Ein amerikanischer Student hat ein Video auf YouTube gestellt , in dem er ein Dutzend seiner Kommilitonen von der Utah State University auf dem Weg zur Bibliothek mit der heiklen Frage konfrontiert: Können Frauen und Männer Freunde sein? Zuerst die Frauen. Sie sagen alle: "Ja, natürlich, klar!" Dann die Männer, verdruckst: "Ähm, also. Ich glaube nicht." Man sei nun einmal Mann, man habe seine Gefühle, da sei nichts zu machen. Auf dem Rückweg fragt der Filmemacher dann noch einmal bei den Frauen nach, wie viele ihrer männlichen Freunde wohl insgeheim gern mit ihnen etwas anfangen würden. "Na ja, so gesehen: Alle." Dem Studenten bleibt nur eine Schlussfolgerung: "Ihr sagt also: Männer und Frauen können nicht befreundet sein." Aber stimmt das wirklich?

Noch vor fünfzig Jahren hätte eine Freundschaft zwischen Mann und Frau beide ins Gerede gebracht, als Ehebrecher, als loses Miststück. Wo der Fundamentalismus regiert, wie in Saudi-Arabien , ist Freundschaft zwischen Männern und Frauen noch heute undenkbar. In armen Ländern, wo man kämpfen muss, um die Familie am Leben zu halten, ist sie ein Luxus, den sich keiner leisten kann. Sie ist biologisch nicht "nötig"; die Evolution braucht sie nicht. Sie ist ein Triumph der Zivilisation. Man lacht sich miteinander kaputt, singt alberne Lieder ( horsing around sagen die Amerikaner), tröstet sich gegenseitig, man brät sich Bratkartoffeln, kauft sich aus dem Gefängnis frei oder besucht sich im Krankenhaus.

Klar, all das gibt es auch mit Freundinnen. Aber der Kick entsteht durch das Anderssein, den Rest Fremdheit zwischen den Geschlechtern; meinetwegen: den Sex, der aber eben "zielgehemmt" bleibt, wie Freud gesagt hätte. Man riecht genüsslich das Rasierwasser, ohne zu nah ranzugehen – und genau das macht den Reiz solcher Freundschaften aus. Das ist manchmal eine Herausforderung. Aber es lohnt sich, ihr die Stirn zu bieten.

Wenn Frauen sich nur mit Frauen treffen, kommen sie aus dem Herz-Ausschütten oft gar nicht mehr raus und machen es sich in Bitterkeit bequem. Männer, die nur Männerfreundschaften haben, kommen vielleicht nie aus dem Schulterklopfen raus.

Es ist verrückt: Nie war es soziologisch und moralisch so leicht wie heute, mit "den anderen" befreundet zu sein, und trotzdem lassen sich so viele die Gelegenheit entgehen! Die Berliner Psychologin und Paartherapeutin Julia Bellabarba ist nicht überrascht, dass solche Freundschaften bei vielen Leuten nicht hoch im Kurs stehen: "Wer sich hauptsächlich über erotische Attraktivität definiert, für den kann ein Freundschaftsangebot eine regelrechte Beleidigung sein." Das gelte für viele Frauen. "Wir könnten Freunde sein" heißt für sie: "Du siehst scheiße aus, Baby." Ist das nicht arm – auf Freundschaft zu verzichten, bloß weil man nicht von morgens bis abends angeschwärmt wird?

Dabei hat gerade Deutschland spätestens seit der Frühromantik eine reiche Tradition in sorgsam kultivierten Männer-Frauen-Freundschaften. Die Damen übersetzten Shakespeare, die Herren schrieben Gedichte; wer eine Geldquelle hatte, hielt einen anderen aus oder lud in den Salon, in dem sie sich dann trafen, um zu dichten und zu schwärmen und so weiter. Die andere Ära, die mir vorbildlich erscheint, ist die der amerikanischen Screwball-Comedys der dreißiger und der vierziger Jahre mit Cary Grant und Ingrid Bergman mit blitzschnellen, eleganten Dialogen, Smokings und Hüten. Frauen bekommen in diesen Filmen auch schon mal einen Kinnhaken verpasst und fallen dekorativ und betrunken in den Pool, schreiben aber auch Enthüllungsartikel und sind insgesamt low-maintenance: Sie müssen vom Mann weder ökonomisch ausgehalten noch amüsiert, noch beschützt werden, können aber auf ihn zählen, wenn die Polizei kommt.