!: Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist".

  5. ich tue aber nicht links, wie die zeit

    Antwort auf "achso..."
  6. doch eines weiss ich. Wenn ich von anderen abhängig bin, kann ich NIE glücklich werden1

    "Ach Glück..."
    Vielen, die das Glück täglich von außen erwarten, fehlt nur der Zuruf,der sie ermahnt, in sich selbst zu sehen; sie würden dort in jedem Augenblick Glücksmöglichkeiten entdecken, deren Schönheit und Köstlichkeit alles übertrifft, was sie je von einem kommenden Glück erwartet haben.
    Rainer Maria Rilke

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    ... im ersten Moment schmerzen wie es eine derart tiefgreifende narzisstische Kränkung muss, aber es hilft einzusehen, dass jeder Mensch immer von anderen Menschen abhängig ist. Ansonsten wäre er oder sie wohl völlig isoliert und dann hat man definitiv ernstere Probleme als die Anhängigkeit von den Mitmenschen.

    Sie dürfen natürlich emotionale und eher weltliche Abhängigkeiten nicht durcheinanderschmeißen ;) (das würde Rilke auch nicht tun). Finanziell von anderen abhängig zu sein ist immer beengend und lästig, emotionale Abhängig ist das zwar bisweilen auch, aber sie ist ein grundlegender Bestandteil des Mensch-Seins.

    Man mag sich dazu die tiefere Bedeutung von Sartres "Die Hölle, das sind die anderen" zu Gemüte führen, oder, wenn einem das (zu Recht) zu schwurbelig ist, Nick Hornbys vorzügliches Buch "About a Boy" lesen (ruhig lesen, der Film verkürzt doch stark) - und vielleicht kann man dann endlich mal diese "Ein starker Mensch hat eine Insel zu sein"-Ideologie beerdigen, die sorgt nämlich in ihrer Unnatürlich- und Unmöglichkeit für nichts als Unglück und Unzufriedenheit.

    Sich einzugestehen, dass wir abhängig sind von anderen Menschen, bedeutet nicht, von diesen anderen Menschen gegenleistungslos die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu erwarten. Im Gegenteil! Diese Erfüllung kann nur durch andere Menschen geschehen, aber eben nur, wenn wir einsehen, dass wir nicht alleine glücklich werden können.

    So, jetzt ist das Feld zuende.
    Einen schönen Abend noch.

    ... im ersten Moment schmerzen wie es eine derart tiefgreifende narzisstische Kränkung muss, aber es hilft einzusehen, dass jeder Mensch immer von anderen Menschen abhängig ist. Ansonsten wäre er oder sie wohl völlig isoliert und dann hat man definitiv ernstere Probleme als die Anhängigkeit von den Mitmenschen.

    Sie dürfen natürlich emotionale und eher weltliche Abhängigkeiten nicht durcheinanderschmeißen ;) (das würde Rilke auch nicht tun). Finanziell von anderen abhängig zu sein ist immer beengend und lästig, emotionale Abhängig ist das zwar bisweilen auch, aber sie ist ein grundlegender Bestandteil des Mensch-Seins.

    Man mag sich dazu die tiefere Bedeutung von Sartres "Die Hölle, das sind die anderen" zu Gemüte führen, oder, wenn einem das (zu Recht) zu schwurbelig ist, Nick Hornbys vorzügliches Buch "About a Boy" lesen (ruhig lesen, der Film verkürzt doch stark) - und vielleicht kann man dann endlich mal diese "Ein starker Mensch hat eine Insel zu sein"-Ideologie beerdigen, die sorgt nämlich in ihrer Unnatürlich- und Unmöglichkeit für nichts als Unglück und Unzufriedenheit.

    Sich einzugestehen, dass wir abhängig sind von anderen Menschen, bedeutet nicht, von diesen anderen Menschen gegenleistungslos die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu erwarten. Im Gegenteil! Diese Erfüllung kann nur durch andere Menschen geschehen, aber eben nur, wenn wir einsehen, dass wir nicht alleine glücklich werden können.

    So, jetzt ist das Feld zuende.
    Einen schönen Abend noch.

  7. fünf Seiten zu widmen ist eine Zumutung.

  8. ist übrigens auch ansteckend. Sogar sehr ansteckend! Leider.

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